Auf zum Tanz ums goldene Steak!

Sind Sie schon bei Instagram? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit! Denn Sie wollen doch auch dort mit dabei sein, wo das Leben im 21. Jahrhundert tobt?! Ich jedenfalls bin gottfroh, dass mich meine Medienberaterin Tanja schon vor einiger Zeit gezwungen hat, zum Zwecke der Promotion dieses Blogs auch ein kleines Konto bei Instagram anzulegen. Denn sonst hätte ich aufgrund meiner verabscheuungswürdigen altersbedingten Technikfeindlichkeit womöglich auch diesen Trend wieder völlig verpasst und nie mit eigenen Augen gesehen, welch schöne, seltsame Blumen auf dieser Wiese wachsen.

Zugegeben, promomäßig bringt die Sache rein gar nichts, denn der typische Instagram-Rezipient will ja das, was es hier gibt, genau nicht: überlange Texte und nahezu null Bilder. Und im Gegenzug weiß auch ich noch immer nicht so richtig, was ich dort machen soll. Denn jeden Tag ein schmuckes Selbstporträt beim Sport und/oder in hotter Trendbekleidung aufzunehmen, fällt dem älteren Menschen doch schwer. (Vielleicht bin ich auch einfach nur zu träge und unmotiviert.) Aber sonst? Was soll ich sagen: Ich bin begeistert!

Der Grund dafür lässt sich am besten anhand der jüngsten schlagzeilenträchtigen Skandal-Story illustrieren, die via Instagram geschrieben wurde, also am Beispiel von Fronck Ribéry, der sich infolge der Perversionen im Fußballsport ausschließlich von vergoldeten Steaks ernährt und – ganz Botschafter eines vorschriftsmäßig verinnerlichten Kapitalismus – folgerichtig dich und mich und alle anderen Schlechterverdienenden und Würmer bis ins achte Glied verflucht hat. Das hat manchem nicht gefallen. Aber dass er dies tat und vor allem tun konnte, ist genau das, was mir an Instagram so gefällt: Hier ist einfach noch Wahrhaftigkeit zu finden. Im Vergleich zu vielen anderen (sozialen) Medien, die von den rundum medienberatenen Zelebritäten unserer Tage rein zum Zweck der Selbstinszenierung und Fassaden-Reinigung bespielt werden, ist dieser Online-Dienst ein letztes Refugium der Authentizität (wenn diese meist auch nur im Moment der Entgleisung zu entdecken ist).

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In diesem Haushalt reicht es allenfalls für ein bisschen Silber am Kotelett.

Geradezu herzerfrischend ist es jedenfalls immer wieder, wenn TV-, Sport- oder Musik-Promis von nicht allzu solider sozialer Provenienz ihre Kleinkriege und Stammesfehden via Instagram austragen. Da sieht man dann die Botschaften der Familie Bushido an die ehemals befreundete Familie Abou Chaker und begreift sehr schnell, wie dünn der Firniss von Zivilisation und Seriosität bei manchen doch ist. Gleichzeitig sind die Nachrichten, die Boris und Lilly sich und uns derzeit via Instagram zukommen lassen, aber selbstverständlich auch weitaus spannender als jene, die dem Publikum früher im Rahmen der großen Liebes-Show präsentiert wurden. Sicher, Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, das weiß man schon lange. Aber live bei solchen Schlammschlachten dabei sein, das konnte man früher nicht.

Natürlich macht so etwas einer bösen alten Frau Freude, und auch die alten Medien profitieren ganz ordentlich davon. Die Häufigkeit, mit der es Neuigkeiten aus der Instagram-Welt heute auch jeden Tag auf die Seiten und in die Meldungen der unterschiedlichsten Presseorgane schaffen, jedenfalls deutet darauf hin, dass sich ganze Nachrichtenredaktionen mittlerweile der erwerbsmäßigen Instagram-Exegese widmen. Ja, es scheint, als ob der Online-Bilder-Dienst den DPA-Ticker mancherorts schon komplett abgelöst hat. In jedem Fall ist es inzwischen medienübergreifend gute journalistische Sitte, Instagram-Posts einfach im Wortlaut abzudrucken (ggf. übersetzt) und das Ganze dann als Meldung zu verkaufen.

Vor allem für den internationalen Society-Journalismus ist das Schnappschuss-Portal als zentrales Verlautbarungsorgan der A-bis-Z-Prominenz mittlerweile zur wichtigsten (wenn auch nicht seriösesten) Quelle geworden. Die Zeitungsberichterstattung über den allzu frühen Tod des unlängst verstorbenen TV-Auswanderers Jens Büchner zum Beispiel bestand fast ausnahmslos aus Instagram-Bulletins der Beteiligten: Die Ex-Frau, die Witwe und der Sender, sie alle meldeten sich per Post zu Wort – und fertig war der Bericht. (Bilder sind ja praktischerweise auch immer dabei.) So spart man sich Recherche- und Paparazzi-Kosten. Und wer könnte das in diesen notorisch knappen Zeiten nicht verstehen? Aber wäre es nicht anständig, den eigentlichen Verfassern der Texte wenigstens ein kleines Zeilengeld zu zahlen?

Meines Erachtens wäre es ferner nur konsequent – und auch eine willkommene Orientierungshilfe für den altmodischen und daher oft überkritischen Teil der Leserschaft –, dieser neuen Entwicklung auch mit einer neuen, eigenen Rubrik die verdiente Rechnung zu tragen. Statt oder ergänzend zu Seiten wie „Panorama“ oder „Aus aller Welt“ gäbe es dann auch eine mit „Instagram“ überschriebene Seite. (Man könnte sich das ja auch ein bisschen von den verantwortlichen Entrepreneuren aus den USA bezahlen lassen.)

Dort recht häufig zu lesen wäre dann vermutlich auch von meinen Freunden, den Influencern. Denn die gehören ja auch zu denen, die mit Hilfe der Win-win-Situation namens Instagram ordentlich absahnen. Man mag gar nicht überlegen, wie sehr. Immerhin soll die 2012 von Facebook aufgekaufte, weltumspannende Foto-Kollektion mehr als eine Milliarde Nutzer haben. Das ist Marktmacht. Und es sind natürlich auch diese Zahlen, die aus eigentlich absurden beängstigende Trends werden lassen. Zu diesen gehört zum Beispiel, dass sich viele 18- bis 33-Jährige ihre Urlaubsorte angeblich rein nach ihrer Instagramability aussuchen. Wie ich neulich einem seriösen Printmedium entnahm, tun dies heute schon 40 Prozent der Konsumenten aus dieser im Marketing zentralsten aller Zielgruppen.

Was ästhetisch daraus folgt, kann man sich freilich nicht nur denken, sondern ist in den Bildersammlungen der einschlägig Tätigen auch überdeutlich zu sehen: Angeberei, Uniformität und Langeweile. Beim Blättern in all diesen monotonen Ego-Galerien haben Menschen, die die Höhepunkte ihres Lebens noch mit einem Fotoapparat festgehalten haben, sofort unschöne, aber mehr als naheliegende Assoziationen an das Instagram-Pendant aus den alten analogen Zeiten: den Dia-Abend bei Bekannten (im Zuge einer sprachlichen und emotionalen Verarmung heute nur mehr Freunde genannt). Und diese Menschen wundern sich schon ein bisschen, wie ein soziales Medium, das in seiner zentralen Geschäftsidee auf das Prinzip einer einstmals mehr als Lungenkrebs gefürchteten Veranstaltung setzt, so erfolgreich sein kann.

Andererseits gibt es aber auch echte Stars, die wissen, dass man mehr können und tun muss, als sich selbst in in Geschäften erhältlicher Bekleidung abzulichten, wenn man andere Menschen zu Publikum machen möchte. Ich denke da zum Beispiel an die schaurig-schöne Natascha Ochsenknecht, die uns vorgestern erst mit unzensierten Detailaufnahmen ihres Vampir-Liftings erfreute. Ich denke aber auch an die unzähligen Hobbyfotografen, die nicht selten erstaunlich gute Aufnahmen posten (und kein einziges Mal selbst auf ihren Bildern zu sehen sind). Und schließlich gebe ich zu, dass es auch mir selbst ein bisschen Spaß macht, einen interessanten/schönen/schrägen Moment aus dem Alltag im Bild festzuhalten und mit anderen zu teilen. Ach, wie ich gerade so in Begeisterung schwelge, denke ich, dass ich tatsächlich noch nie bei Twitter war. Vielleicht sollte ich das auch mal versuchen und meinen täglichen Anteil an Unsinn und Aufgeregtheit in die Welt hinauszwitschern. Denn um Kopf und Kragen knipsen, das kann man sich ja nicht.

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