Lockenwickler wären mir lieber!

Es ist keine Lüge, ja nicht einmal eine Übertreibung: Nur ein einziges Mal im Jahr schaue ich Privatfernsehen. Das ist immer im Januar. Dann gehe ich für gut zwei Wochen ins Dschungelcamp und lasse mir den Glauben an die Menschheit zurückgeben. Das klappt jedes Jahr ganz zuverlässig. Denn bei den Camp-Zuschauern haben – im Privatformat geradezu erstaunlicherweise – Blender und Schaumschläger, arrogante Angeber, attraktive Egomanen, bösartige Intriganten, vor allem aber auch alle Formen von gespaltenen Zungen keine Chance. Im Dschungel siegt am Ende immer das Wahre, Gute, Schöne, die reine Seele. Das ist umso erstaunlicher, als ins australische Fernsehreservat ja allenfalls die Zweitschönsten und die vom Künstlerischen her gerade nichts so Guten einziehen, darunter bisweilen die schlimmsten menschlichen Mogelpackungen.

Doch vor den Fernsehgeräten sitzt bei dieser Sendung offensichtlich ein Publikum, das auf Show nicht hereinfällt und Inszenierung nicht goutiert, sondern mit unbestechlichem Blick die Perlen von den Säuen trennt. (Überflüssig zu sagen, dass man sich mit Sex im Dschungel gar nicht gut verkauft.) Ja, fast scheint es sich bei der Dschungelcamp-Gemeinde nicht um ein Publikum, sondern um eine Wertegemeinschaft zu handeln, die so oldfashioned ist, dass man etwas Vergleichbares eigentlich nur noch am Sonntag in der katholischen Kirche findet.

Das ist die helle Seite von RTL, die dunkle ist die Werbung, der man als Zuschauer eigentlich nicht entgehen kann, denn so oft muss ja niemand aufs Klo. Und so registriere ich in den Camp-Pausen jedes Jahr erneut mit Staunen, für was inzwischen alles Werbung gemacht wird bzw. gemacht werden darf. Dieses Jahr waren es die Dildos, Vibratoren und anderen Must-Haves für die selbstbestimmte Frau von heute aus  einem Online-Shop mit dem völlig unverfänglichen Namen „eis.de“, die im üblichen Werbeeinerlei doch aufmerken ließen. Zugegeben, ich bin ein bisschen verklemmt. Aber ich bin in bestem altmodischem Kaufmannssinne auch fest davon überzeugt, dass gewisse Produkte (z. B. Fußpilz- und Hämorrhoidensalbe) ihre Kunden auch ohne Werbung schon immer gefunden haben und dass man gerade in diesen Bereichen allein mit Werbung ja meist auch überhaupt keine neuen Bedarfe schaffen kann. Muss man da alle anderen wirklich mit unappetitlichen Advertisments behelligen oder gar verstören?

Mit einem solchermaßen prämodernen Zartgefühl und dieser gewissen Vorliebe für hanseatische Zurückhaltung scheinen aber zwei echte Alleinstellungsmerkmale meiner Person gefunden. Oder wie anders ist es zu erklären, dass eine andere Form der öffentlichen Offerte außer mir als sittsamer alter Frau (und ein paar berufsmäßigen Feministinnen aus dem Nachbarort) niemand wirklich schockiert oder gar auf die Barrikaden ruft. Wovon ich spreche? Nun, in der Stadt, in der ich lebe, hängt großflächig Werbung für den Puff! Im Industriegebiet, aber auch in Innenstadtlage erfahren wir von Häuserwänden und riesigen Rollplakaten, dass in einem exakt benannten „Saunaclub“ sage und schreibe „100 neue Girls“ auf Kundschaft warten. Ich stehe fassungslos davor bzw. darunter und kann und will nicht glauben, dass dies inzwischen tatsächlich salonfähig ist.

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Lockenwickler stören heute nur noch selten das Straßenbild. Dafür sieht man andere unschöne Dinge.

Stattdessen hoffe ich sehr, dass sich die Leute nur deshalb nicht trauen, etwas dagegen zu sagen oder gar zu unternehmen, weil sie Angst haben, dass sie dann alle für prüde, unangenehm religiös oder sonst wie von gestern halten. Denn diese Angst kann ich Ihnen nehmen; sie ist völlig unbegründet. Indem diese Plakate abgerissen werden, sollen ja keineswegs alte Zwänge und Tabus wieder aufgerichtet werden, die im Zuge der sexuellen Befreiung zu Recht hinweggefegt wurden. Nicht die sexuelle Befreiung ist ja Ziel des Protestes, sondern ihr Gegenteil: sexuelle Unterdrückung und Ausbeutung (die im Windschatten der libertären Entwicklungen einfach mitgesegelt sind und dabei offensichtlich auch mit enttabuisiert wurden). Denn nichts anderes ist es ja, was im Puff stattfindet, und dies umso mehr in der beworbenen Form des effizienzgesteigerten, durchindustrialisierten Eros-Centers mit seinen ganz speziellen, ganz besonders menschenverachtenden Arbeitsbedingungen. Überlegt man einmal, wo all die „neuen“ Girls wohl herkommen, wie schön sie ihren Arbeitsplatz tatsächlich finden und ob sich dort alle 100 wirklich ganz freiwillig aufhalten, merkt man schnell: Kirche und Sexualmoral werden zur argumentativen Unterfütterung der instinktiven Ablehnung der plakativen Puff-Propaganda gar nicht benötigt. Kriminalstatistik und Strafgesetzbuch reichen völlig.

Dass sich die Tatbestände und Begrifflichkeit im Rotlicht-Milieu im Laufe der letzten 50 Jahre von „Kuppelei“, „Unzucht“ und „Sittenwidrigkeit“ hin zu „Sexarbeit“ und „Menschenhandel“ gewandelt haben, zeigt aber auch, dass selbst auf diesem Gebiet inzwischen der Kapitalismus die Kirche komplett besiegt hat. Und vielleicht ist dieser  fragwürdige Triumph der Grund, warum ich mich manchmal nach alten, weniger entfesselten Zeiten zurücksehne bzw. warum ich in den zeitgenössischen manchmal so fremdele (und dann so dringend ins Dschungelcamp muss). Denn es ist ja vieles freier, aber manches auch seelenloser geworden in den vielen Jahren, die ich schon auf der Welt bin.

Doch bevor ich mich nun in Tränen, Schwermut und Abscheu von der Moderne abwende, kehre ich noch einmal zu der Frage zurück, was heute kommerziell kommuniziert werden darf und was nicht (oder jedenfalls nicht mehr ohne Warnhinweis), und kann nicht umhin, hier doch eine gewisse Bigotterie zu bemerken. Denn fest steht ja: Für den Puff wird mit den Bildern von jungen, schönen Frauen geworben. Wo immer man aber sich unter Zuhilfenahme von Tabak ebenfalls ein wenig Lustgewinn verschaffen und auf diesem Weg lediglich den eigenen Körper ruinieren möchte (und dies ganz selbstbestimmt und freiwillig), muss man zur Strafe Nahaufnahmen von verfaulten Zähnen, Mundhöhlenkarzinomen und blauschwarz verfärbten Raucherlungenklumpen betrachten. Und nun frage ich Sie: Wäre es nicht gut und richtig und das Mindestmaß einer politisch korrekten Reaktion, den Puffbesuch auf dem Weg der Bildsprache ähnlich unattraktiv zu machen? Solange dies noch nicht geschieht, kann man hier meines Erachtens aber auch mit Spraydosen viel Gutes tun.

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