Wider die Fremdheitsgefühle im europäischen Haus!

Ich habe noch nie zu jemandem darüber gesprochen, aber nun muss es doch einmal offenbar werden: In meiner Kindheit war ich ein großer Abba-Fan. Dass ich aber am Samstag, 6. April 1974 frisch gebadet und Erdnüsschen naschend vor dem Fernseher saß, als die vier Schweden in Brighton den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gewannen, ist eine Erinnerung, auf deren Wahrheitsgehalt ich nicht unbedingt mein ganzes Erspartes verwetten würde. Nichtsdestotrotz gehöre ich ungefähr seit dieser Zeit zum treuen Publikum dieser Veranstaltung, die lange Jahre als Inbegriff des Spießerfernsehens galt, bevor sie schließlich irgendwann mit dem fragwürdigen Label „Kult“ versehen wurde.

Ich weiß auch nicht, warum ich dem Sängerwettstreit jedes Jahr auf Neue beiwohne (nur in den Neunzigern habe ich ab und zu geschwänzt). Denn es gibt ja eine lange Liste an Dingen, die dagegen sprechen, nicht zuletzt die musikalische Qualität. Vielleicht hat es mit Kontinuität und lieben Gewohnheiten zu tun, die man mit fortschreitendem Alter doch immer mehr schätzt. In jedem Fall ist es nicht Festhalten an Altem und Überkommenem. Denn gerade in diesem Jahr scheint mir der ESC ein Ereignis, das an Aktualität und Wichtigkeit kaum zu übertreffen ist und das deshalb auch und gerade allen jungen Weltbürgern unbedingt als Pflichttermin ans Herz zu legen wäre.

Denn, ihr lieben Freunde, es geht hier ja – wie kaum noch irgendwo sonst – um den europäischen Gedanken, den man nicht ohne Not allein den Homosexuellen überlassen sollte. Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand: Wo sonst vieles schon verloren scheint, gibt es beim ESC noch gute Nachrichten. Hier ist England noch dabei. Russland und die Ukraine singen zumindest in diesem Jahr noch auf derselben Bühne. Und obwohl die Türkei schon seit 2013 den europäischen Chorgesang boykottiert und ganz sicher niemand die alljährlichen null Punkte vom Bosporus vermisst, denkt man in diesem Jahr vielleicht zum ersten Mal, wie schade das Fehlen dieser Stimme eigentlich ist.

Angesichts dieser und mancher weiterer schwelender Konflikte, problematischer Befindlichkeiten und grassierender Fremdheitsgefühle im europäischen Haus scheint daher erstaunlicherweise auch im Jahr 2018 kaum etwas überholt von dem Gedanken der Völkerverständigung, dem einst bereits die erste Veranstaltung im Jahr 1956 entsprang. Sieben Länder nur waren es, die damals, gut zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im neutralen schweizerischen Locarno antraten, um diesmal nur gegeneinander zu singen (und in Zukunft vielleicht sogar miteinander!). Das war – schon Jahre vor Helmut Kohl (und noch ganz ohne Geld) – die schöne Euro-Vision.

Es ist in diesen globalisierten Welt und Zeit kaum mehr vorstellbar, wie wechselseitig fremd und unbekannt man sich 1956 im alten Europa noch war. Aber wenn man einmal Schlager wie „Zwei kleine Italiener“ (1962), Zigeunerjunge (1967) oder „Griechischer Wein“ (1974) hört, gewinnt man einen Eindruck davon, was vielleicht erst alles weg- oder hinzusingen war, bevor dies (West-)Europa so werden konnte, wie wir es heute kennen. Heute haben alle in Italien, Frankreich und Spanien studiert, manche haben dort sogar Freunde und Häuser, und nicht nur Gyros, Pizza und Pommes frites kochen wir hier schon lange selbst.

Aber jetzt kommen wir mal zu Aserbaidschan.

Die Tatsache, dass Leute wie ich im Fall der durch die Osterweiterung neu hinzugekommenen Länder bei der Hauptstadtfrage häufig eher durch passive Kennnisse glänzen, bevor sie bei der Frage: „Kennst du eine zweite Stadt in diesem Land?“, dann schließlich gänzlich passen müssen, wirft ein kleines Schlaglicht auf das ganze Ausmaß des weiterhin bestehenden Handlungs- und Annäherungsbedarfs. Wenn ein Urlaub am Kaukasus eines Tages von der Ausnahme tatsächlich zur Regel werden soll, müsste man eigentlich tagtäglich miteinander singen und musizieren. Allerdings könnte es nicht schaden, die Form, in der dies geschieht, mal wieder ein bisschen zu renovieren. Denn früher war – es hilft einfach nicht – auch beim großen europäischen Gesangspreis manches schon ein bisschen besser respektive im Sinne der Völkerverständigung hilfreicher arrangiert.

Das bessere Früher beginnt bereits beim Titel: Vom „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zum „Eurovision Song Contest“, von der Mondänität des Chansons zur Schlichtheit des Songs, vom „Großen Preis“ zum einfachen Contest: Da ist mit den Jahren auch viel Anspruch aufgegeben worden. Dies gilt auch in Bezug auf die einstmals schöne Sitte und Bedingung, dass die Völker ihre Lieder in der jeweiligen Landessprache zu singen haben. Sicher, da waren manche von vornherein benachteiligt, aber wenigstens gab es zwischendurch mal was anderes zu hören als internationales Klippschulenglisch mit schlimmem gesamteuropäischem Akzent. Aber damals wollte man sich ja einander auch noch vorstellen und sich nicht gegenseitig von der Bühne fegen oder sich zumindest für Ereignisse in der Realpolitik mal ordentlich abstrafen.

Kurz, das Bedauernswerteste überhaupt ist, dass die Veränderungen am geltenden Regelwerk den Grand-Prix im Laufe der Zeit vom eleganten diplomatischen Parkett immer mehr zur bluttriefenden Arena des Volkszorns befördert haben. Dass man 1997 die Experten-Jury aufgegeben und dafür Volkes Stimme gegen Geld das Votum überlassen hat, mag das Facebook-System des gehobenen oder gesenkten Daumens schon vorweggenommen haben. Das gesamteuropäische Miteinander und gegenseitige Verständnis hat diese Maßnahme, die Qualität von Musik – und Menschen und Ländern – auf die simple Formel von telefonischen „Likes“ und „Dislikes“ zu bringen, sicher nicht befördert.

„Here are the results of the Turkish shitstorm.“ Was sollen wir denn auf dieser Basis anderes miteinander bauen als Giftgasraketen? Ach, vielleicht bräuchte man in diesen dräuenden Vorkriegszeiten manchmal wieder ein bisschen freundlichen, altmodischen Nachkriegsgeist? Versöhnlichkeit und nicht Profitstreben jedenfalls dürfte vorrangig gewaltet haben, als man 1950 eine europäische Rundfunkunion gründete, die unter anderem dem gegenseitigen Austausch von Fernsehprogrammen dienen sollte. Ein gemeinsames Programm für sieben Nationen: Man kann sich das in Zeiten, in denen das Universalangebot internationaler Streaming-Dienste den alten, öffentlich-rechtlich bestückten Fernseher zum piefigen Guckkasten verkommen lassen, kaum mehr vorstellen. Andererseits kann ich mir auch kaum vorstellen, dass „Netflix“ bereit wäre, sein Angebot mit „Amazon Prime“ zu teilen und zu tauschen. Das Maß, in dem einem dieser Gedanke völlig absurd erscheint, zeigt, wie viel wir inzwischen von dem Guten schon verloren haben bzw. wie relativ Modernität ist.

Doch es hat keinen Zweck sich in nirgendwo hinführenden Gedanken an ein ideales Gestern zu verlieren. Das Einzige, was hilft, ist Einschalten und damit auch am 12. Mai 2018 gegen jeden Trend wieder dazu beizutragen, dass die inzwischen einzig verbliebene Eurovisions-Sendung im TV weiter bestehen bleibt – und eines Tages vielleicht auch wieder zu einer Bühne wird, auf der auf musikalischem Weg Konflikte beigelegt und nicht ausgetragen werden. Im Sinne einer solch versöhnlichen Botschaft erscheint es mir im Übrigen völlig legitim, gänzlich zu vergessen, zu verdrängen und zu verschweigen, dass beim ESC ansonsten das Meiste noch genauso schlecht und schlimm ist, wie es beim Grand Prix früher schon immer war.

PS: Schauen Sie sich bitte auf YouTube einmal die Gruppe „Teach-in“ und ihren Siegersong von 1975 „Ding-A-Dong“ an. Anschließend werden Sie jederzeit, ohne zu zögern, nicht nur Ihr eigenes Erspartes, sondern auch das von Vater und Mutter verwetten, dass Benny und Björn ein Jahr später schon wieder auf der Bühne gestanden und gewonnen haben.

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