Über das Schwärmen

Als am 23. Mai 2009 Barbara Rudnik starb, war ich auf Texel, und obwohl ich sie nicht kannte und die helle Urlaubssonne schien, machte mich die Nachricht aus dem Radio sehr traurig. Denn seit vielen, vielen Jahren hatte ich für sie geschwärmt. Ich fand sie, gelinde gesagt, rundum und in allem umwerfend schön, und daran hatte auch die keineswegs spurlos fortschreitende Zeit nichts geändert. Welchen großen Verlust ihr Tod bedeutete, können die viel besser sagen, die sie gekannt haben. Doch auch für mich war seit diesem Tag auf Texel etwas vorbei. Denn natürlich kann man nicht schwärmen für jemand, der nicht mehr lebt (und auch ihre Filme zu sehen, war nicht mehr dasselbe, kein Anlass zur Freude mehr, sondern im Gegenteil etwas, das mich traurig stimmte).

Doch nicht nur für sie konnte ich nun nicht mehr schwärmen. Bald stellte ich fest, dass es mit dem Schwärmen überhaupt für mich vorbei zu sein schien. Ich konnte das dazugehörige Gefühl nicht mehr finden. Es schien, ich war zu alt dafür. Schwärmen scheint also etwas zu sein, das einem ab einem gewissen Alter nicht mehr möglich ist. Wie schade! Ist es doch eine so reine, ungetrübte, keusche Freude. Ach, ich würde so gerne wieder für jemand schwärmen, aber seit 2009 ist es mir nicht mehr gelungen, ein geeignetes Ziel für dieses unschuldigste meiner Gefühle zu finden. Noch gebe ich die Hoffnung nicht ganz auf, aber das Schwärmen scheint mir doch eher eine jugendliche Regung zu sein, deren Verschwinden ich als großen Verlust empfinde.

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Ob dieses Autogramm wirklich echt ist? Das weiß niemand so genau.

Doch nicht nur das Schwärmen, auch das Fan-Sein bzw. Fan-Bleiben wird schwerer, je älter man wird. Für mich jedenfalls. Denn zu meinem eigenen Entsetzen und Bedauern bin bzw. war ich Madonna-Fan. In all den Jahren meiner ungetrübten Liebe und Zugewandtheit hat die Kursentwicklung dieser Frau und Marke stark geschwankt (und ich habe nie etwas darauf gegeben). Zuerst, in den 80ern, galt Madonna in den meinen Stil bildenden Kreisen als die totale Scheiße (musikalisch und vom Frauenbild her). In den 90ern änderte sich das plötzlich, und hotter als Madonna (musikalisch und vom Frauenbild her) ging es kaum. Aber im Pop hat man selten mehr als zehn coole Jahre, und so ging es auch für Madonna spätestens ab Mitte der 2000er abwärts. Die Musik rannte den Trends, die Frau der Jugend hinterher, und mit den ersten Schönheits-OPs wurde es auch wieder deutlich Zeit, das Frauenbild in Frage zu stellen.

Wider jedes bessere Wissen habe ich trotzdem all die Jahre die Fahne hochgehalten, habe gehofft, dass es irgendwann wieder besser wird, dass sie doch noch irgendwie die Kurve zur coolen alten Frau kriegt. (Barbara Rudnik hatte den Weg dahin in ihren Rollen schon eingeschlagen.) Aber neulich war sie bei Jimmy Fallon – allerdings nicht, um zu singen, sondern um ihre Kosmetika zu verkaufen. Von der Queen of Pop zur Avon-Beraterin. Bei diesem ganzen schlimmen Auftritt war so deutlich zu sehen, wie blöd, egozentrisch und humorlos diese Frau ist, dass ich meine fantreuen Augen einfach nicht mehr länger davor verschließen konnte und viel zu spät, aber eben doch schlagartig erkannte:  Madonna Louise Ciccone ist eine einzige Enttäuschung!

Was auf diese Ernüchterung und das Ende unserer immerhin fast 30-jährigen Beziehung folgte, war nicht Trauer, sondern vor allem Zorn. Denn gerade was das stilvolle, rolemodeltaugliche Älterwerden angeht, ist von dieser Frau ja so absolut gar nichts zu lernen. Im Gegenteil: Es ist geradezu ein Ärgernis, wie sie sich ohne Not und vor allem nun ja auch nur noch höchstselbst ausschließlich auf ihr Äußeres reduziert und sich vermeintliche Jugend ins Gesicht und andere Körperteile operiert, obwohl alle, die nicht von Geburt an blind sind, wissen, dass der Effekt nicht taugt. Als Reaktion auf und Belohnung für so viel Vertrauen in die Chirurgie gibt es im besten Fall eine contradictio in adiecto, also einen demütigenden „Für-ihr-Alter“-Satz, im schlimmsten nur den alten „Lyzeum-Museum“-Spruch.

Denn merke: Auf dem Feld der Jugend ist für 60-Jährige nichts zu gewinnen. Dass sie das nicht weiß – oder nicht begreifen will/kann –, ist das Allerärgerlichste. Aber genau das ist es auch, was sie so dumm wirken lässt und so spaßfrei zickig. Ich war Fan, ich hätte es gerne anders gehabt. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Madonna mutig und neugierig genug gewesen wäre, auf die ganzen OPs zu verzichten, und auszuprobieren respektive zu erfahren, wie man mit 60 aussieht. Und wie cool wäre es gewesen, wenn sie dann auch noch die Felder der Weisheit und Gelassenheit o. Ä. betreten hätte (und uns gezeigt hätte, wie das geht)! Nun, sie rennt lieber davon, und sieht zur Strafe beim Blick in den Spiegel nicht viel mehr als, wie viel besser früher alles war.

Ich stelle fest: Diesen Verlust kann ich gut verkraften. Anders ist es bei Barbara Rudnik. Mir fehlt nicht nur mein Schwärmen. Ich hätte gerne auch noch viele Filme mit ihr gesehen und ihr beim Älterwerden zugeschaut. Ich glaube, da hätte es noch viel Gutes zu sehen gegeben.

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