Festnetztelefon: Ein Schwanengesang

Im Unterschied zu mir ist meine Freundin Tanja eine echte Trendsetterin, die Neues mit Freude und Neugier begrüßt und in puncto Elektrogeräte in der Regel immer ein bis zwei Technologien weiter ist als ich, die ich immer so starrköpfig und wider jede Vernunft am Alten hänge und festhalte und mich von lieb gewonnenen Dingen einfach nicht trennen will. Tanja streamt zum Beispiel schon seit Jahren, was das Zeug hält, wo ich neben einem CD- und DVD-Player auch immer noch einen Videorekorder und einen Plattenspieler mein eigen nenne und selbst die beiden Letzteren ab und zu noch im Gebrauch habe. Als meine Freundin Tanja nach ihrem letzten Umzug plötzlich keine Festnetznummer mehr hatte, wusste ich sofort: Das Schicksal des Telefons ist besiegelt ist, die ganze Festnetzsache ist auf dem Weg in den Orkus.

Inzwischen gibt es auch in meiner Alterskohorte schon eine ganze Menge Leute, die keine feste Nummer, kein festes Netz mehr haben, sondern nur noch ein Handy. Ohne Vorwahl, die noch ihren Wohnort verriete (quasi der Ortungsdienst der Vor-GPS-Zeit), ohne Kabel und Leitung, die im Sinne einer körperlich greifbaren Verbindung vom Hörer am Ohr des anderen in den fest installierten Apparat und von dort durch die Wand in die Erde und zu mir führt, schweben sie nunmehr gänzlich ungebunden im unfassbaren Nichts des universellen Elektrosmogs.

Ade nun also, du liebes Festnetztelefon! Denn erdgebundene Verwurzelung und Verkabelung, die ein Zuhause und ein Zuhausesein voraussetzt, ist nicht nur aus technischen Gründen nicht mehr zeitgemäß. Leute, die so was noch haben und sind, sind alt oder vom Land oder beides oder sonst wie von gestern. Alle anderen sind busy und wichtig und dauernd unterwegs und mobil und brauchen und wollen Vernetzung, aber kein Festnetz mehr. Und so kann das Handy, dieser Serienmörder unter den Elektrogeräten, eine weitere Kerbe in seine Hülle schnitzen.

Das Festnetztelefon ist damit aber auch der erste große, zentrale Gegenstand, der gerade aus dem Inventar des Lebens, wie ich es kenne, verschwindet. Sicher werden ihm andere bald folgen (der Fernseher ist vermutlich auch schon auf Abschiedstournee), und die Frage ist, ob die Welt noch dieselbe sein wird ohne diese Monolithen der Moderne, von denen noch vor zehn Jahren kaum jemand geglaubt hätte, dass es ohne sie gehen könnte. Doch nun ist es so weit, und damit ist es Zeit für einen Abgesang auf ein Massenkommunikationsmittel, dessen Aufstieg und Untergang beinahe komplett in meine Lebenszeit fiel. Und ich registriere mit einiger Trauer und Wehmut, dass ich also nun auch schon alt genug bin, um so große Entwicklungsstränge miterlebt zu haben.

Im Rahmen eines nostalgischen Exkurses ist es nun natürlich zunächst meine Aufgabe als alte Frau, davon zu berichten, dass in meiner Kindheit noch längst nicht alle Leute ein Telefon hatten und es in dem kleinen Dorf, das der Schauplatz dieses Teils meiner Geschichte war, bis heute noch drei- und vierstellige Telefonnummern gibt. Ich muss von gelben Telefonhäuschen erzählen, in denen aus Gründen der Rücksicht auf den Mitmensch die Parole „Fasse dich kurz!“ allgemein akzeptiertes Programm war, und von der Endlosschleife der Zeitansage unter der Nummer 119, nach der man nicht nur die Uhr stellen konnte, sondern die man als Kind auch manchmal zum Spaß anrief, um die relativ monoton klingende Stimme eine gewissen Elvira Bader sagen zu hören: „Beim nächsten Ton ist es acht Uhr, neun Minuten und zehn Sekunden. Piep.“ (Wir hatten ja sonst nichts, noch nicht einmal eine Playsi.)

Ich fessele die Generation Flatrate und versetze sie in sprachloses Erstaunen, indem ich von der Einheit namens „Einheit“ berichte, in der sich früher, im Jahre Schnee, die Kostbarkeit eines direkten Gesprächs mit einem abwesenden Menschen bemaß, und dies in direkter, völlig logischer Relation zu der Entfernung, in der er sich befand. Es fallen gemütliche und heimelige Wörter vor wie Ortsgespräch, Sprechmuschel, Wählscheibe und Postmonopol, und in launigem Ton erzähle ich meinen ungeborenen Kindern und Enkelkindern von verschwundenen Dingen wie dem Telefonbuch, das so etwas wie ein Personenbestandsverzeichnis ganzer Landstriche war, im Vergleich zum Internet aber doch nur beschränkte Möglichkeiten der Information und somit auch des Stalkings bot.

Die imaginierten Nachkommen lachen angesichts der relativen Unschuld, in der wir weiland als Teenager manchmal erst via Telefonbuch die Nummer der Person von Interesse ermittelten, bevor wir diese dann mit klopfendem Herzen anwählten, nur um schließlich für die zwei Sekunden, die es dauert, einen herkömmlichen deutschen Nachnamen zu sagen, ihre Stimme zu hören. Überrascht erfahren sie, dass dieses mutige Werk der Minne nicht immer von Erfolg gekrönt war. Denn in der guten alten armen Zeit gab es ja – man kann sich das heute kaum mehr vorstellen – nur einen einzigen Apparat für alle dreizehn Familienmitglieder! Wenn also Mutter, Vater, Bruder oder Schwester dran waren, dann sagte man einfach: „Verwählt“, und legte schnell und folgenlos auf, denn in der guten alten analogen Zeit, konnte ja niemand sehen oder sonst wie nachvollziehen, wer angerufen hatte.

Doch diese hellen, glücklichen Tage der Langeweile und Ahnungslosigkeit sind lange vorbei, und wenn ich überlege, wann das letzte Mal jemand „verwählt“ zu mir gesagt hat, fällt mir noch etwas viel Erschreckenderes auf, nämlich dass mein Telefon generell heute kaum noch klingelt. Außer meinen Eltern, meiner Schwägerin und zwei alten Freundinnen ruft mich niemand mehr auf meiner Festnetznummer an. Alle anderen melden sich auf dem Handy – wenn die Kontaktaufnahme denn überhaupt noch fernmündlich erfolgt. Denn die gravierendste Veränderung ist ja nicht, dass das Handy bzw. Smartphone das Festnetztelefon abgelöst hat. Die gravierendste Veränderung ist, dass das Telefonieren als Kommunikationsform, ja Kulturtechnik überhaupt zu verschwinden scheint. Zum Zwecke des zwischenmenschlichen Austauschs aus der Distanz wird inzwischen ja vor allem gesimst, geappt, gesnapchattet und getextet.

 

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Große, gut erkennbare Tasten und ein belastbarer Hörer zum Unterklemmen: So telefoniert die traditionsbewusste böse alte Frau von heute, und ihre Botschaft lautet natürlich: „RUF MICH AN! JETZT!“

Vom Fernsprecher zum Fernschreiber, vom Dialog zum Monolog, vom Gespräch zur Ansage: Das egomane, einkanalige Senden verändert freilich auch den Ton und den Charakter des Miteinanders. Dass Legionen von Teenagern vom Ende ihrer ersten großen Liebe heute per SMS erfahren und sich noch nicht mal darüber wundern, deutet an, wo die Verluste liegen. (Vielleicht ist es aber auch nur konsequent, denn viele von ihnen hatten sich ja vorher auf irgendeiner Internetplattform auch schriftlich verliebt.) Mit diesen im Dauermodus des Indirekten entstehenden sozialen  Defiziten wird im Wörterbuch der globalen Trends unter dem Begriff der „socially awkwardness“ kokettiert.

Diese soziale Ungeschicktheit ist jedoch kein Privileg der Jugend. Denn auch Vertreter meiner Generation, die es eigentlich noch besser können sollte, schreiben sich heute die Finger wund und zeigen mit all den vielen Buchstaben bisweilen doch nichts anderes, als dass sie auch sie bereits an „social analphabetism“ leiden. So hörte ich neulich von einer Bekannten, die einer anderen zum Tode des Vaters tatsächlich per SMS kondoliert hat.

Freilich, indem man nur mehr schreibt, erspart man sich auch alle negativen Gefühle und Reaktionen des anderen, und vor allem diese vielen fadenscheinigen Gründe für Absagen und andere Lügengeschichten jedweder Art lassen sich so viel besser an den Mann bringen. Man kann heute quasi wegen jedem Scheiß absagen und muss sich noch nicht mal die Enttäuschung des Gegenübers anhören. Mit der schwindenden Direktheit der Verbindung schwindet so auch die Verbindlichkeit. Und ist nicht auch das Wegdrücken am Handy ungleich rücksichtloser als die Gesprächsvermeidungstechnik des Festnetztelefons, die rein darin besteht, einfach nicht dranzugehen (und dem anderen nichts als die neutrale Botschaft zu senden: „Ich bin nicht zu Hause.“).

Vielleicht wird es mir aus all diesen Gründen fehlen, das Festnetztelefon. Doch bei all meiner Treue zum Analogen kann ich gegen sein fortschreitendes Verschwinden natürlich wenig tun. Der Trend zur Gegenstandslosigkeit wird weitergehen und weitere Opfer fordern: Schallplatten, CDs, Bücher, Fotos, Adress- und Notizbücher, Landkarten, Kaufhäuser, Taschenlampen, Uhren, Fotos, Geld – aus Dingen werden Daten, und das Smartphone übernimmt Funktion um Funktion. Und bald, das weiß ich von meiner Freundin Tanja, wird es auch keine Türklingeln mehr geben. Denn wann immer sie mich hier zu Hause abholt und unten vor der Tür steht, klingelt sie nicht, sondern schickt eine Nachricht per WhatsApp: „Bin da.“

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2 Kommentare zu „Festnetztelefon: Ein Schwanengesang

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