Happiness, flutsch, flutsch, von vorn: Ich glotz von net nach flix

Als Kind war ich, was das Fernsehen betrifft, nicht besonders anspruchsvoll: Ich wollte eigentlich alles sehen. Ausnahmen waren nur sonntagsmorgens in der ARD der „Internationale Frühschoppen“ (das dürfte heute gar nicht mehr ausgestrahlt werden, so viel wie da früh am Morgen schon gesoffen und gequalmt wurde), samstagsnachmittags im ZDF „Yugoslavia Dobar dan“ und „Türkiye mektubu“, das Spartenprogramm für Gastarbeiter, und mittwochabends um 18 Uhr im Dritten das „Telekolleg Chemie“. Auch wenn ich keine dieser Sendungen je gesehen habe, so wären sie einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Medium Fernsehen doch meine schönsten und schlagkräftigsten Argumente.

Und ein solches Plädoyer möchte ich manchmal halten, denn nicht nur Harald Schmidt betrachtet, wie unlängst zu lesen war, das Fernsehen als „Medium der Vergangenheit“. Auch zu mir sagte neulich am Abend in der Gastwirtschaft eine entfernt bekannte 30-Jährige mit der urteilsfreudigen Arroganz des jugendlichen Trendsetters: „Fernsehen? Das ist doch tot!“ Ich weiß das im tiefsten Herzen auch, aber so verachtungsvoll, wie sie es sagte, klang es, als wollte sie zusammen mit dem Fernsehen auch mich weghaben, mich und alle anderen toten Gestalten, die noch ein derart altmodisches Empfangsgerät besitzen und nicht selten auch allerlei veralteten und somit verabscheuungswürdigen Konzepten wie Sendern, Programmen, Grimme-Preis, Rundfunkgebühren und „Contrat social“ anhängen.

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Wum und Wendelin: In den Köpfen alter Menschen ist die Vergangenheit noch am Leben.

Die Kassandra-Rufe der Statistik künden schon lange deutlich davon, dass das alles einmal zusammen mit meiner Generation verschwinden wird. Denn es ist allein die Gruppe der Über-50-Jährigen, bei denen der Blick in den Kasten noch Konjunktur hat und die Sehbeteiligung ansteigt. (2018 waren es angeblich krasse 315 Fernsehminuten täglich. Mensch, Leute!) Alle anderen sehen immer weniger fern: Die 14- bis 29-Jährigen opfern dem TV schon nur noch 94 Minuten ihrer kostbaren Zeit pro Tag. Das heißt allerdings nicht, dass sie sich stattdessen auf das Leben aus erster Hand konzentrieren würden. Sie erhöhen lediglich die Konsumzeit für Netflix, YouTube und Co.

„Netflixen“ versus „fernschimmeln“: Mit dieser begrifflichen Opposition bringt die Jugendsprache den televisionären Trend auf den Punkt. Die wertenden Tendenzen in der Terminologie künden deutlich davon, dass jene, die sich dieser Neologismen bedienen, das eine für cooler halten als das andere. Doch ehrlich gesagt kann ich nicht erkennen, wo das Flixen sich vom Schimmeln unterscheidet. Solange die Inhalte scheiße sind, macht das Medium doch keinen Unterschied. Um weiter zu illustrieren, was ich meine, werfe in bester Seniorenmanier mal die Zeitmaschine an, reise zurück ins Jahr 1978 und lasse Nina Hagen für uns singen: „TV ist ´ne Droge, TV macht süchtig“, rotzt sie uns entgegen und verleiht damit die Medien- und Konsumkritik nicht nur des Punk deutlich angewiderten Ausdruck. Mir scheint hier immer noch eine gewisse Aktualität gegeben – und trotz 40 vergangener Jahre ein deutlich revolutionärer Ansatz im Generationenkonflikt. Denn anno 1978 lehnte die Jugend offensichtlich noch die Vorstellungen und Konzepte, ja das ganze Tun der älteren Generation ab und nicht nur deren Technologien. Die oben erwähnte Statistik dagegen lässt vor allem ja nur einen Schluss zu, nämlich dass heute auch die jungen nur immer älter werden, um noch mehr Zeit mit dem Betrachten von Bewegtbildern zu verbringen.

Dies erklärt aber auch, warum es mir so ganz besonders auf den Nerv geht, wenn ich von jungschen Schlaumeiern mit der mangelnden Modernität meiner Übertragungstechnik ausargumentiert, aufs Abstellgleis geschoben und von der Gestaltung einer besseren Welt und Zukunft ausgeschlossen werden soll. Denn ich werde ja ganz dringend noch gebraucht. Bleiben wir nämlich noch ein bisschen im Bild der Sucht, fällt der Systemvergleich gleich ganz anders aus, und mit Entsetzen und Erschrecken stellen wir fest, dass uns hier vier Dekaden mehr Menschheitsgeschichte und Evolution offensichtlich kein bisschen weitergebracht haben. Im Gegenteil: Die Lage an der Drogenfront hat sich verschärft. Alle wollen immer mehr und immer reineren Stoff. Im Fernsehen gibt es in der Regel nur eine Folge der Serie pro Woche, während man sich bei Netflix und den anderen amerikanischen Dealern an einem Abend die halbe Staffel reinstreamen kann (und das dann natürlich auch tut). Gegen die systemimmanente Suchtgefahr hilft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen überdies auch die Vielfalt der Formate und Angebote. Denn solange es Sendungen wie „Kochen mit Moritz und Martina“ oder „Immer wieder sonntags“ gibt, ist hier der Entzug ja quasi schon eingebaut.

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Vier Tage, drei Länder, alle Programme, zwei Seiten: In meiner Kindheit und Jugend bestand allein schon deshalb keine Fernsehsuchtgefahr, weil die meiste Zeit gar nichts kam.

Nichtsdestotrotz ist es genau diese Vielfalt des Angebots, die mir das gute, alte, tote, deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen deutlich lieber sein lässt als jeden börsennotierten amerikanischen Streaming-Dienst. Denn wer den Rundfunkstaatsvertrag, diese mit jedem Jahr utopischer werdende Schrift, gelesen hat, der weiß: Es will mich bilden, mich aus der Unmündigkeit befreien, nicht mich mit einer Überdosis Unterhaltung abhängig machen und sodann bestmöglich abkassieren. An einem Abend im Fernsehen stoße ich manchmal aus dem Nichts und ohne dass ich es wollte auf eine Dokumentation, die mich zu bislang unbekannten Völkern in den brasilianischen Urwald entführt, wo ich dann gefesselt hängen bleibe, obwohl ich eigentlich nur auf der Suche nach einem geeigneten Einschlaf-Krimi war. Ich persönlich liebe ja genau diese Überraschungen (und die Gewissheit in den öffentlich-rechtlichen zumeist mit relativer Qualität und Seriosität unterhalten und informiert zu werden).

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Neulich vor dem Hauptquartier der Hochkultur.

Sicher, auch das öffentlich-rechtliche Bildungsparadies gibt´s nicht umsonst, der mündige Bürger trägt mit dem Rundfunkbeitrag seinen Teil zum televisionären Wohlstand für alle bei. Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis erscheint mir nicht nur angesichts der Vielfalt der Formate, Stimmen und Perspektiven (und der immensen Anzahl an selbst produzierten Sendeminuten) deutlich überzeugender. Denn außer dem Besuch in der Abendschule sind ja auch Eintritt ins Konzert oder in die Oper, Reisen in alle Welt, Shows, Kinobesuche und natürlich auch zahlreiche Serien und Filme im Preis inbegriffen. (Gerade überlege ich, ob ARD, ARTE und Co. wohl bereit wären, mir ein paar Kröten für meine Dienste als Testimonial zu überweisen.)

Mit Interesse las ich neulich in einer großen deutschen Wochenzeitung (noch so ein aussterbendes Medium), dass es bei Netflix derzeit insgesamt nur 4.000 Filme gäbe, während eine von Filmliebhabern geführte – und inzwischen natürlich von der Schließung bedrohte – Berliner Videothek sage und schreibe 35.000 Titel in den Regalen hat. Kommerz und Kapitalismus verengen also nicht nur den Blickwinkel, sondern auch das Angebot, und das bei steigenden Preisen fürs Individuum. Ich meine, rechnen Sie doch einmal selbst: Netflix kostet je nach Stadium der Sucht 12 bis 16 Euro pro Monat. Weil man da aber nach ca. einem Jahr gefühlt schon alles gesehen hat, entsteht schlagartig das Verlangen, den eigenen Horizont für weitere acht monatliche Euro auf Amazon Prime auszuweiten. Lässt auch dort irgendwann die Wirkung nach, sind mit Sky, Maxdome oder Magenta TV aber jederzeit weitere Suchtschleifen möglich. Und am Ende hat der angefixte Trendsetter und stolze Serien-Junkie überall dasselbe gesehen, dafür aber deutlich mehr berappt, als die zurückgebliebene, technologisch abgehängte Fernsehgemeinde, deren sozialschwächste, unproduktivste Mitglieder im Übrigen vom Beitrag befreit sind. (Da fragt sich die bösartige alte Frau von heute natürlich sofort, ob Unternehmensleitbild und Ethikrichtlinien von Netflix und anderen Anbietern moderner Internetunterhaltung DAS auch hergeben.)

Nichtsdestotrotz kann ich natürlich verstehen, dass Menschen, die solch enorme Kosten stemmen müssen, um ihren Geist ausschließlich mit amerikanischen Hochwert-Serien zu füttern, es ablehnen, für etwas zu bezahlen, das sie als veraltet identifiziert haben und nicht mehr konsumieren. Aber über Rundfunkgebühren zu streiten, ist ja trotzdem immer noch ein bisschen wie Steuern diskutieren. Ich habe keine Kinder, und bin doch nicht dagegen, dass von meinem Geld Kitas gebaut werden. Man nannte es einmal Solidargemeinschaft. Andererseits ist es genau diese Idee eines gemeinsamen Programms, das die unterschiedlichen Interessen aller Bevölkerungsgruppen, -schichten und Lebensalter berücksichtigt und bedienen soll, die in den Zeiten von absoluter Individualität, weiter fortschreitender Ausdifferenzierung und zunehmender sozialer Zersplitterung vermutlich nicht mehr zu halten und zu realisieren ist.

Ob die modernste Antwort aber darauf ist, aus allen Sozialsystemen auszusteigen und amerikanischen (und sicher bald auch deutschen) Großkonzernen die ausschließliche Gestaltung unserer Sehgewohnheiten zu überlassen, diese Frage wird man als alte Frau doch wohl noch einmal stellen dürfen. Denn geblendet von der Hipness all der neuen Serienformate reden ja selbst die kritischeren unter den deutschen Medien derzeit eigentlich nur noch darüber, was denn jetzt seriell der allerneueste, allerheißeste Scheiß ist und wo man und selbigen alsbald fresssuchartig konsumieren kann. Da braucht man doch Menschen und Frauen, die sich noch an Nina Hagen erinnern und mutig die Frage stellen, ob all das viele Geglotze wirklich das Ziel sein kann? Je näher man am Tod ist, umso mehr will man nämlich plötzlich noch aktiv unternehmen.

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Wenn schon, denn schon: Wolfgang Feindt und Klaus Bassiner gewidmet.

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