My little Corona Diary

Dienstag, 5. Mai 2020

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Sie haben es sicher auch schon gemerkt: Diese ganze Corona-Sache ist irgendwie auserzählt. Es gibt so recht nichts mehr, was man gut gelaunt noch dazu sagen könnte. Auch Neues oder Verblüffendes ist jenseits der großen Depression nicht mehr zu konstatieren. Doch auch wenn nach rund sieben Wochen langsam alle die Schnauze voll haben: Diesen Maulkorb Mundschutz werden wir wohl so schnell nicht mehr los. Wie alle anderen Experten kann auch ich das Risiko nicht richtig einschätzen. Aber manchmal hege ich im Stillen den Verdacht, dass es so ähnlich ist wie bei all den Karnevalszügen, die wegen nie aufgekommener Tornados abgesagt wurden. Nachdem die erste Welle ausgeblieben ist, wird jetzt in jedem Fall sicherheitshalber schon mal am Bedrohungsszenario „zweite Welle“ gezimmert. Sogar von einer dritten Welle las ich heute schon. (In der Psychologie nennt man so etwas, glaube ich, „eskalierendes Commitment“.) Nichtsdestotrotz hege ich Hoffnung: Denn alles neu macht der Mai, und wo der Söder in puncto Lockerungen und Verheißungen heute so vorgeprescht ist, will der Laschet sicher nicht hintanstehen. Deshalb geht es vermutlich auch in meinem Bundesland schon sehr bald wieder steil aufwärts. Dank der politischen Hahnenkämpfe kann ich dann vielleicht nächste Woche schon wieder Tennis spielen oder mit Freunden, deren Gesicht ich vergessen habe, ein Bier trinken, womöglich sogar in einem eigens diesem Zweck gewidmeten Garten, unter blühenden Kastanien. Und der Sommerurlaub, ach, der Sommerurlaub … Wo nun die Zukunft fast schon wieder leuchtet, fällt der Blick zurück umso ernüchternder aus. Denn es ist partout nicht zu erkennen, wozu die Krise gut gewesen sein soll. Neue Lehren jedenfalls lassen sich jenseits der Pandemie-Forschung aus Corona kaum ziehen. Die meisten Erkenntnisse sind so alt, dass sie sich schon vor Jahrhunderten in Sprichwörtern manifestiert haben. Man denke etwa an: „Die Gesunden und die Kranken haben ungleiche Gedanken.“ Oder: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, und: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Weil aber auch gilt: „Hoffen und harren hält manchen zum Narren“, und ich als Rheinländerin weiß: „Et hätt noch immer jot jejange“, kann und will auch ich jetzt nicht mehr länger warten. Während die Bundeskanzlerin noch zögert, zaudert und zagt, schreite ich also mutig voran und erkläre die Corona-Krise hiermit für beendet!

PS: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“

Dienstag, 21. April 2020

Wer sich seine Langeweile wegkaufen will bzw. kann, hat seit Montag wieder einige Gelegenheiten mehr dazu. Ein paar neue Schuhe gegen den alten Trott zum Beispiel wären jetzt wieder zu haben. Die anderen kostenpflichtigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung stehen uns – wiewohl meist sinnvoller und geistig gewinnbringender – leider weiterhin nicht offen. Als Nächstes werde ich meine Opernkarten für den Mai zurückgeben müssen. Ich könnte sie auch einfach verfallen lassen und das Geld auf diesem Wege spenden. Ein dahin gehender Bettelbrief hat mich gestern schon erreicht. Auch die Verkäufer der Tickets für die im Herbst nun doch ausfallende LitCologne-Lesung schrieben mir in ähnlicher Absicht bereits. Same same but different ist es mit dem Tennisverein, in dem ich Mitglied bin. Dort hat man allerdings gar nicht erst umständlich gefragt, ob ich das im Voraus bezahlte Honorar für die Trainerstunden bis April sowie die ebenfalls bereits entrichtete Hallengebühr für diese Zeit womöglich zurückhaben möchte, sondern das Geld einfach einbehalten und darauf hingewiesen, wie wichtig Solidarität in diesen Zeiten doch ist. Nun sind in so einem Tennisverein natürlich alle sehr vermögend (oder wollen dafür gehalten werden). Und auch ich möchte nicht geizig oder unsolidarisch erscheinen, aber ich finde trotzdem, das ist Erpressung. Denn einerseits handelt es sich hier um Gebühren und Honorare, die man zusätzlich zu dem (derzeit ebenfalls gänzlich gegenwertslosen) Mitgliedsbeitrag bezahlt. Andererseits bekommen Tennislehrer einen Stundenlohn, der den meinen meistenteils übersteigt. Und auch sonst sehe ich bei Entschädigungsleistungen für Ausfälle im Sport- wie im Kulturbetrieb eindeutig den Staat in der Pflicht und nicht meine private Börse. Nichtsdestotrotz lautet die (Gewissens-)Frage derzeit: Soll ich reklamieren und mich damit im Kreise der Erlauchten als Kirchenmaus outen und am Ende sogar gesellschaftliche Ächtung riskieren? Ich weiß es noch nicht. Trotzdem ist es das Tennis, das mir von alle dem, was Corona mir genommen hat, am meisten fehlt. Dies hat mich doch einigermaßen überrascht (aber nicht erschreckt). Daher blicke ich derzeit mit einigem Neid nach Österreich und ins benachbarte Rheinland-Pfalz, wo das Einzelspiel unter der gerade so perfekt scheinenden Frühlingssonne  bereits wieder gestattet ist. Doch daraus schöpfe ich auch Hoffnung für meine sportliche Zukunft. Sollte wider Erwarten Anfang Mai nicht wieder aufgeschlagen werden können, mache ich es wie die zwei unbekannten jungen Männer, die ich am Sonntag beim ersatzweise durchgeführten Fahrradausflug sah: Auf dem großen, leeren Parkplatz eines Baumarkts lieferten sie sich ein Match über eine Hecke. Die besten Sachen sind immer gratis.

Mittwoch, 15. April 2020

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Corna hat die Menschheit von allen Tischen  vertrieben.

Was hatten wir auf diesen Tag gewartet! Aber Hoffnung heißt halt Esperanza und nicht Markus Söder. Nun müssen wir weiter zu Hause bleiben und gute Bücher lesen. Ich weiß nicht, ob ich noch die Kraft dazu habe. Denn mehr als alles andere will das Herdentier ja zurück zur Herde. Das hat sich in den vergangenen Wochen ganz deutlich herausgestellt. Dieses spezielle Exemplar würde darüber hinaus auch gerne mal wieder an die Tränke. Ich meine, ich freue mich für alle Ladenbesitzer, die jetzt ihre Geschäfte wieder öffnen dürfen, aber ich persönlich habe in der Krise bislang an keinerlei unerfüllten Besitztumswünschen und ins Leere laufenden Kaufimpulsen gelitten. Ganz ehrlich, mir hat außer dem erwähnten Duckerpapier rein gar nichts gefehlt. Das mag in weiteren vier Wochen anders aussehen, aber schon jetzt würde ich lieber als fast alles andere mal wieder einen Abend mit Freunden (Plural!) in der Kneipe sitzen und Unsinn reden. Und um das Gastgewerbe, das weiter geschlossen bleiben muss, mache ich mir korrespondierend gerade auch die größten Sorgen. Denn was die Krise ja weiterhin gezeigt hat, ist, dass die schöne Tugend des Sparens vollkommen aus der Mode gekommen ist. Dass alle freien Unternehmer nach vier Wochen Shutdown schon am existenziellen Abgrund balancieren, legt ja auch nahe, dass heute so gut wie niemand mehr irgendetwas Relevantes auf der hohen Kante hat. Bei Adidas hat mich das etwas überrascht. Bei der Berufsgruppe der Schankwirte und Kneipiers dagegen waren meine Erwartungen in puncto Sparbuch von vornherein nicht allzu hoch. Dass sie anders als viele andere Gewerbetreibende nun aber auch nicht improvisieren und einen Online-Handel, ein To-go-Geschäft oder Lieferdienste anbieten können, macht das Ganze noch tragischer. Dabei ist, wie man liest, der Bedarf an Alkohol in der Krise ungebrochen bzw. sogar deutlich erhöht. Nun weiß man nicht, wann die Zapfhähne wieder eingeschaltet werden dürfen, aber für manche wird es vielleicht schon zu spät sein. Und in der düsteren Laune, in der mich der heutige Abend sieht, male ich mir meine Altstadt aus ohne all die schönen, abgeranzten Kneipen, Beisel und Spelunken. „Jommer in en annere Kaschemm“ wird nächstes Jahr zu Karneval vielleicht schon keine Option mehr sein. Da kann man wirklich zur Flasche greifen!

Ostersamstag, 11. April 2020

Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in meinem Leben über Ostern verreist. Wir müssen nicht lange drumrumreden: Es hat mir nicht gefallen. Der Hauptgrund dafür war: Es war Urlaub, aber kein Ostern. Mir fehlte das Besondere, das Festliche, die Osterfreude nach der langen Fastenzeit, kurz dieses schöne frühlingshafte Feiertagsgefühl, das Ostern für mich seit meiner Kindheit in einer katholischen Familie eigentlich immer besessen hat. Ich selbst bin gar nicht so religiös, aber zu den christlichen Hochfesten (und ganz selten auch mal sonst) sieht man mich schon noch in der Kirche. Ich glaube, ich schrieb es hier schon mal: Es hat sehr viel mit der Musik zu tun. Und Ostern hat da ja einiges zu bieten. Ich meine, „Seele, dein Heiland ist frei von den Banden“ schlägt ja beinahe solche Kracher wie „Großer Gott, wir loben dich“ oder „Tochter Zion“. Ich will hier nicht ins Schwärmen geraten, aber nach dem Reinfall im letzten Jahr hatte ich dieses Jahr fest vor, wieder ganz klassisch im Familienkreis zu feiern und mich beim Hochamtsbesuch an den Oster-Evergreens zu erfreuen. Das wird nun nichts. Denn weder die Familie noch die Kirche darf man ja besuchen dieses Jahr. Es ist sicher kein Weltuntergang, wenn die Gotteshäuser wegen Corona dieses Jahr zu Ostern ausnahmsweise einmal geschlossen bleiben. Aber ob man sie nicht wie die systemrelevanten Geschäfte ebenso gut auch hätte öffnen können, das kann man schon einmal überlegen. Denn während zum Beispiel die Baumärkte tagein, tagaus geöffnet haben und stark frequentiert sind, also quasi jeden Tag zehn Stunden volles Risikopotenzial entfalten, ist so eine Messe ja ein sehr kurzes, gänzlich singuläres Ereignis, dem noch dazu heutzutage (jenseits von Weihnachten) nicht mehr allzu viele Menschen beiwohnen. Meiner Erfahrung nach dürfte es auch zu Ostern problemlos möglich sein, die Interessenten in ausreichendem Sicherheitsabstand voneinander in den Bankreihen zu platzieren, ohne dabei je in räumliche Bedrängnis zu geraten. Mit Mundschutz und kontaktlos gestaltetem Ablauf sehe ich nicht, wieso da mehr passieren soll als bei den vielen anderen Freizeitaktivitäten, denen die Menschen derzeit draußen auf den sonnenbeschienenen innerstädtischen Plätzen und Grünflächen recht dicht beieinander nachgehen. Wer keine Angst hat, der könnte doch genauso gut statt zum Joggen auf die bevölkerte Laufstrecke eigenverantwortlich zum Beten in die entvölkerte Kirche gehen. Nachdem nun aber am österlichen Kirchen-Shutdown nichts mehr zu ändern ist, macht es der Kult wie vor ihm die Kultur: Man improvisiert und überträgt publikumslose Events aus Münstern, Domen, Basiliken, Kapellen und Kathedralen live per Video in die Haushalte der der Erbauung Bedürftigen. Ich weiß nicht, ob ich mir davon etwas anschauen werde, mir ging es ja vor allem um das gemeinsame Singen. Dazu allerdings hätte ich noch eine Idee: Wenn morgen all jene, die gerade so gerne aus Dankbarkeit musizieren, zur Mittagszeit oder am Abend an ihre Fenster, auf ihr Balkone träten und (ja durchaus corona-tauglich) „Preis dem Todesüberwinder“ anstimmten – Hallelujah, was wäre das für eine Osterfreude!

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Für alle, die es noch nicht wussten.

Donnerstag, 9. April 2020

Jenseits der berühmten Stätten der alten Republik haben wir hier in Bonn zwei ganz große Attraktionen: Die eine ist Herr Beethoven. Just in diesem Jahr wollte man seinen 250. Geburtstag im ganz großen Stile feiern. Eine Fülle von Veranstaltungen war zu diesem Zweck geplant. Mein persönlicher Höhepunkt dabei: Robbie Williams spielt Open Air auf der Hofgartenwiese. Da dieses Konzert schon im Mai stattfinden sollte, gerieten die Kurse auf dem Karten-Schwarzmarkt durch Corona ordentlich ins Trudeln. Kurzzeitig konnte man zwei Stehplatz-Tickets schon für 150 Euro schießen. Als jetzt bekannt wurde, dass das Konzert auf Ende August verschoben ist, wurden bei Ebay für Doppel-Tickets plötzlich wieder Preise von bis zu 1.200 Euro aufgerufen. Ich hoffe nicht, dass das irgendwer bezahlt, und ärgere mich gleichzeitig, dass ich in der Krise nicht noch mal zugeschlagen habe. Nichtsdestotrotz habe ich ein Ticket, und auch der zweiten großen Bonner Attraktion bin ich dieses Jahr bereits ansichtig geworden: der Kirschblüte.

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Auch hier ist es nicht gelungen, die Schönheit der Kirschblüte adäquat abzubilden.

Genauer handelt es sich um zwei Straßen in der Altstadt, die zu beiden Seiten von Prunus Serrulata, der japanischen Nelkenkirsche, gesäumt werden. Weil die Kronen der Bäume inzwischen zusammengewachsen sind, wandelt man im Frühling hier unter einem riesigen rosa Baldachin durch die Straßen. Die Kirschblüte ist wirklich von spektakulärer Schönheit und attrahiert jedes Jahr Tausende Japaner, Influencer und Hochzeitspaare, die alle vergeblich versuchen, mit der Kamera festzuhalten, was doch nur das menschliche Auge wirklich sehen und erfassen kann. In den zwei Wochen der Blüte ist kein Durchkommen in den engen Straßen. Seuchentechnisch ist das natürlich eine Hochrisikolage. Absagen und auf den Herbst verschieben war in diesem Fall keine Option. Verbieten konnte der Bürgermeister das gefährliche Geblühe auch nicht. Und so wurde, nachdem alle Stay-at-Home-Parolen rein gar nichts gefruchtet hatten, wurde die Kirschblüte gestern kurzerhand gesperrt. An allen Zugangspunkten zu den Hotspots wurden Sperren aufgebaut und Gelbwesten vom Ordnungsamt postiert. Die kontrollieren nun am Checkpoint Cherry die Ausweise und gestatten oder verwehren den Passanten je nach Ziel den Zugang. Ich selbst durfte gestern Nachmittag anstandslos passieren, nachdem ich mein Ansinnen mit einem Einkauf in dem in der Tabuzone gelegenen Rewe legitimiert hatte. Auf dem Weg zu meinem aktuell einzigen Sozialkontakt wollte ich am Abend erneut verbotenes Terrain betreten. Auch diese Begründung verschaffte mir Einlass, aber der Beamte sah mich an, als ob ich gelogen hätte. Das hatte ich nicht. Aber für alle anderen, die ich dort später fotografieren sah, würde ich nicht die Hand ins Feuer legen. Und auch heute tauchten bei Instagram im Minutentakt neue Fotos der Corona-Blüte auf. Also ich bin ein bisschen enttäuscht von der Ordnungsmacht. Ich finde, entweder sie halten jetzt die Straßen wirklich sauber und gesund, oder sie entlassen den Frühling wieder aus der Quarantäne.

Montag, 6. April 2020

Ein Ort, den ich samstags unbedingt meide, ist die Fußgängerzone in der Innenstadt. Samstags ist da kein Durchkommen, und es herrscht eine Hektik, dass man schnell auch ganz schlecht draufkommen kann. An diesem Samstag bin ich beinahe gut gelaunt, in jedem Fall aber völlig unbehelligt einmal mittendurch geradelt. Vorbei an all den geschlossenen Geschäften und im Dunkeln liegenden Schaufenstern. Durch die Hintertür respektive die Tiefgarage konnte man noch die Feinkostabteilung des Kaufhofs betreten. (Dolce Vita findet dieser Tage ja allenfalls noch in der Küche statt, da braucht man ab und zu auch mal eine exotische Zutat.) Mit Bauzäunen abgesperrt waren dort alle angrenzenden Abteilungen, denn Tischwäsche, Geschirr oder Uhren und Schmuck, das alles ist ja nicht systemrelevant. Ich persönlich würde diese Einschätzung teilen, denn Gläser, Teller und Halsketten sind mir in der Zwischenzeit noch nicht ausgegangen. Tatsächlich ist bis jetzt Druckerpapier das Einzige gewesen, was überraschend und unverzichtbar gefehlt hat, vor Ort aber nicht mehr zu beschaffen war. (Die geringen Bestände von Edeka und Rewe hatten dem enormen Bedarf der vielen frisch gebackenen Heimarbeiter vermutlich nicht standgehalten.) Ansonsten hatte ich letzte Woche kurz das Bedürfnis, mir ein paar neue Socken zu kaufen. Aber mit den Socken ist es ähnlich wie mit der Tischwäsche, zumal in der beginnenden wärmeren Jahreszeit. Trotzdem kommt man bei dem Versuch, mittels des Mangels herauszufinden, was wirklich wichtig ist, mit dem Begriff der Systemrelevanz jenseits eines gewissen allgemeinen Konsenses nicht so richtig weiter. Ganz klar: Krankenhauspersonal und Lebensmittel-Einzelhandel: absolut systemrelevant! Die Ärzte wussten das schon. Was aber die Krankenschwestern und -brüder und alle Einzelhandelskaufleute angeht, so ist deren Systemrelevanz in jedem Fall eine der wichtigsten und systemrelevantesten Erkenntnisse aus der Krise. Nach Corona wäre es daher konsequenterweise dringend geboten, diese Relevanz, Bedeutung und neu gewonnene Wertschätzung auch entsprechend zu honorieren, und zwar nicht nur mit einmaligen Bonuszahlungen, sondern mit dauerhaften, deutlichen und selbstbewusstseinserweiternden Gehaltserhöhungen für diese Berufe. Andererseits sind da aber auch noch die Baumärkte, über deren behauptete Systemrelevanz ich mich sicher nicht als Einzige wundere. (Nichtsdestotrotz werden wir dieses Jahr sehr viele schöne Gärten haben.) Andersherum ist es gleichzeitig natürlich auch nicht so, dass alle, die gerade zu Hause sitzen und nicht arbeiten, nicht systemrelevant wären. Vermutlich ist bei den meisten sogar eher das Gegenteil der Fall. Und selbstverständlich brauchen wir für eine schöne, bunte, lebendige und alle individuellen Bedarfe befriedigende Welt auch all die vielen geschlossenen Läden und Lokale. Für deren Inhaber und Angestellte ist die ganze Sache im Übrigen ja auch ziemlich systemrelevant respektive -bedrohend. Deshalb wünsche ich allen, dass sie bald wieder öffnen dürfen, und versuche, mit telefonischen Bestellungen und kontaktlosen Käufen ein bisschen zum Überleben der kleinen Geschäfte und Essensversorger in meiner Nachbarschaft beizutragen. (Bei den Kneipen geht das ja leider nicht, auch wenn die meisten Kneipen sicher systemrelevanter sind als die meisten Unternehmensberatungen.) Darüber hinaus gewinnt in meinem persönlichen Beauty-System spätestens in zwei Wochen der Berufsstand des Coiffeurs eine gewisse Relevanz. Wenn dann draußen immer noch nichts geht, werde ich mich (wie immer in der Not) an meine Freundin, das Fräulein Stefanie, wenden. Die bringt zumindest ein bisschen Expertise mit: Ihr Patenonkel war Friseur.

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Symbolfoto: Socken und Halsketten sind nicht systemrelant.

Freitag, 3. April 2020

Mein alter Vater hat fast den ganzen März im Krankenhaus verbracht. Wegen Corona konnten wir ihn zwei ganze Wochen lang nicht besuchen. Als wir das letzte Mal dort waren, lag er noch auf der Intensivstation. Das gefiel ihm nicht und uns auch nicht. Ihm aber konnten wir den Aufenthalt immerhin ein wenig schmackhafter machen mit dem Hinweis darauf, dass er draußen gerade nichts verpasst, zumal nicht im Hinblick auf sein größtes Hobby: den Sport. Wann immer er nicht in seinem großen Garten steht und von B wie Bohnen bis Z wie Zucchini alles anbaut, was an Gemüse hierzulande wächst, widmet er sich aus dem Fernsehsessel mit ähnlicher Leidenschaft der ganzen Spannbreite professioneller, bezahlter Leibesertüchtigung. Fußball, Wintersport und Tennis sind zwar die klaren Favoriten, aber auch Billard und Curling sah ich ihn schon mit Hingabe betrachten. Während der Wintersport-Saison verlässt er besagten Sessel praktisch nicht, aber auch im Sommer ist ein wichtiges Match in der Rod Laver Arena jederzeit eine gute Entschuldigung, um der familiären Sonntagstafel fernzubleiben. Nun ist er Gott sei Dank auf dem Weg der Besserung und seit ein paar Tagen auch wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Zurück in seinem Polstermöbel geht es ihm nun allerdings auch nicht besser als allen anderen, die von dem bösen Virus jenseits der Beschränkungen nicht betroffen sind: Ihm ist maximal langweilig. Denn Sport im Profi-Bereich und damit im Fernsehen findet ja gerade nicht statt. Vor allem die eigens dafür eingerichteten Sender haben daher große Probleme ein Programm zu bestreiten. Aber wie es in den Zeiten von Corona so ist: Es geschehen am laufenden Band Dinge, die sich ein rein in Friedenszeiten aufgewachsener Mensch bislang nicht mal im wildesten Traum vorstellen konnte. Ein Tabu nach dem anderen fällt, und Dinge, die sonst im TV, jedenfalls im Sport-TV undenkbar waren, sind plötzlich die letzte Rettung: Wiederholungen. In Ermangelung anderer sportlicher Höhepunkte werden reihenweise alte Spiele gezeigt. Dass ein echter Fußball-Fan und zwölfter Mann noch einmal in Echtzeit bei längst entschiedenen Partien mitfiebert, kann ich gerade noch so verstehen. Der „Spiegel“ aber hat dieser Tage im Live-Ticker das Halbfinale der EM 1996 zwischen England und Deutschland betextet. Dieses Event lässt mich recht ratlos zurück, und ich weiß nicht, ob ich mich nun in langer, vergeblicher Rumination der Frage widmen soll, welche schrägen Vögel das eigentlich mit echtem Lustgewinn verfolgen, oder ob ich mir stattdessen lieber wünschen sollte, eines Tages einen ähnlichen Grad an Passion auf einem meiner Interessengebiete  zu erreichen. Wie dem auch sei, der Totalausfall beim Fernsehsport wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn ich nicht überall davon gelesen hätte. Beim aufmerksamen Verfolgen der Tagespresse sticht einem aber auch auf sportlichem Gebiet sofort wieder das Gute am Mangel ins Auge. Denn der Profi-Fußballer im Homeoffice kann mehr, als sich mit Hilfe von „FIFA 20“ in Form zu halten oder bei der Klopapier-Challenge seine Hamsterkäufe durchs Luxus-Apartment zu kicken. Kimmich und Goretzka haben sage und schreibe eine Million Euro für caritative Einrichtungen gespendet. Andere Fußball-Profis verzichten zugunsten ihrer notleidenden Clubs aufs Gehalt, und die Basketballer von Alba Berlin trainieren in einer täglichen Video-Sportstunde Schul- und Kita-Kinder. Wer wollte da spotten? Ich nicht. Ich überlege vielmehr, ob es angesichts dieser Fakten nicht besser wäre den ganzen Profisport-Geldzirkus auch fürderhin ruhen zu lassen. Es könnte so viel Gutes daraus erwachsen.

Sonntag, 29. März 2020

Was 2020 das Wort des Jahres wird, das steht wohl jetzt schon fest. Langeweile. Nun komme ich zwar langsam in ein Alter, in dem man nicht mehr jeden Abend in der Disco steht, aber dass ich eine ganze Woche jeden Abend zu Hause verbracht habe, das ist in den 1.560 Wochen der letzten dreißig Jahre noch nie vorkommen. Für meine vergnügungssüchtige Psyche gestaltet sich diese #wirbleibenzuhause-Veranstaltung vielleicht auch deshalb anstrengender als eine ganze Woche auf Alkohol und Partydrogen. Ich meine, was soll man denn die ganze Zeit machen? Kein gesunder Mensch kann doch jeden Abend fernsehgucken. Der alternativen Abwechslung halber haben wir hier sogar zweimal einen Abendspaziergang gemacht. (Es geht wirklich bergab.) Als dann irgendwann auch die guten Bücher aus waren, wurde schließlich zwecks Zerstreuung doch zur Fernbedienung gegriffen. Die Kurzweil und Ablenkung, die ich mir von dieser Maßnahme versprochen hatte, waren im Fernsehen diese Woche aber nicht zu finden. Denn eigentlich ging es auf allen Kanälen die ganze Zeit auch nur um das Virus und seine sieben Synonyme (Corona, Covid-19, Sars-CoV-2, neuartige Infektionskrankheit, Lungenseuche, Pandemie). Monotonie also auch dort. Nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind mir von all dem Gesehenen eigentlich nur zwei Sachen. Erstens die vielen verwackelten, unscharfen, unschönen Aufnahmen von Prominenten, Politikern und anderen Berufenen, die sich via Handykamera aus dem heimischen Wohnzimmer zu Wort meldeten, neben ihrer Expertenmeinung vor allem aber auch allerschönste Image-Werbung betrieben, indem sie (vielleicht auch aus der schieren Angst vor einem Shitstorm) demonstrierten, wie vorbildlich sie sich verhalten. (Viele Phänomene dieser Tage haben ganz klar das Zeug, sich dereinst als Paradebeispiel im Lehrbuch für PR und Medienmarketing wiederzufinden.) Das zweite, was mich ein wenig länger beschäftigt hat, war wieder einmal Markus Lanz. Ich meine, mir ist schon öfter aufgefallen, dass er viele wichtige Leute duzt, aber erst am Donnerstag habe ich begriffen, dass die natürlich alle zu seinem Haushalt gehören. Für Menschen, die derzeit hingegen keine Gäste haben dürfen, beginnt morgen schon die dritte Woche allein auf dem Sofa: sieben weitere Abende, an denen es sich gegen Langeweile, Phlegma und Abstumpfung zu wappnen gilt. Ich für meinen Teil werde es vielleicht mal mit Marathon-Sudoku und Power-Puzzeln versuchen, also mit echten Beschäftigungen für den Herbst (was ja im Sinne der dieses Jahr vertauschten Jahreszeiten eigentlich ganz hervorragend passt).

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Die Abende alter Menschen sind oft sehr still.

Mittwoch, 25. März 2020

Die Angst regiert in Zeiten von Corona. Vielen aber macht nicht nur das Virus Angst, sondern fast mehr noch die Tatsache, dass im Zuge der Pandemie-Bekämpfung bürgerliche Rechte wie die Versammlungs- oder Reisefreiheit vom Staat einfach eingeschränkt werden. Mancherorts wird sogar über Parallelen zu totalitären Regimen räsoniert. Von solchen Dingen verstehe ich nichts. Trotzdem soll man ja, zumal als kritischer Bürger, über andere Meinungen immer einmal nachdenken. Dabei kommt man jedoch hoffentlich recht schnell darauf, dass es sich bei Kontaktverbot und Ausgangssperre aller Wahrscheinlichkeit nach um Maßnahmen im Sinne des Infektionsschutzgesetzes handelt und nicht um solche im Zuge einer heimlichen politischen Gleichschaltung. Dafür spricht auch, dass das Virus selbst Despoten Angst macht: Ich sah heute Bilder von Wladimir Putin, der ein Krankenhaus besuchte, dabei aber aussah, als wäre er auf dem Weg nach Fukushima 2. Nichtsdestotrotz muss ich feststellen: Manches, was im Unrechtsstaat funktioniert, klappt auch in Corona-Country. Infolge der Ausgangsbeschränkungen verzeichnet die Polizei zum Beispiel weniger Straßenkriminalität, Einbrüche und Taschendiebstähle. Aber auch im Hinblick auf die kollektive Stimmungslage lassen sich gewisse Parallelen ziehen. Denn ähnlich wie andernorts die Meinungen scheinen in diesen schlimmen Zeiten bestimmte Gefühlsregungen unterdrückt werden zu müssen. Neben Angst, Bedrückung und Betroffenheit ist offen und öffentlich derzeit emotional maximal noch Platz für Dankbarkeit und Solidarität. Unterdrückung aber führt stets zu Heimlichkeit. Und da ich einerseits selbst nur ein fehlbarer kleiner Mensch bin und andererseits nicht glaube, dass außer mir nur Heilige über die entvölkerten Straßen und Plätze wandeln, bin ich mir sicher: Heimliche Freude belastet derzeit das Gewissen nicht weniger Mitmenschen. So könnte ich mir vorstellen, dass zum Beispiel die oben erwähnte Polizei ganz froh ist, dass sie gerade etwas weniger zu tun hat. Vermutlich gibt es bei den auf sich selbst zurückgeworfenen Familien neben dem sogenannten „Marzahn-Szenario“, also zunehmender häuslicher Gewalt, ebenfalls Sippen, die sich ein bisschen freuen über die viele Zeit, die sie gerade gemeinsam verbringen können. Umgekehrt empfindet vielleicht auch jemand ein klitzekleines bisschen Erleichterung darüber, dass er seine geliebte, gleichwohl ein wenig anstrengende Mutter ein paar Tage nicht besuchen kann. In jedem Fall kenne ich persönlich Anwohner im hiesigen Ausgehviertel, die gerade die nächtliche Ruhe sehr genießen. Und wer wollte es ihnen verdenken? Denn es ehrt ja eigentlich alle, dass sie ihre Freude eben nur heimlich empfinden, weil sie wissen, dass es anderen gerade nicht so gut geht. Nein, ich kann an diesem Gefühl nicht so viel Falsches oder Verwerfliches finden. Mir jedenfalls ist es als emotionale Reaktion auf die Ereignisse in jedem Fall viel lieber als die Sensationslust und die öffentliche Erregung am Ausnahmezustand, die dieser Tage ja auch recht oft und umso und lauter daherkommen. Wenn also demnächst sonntags um 18 Uhr vor lauter Dankbarkeit wieder musiziert werden sollte, stimme ich hier in meiner stillen Stube ein kleine Ode an die heimliche Freude an.

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Corona lässt selbst den großen Meister ratlos zurück.

Montag, 23. März 2020

Nachdem ich nun schon eine ganze Woche allein zum Einkaufen das Haus verlassen und dabei in ausreichendem Maße leere Nudel- und Klopapierregale fotografiert habe, ist in meinem Leben inzwischen doch eine gewisse Monotonie eingekehrt. Und wie ich so an ein, zwei, drei weitere Wochen in ähnlicher sozialer, kultureller und geografischer Einförmigkeit denke, kann ich es schon fühlen: Der Panther hinter den Stäben wird unruhig und beginnt, auf und ab zu tigern. Allein, es gibt seit gestern ja eigentlich keine Schlupflöcher mehr, durch die man hinaus und zu den anderen Menschen huschen könnte. Und selbst wenn man denn doch noch eines entdecken würde, scheut man selbst als einsamer Vorstand eines Einpersonenhaushalts davor zurück, es zu nutzen – wenn nicht aus einem Gefühl gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Opferbereitschaft, so in jedem Fall doch aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Bereits in der letzten Woche kam es meiner Beobachtung nach schon einem unsittlichen Antrag gleich, befreundeten Personen ein Treffen am Abend vorzuschlagen. In der letzten Woche war ich einmal so kühn, dies zu tun. Für diese Woche wurde mir ein solches angetragen, und statt gleich mit einem empörten Hinweis auf die Ansteckungsgefahren anzulehnen, sitze ich nun hier und weiß nicht so recht, was ich zwecks Antwort whatsappen soll. Denn erstens sind es ja liebe Menschen, die ich länger nicht sah und mag. Und zweitens bin ich eigentlich kein Freund von Moralinsäure und Prinzipienreiterei und muss meist auch nicht lange zum eigenverantwortlichen Regelverstoß überredet werden. Dennoch merke ich: Ich würde diesmal eigentlich lieber ablehnen. Nicht weil ich selbst Angst habe, aber vielleicht weil man die Angst der anderen ernst nehmen muss und weil ich für den Moment das bisher nicht gekannte Gefühl habe, dass es ausnahmsweise mal richtig wichtig ist, sich (zumindest für eine gewisse Zeit), ohne zu fragen, an die Regeln zu halten. So, das muss ich denen jetzt nur noch so schreiben, dass sie mich nicht für einen Spießer oder Gutmenschen halten. Und was mein eigenes Monotonie-Erleben angeht, so denke ich gerade, dass schiere Langeweile ja noch zu den besten Aussichten für die nächste Zeit gehört.

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Wer hätte gedacht, dass ein Foto von diesem Artikel einmal eine solche Sensation sein würde.

Sonntag, 22. März 2020

Je länger die Isolationshaft andauert, umso schwerer fällt es, ein frohes Herz zu behalten. Denn eine ganz große Bedrückung will sich derzeit ja auf alles legen, was nicht schnell genug das Radio, Fernsehen und vor allem alle Online-Nachrichtenkanäle abschaltet. Im Minutentakt halten Bundeskanzlerinnen, Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister Ansprachen ans Volk, und nicht selten wird, wo immer ein Vergleich oder Bezugspunkt gebraucht wird, auf das Wort „Krieg“ zurückgegriffen. Ich halte das – eben wegen der bereits erwähnten Opposition „Front versus Sofa“ – für ein bisschen übertrieben, kann aber trotzdem nicht umhin festzustellen, dass es auch im Fall von Corona echte Kriegsgewinnler gibt. Da sind zum Beispiel die im „Sommermärchen-Prozess“ angeklagten Fußball-Senioren, deren einer sich zunächst statt in den Gerichtssaal einfach in „selbst verordnete Quarantäne“ begeben hat und die nun samt und sonders sogar auf komplette Verjährung hoffen dürfen: Schon am 27. April wäre es so weit. Die Welt ist nicht gerecht. Das merken gerade sicher noch viel schmerzlicher all die vielen kleinen Händler, die ihre Geschäfte haben zusperren müssen, während bei Amazon, Zalando und Co. derzeit vermutlich die Ladenkassen bimmeln, als wäre dreimal hintereinander Weihnachten, und Jeff Bezos, wie man liest, mit der Einstellung von Tausenden zusätzlichen Niedriglohnkräften den Reibach nochmals kräftig optimiert. Da möchte ich mir wirklich mein seriösestes Business-Kostüm anziehen, zwecks Kompetenz-Optik vor meinem Bücherregal Aufstellung nehmen, entschlossen in die Kamera blicken und sodann ein energisches Wort an alle der Hoffnung, Weisung und geistig-moralischen Aufrichtung Bedürftigen richten: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, würde ich sagen, „bitte kaufen Sie in diesen Tagen der bitteren Krise außer Lebensmitteln nichts, was sie nicht absolut und unbedingt brauchen. Widerstehen Sie vor allen Dingen in jedem Fall der Versuchung, als billigen Trost für anderweitige Entbehrung nutzlose Dinge im Internet zu bestellen. Denn: Wer nichts kauft, spart 100 Prozent. Statt also in den nächsten Wochen gedankenlos wieder und immer wieder den Kaufen-Button zu drücken, sparen Sie Ihr unter Schweiß und Tränen verdientes Kapital und warten Sie ruhig und besonnen das Ende des Shutdowns ab. Verlassen sie am Tag darauf umgehend das Haus, stürmen Sie Ihre eigene Innenstadt und verplempern, verjubeln und verschleudern Sie dort die Penunze, als gäbe es kein Morgen. Sorgen Sie dabei vor allem dafür, dass nicht große, internationale Ketten von diesem kollektiven karitativen Kaufrausch profitieren, sondern kleine, lokale Einzelhändler, für die es sonst vielleicht tatsächlich kein Morgen gibt. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihre Solidarität!“

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Hier wird gerade gehäuft italienisch gespeist.

Donnerstag, 19. März 2020

Nach der großen Ansprache der Kanzlerin gestern bin ich zerknirscht in mich gegangen und habe das egoistische aushäusige Kaffeetrinken sofort eingestellt. Gott sei Dank wird auch das Wetter langsam schlechter, da fällt es dem Herz leichter dem Kopf zu folgen und nicht mehr so freudig suchend auszugehen. Auf mich selbst zurückgeworfen und aller menschlichen Bindungen ledig, eröffnet mir nurmehr das Internet einen Weg in die Welt. Hier allerdings finden sich neben all den schlechten Nachrichten dieser Tage auch die reizendsten Zerstreuungen und Divertissements: Chefköche publizieren ihre besten Rezepte zum Thema „Nudeln mit Klopapier“, feixende Gabelstaplerfahrer rollen durch endlose, riesige Lagerhallen, in denen sich der begehrte Toilette-Artikel bis unter die Decke stapelt, und hübsch gestaltete Hinweisschilder setzen mich darüber in Kenntnis, dass man die Generationen vor uns an die Front, uns selbst jedoch nur aufs Sofa kommandiert habe. Es beruhigt mich sehr, dass es all dieses auch noch gibt. Denn angesichts all der Meldungen zum Ernst der Lage und der allgemeinen Betroffenheit traut man sich ja selbst als Rheinländer kaum mehr, auch mal einen Scherz zum Thema zu machen. Noch schöner als die vielen Zeugnisse menschlicher Kreativität, die einen dieser Tage so vielzählig via WhatsApp und Instagram erreichen, finde ich die guten Nachrichten aus der Wirklichkeit (?), die im Zusammenhang mit der Krise allenthalben auch zu finden sind. Denn der Mangel zeigt ja oft auch, was man alles nicht braucht. In Venedig, so las ich zum Beispiel, ist das Wasser in den Kanälen plötzlich ganz klar. Im Chicagoer Zoe laufen die Pinguine frei im Aquarium herum, und in Texas wurde wegen Corona eine Hinrichtung ausgesetzt. Bei all dem vielen notgedrungenen Zeitungslesen dieser Tage muss das gesunde Hirn freilich aufpassen, dass es sich nicht ansteckt, zum Beispiel an Jogi Löws schwäbisch-schwärmerischen Thesen und apokalyptischen Visionen, dass sich die Erde gerade „gegen die Menschen stemmt“, gegen „deren Tun“ und „Tempo“ sowie gegen „Macht, Gier und Profit“. Und dann ist da natürlich auch noch diese Ischgl-Sache. Aber auch hier werde ich im Dienste der Aufklärung morgen erst noch mal mit Hilfe der Bild-Zeitung und all der anderen gerade umso aufgeregter Publizierenden die Fakten ganz sauber von den Verschwörungstheorien trennen.

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Sobald sich der deutsche Profi-Fußball gegen Gier und Profit stemmt, entlässt uns Corona  wieder aus seinem bösen Griff.

Mittwoch, 18. März 2020

Auch am dritten Tag der Aufzeichnungen merke ich selbst von den Auswirkungen des Corona-Shutdowns recht wenig. Das Leben hier fühlt sich weitgehend so wie immer an. Das Einzige, was mir tatsächlich sehr fehlt, ist der Sport. Heute Morgen hätte ich ein Tennis-Date gehabt. Aber auch das Vereinsleben ist ja im Dornröschen-Modus derzeit. Stattdessen bin ich einkaufen gegangen (von den Versuchungen im Zusammenhang mit der Heimarbeit schrieb ich ja gestern schon). Beim Edeka waren die Zeichen der Krise dann allerdings nicht mehr zu übersehen. Im Nudelregal lagen nur noch ein paar Packungen Lasagne. Die esse ich aber auch nicht gerne.

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Edeka hat ein paar Köder für Alf ausgelegt.

An der Kasse stand ein sehr elegant aussehendes Ehepaar vor mir, beide trugen Mundschutz und Gummihandschuhe. Man ist ja immer versucht, das zu belächeln, doch es waren schon etwas ältere Herrschaften, und für die ist die Bedrohung vermutlich sehr real. Auf der Straße kamen mir später aber auch zwei junge Mädchen entgegen, die sich ein Halstuch über Mund und Nase gebunden hatten. Vielleicht waren sie auch nur auf dem Weg zu einem Banküberfall. Wieder zu Hause las ich in der Zeitung, dass die French Open auf den Herbst verschoben worden seien. Damit fallen derzeit auch alle Möglichkeiten des Passivsports weg. Tennis nun also erst wieder im Herbst. Ich weiß allerdings nicht, ob ich im Herbst Zeit habe. Denn im Herbst gehe ich schon auf die letzte Woche ausgefallene Lesung mit Debbie Harry, auf das abgesagte Wanda-Konzert vom Freitag und vermutlich auch auf die abgeblasene Geburtstagsparty, auf die ich mich am Samstag so gefreut hatte. Der Herbst ist ja der Hoffnungshorizont dieser Tage. Da findet dann alles statt. Freuen wir uns dieses Jahr statt auf den Frühling also auf dessen Antipoden, die Jahreszeit des Verblühens und Vergehens, und hoffen wir, dass das dann auch alles so klappt.

Dienstag, 17. März 2020

Wer schon einmal von seinem Arbeitgeber nach Jahren der Aufopferung wegen seines Alters, ansonsten aber völlig grundlos gekündigt wurde oder unter ähnlichen Umständen unverhofft von seinem Ehegemahl geschasst wurde, der hat ihn bestimmt schon gehört, den Satz von der „Krise als Chance“. Für mich hat er allerdings immer ein bisschen nach allzu billigem Trost geklungen. Solange es jedoch keinen anderen gibt und auch kein Impfschutz verfügbar ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch der Causa Corona auf diesem Wege zu nähern. Mir fällt dies besonders leicht. Denn bei mir ist im Prinzip schon seit gut 15 Jahren Corona, jedenfalls, was die Arbeit angeht. Als Freiberuflerin sitze ich tagaus, tagein mit meinem kleinen Computer zu Hause und versuche, zwischen 9 und 18 Uhr nicht allzu oft den vielen Verlockungen jenseits des Schreibtischs nachzugeben. Für viele andere ist genau diese Situation jedoch völlig neu, und sie müssen erst lernen, dass der Arbeitgeber sie im Heimbüro nicht dafür bezahlt, zwischendurch mal einkaufen zu gehen, die Wäsche zu machen oder eine Folge Serie zu schauen. Dies eben nicht zu tun und das große Vertrauen zu rechtfertigen, das schaffen nur die Besten. Ich könnte mir vorstellen, dass beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – nach Abschluss dieses Experiments der Arbeitsform „Homeoffice“ wieder ein bisschen kritischer gegenüberstehen. Dass Heimarbeit und Hausarbeit nicht nur sprachlich recht nah beieinanderliegen und viele der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu einem deutlichen Aufschwung auf hauswirtschaftlichem Gebiet beitragen, bestätigt auch meine Freundin Stefanie, die am Nachmittag meldete, heute vor Langeweile bereits Fenster geputzt zu haben.

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Ein nahe gelegener, noch sehr belebter Platz

Was nun die soziale Isolation angeht, die ja das Ziel der meisten Maßnahmen ist, so klappt dies meiner Beobachtung nach noch nicht so gut. In meinem Fall hatten sie leider sogar das genaue Gegenteil zur Folge. Heute habe ich schon zum zweiten Mal am frühen Nachmittag gut gelaunt meine Einsiedelei verlassen, um auf einem nahe gelegenen, viel bevölkerten Platz mit meiner derzeit ebenfalls ins Homeoffice verbannten Medienberaterin Tanja und einer weiteren krisenbedingt heimarbeitenden Freundin in der Fühlingssonne einen Kaffee zu trinken. Auch morgen soll die Sonne wieder scheinen. Den Gedanken, dass es tatsächlich eine Ausgangssperre geben könnte, finde ich nicht nur deshalb recht beängstigend.

Montag, 16. März 2020

Montagsabends um diese Zeit nehme ich normalerweise ein Breitensportangebot für ältere Damen wahr und habe damit keine Zeit, anderweitig Unsinn anzustellen. Ähnlich fix, wenn auch weniger sportlich sind die Termine, die mich am Mittwoch und Donnerstag vom Gleichen abhalten. Seit heute aber ist alles anders, alles abgesagt, alles in Krise und Ausnahme, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Der Langeweile mit Däumchendrehen und Fernsehschauen zu begegnen, scheint mir nicht richtig. Immerhin hat der Bundespräsident vorhin im Radio jeden Einzelnen zu Vernunft und der Übernahme von Verantwortung aufgerufen. Wer wollte da zurückstehen? Schauen wir also mal, was wir hier tun können und vor allem was noch so passieren wird. Denn es sind ja nicht nur gefährliche, sondern auch ungeheuer spannende Zeiten, vor allem in puncto Konsum. Wird die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln irgendwann abreißen? Wie reagieren Menschen auf den weitgehenden Konsumverzicht, zu dem sie die Schließung so vieler Geschäfte wohl oder übel zwingt? Mit einiger Verwunderung und Verständnislosigkeit habe ich in den letzten Tagen die Hamsterkäufe im Lebensmittel- und Hygieneartikel-Sektor beobachtet. Denn ich bin ein eher besonnenes Gemüt und neige nicht zu vorschneller Panik. Selbst Futterneid, der mir nicht ganz fremd ist, hat mich nicht zum verstärkten Griff ins Nudelregal verleitet. Mir ist allerdings auch partout nichts eingefallen, was ich in größeren Mengen horten wollte oder sollte aus Angst, dass es in naher Zukunft nicht mehr verfügbar sein wird. Mein Vertrauen in den deutschen Einzelhandel ist grenzenlos.

Dass die Geschäfte jetzt aber ganz schließen, ändert natürlich die Sachlage. Als ich heute Abend aus dem Radio davon erfuhr, habe ich kurzerhand das Abendessen vom Herd genommen und bin noch vor Ladenschluss in die Stadt geradelt, zum Kaufhof, wo ich womöglich ab morgen schon nicht mehr kaufen kann, was ich doch so dringend brauche und nur dort bekomme: die Kapseln für den Espresso, ohne den es für mich nicht mehr geht, seitdem ich mit dem Rauchen aufgehört habe.

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Das sollte reichen.

Nun sind die Kaffee-Lager gut gefüllt, und ich blicke dem Kommenden deutlich gelassener entgegen. In jedem Fall werde ich weiterhin versuchen, mich von meinen Mitmenschen nicht mit jenem Wunsch und Spruch zu verabschieden, der sich in den letzten drei Tagen zum universellen Krisen-Gruß entwickelt hat. Unter jeder Mail und Kurznachricht stehen diese Worte derzeit, und auch flüchtige Bekannte rufen sich nach dem zufälligen Treffen auf Straße zum Abschied diese Formel zu, die diffus und unterschwellig von dräuendem Unheil und Betroffenheit kündet, aber nichts ausspricht,  wie man ja auch Lord Voldemorts Namen nicht nennen darf: Kommen Sie gut durch die Zeit!

Ein Kommentar zu „My little Corona Diary

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