Die Wollmilchsau bleibt nicht bei ihren Leisten

„Seit über 240 Jahren betten wir deine Füße. Jetzt bist du dran.“ Mit dieser Anzeige droht das Familienunternehmen Birkenstock, die Menschheit in Zukunft nicht mehr nur mit abartig hässlichen Sandaletten zu beglücken, sondern auch mit gänzlich neuen Produkten: mit Lattenrosten, Matratzen und Betten. Dass das Wortspiel, das uns von der Verbindung zwischen alt und neu, also von dem schlichtweg Zwingenden des Unterfangens überzeugen soll, klingt, wie von einer niedrigpreisigen Werbeagentur in einer sehr, sehr anstrengenden Sitzung herbeischwadroniert – geschenkt! Aber dass sie bei Birkenstocks jetzt auch das machen, was alle machen, das möchte ich auf meinem Weg zur führenden Kapitalismuskritikerin doch einmal kurz öffentlich anprangern!

Die BWL nennt dieses Phänomen „Brand Extension“ oder „Markendehnung“, ich nenne es „die neue Unersättlichkeit“. Doch egal, wie es heißt, ist man einmal dafür sensibilisiert, kann man es überall beobachten: Bei meinem Bäcker gibt es neben Brot und Kuchen heute auch Zeitschriften und Eier, dafür hat der Metzger nebenan auch belegte Brötchen und einen kantinenähnlichen Mittagstisch. Snickers wird nicht mehr nur als Schokoriegel, sondern auch als Eis verkauft (worauf sich Magnum gerächt hat und eine Schokolade geworden ist). Bei GMX gibt´s inzwischen nicht mehr nur E-Mail-Services, sondern erstaunlicherweise auch Strom, während Rewe und Penny neben Möhren und Maggi inzwischen auch Reisen vertickern.

Bei Aldi wiederum liegen neben Konserven und Tiefgefrorenem unter anderem auch Versicherungs- und Handy-Verträge im Regal. Handys, Tarife und Telefone allerdings verkaufen heute eigentlich alle, sodass dem ortsansässigen Telefonanbieter und einstigen Monopolisten nichts anderes übrig bleibt, als seinerseits auch irgendwem anders das Wasser abzugraben und als Magenta-TV Filme zu drehen und zu senden. Ob das etwas nützt, ist allerdings fraglich, denn die meistgesehenen Serien kommen dieser Tage ja nicht mehr von TV, ARD und ZDF, sondern von Amazon, wo man einstmals eigentlich nur angetreten war, um Bücher loszuschlagen.

Doch das ist lange her, und es scheint, als ob sich heute alle ein schlechtes Beispiel an Amazon nehmen und dem Feind kein einziges Auge mehr gönnen wollen. Jeder will das ganze Geschäft alleine machen, keiner kriegt den Hals mehr voll. So fegt der Tsunami des Turbokapitalismus durch unsere (Geschäfts-)Welt, und mindestens ebenso stark wie die Globalisierung geißelt auch die zunehmende Gierisierung die Menschheit, ihre Geldbörsen und ihre friedliche Koexistenz.

In dem 2000-Seelen-Dorf, aus dem ich stamme, war in meiner Kindheit Platz und offensichtlich auch Verdienst genug für sage und schreibe: drei Bäckereien, zwei Metzger, vier Lebensmittelgeschäfte, einen Haushaltswarenladen, ein Bekleidungsgeschäft, ein Zeitungs- und Zigarettenlädchen, ein Schreibwarengeschäft, einen Schuster, zwei Friseure, zwei Gärtnereien, eine Postfiliale, eine Bank, eine Tankstelle mit Werkstatt, ein Hotel und sechs Kneipen. Nun ist Handel freilich Wandel und das Fachgeschäft ein aussterbendes Gewerbe. Doch ich stamme halt aus dieser Zeit und Welt und glaube an Fachmannschaft, an Können und Expertise als Grundlage und Voraussetzung von Handwerk und Geschäft.

Und wohl deshalb löst die neue Alleskönnerei in mir ein Grundgefühl aus, mit dem ich eigentlich nicht durch diese Welt gehen möchte: Paranoia. Ich wähne überall minderwertige Waren und Dienstleistungen und habe in der Folge das permanente Gefühl, dass mich alle betrügen und ausnehmen wollen. Denn wie soll mein volatiles Ich in puncto Strom zum Beispiel einem Lieferanten vertrauen, dessen Kernkompetenz im Bereich E-Mail liegt und dem noch nicht mal die Stromkästen und Leitungen gehören? Aus diesem Grund bleibe ich dann bei den Stadtwerken, ärgere mich aber mit jeder Monatsrechnung über die höheren Preise, während an meiner Kaufentscheidung gleichzeitig auch der Zweifel nagt, ob die Stadtwerke-Expertise diesen Preisunterschied tatsächlich rechtfertigt.

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Ob diese schöne Form der Markendehnung wohl auch Erfolg haben könnte?

Am besten illustrieren lässt sich das miese Gefühl, das das Shopping in den neuen, undurchsichtigen Tausendsassa-Zusammenhängen auslöst, vielleicht am Beispiel von Tankstellenblumen. Wer – aus welcher Verlegenheit auch immer – schon einmal Billo-Blumen an der Tanke gekauft hat, der weiß, dass das Sträußchen von der Benzinstation nichts ist, was man frohen Herzens überreicht, nichts gefühlt Schönes oder Wertvolles, sondern ein steter Quell schlechten Gewissens und ein Symbol gewordener Ausdruck von Lieb- und Stillosigkeit. (Dabei sind diese Gebinde eigentlich meist auch nicht viel schlechter als die, die in exklusiverem Umfeld offeriert werden.)

Und auch sonst sind wir im Zusammenhang dieser Ausführungen an der Tankstelle genau richtig. Denn dieser meist Tag und Nacht geöffnete Warenumschlagplatz ist ja der Kulminationspunkt der hier beschriebenen merkantilen Ent- und Verwicklungen. Die Tankstelle ist quasi die hochgezüchtetste all der neuen kommerzgetriebenen Wollmilchsäue. Denn das einstige Treib- und Schmierstoff-Fachgeschäft ist inzwischen oft ja Supermarkt, Schnellimbiss und Café, Zeitungskiosk, Buchladen, Blumengeschäft, Spielothek, Postagentur und manches mehr in einem. Das stört im Übrigen nicht nur konservative Konsumenten wie mich, sondern auch alle, die es eilig haben. Denn es sind ja nicht nur Habgier, Profitsucht und Konkupiszenz, die an den Zapfsäulen des Spätkapitalismus ins Unermessliche wachsen, sondern auch die Schlangen vor den Kassen. Wer nur mal schnell tanken wollte, wo der Vordermann auch einen Caffè Latte und ein noch zu schmierendes Schnitzelbrötchen bestellt hat, der weiß, wovon ich rede. Oder anders: Spätestens an jenem Tag, an dem es bei Shell, Aral und Esso auch Damen- und Herrenoberbekleidung gibt, werde ich es nicht mehr hinnehmen, dass ich mein Benzin nirgendwo anders kaufen kann.

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PS: Ursprünglich wollte ich eigentlich über Birkenstocks schreiben, diese Schuhe, die neu schon so aussehen, als würden sie riechen. Selbstverständlich wollte ich dabei mein vollkommenes Unverständnis darüber ausdrücken, dass ich in diesem Sommer kaum einen U-30-Fuß sah, der nicht in einem dieser Gesundheitstreter steckte. Da alle anderen juvenilen Trendsetter in Adiletten daherkamen, wäre eine weitere wichtige Überlegung gewesen, was von einer Generation zu erwarten ist, die in ihrem ästhetischen Empfinden Öko-Optik und Spießer-Style versöhnt. Ja, da hätte eine böse alte Frau schön schimpfen können. Nichtsdestotrotz war ich angesichts all der Birkenstocks mit Glitzer, in Rosa und Gold und anderen schlimmen Farben eigentlich ziemlich sicher, dass man sich in Neustadt/Wied gerade dumm und dämlich verdient. Umso unfassbarer respektive unanständiger fand ich da, was die neuen Birkenstock-Betten kosten: zwischen 5.000 und 12.000 Tacken!

 

2 Kommentare zu „Die Wollmilchsau bleibt nicht bei ihren Leisten

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  1. Dieser blog ist ein echter Genuss. Danke.

    Ps.: ich trage sehr gerne meine neongrünen birkenstock flipflops. Probier es doch mal, bösealtefrau!

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    1. Liebe Bine, ich danke für das Lob. Was nun aber das orthopädische Schuhwerk für den Sommer angeht, so sind in meinem Fall Gabor-Pantoletten der letzte noch erträgliche Kompomiss zwischen Schönheit und Bequemlichkeit.

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