My little Corona Diary

Sonntag, 29. März 2020

Was 2020 das Wort des Jahres wird, das steht wohl jetzt schon fest. Langeweile. Nun komme ich zwar langsam in ein Alter, in dem man nicht mehr jeden Abend in der Disco steht, aber dass ich eine ganze Woche jeden Abend zu Hause verbracht habe, das ist in den 1.560 Wochen der letzten dreißig Jahre noch nie vorkommen. Für meine vergnügungssüchtige Psyche gestaltet sich diese #wirbleibenzuhause-Veranstaltung vielleicht auch deshalb anstrengender als eine ganze Woche auf Alkohol und Partydrogen. Ich meine, was soll man denn die ganze Zeit machen? Kein gesunder Mensch kann doch jeden Abend fernsehgucken. Der alternativen Abwechslung halber haben wir hier sogar zweimal einen Abendspaziergang gemacht. (Es geht wirklich bergab.) Als dann irgendwann auch die guten Bücher aus waren, wurde schließlich zwecks Zerstreuung doch zur Fernbedienung gegriffen. Die Kurzweil und Ablenkung, die ich mir von dieser Maßnahme versprochen hatte, waren im Fernsehen diese Woche aber nicht zu finden. Denn eigentlich ging es auf allen Kanälen die ganze Zeit auch nur um das Virus und seine sieben Synonyme (Corona, Covid-19, Sars-CoV-2, neuartige Infektionskrankheit, Lungenseuche, Pandemie). Monotonie also auch dort. Nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind mir von all dem Gesehenen eigentlich nur zwei Sachen. Erstens die vielen verwackelten, unscharfen, unschönen Aufnahmen von Prominenten, Politikern und anderen Berufenen, die sich via Handykamera aus dem heimischen Wohnzimmer zu Wort meldeten, neben ihrer Expertenmeinung vor allem aber auch allerschönste Image-Werbung betrieben, indem sie (vielleicht auch aus der schieren Angst vor einem Shitstorm) demonstrierten, wie vorbildlich sie sich verhalten. (Viele Phänomene dieser Tage haben ganz klar das Zeug, sich dereinst als Paradebeispiel im Lehrbuch für PR und Medienmarketing wiederzufinden.) Das zweite, was mich ein wenig länger beschäftigt hat, war wieder einmal Markus Lanz. Ich meine, mir ist schon öfter aufgefallen, dass er viele wichtige Leute duzt, aber erst am Donnerstag habe ich begriffen, dass die alle zu seinem Haushalt gehören. Für Menschen, die derzeit hingegen keine Gäste haben dürfen, beginnt morgen schon die dritte Woche allein auf dem Sofa: sieben weitere Abende, an denen es sich gegen Langeweile, Phlegma und Abstumpfung zu wappnen gilt. Ich für meinen Teil werde es vielleicht mal mit Marathon-Sudoku und Power-Puzzeln versuchen, also mit echten Beschäftigungen für den Herbst (was ja im Sinne der dieses Jahr vertauschten Jahrszeiten eigentlich ganz hervorragend passt).

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Die Abende alter Menschen sind oft sehr still.

Mittwoch, 25. März 2020

Die Angst regiert in Zeiten von Corona. Vielen aber macht nicht nur das Virus Angst, sondern fast mehr noch die Tatsache, dass im Zuge der Pandemie-Bekämpfung bürgerliche Rechte wie die Versammlungs- oder Reisefreiheit vom Staat einfach eingeschränkt werden. Mancherorts wird sogar über Parallelen zu totalitären Regimen räsoniert. Von solchen Dingen verstehe ich nichts. Trotzdem soll man ja, zumal als kritischer Bürger, über andere Meinungen immer einmal nachdenken. Dabei kommt man jedoch hoffentlich recht schnell darauf, dass es sich bei Kontaktverbot und Ausgangssperre aller Wahrscheinlichkeit nach um Maßnahmen im Sinne des Infektionsschutzgesetzes handelt und nicht um solche im Zuge einer heimlichen politischen Gleichschaltung. Dafür spricht auch, dass das Virus selbst Despoten Angst macht: Ich sah heute Bilder von Wladimir Putin, der ein Krankenhaus besuchte, dabei aber aussah, als wäre er auf dem Weg nach Fukushima 2. Nichtsdestotrotz muss ich feststellen: Manches, was im Unrechtsstaat funktioniert, klappt auch in Corona-Country. Infolge der Ausgangsbeschränkungen verzeichnet die Polizei zum Beispiel weniger Straßenkriminalität, Einbrüche und Taschendiebstähle. Aber auch im Hinblick auf die kollektive Stimmungslage lassen sich gewisse Parallelen ziehen. Denn ähnlich wie andernorts die Meinungen scheinen in diesen schlimmen Zeiten bestimmte Gefühlsregungen unterdrückt werden zu müssen. Neben Angst, Bedrückung und Betroffenheit ist offen und öffentlich derzeit emotional maximal noch Platz für Dankbarkeit und Solidarität. Unterdrückung aber führt stets zu Heimlichkeit. Und da ich einerseits selbst nur ein fehlbarer kleiner Mensch bin und andererseits nicht glaube, dass außer mir nur Heilige über die entvölkerten Straßen und Plätze wandeln, bin ich mir sicher: Heimliche Freude belastet derzeit das Gewissen nicht weniger Mitmenschen. So könnte ich mir vorstellen, dass zum Beispiel die oben erwähnte Polizei ganz froh ist, dass sie gerade etwas weniger zu tun hat. Vermutlich gibt es bei den auf sich selbst zurückgeworfenen Familien neben dem sogenannten „Marzahn-Szenario“, also zunehmender häuslicher Gewalt, ebenfalls Sippen, die sich ein bisschen freuen über die viele Zeit, die sie gerade gemeinsam verbringen können. Umgekehrt empfindet vielleicht auch jemand ein klitzekleines bisschen Erleichterung darüber, dass er seine geliebte, gleichwohl ein wenig anstrengende Mutter ein paar Tage nicht besuchen kann. In jedem Fall kenne ich persönlich Anwohner im hiesigen Ausgehviertel, die gerade die nächtliche Ruhe sehr genießen. Und wer wollte es ihnen verdenken? Denn es ehrt ja eigentlich alle, dass sie ihre Freude eben nur heimlich empfinden, weil sie wissen, dass es anderen gerade nicht so gut geht. Nein, ich kann an diesem Gefühl nicht so viel Falsches oder Verwerfliches finden. Mir jedenfalls ist es als emotionale Reaktion auf die Ereignisse in jedem Fall viel lieber als die Sensationslust und die öffentliche Erregung am Ausnahmezustand, die dieser Tage ja auch recht oft und umso und lauter daherkommen. Wenn also demnächst sonntags um 18 Uhr vor lauter Dankbarkeit wieder musiziert werden sollte, stimme ich hier in meiner stillen Stube ein kleine Ode an die heimliche Freude an.

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Corona lässt selbst den großen Meister ratlos zurück.

Montag, 23. März 2020

Nachdem ich nun schon eine ganze Woche allein zum Einkaufen das Haus verlassen und dabei in ausreichendem Maße leere Nudel- und Klopapierregale fotografiert habe, ist in meinem Leben inzwischen doch eine gewisse Monotonie eingekehrt. Und wie ich so an ein, zwei, drei weitere Wochen in ähnlicher sozialer, kultureller und geografischer Einförmigkeit denke, kann ich es schon fühlen: Der Panther hinter den Stäben wird unruhig und beginnt, auf und ab zu tigern. Allein, es gibt seit gestern ja eigentlich keine Schlupflöcher mehr, durch die man hinaus und zu den anderen Menschen huschen könnte. Und selbst wenn man denn doch noch eines entdecken würde, scheut man selbst als einsamer Vorstand eines Einpersonenhaushalts davor zurück, es zu nutzen – wenn nicht aus einem Gefühl gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Opferbereitschaft, so in jedem Fall doch aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Bereits in der letzten Woche kam es meiner Beobachtung nach schon einem unsittlichen Antrag gleich, befreundeten Personen ein Treffen am Abend vorzuschlagen. In der letzten Woche war ich einmal so kühn, dies zu tun. Für diese Woche wurde mir ein solches angetragen, und statt gleich mit einem empörten Hinweis auf die Ansteckungsgefahren anzulehnen, sitze ich nun hier und weiß nicht so recht, was ich zwecks Antwort whatsappen soll. Denn erstens sind es ja liebe Menschen, die ich länger nicht sah und mag. Und zweitens bin ich eigentlich kein Freund von Moralinsäure und Prinzipienreiterei und muss meist auch nicht lange zum eigenverantwortlichen Regelverstoß überredet werden. Dennoch merke ich: Ich würde diesmal eigentlich lieber ablehnen. Nicht weil ich selbst Angst habe, aber vielleicht weil man die Angst der anderen ernst nehmen muss und weil ich für den Moment das bisher nicht gekannte Gefühl habe, dass es ausnahmsweise mal richtig wichtig ist, sich (zumindest für eine gewisse Zeit), ohne zu fragen, an die Regeln zu halten. So, das muss ich denen jetzt nur noch so schreiben, dass sie mich nicht für einen Spießer oder Gutmenschen halten. Und was mein eigenes Monotonie-Erleben angeht, so denke ich gerade, dass schiere Langeweile ja noch zu den besten Aussichten für die nächste Zeit gehört.

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Wer hätte gedacht, dass ein Foto von diesem Artikel einmal eine solche Sensation sein würde.

Sonntag, 22. März 2020

Je länger die Isolationshaft andauert, umso schwerer fällt es, ein frohes Herz zu behalten. Denn eine ganz große Bedrückung will sich derzeit ja auf alles legen, was nicht schnell genug das Radio, Fernsehen und vor allem alle Online-Nachrichtenkanäle abschaltet. Im Minutentakt halten Bundeskanzlerinnen, Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister Ansprachen ans Volk, und nicht selten wird, wo immer ein Vergleich oder Bezugspunkt gebraucht wird, auf das Wort „Krieg“ zurückgegriffen. Ich halte das – eben wegen der bereits erwähnten Opposition „Front versus Sofa“ – für ein bisschen übertrieben, kann aber trotzdem nicht umhin festzustellen, dass es auch im Fall von Corona echte Kriegsgewinnler gibt. Da sind zum Beispiel die im „Sommermärchen-Prozess“ angeklagten Fußball-Senioren, deren einer sich zunächst statt in den Gerichtssaal einfach in „selbst verordnete Quarantäne“ begeben hat und die nun samt und sonders sogar auf komplette Verjährung hoffen dürfen: Schon am 27. April wäre es so weit. Die Welt ist nicht gerecht. Das merken gerade sicher noch viel schmerzlicher all die vielen kleinen Händler, die ihre Geschäfte haben zusperren müssen, während bei Amazon, Zalando und Co. derzeit vermutlich die Ladenkassen bimmeln, als wäre dreimal hintereinander Weihnachten, und Jeff Bezos, wie man liest, mit der Einstellung von Tausenden zusätzlichen Niedriglohnkräften den Reibach nochmals kräftig optimiert. Da möchte ich mir wirklich mein seriösestes Business-Kostüm anziehen, zwecks Kompetenz-Optik vor meinem Bücherregal Aufstellung nehmen, entschlossen in die Kamera blicken und sodann ein energisches Wort an alle der Hoffnung, Weisung und geistig-moralischen Aufrichtung Bedürftigen richten: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, würde ich sagen, „bitte kaufen Sie in diesen Tagen der bitteren Krise außer Lebensmitteln nichts, was sie nicht absolut und unbedingt brauchen. Widerstehen Sie vor allen Dingen in jedem Fall der Versuchung, als billigen Trost für anderweitige Entbehrung nutzlose Dinge im Internet zu bestellen. Denn: Wer nichts kauft, spart 100 Prozent. Statt also in den nächsten Wochen gedankenlos wieder und immer wieder den Kaufen-Button zu drücken, sparen Sie Ihr unter Schweiß und Tränen verdientes Kapital und warten Sie ruhig und besonnen das Ende des Shutdowns ab. Verlassen sie am Tag darauf umgehend das Haus, stürmen Sie Ihre eigene Innenstadt und verplempern, verjubeln und verschleudern Sie dort die Penunze, als gäbe es kein Morgen. Sorgen Sie dabei vor allem dafür, dass nicht große, internationale Ketten von diesem kollektiven karitativen Kaufrausch profitieren, sondern kleine, lokale Einzelhändler, für die es sonst vielleicht tatsächlich kein Morgen gibt. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihre Solidarität!“

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Hier wird gerade gehäuft italienisch gespeist.

Donnerstag, 19. März 2020

Nach der großen Ansprache der Kanzlerin gestern bin ich zerknirscht in mich gegangen und habe das egoistische aushäusige Kaffeetrinken sofort eingestellt. Gott sei Dank wird auch das Wetter langsam schlechter, da fällt es dem Herz leichter dem Kopf zu folgen und nicht mehr so freudig suchend auszugehen. Auf mich selbst zurückgeworfen und aller menschlichen Bindungen ledig, eröffnet mir nurmehr das Internet einen Weg in die Welt. Hier allerdings finden sich neben all den schlechten Nachrichten dieser Tage auch die reizendsten Zerstreuungen und Divertissements: Chefköche publizieren ihre besten Rezepte zum Thema „Nudeln mit Klopapier“, feixende Gabelstaplerfahrer rollen durch endlose, riesige Lagerhallen, in denen sich der begehrte Toilette-Artikel bis unter die Decke stapelt, und hübsch gestaltete Hinweisschilder setzen mich darüber in Kenntnis, dass man die Generationen vor uns an die Front, uns selbst jedoch nur aufs Sofa kommandiert habe. Es beruhigt mich sehr, dass es all dieses auch noch gibt. Denn angesichts all der Meldungen zum Ernst der Lage und der allgemeinen Betroffenheit traut man sich ja selbst als Rheinländer kaum mehr, auch mal einen Scherz zum Thema zu machen. Noch schöner als die vielen Zeugnisse menschlicher Kreativität, die einen dieser Tage so vielzählig via WhatsApp und Instagram erreichen, finde ich die guten Nachrichten aus der Wirklichkeit (?), die im Zusammenhang mit der Krise allenthalben auch zu finden sind. Denn der Mangel zeigt ja oft auch, was man alles nicht braucht. In Venedig, so las ich zum Beispiel, ist das Wasser in den Kanälen plötzlich ganz klar. Im Chicagoer Zoe laufen die Pinguine frei im Aquarium herum, und in Texas wurde wegen Corona eine Hinrichtung ausgesetzt. Bei all dem vielen notgedrungenen Zeitungslesen dieser Tage muss das gesunde Hirn freilich aufpassen, dass es sich nicht ansteckt, zum Beispiel an Jogi Löws schwäbisch-schwärmerischen Thesen und apokalyptischen Visionen, dass sich die Erde gerade „gegen die Menschen stemmt“, gegen „deren Tun“ und „Tempo“ sowie gegen „Macht, Gier und Profit“. Und dann ist da natürlich auch noch diese Ischgl-Sache. Aber auch hier werde ich im Dienste der Aufklärung morgen erst noch mal mit Hilfe der Bild-Zeitung und all der anderen gerade umso aufgeregter Publizierenden die Fakten ganz sauber von den Verschwörungstheorien trennen.

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Sobald sich der deutsche Profi-Fußball gegen Gier und Profit stemmt, entlässt uns Corona  wieder aus seinem bösen Griff.

Mittwoch, 18. März 2020

Auch am dritten Tag der Aufzeichnungen merke ich selbst von den Auswirkungen des Corona-Shutdowns recht wenig. Das Leben hier fühlt sich weitgehend so wie immer an. Das Einzige, was mir tatsächlich sehr fehlt, ist der Sport. Heute Morgen hätte ich ein Tennis-Date gehabt. Aber auch das Vereinsleben ist ja im Dornröschen-Modus derzeit. Stattdessen bin ich einkaufen gegangen (von den Versuchungen im Zusammenhang mit der Heimarbeit schrieb ich ja gestern schon). Beim Edeka waren die Zeichen der Krise dann allerdings nicht mehr zu übersehen. Im Nudelregal lagen nur noch ein paar Packungen Lasagne. Die esse ich aber auch nicht gerne.

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Edeka hat ein paar Köder für Alf ausgelegt.

An der Kasse stand ein sehr elegant aussehendes Ehepaar vor mir, beide trugen Mundschutz und Gummihandschuhe. Man ist ja immer versucht, das zu belächeln, doch es waren schon etwas ältere Herrschaften, und für die ist die Bedrohung vermutlich sehr real. Auf der Straße kamen mir später aber auch zwei junge Mädchen entgegen, die sich ein Halstuch über Mund und Nase gebunden hatten. Vielleicht waren sie auch nur auf dem Weg zu einem Banküberfall. Wieder zu Hause las ich in der Zeitung, dass die French Open auf den Herbst verschoben worden seien. Damit fallen derzeit auch alle Möglichkeiten des Passivsports weg. Tennis nun also erst wieder im Herbst. Ich weiß allerdings nicht, ob ich im Herbst Zeit habe. Denn im Herbst gehe ich schon auf die letzte Woche ausgefallene Lesung mit Debbie Harry, auf das abgesagte Wanda-Konzert vom Freitag und vermutlich auch auf die abgeblasene Geburtstagsparty, auf die ich mich am Samstag so gefreut hatte. Der Herbst ist ja der Hoffnungshorizont dieser Tage. Da findet dann alles statt. Freuen wir uns dieses Jahr statt auf den Frühling also auf dessen Antipoden, die Jahreszeit des Verblühens und Vergehens, und hoffen wir, dass das dann auch alles so klappt.

Dienstag, 17. März 2020

Wer schon einmal von seinem Arbeitgeber nach Jahren der Aufopferung wegen seines Alters, ansonsten aber völlig grundlos gekündigt wurde oder unter ähnlichen Umständen unverhofft von seinem Ehegemahl geschasst wurde, der hat ihn bestimmt schon gehört, den Satz von der „Krise als Chance“. Für mich hat er allerdings immer ein bisschen nach allzu billigem Trost geklungen. Solange es jedoch keinen anderen gibt und auch kein Impfschutz verfügbar ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch der Causa Corona auf diesem Wege zu nähern. Mir fällt dies besonders leicht. Denn bei mir ist im Prinzip schon seit gut 15 Jahren Corona, jedenfalls, was die Arbeit angeht. Als Freiberuflerin sitze ich tagaus, tagein mit meinem kleinen Computer zu Hause und versuche, zwischen 9 und 18 Uhr nicht allzu oft den vielen Verlockungen jenseits des Schreibtischs nachzugeben. Für viele andere ist genau diese Situation jedoch völlig neu, und sie müssen erst lernen, dass der Arbeitgeber sie im Heimbüro nicht dafür bezahlt, zwischendurch mal einkaufen zu gehen, die Wäsche zu machen oder eine Folge Serie zu schauen. Dies eben nicht zu tun und das große Vertrauen zu rechtfertigen, das schaffen nur die Besten. Ich könnte mir vorstellen, dass beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – nach Abschluss dieses Experiments der Arbeitsform „Homeoffice“ wieder ein bisschen kritischer gegenüberstehen. Dass Heimarbeit und Hausarbeit nicht nur sprachlich recht nah beieinanderliegen und viele der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu einem deutlichen Aufschwung auf hauswirtschaftlichem Gebiet beitragen, bestätigt auch meine Freundin Stefanie, die am Nachmittag meldete, heute vor Langeweile bereits Fenster geputzt zu haben.

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Ein nahe gelegener, noch sehr belebter Platz

Was nun die soziale Isolation angeht, die ja das Ziel der meisten Maßnahmen ist, so klappt dies meiner Beobachtung nach noch nicht so gut. In meinem Fall hatten sie leider sogar das genaue Gegenteil zur Folge. Heute habe ich schon zum zweiten Mal am frühen Nachmittag gut gelaunt meine Einsiedelei verlassen, um auf einem nahe gelegenen, viel bevölkerten Platz mit meiner derzeit ebenfalls ins Homeoffice verbannten Medienberaterin Tanja und einer weiteren krisenbedingt heimarbeitenden Freundin in der Fühlingssonne einen Kaffee zu trinken. Auch morgen soll die Sonne wieder scheinen. Den Gedanken, dass es tatsächlich eine Ausgangssperre geben könnte, finde ich nicht nur deshalb recht beängstigend.

Montag, 16. März 2020

Montagsabends um diese Zeit nehme ich normalerweise ein Breitensportangebot für ältere Damen wahr und habe damit keine Zeit, anderweitig Unsinn anzustellen. Ähnlich fix, wenn auch weniger sportlich sind die Termine, die mich am Mittwoch und Donnerstag vom Gleichen abhalten. Seit heute aber ist alles anders, alles abgesagt, alles in Krise und Ausnahme, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Der Langeweile mit Däumchendrehen und Fernsehschauen zu begegnen, scheint mir nicht richtig. Immerhin hat der Bundespräsident vorhin im Radio jeden Einzelnen zu Vernunft und der Übernahme von Verantwortung aufgerufen. Wer wollte da zurückstehen? Schauen wir also mal, was wir hier tun können und vor allem was noch so passieren wird. Denn es sind ja nicht nur gefährliche, sondern auch ungeheuer spannende Zeiten, vor allem in puncto Konsum. Wird die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln irgendwann abreißen? Wie reagieren Menschen auf den weitgehenden Konsumverzicht, zu dem sie die Schließung so vieler Geschäfte wohl oder übel zwingt? Mit einiger Verwunderung und Verständnislosigkeit habe ich in den letzten Tagen die Hamsterkäufe im Lebensmittel- und Hygieneartikel-Sektor beobachtet. Denn ich bin ein eher besonnenes Gemüt und neige nicht zu vorschneller Panik. Selbst Futterneid, der mir nicht ganz fremd ist, hat mich nicht zum verstärkten Griff ins Nudelregal verleitet. Mir ist allerdings auch partout nichts eingefallen, was ich in größeren Mengen horten wollte oder sollte aus Angst, dass es in naher Zukunft nicht mehr verfügbar sein wird. Mein Vertrauen in den deutschen Einzelhandel ist grenzenlos.

Dass die Geschäfte jetzt aber ganz schließen, ändert natürlich die Sachlage. Als ich heute Abend aus dem Radio davon erfuhr, habe ich kurzerhand das Abendessen vom Herd genommen und bin noch vor Ladenschluss in die Stadt geradelt, zum Kaufhof, wo ich womöglich ab morgen schon nicht mehr kaufen kann, was ich doch so dringend brauche und nur dort bekomme: die Kapseln für den Espresso, ohne den es für mich nicht mehr geht, seitdem ich mit dem Rauchen aufgehört habe.

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Das sollte reichen.

Nun sind die Kaffee-Lager gut gefüllt, und ich blicke dem Kommenden deutlich gelassener entgegen. In jedem Fall werde ich weiterhin versuchen, mich von meinen Mitmenschen nicht mit jenem Wunsch und Spruch zu verabschieden, der sich in den letzten drei Tagen zum universellen Krisen-Gruß entwickelt hat. Unter jeder Mail und Kurznachricht stehen diese Worte derzeit, und auch flüchtige Bekannte rufen sich nach dem zufälligen Treffen auf Straße zum Abschied diese Formel zu, die diffus und unterschwellig von dräuendem Unheil und Betroffenheit kündet, aber nichts ausspricht,  wie man ja auch Lord Voldemorts Namen nicht nennen darf: Kommen Sie gut durch die Zeit!

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