My little Corona Diary, Band 2

Tag 146: Mittwoch, 31. März 2021

Wenn ich irgendetwas Positives an Corona entdecken kann, dann ist es mein Kontostand. Noch nie in den rund 25 Jahren geregelter Erwerbstätigkeit, die mein Leben nun schon kennt, hatte ich so viel Geld übrig wie derzeit. Denn das meiste, was es sonst kostet, ist ja gerade geschlossen und unerreichbar. Ohne Theater, Urlaub, Kino, Konzert, Wochenendtrip, Restaurantbesuch oder Real-Life-Shopping-Tour gibt man ja praktisch nichts mehr aus. Heute sind schon wieder 35 Euro in meinem Portemonnaie geblieben, denn beim Coiffeur wurde mir unerwarteterweise der Zutritt zum Salon verwehrt. Die hiesige Oberbürgermeisterin hatte über Nacht die Notbremse gezogen und damit schon vor der Zeit die Inanspruchnahme der so dringend notwendigen körpernahen Dienstleistung von einem negativen Corona-Test abhängig gemacht, und zwar von einem „richtigen“. Was aber ist der Mensch bereit, auf sich zu nehmen für einen feschen Kurzhaarschnitt oder ein paar neue Sneaker? Lässt er sich den Wattebausch bis weit in die Stirnhöhle schieben, nur um beim Mediamarkt weitere hochpreisige Elektrogräte im Ratenkaufverfahren an sich bringen zu können? Nun, was soll ich sagen: Die Stadt war voll, die Schlange vor der Apotheke mit dem weithin sichtbaren „Covid-19-Test ohne Termin“-Plakat knapp hundert Meter lang. Ob die Bremse irgendetwas stoppt, scheint insofern fraglich. Anders als im letzten Frühjahr ist von dem diesjährigen Lockdown im Straßenbild auf jeden Fall nichts zu bemerken. Von leer gefegten Innenstädten keine Spur. Im Gegenteil: Egal, wo man draußen hinkommt, es ist eigentlich überall rappelvoll. Nachmittags auf der Joggingstrecke am Rhein zum Beispiel ist bei dem Wetter ist kein Durchkommen. Das liegt daran, dass alle im Homeoffice sind. Andererseits ist ein bisschen rauszugehen auch alles, was einem noch bleibt dieser Tage. Freilich würde einem ein negativer Test vielleicht auch den Weg ins Museum o. ä. eröffnen, aber auch für edlere Ziele als den schieren Konsum scheint mir in meinem nun schon seit mehr als einem Jahr kultivierten Corona-Phlegma das Prozedere zu aufwendig, umständlich, anstrengend, die Sache also irgendwie die Test-Tortur nicht wert. (Ebenso wie die Politik und die Impfwissenschaft behalte ich es mir jedoch vor, meine Meinung jederzeit zu ändern.) Ich bleibe einfach weiter zu Hause und denke über die großen pandemischen Fragen nach, also erstens über den Lockdown und darüber, ob etwas existiert, was man nicht sehen kann, zweitens über das AstraZeneca-Paradoxon, also über die Frage, für wen am Ende gedacht ist, was zunächst auf keinen Fall Ältere, nun aber auch niemals Jüngere bekommen sollten, sowie drittens und schwerstens darüber, ob hü nicht eigentlich hott ist.

Der gute Vorsatz für morgen: Erst ins Testzentrum und dann ein neues Twinset kaufen.

Tag 136: Sonntag, 21. März

Wir drehen uns weiter im Kreis bzw. im Strudel der Seuche, und das, was gestern noch nach unten gezogen wurde, wird morgen schon wieder hochgespült. Lockdown, Lockerung, Lockdown, Lockerung, Lockdown. Kinder in die Schule, Kinder wieder nach Hause, Existenznot bei den Wirten und Hoteliers, Erleichterung bei den Friseuren, Tennis erlaubt, Sport verboten, Tennis wieder erlaubt. Seit einem Jahr strudeln immer wieder dieselben Themen vorbei, nach jeder Runde sehen sie ein bisschen strapazierter aus, aber irgendwie auch ein bisschen uninteressanter. Kurz, ich weiß gar nicht mehr, was ich noch schreiben soll, denn wir haben hier ja inzwischen nahezu alle Facetten des Lebens ohne Corona durchexerziert. Wie es mit Corona ist, das musste bisher ja Gott sei Dank noch nicht erörtert werden. Wie es aussieht, wird sich daran auch nichts ändern. Denn meine Impfung steht kurz bevor. Anfang der Woche jedenfalls rief mich eigens jemand im Auftrag des deutschen Gesundheitswesens an, um mir mitzuteilen, dass es trotz des ganzen Astra-Zeneca-Zirkus bei meinem Impftermin bleibe. Meinen Einwand, dass ich gar keinen Impftermin hätte, ließ der freundliche Callcenter-Agent nicht gelten. Stattdessen versicherte er mir, dass ich auf seiner an höherer Stelle geführten Liste der Anzurufenden stünde, dass ich in Bälde geimpft werde und dass man mir auf keinen Fall das böse Thrombose-Gift injizieren werde, sondern den guten Stoff von Biontech oder Moderna. Da der nette junge Mann sonst nichts weiter wollte, sondern tatsächlich nur anrief , um eine eventuell besorgte Bürgerin in der aktuellen Aufregung um die Vaccine zu beruhigen, gehe ich davon aus, dass es sich nicht um einen Telefonbetrüger handelte und dass ich tatsächlich auf der Liste der bedrohten Arten stehe. Ich weiß immer noch nicht, warum. Aber das großzügige Maskengeschenk der Bundesregierung hatte es neulich schon angedeutet. Und natürlich sage ich auch diesmal nicht nein. Denn die Impfung ist, so scheint´s mir, ja das Tor zur Freiheit, zur Sonne, zum Licht. Seither träume ich von Urlaub – und stoße in meinem Umfeld auf hässlichen Neid. Denn von Urlaub träumen natürlich alle, aber alle Nichtgeimpften und langfristig Terminlosen lehnen Vergünstigungen aufgrund des Impfstatus selbstverständlich strikt ab. Das kann ich verstehen, das ging mir vor einer Woche noch genauso. Eine ansonsten liebe Freundin, die sich im Leben auf eine Gehaltsstufe gearbeitet hat, auf der sie sich längere, weitere, teurere Reisen leisten kann als ich, machte auch jenseits dessen keinen Hehl daraus, dass sie sich von der spahnschen Impfreihenfolge ungerechtfertigterweise zurückgesetzt fühlt. Daraufhin entwickelte sie einen alternativen Impfplan, dem sich eine Politik, die die katastrophalen volkswirtschaftlichen Folgen von Corona wirklich abfedern möchte, eigentlich nicht verschließen kann. Es sei ja, so argumentiert sie in der glasklaren Logik des Kapitalismus, ökonomisch viel sinnvoller, zunächst alle Besserverdienenden zu impfen. Denn diese könnten frisch immunisiert in Innenstädten, Ladenzeilen und Reisebüros viel effektiver und umfassender Gutes tun als ich armer Schlucker.

Mit interessanten Tierversuchen stimme ich mich auf die kommenden Ereignisse ein.

Tag 118: Mittwoch, 3. März 2021

Das Warten auf bessere Zeiten geht weiter. Die Läden und alle anderen zentralen Orte menschlicher Vergnügungen bleiben noch rund weitere vier Wochen geschlossen, und auf den Karneval ist erst einmal die Fastenzeit gefolgt. Damit hat die Corona-Krise nun ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Für mich jedenfalls. Denn ich verzichte in diesen sechs Wochen bis Ostern traditionell auf Alkohol. Das bedeutet auch: Mit einem kleinen Hellen oder einem Schlückchen Portwein des Abends ein bisschen an der Stimmung zu schrauben, ist derzeit keine Option. Dabei scheint es einem gerade an diesen langen, einsamen Corona-Abenden nach diesen langen, einsamen Homeoffice-Arbeitstagen doch eigentlich oft so, dass man sich ein wenig Glück aus der Flasche verdient habe. Was man so liest, bin ich mit diesem Empfinden nicht alleine. Denn ob Flaschenbier oder Rotwein: Die Absatzzahlen sind trotz geschlossener Kneipen während und aufgrund der Corona-Krise deutlich gestiegen, und Studien belegen: Neben dem Homeschooling boomt auch das Homedrinking. Die ganze Tristesse ungefiltert auszuhalten, das schaffen nicht viele. Und natürlich ist ja auch so, dass es außer essen und trinken derzeit nicht mehr viel gibt, was man kaufen oder tun kann. („Malteserkreuz, Herr Strack?“ – „Man gönnt sich ja sonst nichts!“) Der Verzicht fällt also in diesem Jahr besonders schwer. Gleichzeitig ist er – eben wegen der beschriebenen unguten Tendenz zum einsamen Belohnungs- und Trostrinken – natürlich umso nötiger. Da könnte man es fast als eine willkommene Unterstützung empfinden, dass mit all den Geburtstagsfeiern und anderen Festen, die gerade nicht gefeiert werden, alle bösen Verlockungen wegfallen, die sonst manchmal selbst die entschlossensten Temperenzler auf ihrem Weg zur reinen Tugend straucheln lassen. (Auch auf Personen, deren Gesellschaft durch Alkohol deutlich erträglicher wird, trifft man derzeit praktisch gar nicht mehr.) Wohl auch deshalb habe ich die ersten 14 Tage Abstinenz erfolgreich hinter mich gebracht und sehe entsprechend auch vier weiteren Wochen Trockenheit und Lockdown recht gelassen entgegen. Ob das allerdings auch für diejenigen gilt, die derzeit wirklich einen Grund zum Saufen haben, ist eine Frage, über die ich nicht nachdenken will.

Der Corona-Schnelltest ergibt: null Komma null Promille.

Tag 100: Samstag, 13. Februar 2021

Das Rheinland trägt gerade Trauer statt Kostüm. Der Karneval fällt aus. Komplett. Der beste Teil jedenfalls, der Straßenkarneval. Am Wieverfastelovend vorgestern war es hier praktisch in der ganzen Stadt so wie in Hamburg und Berlin jedes Jahr um diese Zeit. Ich hätte es nicht gedacht, aber es war tatsächlich nirgendwo ein gravierend subversives Tun und Treiben zu bemerken (auch wenn viele Maskierte unterwegs waren). Das war vielleicht auch besser so, denn in der Zeitung sah ich schon Bilder von Polizisten, die hierzulande mit illegal Karneval Feiernden in derselben Art und Weise verfuhren wie die russische Polizei mit Demonstranten. Vielleicht ging es einigen anderen aber auch so wie mir: Angesichts der arktischen Temperaturen draußen war ich nicht allzu traurig, dass ich nicht fünf Stunden lang mit dem Kölschglas in der blau gefrorenen Hand auf der Straße stehen und Karnevalslieder singen musste.

Das karnevalistische Drohszenario: Bei Zwei- und Dreigestirnen, die Orden verteilen, Kappensitzungen, Bernd Stelter und Guido Cantz verlasse ich den Saal von selbst.

Mit mir und dem Fastelovend ist es ohnehin so eine Sache, denn wiewohl Rheinländerin, bin ich nicht unbedingt so eine rheinische Frohnatur, ich verkleide mich nicht gerne, selbst fürs Schunkeln reicht mein Rhythmusgefühl nicht, und unter Alkohol mit wildfremden Menschen knutschen, dafür bin ich inzwischen bedauerlicherweise zu alt. Meinen Festivitätsbedürfnissen hat Corona sicher schmerzlichere Verluste zugefügt als die Austreibung des Karnevals. Das darf man hier im Rheinland freilich nicht laut sagen. Und ganz so ist es natürlich auch nicht. Denn erst vor zwei Jahren fand ich nichts schöner als fünf Stunden mit dem Kölschglas etc. Ich war damals Päpstin und habe in diesem Kostüm die interessantesten Erfahrungen gemacht: Manche Leute suchten ernsthaft das Glaubensgespräch mit mir, andere haben mich stellvertretend beschimpft, wieder andere wollten sich unbedingt mit mir fotografieren lassen, und von zweimal wurde ich auch von mir gänzlich Unbekannten geküsst. (Aber Rot steht mir auch wirklich gut.)

Auch übers Kostüm hinaus sehe ich für mich eine deutliche Brücke zwischen Karneval und Kirche: Bei beiden gefällt mir die Musik am besten. Und bei beiden bin ich in dieser Hinsicht absolut Old School: Ich will Orgel und nicht Gitarre, ich bin Bläck Fööss und nicht Cat Ballou. Ich mag es einfach, wenn der Karneval auch nach Karneval klingt und nicht nach Popmusik in Mundart. Nichtsdestotrotz war ich sehr gespannt, welche tonkünstlerische Bearbeitung das Trauma durch die Brauchtums-Bands erfahren würde. Ich versprach mir durchaus einiges davon (die Rolling Ghosts haben da auf jeden Fall noch deutlich Luft nach oben gelassen). Doch auch kölschen Kehlen entlockt Corona keine fröhlichen Töne. Die Stimmungslage der meisten Songs lässt sich auf die langweilige Formel des letzten Frühjahrs bringen: Pathos, Balkonsingen, zesammestonn. Bei einer Recherche im Radio in den letzten Tagen fiel allein das folgende recht traditionelle Stück ein wenig aus dem Stimmungsrahmen:

Eine Aufnahme, wo der ganze Saal mitgrölt, gibt es leider noch nicht.

Immer wenn mir dieser Tage einfällt, dass ja Karneval ist, stimme ich jedoch nicht dieses Lied an, sondern „Kayjass Nummer null“. Dann gieße ich mir erst einen Kabänes ein und dann einen Schabau und habe kurz eine Ahnung davon wie schön und betrunken alles schon am helllichten Nachmittag sein könnte.

Für et Hätz.

PS: Im Rahmen der Feldforschung für diesen kleinen Blog bin ich auch einer Einladung zu einem Corona-Karnevalskonzert gefolgt, dem ich sonst vielleicht eher ferngeblieben wäre. So aber war ich diese Woche bei einem Autokonzert mit den „Höhnern“, die wie alle professionellen Karnevalskünstler in dieser Session um die meisten ihrer Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten gebracht sind. Der „CAR-neval“ (so die Ankündigung) war auch interessant, aber wenn man beim Autofahren einfach eine Karnevals-CD einlegen würde, wäre es genauso schön, aber wärmer.

Es gibt gute Gründe, warum ich keine Dokumentarfilmerin geworden bin.

Tag 95: Montag, 8. Februar 2021

Ich habe vorletzte Woche Post von der Bundesregierung bekommen, die mir fast pünktlich zum ersten Geburtstag ihrer größten Herausforderung als Überraschung ein kleines Geschenk zukommen ließ. Es waren zwei Gutscheine, die ich in einer Apotheke meiner Wahl gegen jeweils sechs FFP2-Masken eintauschen kann. Ich war ganz gerührt. Die letzten Gutscheine vom Staat habe ich in den Siebzigerjahren in den Händen gehalten. Damals gehörten diesem noch die Eisenbahn und die Post, und alle Bürger profitierten vielfältig von sozialen Segnungen. Für die einen Gutscheine erhielt man als Fahrschüler eine Monatskarte vom Heimat- zum Schulort, die anderen konnte man einlösen gegen Lehrmittel, also Bücher. Zu Beginn jedes Schuljahres bekam man immer einen ganzen Bogen davon, und sie waren, wenn ich mich richtig erinnere, lachsrot. Ach, wie lange habe ich nicht mehr an diese seligen Zeiten gedacht! Doch zurück ins Hier und Jetzt: Dies war also die erste Corona-Hilfe, die ich bekam, und das ebenfalls, ohne zuvor einen Antrag gestellt zu haben. Meine kindliche Freude über das unverhoffte Präsent wurde in der Apotheke ein bisschen getrübt. Dort erfuhr ich nämlich, dass ich chronisch krank bin. Das war mir neu. Doch nachdem die Apothekerin uncharmanterweise nur durch Nachfragen ausschließen konnte, dass ich noch nicht 60 bin, blieb allein dies als mögliche Erklärung für meine Maske-Marken. Wer sich aber fragt, woher Big Brother das weiß, dem sei geantwortet: Ich glaube, es ist völlig sinnlos, sich gegen die geplante elektronische Patientenakte zu stemmen. Doch zurück zu meinen Masken und den Gefühlen, die sie begleiten. Die haben sich nämlich im Laufe dieses einen Jahres ziemlich gewandelt, und das nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen, wie ich den wenigen Gesprächen entnehme, die ich noch führe. Erinnern Sie sich noch an den Enthusiasmus der Anfangstage? Als der Krieg begann, zogen alle mit Feuereifer in die Schlacht. Was wurden damals Masken genäht! Sogar meine über 80-jährige Mutter hat im letzten Frühjahr nach Jahren der Abstinenz noch einmal ihre Nähmaschine aufgeklappt und mit Arthrose in den Händen und einem Star im Auge alles gegeben fürs Vaterland und eine gerade Naht. Ich kann mich erinnern, dass wir in jenen langen zurückliegenden vier- und fünfköpfigen geselligen Runden zu später Stunde lustige Fotos gemacht haben mit Masken. Und als ich dereinst die erste verlorene oder weggeworfene Maske auf der Straße entdeckte, habe ich ebenfalls die Handykamera gezückt, weil es mir so symbolhaft erschien (und weil ich ja auch das erste Tagebuch hier mit etwas bebildern musste). Doch inzwischen gehören zertretene graue Masken im Rinnstein zum Straßenbild wie Meckes-Tüten und Zigarettenkippen, und die Zeiten der großen, pathetischen Gesten sind lange vorbei. Niemand klatscht, dankt und singt mehr vom Balkon. Alle sind zermürbt von der Schlacht und endgenervt. Und so hat Kapitalismus dem Enthusiasmus die Zügel wieder aus der Hand genommen, und seine Gesetze bestimmen das Krisengeschehen. Statt Masken zu nähen, womöglich sogar für andere, kauft man sie jetzt im Handel, und nacheinander haben die verschiedensten Anbieter dabei ihren Reibach gemacht. Gerade sind die FFP2-Produzenten dran – und die Apotheken. Denn für jede Maske, die der Staat verschenkt, bekommt die Apothekerin 6 Euro (der Apotheker natürlich auch). Das erfuhr ich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auch die Einkaufspreise für das „filtering face piece“ der Schutzklasse 2 kannte: 0,80 bis 1,40 Euro. Was der FFP2-Schutz pro Stück im unstudierten Einzelhandel kostet, weiß vermutlich jeder selbst: zwei bis drei Euro. Ich würde also sagen: In der Pillenbude stimmt die Marge. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Apothekerin gleich auch meinen zweiten Gutschein einbehalten hat, obwohl der erst ab 16. Februar gilt. Ach, wer wollte da klatschen?

Es wird noch lange dauern, bis Brillenträger wie ich beim Metzger die Wurst in der Auslage wieder erkennen können.

Tag 88: Montag, 1. Februar 2021

Haben Sie es heute Abend in der „Tagesschau“ auch gesehen? Auf dem Kopf der Kanzlerin wachsen Haare in mindestens zwei Farben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Seit mehr als sechs Wochen haben auch die Friseure nun schon wieder geschlossen. Die Sorge bzw. der Unmut ist deshalb auf beiden Seiten groß: an und unter der Schere. Die Friseure bzw. ihr sehr aktiver Berufsverband haben entsprechend in den letzten Wochen ordentlich Rabatz macht. Unter dem Motto „Licht an, bevor es ganz ausgeht“ brannte am Wochenende zum Beispiel in vielen Salons rund um die Uhr das Licht über verwaisten Waschbecken und Trinkgeldkästchen. Aber auch ein Brandbrief an den DFB wurde verfasst, nachdem die Schädel vieler Fußballprofis trotz Lockdown immer noch so verdächtig akkurat rasiert sind. Weil der Grad der mitmenschlichen Solidarität in diesen globalen Bad Hair Days auch an der Länge der Locken gemessen wird (und vielleicht auch aus Sorge, selbst noch medienwirksame Post von der Figaro-Innung zu bekommen), hat Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor Kurzem per Erlass auch das Haareschneiden in den Kasernen untersagt. (Damit ist natürlich in Kürze der korrekte Sitz der ABC-Schutzmaske in akuter Gefahr.) Wir sehen: Haareschneiden, dieses eigentlich ach so harmlose Tun, hat sich unter dem unseligen Einfluss der Seuche zu einer ziemlich heiklen Tätigkeit entwickelt, die bisweilen schon eine regelrechte Kriminalisierung erfährt. „Polizei hebt illegales Friseurstudio aus“: Das ist keine Szenerie, die ich mir gerade zwecks Übertreibung ausgedacht habe, sondern eine Schlagzeile aus meinem Lieblingsboulevardblatt. Der Sprecher der zuständigen Polizei Unna rapportierte zur Beweismittellage am Tatort ansonsten noch Folgendes: „Einige der angetroffenen Personen hatten frische, akkurate Haarschnitte, der Rest von ihnen stand scheinbar kurz davor. Denn auf dem Boden lagen abgeschnittene Haare, auf den Tischen befanden sich Scheren und anderer Friseurbedarf.“ Ich hoffe, dass wir schon bald über Dinge wie diese wieder laut lachen dürfen. Nichtsdestotrotz ahne auch ich, wie ernst die Lage ist, nicht nur für Friseure. Ich war schon einmal arbeitslos und habe eine gewisse Vorstellung davon gewonnen, was Existenzangst bedeutet. Daher habe ich auch Verständnis für jeden, der die Risikoabwägung derzeit lieber selbst übernimmt und das ein oder andere Alternativgeschäft dem widerstandslosen Untergang vorzieht. Und wenn man das einmal als mögliche Strategie akzeptiert hat, dann muss man sagen, dass Friseure im Vergleich zu vielen Einzelhändlern in der Krise doppelten Vorteil genießen. Denn ihr Angebot ist immer noch unersetzlich: Einen neuen Haarschnitt kann man nicht im Internet bestellen. Und es braucht auch kaum mehr als ein bisschen Heimlichkeit, um die berufsspezifische Dienstleistung auch in Lockdown-Zeiten an Mann und Frau zu bringen. Ich selbst lasse wie während der letztjährigen Sperrstunden zwar immer noch völlig legal das Fräulein Stefanie schneiden, eine äußerst talentierte Hobby-Coiffeurin aus dem engsten Familienkreis, aber ich könnte hier auch andere Geschichten erzählen. Doch das sind ja nicht meine. Was ich in puncto Schwarzarbeit aber noch berichten könnte, ist, dass ich am Samstag eine Einkaufsfahrt unternommen habe, die mich in ein weitgehend verlassen daliegendes Industriegebiet geführt hat. An dessen Rand ist auch der größte Puff der Stadt angesiedelt, vor dem, als ich vorbeifuhr, zwei Taxis auf Kundschaft warteten. Dass sich aber gleich zwei Taxifahrer von diesem Standplatz in einer abgelegenen, menschenleeren Ecke der Stadt samtagsmittags um 13.15 Uhr ein Geschäft versprechen, könnte ein Indiz dafür sein, dass dort auch eins zu machen ist.

Mit solchen Bildern kann man die Klickrate enorm erhöhen.

Tag 81: Montag, 25. Januar 2021

Gegen Berichte über Corona bin ich nach fast einem Jahr eigentlich weitgehend immun. Das meiste lese ich nicht mehr (richtig), und wann immer ich im TV auf eine der unverändert zahlreichen Gesprächsrunden zum Thema stoße, schalte ich eiligst weiter. In der Folge verfüge ich über ein herrliches, absolut alltagstaugliches Halbwissen, das sich allein aus Schlagzeilen speist, die zu groß sind, um übersehen zu werden, und aus den Radionachrichten morgens im Bad, die so kurz sind, dass sich ein Wegschalten nicht lohnt. Dass ich so schlecht informiert bin, ist sicher der Grund dafür, dass mich die heutigen Meldungen so verwirrt haben. Ich hörte gleich nach dem Aufstehen, dass heute die Vergabe der Impftermine für über 80-Jährige in Nordrhein-Westfalen gestartet sei. Nachdem aber erst vor fünf Tagen zur gleichen frühen Morgenstunde vermeldet wurde, dass das NRW-Gesundheitsministerium einen Impfstopp u. a. für Krankenhäuser und Altenheime verhängt habe, frage ich mich nun: Werden jetzt die Alten in den Heimen nicht mehr geimpft, damit die Alten zu Hause gerettet werden können? Doch wie soll das überhaupt möglich sein, wo doch der Grund für besagten Impfstopp ist, dass es nicht genug Impfstoff gibt? Ich gebe zu, ich komme da nicht so richtig mit. Vor ein gewisses Rätsel stellt mich nämlich auch die Frage, ob man überhaupt noch einen Stopp verhängen kann, wenn etwas schon von selbst aufgehört hat. Oder anders: Wäre das Impfen womöglich weitergegangen, wenn das Gesundheitsministerium keinen Stopp verhängt hätte? Egal, ob die Antwort auf diese Frage Ja oder Nein lautet, sie ist kein Kompliment für die (vermeintlich) Handelnden. Aber so ist das bei Corona: Wie man es macht, macht man es falsch, da ist Salami natürlich die beste Taktik. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass es bei der Vergabe der Impftermine für die Ü-80-Jährigen in NRW besser läuft als im benachbarten RLP, wo die Anmeldung zur Impfung, begleitet von ähnlichem Medientamtam, schon am ersten Werktag dieses neuen Jahres gestartet ist. Als ich am zweiten Tag für meine leider nicht mehr mit unbegrenzter Lebenserwartung gesegneten Eltern die Impfung klarmachen wollte, musste ich feststellen, dass man im eigens dafür eingerichteten Online-Portal gar keine Termine bekommt, sondern Vorgangsnummern sowie den Hinweis: „Sobald wie möglich werden wir Ihre Anfrage bearbeiten und Ihnen einen Termin für die Impfung mitteilen.“ Schon zehn Tage später kam ein weiterer Bescheid für meine beiden Angehörigen der priorisiertesten aller „privaten“ Gruppen der Impfberechtigten: „Leider sind derzeit keine Termine in Ihrem Impfzentrum verfügbar, da alle Kontingente aktuell belegt sind. […] Bis eine Terminvereinbarung möglich ist, kann es zu längeren Wartezeiten kommen.“ Mir scheint, auch in den virtuellen Impfzentren geht es zu wie in der analogen Facharztpraxis: Zuerst sitzt man sehr lange im Wartezimmer, dann wird man in ein leeres Behandlungszimmer umgesetzt, wo man ungefähr noch einmal genauso lange warten muss, bis endlich der Arzt kommt. Nichtsdestotrotz soll in NRW, wie ich heute Morgen ebenfalls im Bad erfuhr, die Impfung der über 80-Jährigen im April abgeschlossen sein. Ich kann rechnen: Wenn allein das bis April dauert, dann wird es mit dem insgeheim bereits geplanten Sommerurlaub für meine Alterskohorte auf jeden Fall nichts. Es sei denn, ich kaufe mir doch etwas von diesem Impfstoff, der derzeit in Spam-Mails so zahlreich und problemlos erhältlich ist.

Der gute Stoff aus dem Darknet reicht für die ganze Familie.

Tag 71: Freitag, 15. Januar 2021

Gestern Abend haben wir den Weihnachtsbaum auf die Straße gestellt. Damit wäre diese Saison nun auch beendet. Obwohl sie durchaus ein paar Wochen gedauert hat, ist nicht allzu viel passiert, seit ich im Dezember zum ersten Mal im Leben eine Nordmanntanne in meiner eigenen Stube platziert habe. Nur ein recht stilles Weihnachten und ein noch einsameres Silvester wurden gefeiert. Ansonsten ist ein Tag wie der andere vergangen, der einen Woche die nächste gefolgt, die Wochen haben sich zum Monat geformt, und inzwischen ist schon ein neues Jahr daraus geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht, und wie alle, die weitgehend gesund, weitgehend kinderlos, weitgehend unter achtzig und nicht im Gaststätten- oder stationären Einzelhandelsgewerbe tätig sind, bedrückt mich in diesen grauen Januartagen vor allem eines: eine unermessliche Langeweile. In dem riesigen Lockdown-Vakuum dehnt sich die Zeit, und um sie totzuschlagen, also wenigstens etwas zu tun, lese ich noch häufiger als sonst online jene Zeitung, die mit allerhand Übertreibungen, überraschenden Pointierungen und der größtmöglichen Pressefreiheit versucht, ein bisschen Spannung und Farbe in unseren trüben Alltag zu bringen. Schon vor Weihnachten hatte ich mir dabei ein paar schöne Schlagzeilen notiert, um sie bei Gelegenheit hier zum Besten zu geben. Meine Top Four waren diese:

  1. „Er galt als sehr engagiert: Dieser Oberarzt spritzte Corona-Patienten tot“ (24.11.)
  2. „Japans Premier empfiehlt: Essen mit Maske“ (4.12.)
  3. „Jörg Pilawa: Wegen Corona konnte er nicht auf seine Privatinsel“ (12.12.)
  4. „Corona-Isolation mit Sexpuppe: Kuscheln tun wir nicht“ (30.11.)

Bei der alltäglichen Zeitungslektüre begegnen einem dieser Tage aber auch immer noch und immer wieder Schlagzeilen oder Zeitgenossen, die in geradezu moraltheologischer bzw. mittelalterlicher Denkweise einen Zusammenhang zwischen Seuche, Sünde und Strafe herstellen und wie vormals in Pest, Cholera und AIDS auch in Corona eine Antwort Gottes oder der Natur auf das immerwährend frevelhafte Tun der Menschheit sehen. Nur so jedenfalls lassen sich meines Erachtens Headlines wie „Corona am schlimmsten in AFD-Hochburgen“ (7.12.) interpretieren. Das Ganze scheint aber auch umgekehrt zu funktionieren, nämlich in dem Sinne, dass auch ungerechtfertigterweise ausgebliebene Bestrafungen durchaus zur Kenntnis genommen werden. Oder wie anders soll man diese Meldung verstehen: „Länder im Vergleich: Warum kommt ausgerechnet Serbien so gut durch die Krise?“ (3.12.) Weniger verklausuliert äußerte sich dagegen unlängst ein ungekröntes königliches Haupt: „Prinz Harry sieht in Corona eine Strafe der Natur“ schlagzeilte „Bild online“ ebenfalls am 3. Dezember. Dem dazugehörigen Bericht war zu entnehmen, dass es dem exilierten Briten-Prinz vorkomme, „als hätte uns Mutter Natur in unseren Raum für schlechtes Benehmen geschickt, um mal wirklich einen Moment lang darüber nachzudenken, was wir getan haben“. Was immer das war, es scheint doch ein recht kindliches Gemüt zu sein, das sich hier seine gerechte Strafe imaginiert. Ich denke, wenn Mutter Natur es uns Menschen wirklich heimzahlen wollte, hielte sie statt eines stillen Raums eher die Todesstrafe für uns bereit. Apropos Todesstrafe: Donald Trump, der gerade in schönster Diktatorenmanier zum Abschied noch ein paar Leute hinrichten lässt, ist es zu verdanken, dass ich heute auch noch ein paar Funfacts zum Thema „Corona“ beitragen kann. Denn in der Deutschen liebstem Boulevard-Blatt las ich just am Morgen: „Hinrichtungen gelten als potenzielle Corona-`Superspreader´. Wie das Todesstrafen-Informationszentrum berichtete, wurden acht Mitglieder eines Hinrichtungsteams wenige Tage nach einer Exekution im Dezember positiv getestet.“ Ich halte dies übrigens nicht für eine wohlverdiente Strafe.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Tag 29: Montag, 30 November 2020

„Corona-Pandemie“ ist das Wort des Jahres. Diese Wahl hat wohl niemanden überrascht, anders als das letztjährige Wort „Respektrente“, das ich am Tag seiner Verkündung tatsächlich zum allerersten Mal hörte und das mir heute schon wieder völlig unbekannt vorkam. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob „Corona-Pandemie“ nicht eigentlich zwei Wörter sind und ob nicht allein „Corona“ die Corona gebührt. Aber ansonsten ist der erste Platz so wenig originell besetzt, dass es einer einfachen bösen alten Frau, die auf keinerlei Fachexpertise zurückgreifen kann, schon am 29. März dieses Jahres gelungen ist, diese Wort-Wahl vorherzusagen. Ich bin natürlich ein bisschen beleidigt, dass es mein damaliger Vorschlag nicht in die Top Ten geschafft hat. Dabei ist sonst wirklich alles vertreten, was coronamäßig Rang und Namen hat: „Lockdown“ etwa (Platz 2) oder „systemrelevant“ (Platz 6). Ganze acht von zehn Begriffen stammen aus dem Wirkungskreis der Seuche. Wenn man es ganz genau nimmt – und das sollte man auf dem Feld der Sprache ja –, habe ich einen davon allerdings auch noch nie gehört: „Verschwörungserzählung“. Wohl las ich häufig „Verschwörungstheorie“, und auch „Querdenker“ ist mir medial manches Mal begegnet, aber „Verschwörungserzählung“, nein, so poetisch ging es dort nicht zu, wo ich mich aufhielt. Aber deshalb ist es wohl auch die Gesellschaft für deutsche Sprache, die das Wort, des Jahres ermittelt und nicht der googlesche Algorithmus. Der liefert übrigens folgende Ergebnisse (und bestätigt das Urteil der germanistischen Expertengremiums ansonsten weitgehend, stützt aber auch meine Einwände gegen einzelne Entscheidungen):

Verschwörungserzählung: „Ungefähr 66.400 Ergebnisse“

Verschwörungstheorie: „Ungefähr 795.000 Ergebnisse“

Corona:  „Ungefähr 1.450.000.000 Ergebnisse“

Corona-Pandemie: „Ungefähr 146.000.000 Ergebnisse“

Vor lauter Corona vergessen werden dürfen jedoch keinesfalls die beiden Ausreißer-Begriffe: „Black lives matter“ (Platz 4) und „Gendersternchen“ (Platz 9). Gerade das letzte Wort ist meines Erachtens der Überraschungssieger des Jahres. Denn ich weiß nicht, ob es dieses schöne Wort in einem Jahr mit mehr Ereignissen ebenfalls in die Top Ten geschafft hätte. So aber rangiert der Gender-Star damit gleichzeitig auch ganz weit vorne im Gesamtklassement all jener, die in puncto unverdiente mediale Aufmerksamkeit von diesen wahnsinnigen Zeiten in besonderem Maße profitieren. Hier landet das kleine Sternchen sogar auf Platz zwei, gleich hinter Karl Lauterbach. Und auch angesichts dessen bleibt mir für heute nichts weiter mehr, als mit Platz zehn zu schließen: Bleiben wenigstens Sie gesund!

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Ein paar herren-, pardon, damenlose Gendersternchen heischen nach Aufmerksamkeit.

### Eilmeldung ### Breaking News aus Bonn ### Mittwoch, 25. November ###

Der Impfstoff steht hier in großen Dosen bereit und kann bis zum Christfest persönlich abgeholt werden.

Tag 21: Sonntag, 22. November 2020

Der heutige Totensonntag sieht mich zutiefst deprimiert. Anders als man vielleicht auf Anhieb vermuten mag, sind die Gründe dafür nicht auf dem Themenfeld des heutigen Gedenktags zu finden. Oder doch: Auch die Dinge, an die ich mich heute unter Tränen erinnere, sind für dieses Jahr gestorben: schöne, alkoholselige Abende am Glühweinstand, eine sonntägliche Runde mit dem Riesenrad, Prager Schinken mit der Medienberaterin, ein paar Maroni, Schokobananen oder Poffertjes mit dem Patenkind, weitere schöne alkoholselige Abende am Glühweinstand, ach, eigentlich praktisch meine gesamte Freizeitgestaltung für Dezember. An diesem Wochenende, genauer gesagt am Freitag schon, hätte der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet, und die schöne Zeit hätte begonnen. Nahezu jeden Abend wäre ich dort anzutreffen gewesen, mit den besten Freunden, mit anderen Freunden, mit guten Bekannten, Bekannten, entfernten Bekannten, mit der aktuellen Sportgruppe, der ehemaligen Sportgruppe etcetera perge, perge. Doch dieses Jahr bleibt weiter im Konjunktiv, und all die Menschen, die man kennt und mag, rücken ein weiteres Stück in die Ferne. Nicht nur das generelle Misstrauen, dass der Mitmensch mir die Luft verpestet, hat das zwischenmenschliche Klima ja schwer belastet in diesem Seuchenjahr, sondern auch die gnadenlosen Kontaktbeschränkungen. Viele liebe Menschen hat man so über die Zeit ein bisschen aus den Augen verloren, manchmal sogar solche, die eigentlich nur ein paar Straßen weiter wohnen. Ich jedenfalls habe die meisten Leute, die ich kenne, schon sehr lange nicht mehr getroffen. Bisweilen ist es auch in anderen Jahren so, und man schafft es vor lauter Arbeit, Urlaub, Freizeitstress (der eigene und der der anderen) einfach nicht, sich zu sehen. Aber dann kommt ja immer der Dezember und der Weihnachtsmarkt und macht alles wieder gut. Denn der Weihnachtsmarkt ist ja nicht nur ein Ort, sondern auch eine ganz eigene, besondere Zeit, quasi eine Session bedingungs- und grenzenloser Nächstenliebe. In den gut vier Wochen vor dem Fest trifft man sich dort jedenfalls schnell noch mal mit jedem Eintrag aus dem Adressbuch: mit dem lieben Hinz und dem guten Kunz, der netten Greti und dem schönen Peti. Jene besondere emotionale Bedürftigkeit, Sanftmut und Versöhnlichkeit, die die Vorweihnachtszeit selbst den bösesten alten Frauen in die Herzen zaubert, kennt keinen besseren Ort der Erfüllung als die Glühweinbude. Doch dieses Jahr wird es nichts mit diesem Glück an kühlen, dunklen Abenden, geborgen in einem Lichtermeer und wärmenden Menschenmassen. Denn nicht nur der Weihnachtsmarkt als solcher ist ja abgesagt, auch mit einer weiteren Verknappung auf dem Markt der Begegnungsmöglichkeiten ist für den Dezember zu rechnen. Doch auch wenn zum Troste schon mit dem Impfstoff gewunken wird, weiß ich nicht, ob ich auch diese Strecke noch ganz vorschriftsmäßig mitgehen werde. Ich lasse mir nicht alles nehmen. Zu lieb sind mir die Vorweihnachtszeit und ihr schönster Schauplatz. Schon seit Wochen zermartere ich mir daher das Hirn, wie ich mich gegen diese weitere emotionale Verarmung stemmen kann und unter welchen Bedingungen wenigstens ein bisschen vorweihnachtliche Promiskuität möglich wäre. Könnte ich hier selbst einen starken Grog brauen und gezielt kleinste Grüppchen zum Umtrunk in die Küche bitten? Ist der Glühwein-to-go-Ausschank, mit dem geschäftstüchtige Wirtsleute an der Rheinpromenade nachmittags die Spaziergänger erfreuen, auch am Abend geöffnet? Ließe sich im Hinterhof der Medienberaterin vielleicht ein Pop-up-Market realisieren? Der Möglichkeiten sind viele, und vorsichtiges, fragendes Herantasten an das Thema hat ergeben: Das Umfeld ist durchaus konspirativ. Noch ist nicht aller Weihnachtstage Abend.

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Dieses Jahr hat keine Bilder: Endlich kann man mal die alten Handy-Fotos recyclen.

Tag 15: Montag, 16. November 2020

Ich fühle mich von der Politik völlig im Stich gelassen. Wie soll ich denn hier in halbwegs tagebuchähnlichen Intervallen die Seiten füllen, wenn die Kanzlerin und die diversen Ministerpräsidenten sich weigern, wenigstens ein bisschen an der Schraube zu drehen? Solange sich die Damen und Herren Politiker derart kontraproduktiv verhalten und einfach keine Verschärfungen beschließen, steht, es tut mir leid, auch von diesem Blog nichts gravierend Neues zu erwarten. (Ach, welch herrliche Texte könnte ich zum Beispiel so einer klitzekleinen Ausgangssperre abtrotzen.) Stattdessen regiert die Ideenlosigkeit. Das lässt sich auch jenseits der Politik beobachten. Was ist zum Beispiel mit den vielen unbekannten Videokünstlern, die uns während des ersten Lockdowns via WhatsApp nahezu im Sekundentakt mit kleinen filmischen Satiren zum Thema überschwemmten? Die schweigen jetzt völlig. Zur zweiten Runde fällt offenbar niemand mehr was ein. Lediglich auf der Wetter-Seite, auf der ich mich wegen des Outdoor-Tennis regelmäßig über die aktuellen meteorologischen Entwicklungen informiere, ist mir eine kleine Neuerung ins Auge gefallen. Dort gibt es jetzt eine Messgröße, die mir die beliebten Regenwahrscheinlichkeitswerte an Nutzlosigkeit noch zu übertreffen scheint: die Corona-Zerfall-Dauer. Heute Abend, bei tatsächlich 10 und gefühlten 8 Grad, einer Windgeschwindigkeit von 10 km/h und null Regen, beträgt sie 5,5 Stunden. Dieser Wert verrät uns, wie lange es dauert, bis das „Coronavirus an der frischen Luft in Abhängigkeit von der Temperatur, der relativen Luftfeuchtigkeit und insbesondere […] der Sonneneinstrahlung“ zerfällt. Das ist ja gut und schön, aber wie soll ich diesen Wert für mein Verhalten im Alltag nutzbar machen? Nun sind 5,5 Stunden viel. Gestern Nachmittag, also bei Tageslicht, lag der Wert bei 3,5. Aber: Alles ab 3 Stunden ist, wenn ich die Legenden-Farbe Rot richtig interpretiere, kritisch. Das erschwert die Lage und die Einschätzung. Schon die Regenwahrscheinlichkeit ist eine Größe von zweifelhafter Güte und Aussagekraft, denn ob 20 Prozent oder 80 Prozent: Dass ich nicht nass werde, ist sicher doch nur bei 0 Prozent. (Tatsächlich bleibt es meiner Erfahrung nach trotzdem selbst bei 80 Prozent häufig trocken.) Nun also der Corona-Zerfall – und erneute Ratlosigkeit: Wie gehe ich mit diesen Informationen als Laie verantwortungsvoll um? Warte ich fünfeinhalb Stunden, bis ich das Haus verlasse? Oder gehe ich, wie im Falle des gestrigen Tennisdates, einfach dreieinhalb Stunden früher los, damit die Luft auf dem Platz dann endlich rein ist? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: Wenn die Kanzlerin diese Größe nur richtig ins Spiel bringt, kann sie die Bürger damit effektiver und lückenloser im Haus halten als mit allen weiteren Beschränkungen.

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Corona-Zerfall 5,5, Regenwahrscheinlichkeit 88 Prozent: Dieser neuartige Chronograph zeigt allen Senioren, wann sie das Haus gefahrlos verlassen können.

Tag 10: Mittwoch, 11. November 2020

Wir bringen gerade alle große Opfer. Heute zum Beispiel wären in der Nachbarstadt große Teile der Bevölkerung gerne schon vor dem Mittagsläuten stark angetrunken gewesen, um in einem schunkelnden Reigen auf dem Kölner Heumarkt mindestens zehntausendstimmig stundenlang Karnevalslieder zu singen und so die diesjährige Session zu eröffnen. Aber gerade ist einfach keine Superjeilezick, und selbst Dinge und Veranstaltungen, die eigentlich unausfallbar sind, finden dieses Jahr einfach nicht statt: Europameisterschaft, Oktoberfest, Wacken und nun auch noch der Karneval. Der Entbehrungen sind unermesslich viele. Eine davon verspüre heute auch ich. Denn auch ich hätte am Elften im Elften gerne gesungen, allerdings in einem etwas stilleren Rahmen und statt im heidnischen eher in einem christlichen Kontext. Schließlich feiert der brauchtumsbewusste Rheinländer am 11. November ja nicht nur Fastelovend, sondern auch St. Martin. Und was soll ich sagen: Ein richtiger Martinszug, mit Feuerwehrkapelle und einem Römer auf Pferd, schlägt nach meinem Dafürhalten jeden noch so kilometerlangen Rosenmontagszug. Weckmann beats Kamelle! Kurz, ich liebe St. Martin, und ich war gesegnet, denn ich hatte in den letzten knapp 15 Jahren immer ein Patenkind, das im besten Laternenumzugs-Alter war. Das ermöglichte es mir, auch in der zweiten Lebenshälfte noch in Kitas mit Pappmachee zu basteln und die zweifelhaften Ergebnisse dieser Bemühungen später, immer die drei selben Lieder singend, stolz durch die dunklen Straßen zu tragen. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit diesem 11. November, unter anderem jene, als der kaum fünfjährige Kölner Patensohn die vielen Feieranlässe des Tages nicht trennen konnte oder wollte und statt „Laterne, Laterne“ am Martinsfeuer immer wieder „Heidewitzka, Herr Kapitän“ anstimmte. Um solche Freuden bin ich in diesem Jahr gebracht, und das nehme ich Corona wirklich übel. Denn Karneval kann ich noch viele Jahre feiern, aber mein Kontingent an möglichen Lichterumzügen ist nicht mehr allzu groß. Schon in drei Jahren kommt das letzte Patenkind aufs Gymnasium, und dann wird es für mich deutlich schwerer bis unmöglich, ohne Argwohn zu erwecken noch mit einer Laterne in der Hand bei dieser Kinderveranstaltung mitzulaufen. Deshalb jetzt einmal hier, mit Wehmut und mit Zorn: Rabimmel, rabammel, rabumm. Bumm! Bumm!

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Karneval ist verboten, aber sich zu maskieren, ist definitiv erlaubt.

Tag 8: Montag, 9. November 2020

Falls Sie es nicht selbst gespürt haben sollten: Heute war „Der Tag der Hoffnung“. So jedenfalls titelte am Morgen „Bild Online“ anlässlich der Pressekonferenz, auf der führende Experten und Infektionsschützer schon einmal den Plan zur Verteilung dieses Impfstoffes, den es noch nicht gibt, vorgestellt haben. Doch auch jenseits des Top-Themas wurden Freunde des pandemischen Boulevard-Berichts heute Morgen überreich beschenkt: „China behauptet: Deutsche Schweinshaxe löst Corona aus“, und: „Heino fragt, Spahn antwortet: Wie wollen Sie Risikogruppen schützen?“, lauteten zeitgleich weitere Schlagzeilen auf der erwähnten Online-Präsenz. Herrlich! Aber an mich ist so viel Kreativität und journalistische Gestaltungskraft komplett verschenkt. Denn ich lese schon seit Monaten keine Corona-Berichterstattung mehr, auch nicht im „Spiegel“ oder im hiesigen Lokalanzeiger. An der televisionären Aufbereitung des Seuchenthemas bin ich selbstredend ebenfalls in keinster Weise interessiert. Nach dem „Tatort“ am Sonntag schalte ich um, ehe Anne Will (die es für meinen Geschmack mit dem Botoxen in der letzten Zeit ein bisschen übertreibt) auch nur „Karl Lauterbach“ sagen kann. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun. Es ist nur so, dass die große, gähnende Langeweile, die (zumindest für alle Gesunden) mit Corona einhergeht, auch auf Corona selbst zurückwirkt. Es ist einfach nicht mehr neu genug, und über Monate hinweg das Interesse an einem einzigen Thema aufrechtzuerhalten, schaffen – Heino hin, Schweinshaxe her – selbst die Besten nicht. Das Einzige, was mich im Zusammenhang mit Qualitätsjournalismus und Corona tatsächlich noch brennend interessieren würde, ist, warum „Bild Online“ für das Corporate Design seines alltäglichen Pandemie-Blocks ausgerechnet Gelb und Schwarz gewählt hat, also die Farben des BVB? Gibt es da gewisse unterschwellige Animositäten? Wenn hier endlich jemand mal die wahren Hintergründe aufdecken würde, bestünde vielleicht noch eine Chance, mich als Leserin zurückzugewinnen. Bis es so weit ist, stelle ich mich meinen eigenen bohrenden Fragen und Widersprüchen: Wenn ich selbst nichts mehr über Corona lesen mag, wieso denke ich dann eigentlich, dass es dem möglichen Leser hier anders geht?

Die Bilder hier werden auch immer schlechter.

Tag 7: Sonntag, 8. November 2020

In Krimis und Fernsehfilmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kann man erstaunlich häufig eine Unstimmigkeit beobachten, die eigentlich unverzeihlich ist, sich aber vermutlich aus irgendwelchen guten (?) Gründen doch nicht vermeiden lässt. Ich nenne sie die Sommer-Herbst-Kommutation, und sie lässt sich so beschreiben: Die filmische Handlung behauptet Sommer, die umgebende Natur jedoch zeigt Herbst. Das Ganze sieht dann zum Beispiel so aus: Der Hauptdarsteller steht an einem diesigen, grauen Novembertag im Freibad auf dem Sprungbrett, und an den Bäumen auf der Liegewiese hängen nur noch ein paar welke gelbe Blätter. Erst neulich sah ich wieder eine sommerliche Gartenparty, auf der sich Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts tummelten, die Bratwurst auf dem Grill brutzelte, die Bäume und Hecken aber völlig kahl waren. Ich frage mich dann immer, ob der Regisseur oder der Produzent (oder wer immer das verantwortet) denkt, der Zuschauer würde es nicht merken, solange von den Schauspielern niemand sichtbar zittert oder eine Frost-Fahne hat. Ich muss diese Illusion zerstören: Er merkt es, und schlimmer noch: Dem ganzen filmischen Produkt fehlt am Ende auch komplett das gewünschte Sommerfeeling. „Wie will sie denn von hier aus die Brücke zu Corona schlagen?“, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Nun, seit Montag fühle ich mich genauso wie der Protagonist in einer solchen Sommer-Herbst-Kommutation: Ich spiele Tennis in eiskalten Morgenstunden, mit Skiunterwäsche am Leib, finde in dem gelben Laub die gelben Bälle nicht, sah auf dem Nachbarplatz sogar schon Schläger in behandschuhtem Griff, und obwohl ich diesen Sport liebe, denke ich die ganze Zeit: „Das ist nicht richtig.“ Dabei haben wir hier in Nordrhein-Westfalen noch Glück, denn hier ist das Tennisspiel noch erlaubt, draußen zumindest und im Einzel. Die Hallen, in die die Anhänger des weißen Individualsports in der Regel aus gutem Grund so Anfang, Mitte Oktober einziehen, aber bleiben verschlossen, und ein Doppel ist auch tabu, selbst mit Personen aus demselben Haushalt. Statt nach New York oder Montevideo wünscht man sich in diesen reduzierten Zeiten daher manchmal schon an Orte, von denen man sich sonst eher gezielt entfernt: In Baden-Württemberg zum Beispiel darf man alles, auch Halle und Doppel. Aber ich will nicht meckern. In Hessen ist Tennis komplett untersagt. (Gut, dass ich das den Hessen nicht erklären muss.) Aber jedes Mal, wenn ich in meiner langen Unterhose wieder schwitzend in der kalten Luft stehe und die vielen anderen auf der Anlage betrachte, die Zeit haben, tagsüber zu spielen, frage ich mich, ob man in Hessen nicht doch über tieferes Wissen verfügt. Denn jenem Vergleich zufolge, der im Hinblick auf die Folgen des Infektionsgeschehens derzeit so oft und gerne angestellt wird, stellt ja die Grippe für uns Senioren auch eine recht ernst zu nehmende Gefahr dar.

Hier dreht das ZDF demnächst eine richtig schöne Sommerserie.

Tag 3: Mittwoch, 4. November 2020

Gibt es in diesem Land eigentlich irgendjemanden, der glaubt, dass der Lockdown am Ende des Monats wieder aufgehoben wird? Ich kenne niemanden. Die drei frisch gebadeten Orakel und Hestia-Priesterinnen in meiner Zwei-Hausstände-Blase jedenfalls waren sich bei der jüngsten Halloween-Trance erstaunlich einig: Das Ganze wird bis zum Jahresende verlängert, und für Weihnachten denken sie sich ein paar Lockerungen aus, damit das Volk nicht gänzlich rebellisch wird und nächstes Jahr rein aus Trotz Attila Hildmann oder einen anderen Aluhut zum Bundeskanzler macht. Neulich las ich in der „Bild-Zeitung“, die ja ihrerseits bei der Verbreitung von Räuberpistolen auch nicht besonders kleinlich ist, welch seltsame Glaubensinhalte in dieser Szene kursieren. Mir wurde angst und bange bei dem Gedanken, im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu leben mit Menschen, die sicher sind, dass die Bundeskanzlerin und ihre Spießgesellen nachts im Berliner Pergamon-Museum entführten Kleinkindern auf dem Thron des Satans das Lebenselixier Qanon abzapfen (oder so). Die ehemalige Schülerin eines Kant-Gymnasiums in mir denkt angesichts dessen (wie auch anderer radikalreligiöser Überzeugungen), dass eine zweite Aufklärung nottut, und möchte noch einmal unterstreichen, dass gerade in einer Zeit wie unserer die Unmündigkeit selbst verschuldet ist. Doch ansonsten lassen mich die Entwicklungen in diesem Bereich recht ratlos und durchaus besorgt zurück: Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich jemand glaubt. Andererseits haben ja unlängst wieder sehr viele Menschen Donald Trump gewählt. Doch stopp! Nicht weiter hier! Denn dies ist ja ein harmloser, entspannter Senioren-Blog und kein Ort, an dem derart Verstörendes Raum greifen soll. Und doch: Ist es nun ein Segen, dass Corona diese Dinge und Gestalten sichtbar macht, oder nur eine weitere Dimension seines bösen Wirkens? Scully, bitte übernehmen Sie!

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An diesen langen, einsamen Corona-Abenden kommen selbst Zeitgenössinnen, die prinzipiell bei Troste sind, auf seltsame Ideen.

Tag 1: Montag, 2. November 2020

Ich gebe es natürlich ungern zu, aber: Ich habe mich geirrt. Denn auch wenn strukturell nichts Neues mehr passiert, ist Corona noch nicht auserzählt. Ich weiß nicht, ob ich im Frühsommer wirklich an das Heranschwappen der zweiten Welle geglaubt habe, aber jetzt ist sie – um mal in dem schlechten Bild zu bleiben – ganz offensichtlich mit Macht auf den Strand des öffentlichen Lebens geschlagen – und hat uns von der Promenade vertrieben. Es ist wieder Lockdown, und da hole ich natürlich schnell das Tagebuch wieder heraus, denn es gilt ja, das Böse schreibend zu bannen. Weil jedoch wie gesagt nichts passiert, was wir nicht schon kennen, weiß ich nicht, ob ich die Seiten auch füllen kann. Aber was soll´s: Im deutschen Fernsehen schreckt ja auch niemand vor Wiederholungen zurück.

Einen gravierenden Unterschied habe ich allerdings doch entdeckt zwischen Ausnahmezustand 1 und Ausnahmezustand 2, und der betrifft die Art und Weise, wie die bevorstehende Zeit der Entbehrung der Bevölkerung jeweils angekündigt wurde: Hatte die Bundeskanzlerin im März noch die durchaus pathetische Form der großen Ansprache ans Volk gewählt, um selbiges – die deutsche Fahne neben und ein Bild des Reichs- bzw. Bundestags hinter sich – auf die Krise und die Notwendigkeit des Verzichts einzuschwören und an die Solidarität zu appellieren, so dekretierte sie die neuerlichen Einschränkungen letzten Mittwoch ohne unnötige Gefühlsduselei auf einer Pressekonferenz und diktierte den Multiplikatoren die Maßnahmen in Katalogform in die Mikrofone: „Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt. […] Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen werden geschlossen […].“ Einen sensiblen Menschen wie mich hat die freundliche Variante im März natürlich deutlich mehr angesprochen und erreicht.

Ansonsten ist das vorläufig Erschreckendste an diesem neuerlichen Lockdown das Maß, in dem er mich kaltlässt. Das zeigt natürlich vor allem, an wie viel Tristesse wir uns im letzten halben Jahr schon gewöhnt haben. Man kennt es inzwischen fast nicht mehr anders. Aber heute war ja erst Tag 1 von Notstand 2. Schauen wir also mal, was die schlechten Zeiten noch so bringen.

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Jetzt wieder jeden Abend bildungsbürgerliche Einöde: Nichts als ein gutes Glas Wein und Thomas Mann

Tag 118: Mittwoch, 3. März 2021

Das Warten auf bessere Zeiten geht weiter. Die Läden und alle anderen zentralen Orte menschlicher Vergnügungen bleiben noch rund weitere vier Wochen geschlossen, und auf den Karneval ist erst einmal die Fastenzeit gefolgt. Damit hat die Corona-Krise nun ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Für mich jedenfalls. Denn ich verzichte in diesen sechs Wochen bis Ostern traditionell auf Alkohol. Das bedeutet auch: Mit einem kleinen Hellen oder einem Schlückchen Portwein des Abends ein bisschen an der Stimmung zu schrauben, ist derzeit keine Option. Dabei scheint es einem gerade an diesen langen, einsamen Corona-Abenden nach diesen langen, einsamen Homeoffice-Arbeitstagen doch eigentlich oft so, dass man sich ein wenig Glück aus der Flasche verdient habe. Was man so liest, bin ich mit diesem Empfinden nicht alleine. Denn ob Flaschenbier oder Rotwein: Die Absatzzahlen sind trotz geschlossener Kneipen während und aufgrund der Corona-Krise deutlich gestiegen, und Studien belegen: Neben dem Homeschooling boomt auch das Homedrinking. Die ganze Tristesse ungefiltert auszuhalten, das schaffen nicht viele. Und natürlich ist ja auch so, dass es außer essen und trinken derzeit nicht mehr viel gibt, was man kaufen oder tun kann. („Malteserkreuz, Herr Strack?“ – „Man gönnt sich ja sonst nichts!“) Der Verzicht fällt also in diesem Jahr besonders schwer. Gleichzeitig ist er – eben wegen der beschriebenen unguten Tendenz zum einsamen Belohnungs- und Trostrinken – natürlich umso nötiger. Da könnte man es fast als eine willkommene Unterstützung empfinden, dass mit all den Geburtstagsfeiern und anderen Festen, die gerade nicht gefeiert werden, alle bösen Verlockungen wegfallen, die sonst manchmal selbst die entschlossensten Temperenzler auf ihrem Weg zur reinen Tugend straucheln lassen. (Auch auf Personen, deren Gesellschaft durch Alkohol deutlich erträglicher wird, trifft man derzeit praktisch gar nicht mehr.) Wohl auch deshalb habe ich die ersten 14 Tage Abstinenz erfolgreich hinter mich gebracht und sehe entsprechend auch vier weiteren Wochen Trockenheit und Lockdown recht gelassen entgegen. Ob das allerdings auch für diejenigen gilt, die derzeit wirklich einen Grund zum Saufen haben, ist eine Frage, über die ich nicht nachdenken will.

Der Corona-Schnelltest ergibt: null Komma null Promille.

Tag 100: Samstag, 13. Februar 2021

Das Rheinland trägt gerade Trauer statt Kostüm. Der Karneval fällt aus. Komplett. Der beste Teil jedenfalls, der Straßenkarneval. Am Wieverfastelovend vorgestern war es hier praktisch in der ganzen Stadt so wie in Hamburg und Berlin jedes Jahr um diese Zeit. Ich hätte es nicht gedacht, aber es war tatsächlich nirgendwo ein gravierend subversives Tun und Treiben zu bemerken (auch wenn viele Maskierte unterwegs waren). Das war vielleicht auch besser so, denn in der Zeitung sah ich schon Bilder von Polizisten, die hierzulande mit illegal Karneval Feiernden in derselben Art und Weise verfuhren wie die russische Polizei mit Demonstranten. Vielleicht ging es einigen anderen aber auch so wie mir: Angesichts der arktischen Temperaturen draußen war ich nicht allzu traurig, dass ich nicht fünf Stunden lang mit dem Kölschglas in der blau gefrorenen Hand auf der Straße stehen und Karnevalslieder singen musste.

Das karnevalistische Drohszenario: Bei Zwei- und Dreigestirnen, die Orden verteilen, Kappensitzungen, Bernd Stelter und Guido Cantz verlasse ich den Saal von selbst.

Mit mir und dem Fastelovend ist es ohnehin so eine Sache, denn wiewohl Rheinländerin, bin ich nicht unbedingt so eine rheinische Frohnatur, ich verkleide mich nicht gerne, selbst fürs Schunkeln reicht mein Rhythmusgefühl nicht, und unter Alkohol mit wildfremden Menschen knutschen, dafür bin ich inzwischen bedauerlicherweise zu alt. Meinen Festivitätsbedürfnissen hat Corona sicher schmerzlichere Verluste zugefügt als die Austreibung des Karnevals. Das darf man hier im Rheinland freilich nicht laut sagen. Und ganz so ist es natürlich auch nicht. Denn erst vor zwei Jahren fand ich nichts schöner als fünf Stunden mit dem Kölschglas etc. Ich war damals Päpstin und habe in diesem Kostüm die interessantesten Erfahrungen gemacht: Manche Leute suchten ernsthaft das Glaubensgespräch mit mir, andere haben mich stellvertretend beschimpft, wieder andere wollten sich unbedingt mit mir fotografieren lassen, und von zweimal wurde ich auch von mir gänzlich Unbekannten geküsst. (Aber Rot steht mir auch wirklich gut.)

Auch übers Kostüm hinaus sehe ich für mich eine deutliche Brücke zwischen Karneval und Kirche: Bei beiden gefällt mir die Musik am besten. Und bei beiden bin ich in dieser Hinsicht absolut Old School: Ich will Orgel und nicht Gitarre, ich bin Bläck Fööss und nicht Cat Ballou. Ich mag es einfach, wenn der Karneval auch nach Karneval klingt und nicht nach Popmusik in Mundart. Nichtsdestotrotz war ich sehr gespannt, welche tonkünstlerische Bearbeitung das Trauma durch die Brauchtums-Bands erfahren würde. Ich versprach mir durchaus einiges davon (die Rolling Ghosts haben da auf jeden Fall noch deutlich Luft nach oben gelassen). Doch auch kölschen Kehlen entlockt Corona keine fröhlichen Töne. Die Stimmungslage der meisten Songs lässt sich auf die langweilige Formel des letzten Frühjahrs bringen: Pathos, Balkonsingen, zesammestonn. Bei einer Recherche im Radio in den letzten Tagen fiel allein das folgende recht traditionelle Stück ein wenig aus dem Stimmungsrahmen:

Eine Aufnahme, wo der ganze Saal mitgrölt, gibt es leider noch nicht.

Immer wenn mir dieser Tage einfällt, dass ja Karneval ist, stimme ich jedoch nicht dieses Lied an, sondern „Kayjass Nummer null“. Dann gieße ich mir erst einen Kabänes ein und dann einen Schabau und habe kurz eine Ahnung davon wie schön und betrunken alles schon am helllichten Nachmittag sein könnte.

Für et Hätz.

PS: Im Rahmen der Feldforschung für diesen kleinen Blog bin ich auch einer Einladung zu einem Corona-Karnevalskonzert gefolgt, dem ich sonst vielleicht eher ferngeblieben wäre. So aber war ich diese Woche bei einem Autokonzert mit den „Höhnern“, die wie alle professionellen Karnevalskünstler in dieser Session um die meisten ihrer Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten gebracht sind. Der „CAR-neval“ (so die Ankündigung) war auch interessant, aber wenn man beim Autofahren einfach eine Karnevals-CD einlegen würde, wäre es genauso schön, aber wärmer.

Es gibt gute Gründe, warum ich keine Dokumentarfilmerin geworden bin.

Tag 95: Montag, 8. Februar 2021

Ich habe vorletzte Woche Post von der Bundesregierung bekommen, die mir fast pünktlich zum ersten Geburtstag ihrer größten Herausforderung als Überraschung ein kleines Geschenk zukommen ließ. Es waren zwei Gutscheine, die ich in einer Apotheke meiner Wahl gegen jeweils sechs FFP2-Masken eintauschen kann. Ich war ganz gerührt. Die letzten Gutscheine vom Staat habe ich in den Siebzigerjahren in den Händen gehalten. Damals gehörten diesem noch die Eisenbahn und die Post, und alle Bürger profitierten vielfältig von sozialen Segnungen. Für die einen Gutscheine erhielt man als Fahrschüler eine Monatskarte vom Heimat- zum Schulort, die anderen konnte man einlösen gegen Lehrmittel, also Bücher. Zu Beginn jedes Schuljahres bekam man immer einen ganzen Bogen davon, und sie waren, wenn ich mich richtig erinnere, lachsrot. Ach, wie lange habe ich nicht mehr an diese seligen Zeiten gedacht! Doch zurück ins Hier und Jetzt: Dies war also die erste Corona-Hilfe, die ich bekam, und das ebenfalls, ohne zuvor einen Antrag gestellt zu haben. Meine kindliche Freude über das unverhoffte Präsent wurde in der Apotheke ein bisschen getrübt. Dort erfuhr ich nämlich, dass ich chronisch krank bin. Das war mir neu. Doch nachdem die Apothekerin uncharmanterweise nur durch Nachfragen ausschließen konnte, dass ich noch nicht 60 bin, blieb allein dies als mögliche Erklärung für meine Maske-Marken. Wer sich aber fragt, woher Big Brother das weiß, dem sei geantwortet: Ich glaube, es ist völlig sinnlos, sich gegen die geplante elektronische Patientenakte zu stemmen. Doch zurück zu meinen Masken und den Gefühlen, die sie begleiten. Die haben sich nämlich im Laufe dieses einen Jahres ziemlich gewandelt, und das nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen, wie ich den wenigen Gesprächen entnehme, die ich noch führe. Erinnern Sie sich noch an den Enthusiasmus der Anfangstage? Als der Krieg begann, zogen alle mit Feuereifer in die Schlacht. Was wurden damals Masken genäht! Sogar meine über 80-jährige Mutter hat im letzten Frühjahr nach Jahren der Abstinenz noch einmal ihre Nähmaschine aufgeklappt und mit Arthrose in den Händen und einem Star im Auge alles gegeben fürs Vaterland und eine gerade Naht. Ich kann mich erinnern, dass wir in jenen langen zurückliegenden vier- und fünfköpfigen geselligen Runden zu später Stunde lustige Fotos gemacht haben mit Masken. Und als ich dereinst die erste verlorene oder weggeworfene Maske auf der Straße entdeckte, habe ich ebenfalls die Handykamera gezückt, weil es mir so symbolhaft erschien (und weil ich ja auch das erste Tagebuch hier mit etwas bebildern musste). Doch inzwischen gehören zertretene graue Masken im Rinnstein zum Straßenbild wie Meckes-Tüten und Zigarettenkippen, und die Zeiten der großen, pathetischen Gesten sind lange vorbei. Niemand klatscht, dankt und singt mehr vom Balkon. Alle sind zermürbt von der Schlacht und endgenervt. Und so hat Kapitalismus dem Enthusiasmus die Zügel wieder aus der Hand genommen, und seine Gesetze bestimmen das Krisengeschehen. Statt Masken zu nähen, womöglich sogar für andere, kauft man sie jetzt im Handel, und nacheinander haben die verschiedensten Anbieter dabei ihren Reibach gemacht. Gerade sind die FFP2-Produzenten dran – und die Apotheken. Denn für jede Maske, die der Staat verschenkt, bekommt die Apothekerin 6 Euro (der Apotheker natürlich auch). Das erfuhr ich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auch die Einkaufspreise für das „filtering face piece“ der Schutzklasse 2 kannte: 0,80 bis 1,40 Euro. Was der FFP2-Schutz pro Stück im unstudierten Einzelhandel kostet, weiß vermutlich jeder selbst: zwei bis drei Euro. Ich würde also sagen: In der Pillenbude stimmt die Marge. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Apothekerin gleich auch meinen zweiten Gutschein einbehalten hat, obwohl der erst ab 16. Februar gilt. Ach, wer wollte da klatschen?

Es wird noch lange dauern, bis Brillenträger wie ich beim Metzger die Wurst in der Auslage wieder erkennen können.

Tag 88: Montag, 1. Februar 2021

Haben Sie es heute Abend in der „Tagesschau“ auch gesehen? Auf dem Kopf der Kanzlerin wachsen Haare in mindestens zwei Farben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Seit mehr als sechs Wochen haben auch die Friseure nun schon wieder geschlossen. Die Sorge bzw. der Unmut ist deshalb auf beiden Seiten groß: an und unter der Schere. Die Friseure bzw. ihr sehr aktiver Berufsverband haben entsprechend in den letzten Wochen ordentlich Rabatz macht. Unter dem Motto „Licht an, bevor es ganz ausgeht“ brannte am Wochenende zum Beispiel in vielen Salons rund um die Uhr das Licht über verwaisten Waschbecken und Trinkgeldkästchen. Aber auch ein Brandbrief an den DFB wurde verfasst, nachdem die Schädel vieler Fußballprofis trotz Lockdown immer noch so verdächtig akkurat rasiert sind. Weil der Grad der mitmenschlichen Solidarität in diesen globalen Bad Hair Days auch an der Länge der Locken gemessen wird (und vielleicht auch aus Sorge, selbst noch medienwirksame Post von der Figaro-Innung zu bekommen), hat Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor Kurzem per Erlass auch das Haareschneiden in den Kasernen untersagt. (Damit ist natürlich in Kürze der korrekte Sitz der ABC-Schutzmaske in akuter Gefahr.) Wir sehen: Haareschneiden, dieses eigentlich ach so harmlose Tun, hat sich unter dem unseligen Einfluss der Seuche zu einer ziemlich heiklen Tätigkeit entwickelt, die bisweilen schon eine regelrechte Kriminalisierung erfährt. „Polizei hebt illegales Friseurstudio aus“: Das ist keine Szenerie, die ich mir gerade zwecks Übertreibung ausgedacht habe, sondern eine Schlagzeile aus meinem Lieblingsboulevardblatt. Der Sprecher der zuständigen Polizei Unna rapportierte zur Beweismittellage am Tatort ansonsten noch Folgendes: „Einige der angetroffenen Personen hatten frische, akkurate Haarschnitte, der Rest von ihnen stand scheinbar kurz davor. Denn auf dem Boden lagen abgeschnittene Haare, auf den Tischen befanden sich Scheren und anderer Friseurbedarf.“ Ich hoffe, dass wir schon bald über Dinge wie diese wieder laut lachen dürfen. Nichtsdestotrotz ahne auch ich, wie ernst die Lage ist, nicht nur für Friseure. Ich war schon einmal arbeitslos und habe eine gewisse Vorstellung davon gewonnen, was Existenzangst bedeutet. Daher habe ich auch Verständnis für jeden, der die Risikoabwägung derzeit lieber selbst übernimmt und das ein oder andere Alternativgeschäft dem widerstandslosen Untergang vorzieht. Und wenn man das einmal als mögliche Strategie akzeptiert hat, dann muss man sagen, dass Friseure im Vergleich zu vielen Einzelhändlern in der Krise doppelten Vorteil genießen. Denn ihr Angebot ist immer noch unersetzlich: Einen neuen Haarschnitt kann man nicht im Internet bestellen. Und es braucht auch kaum mehr als ein bisschen Heimlichkeit, um die berufsspezifische Dienstleistung auch in Lockdown-Zeiten an Mann und Frau zu bringen. Ich selbst lasse wie während der letztjährigen Sperrstunden zwar immer noch völlig legal das Fräulein Stefanie schneiden, eine äußerst talentierte Hobby-Coiffeurin aus dem engsten Familienkreis, aber ich könnte hier auch andere Geschichten erzählen. Doch das sind ja nicht meine. Was ich in puncto Schwarzarbeit aber noch berichten könnte, ist, dass ich am Samstag eine Einkaufsfahrt unternommen habe, die mich in ein weitgehend verlassen daliegendes Industriegebiet geführt hat. An dessen Rand ist auch der größte Puff der Stadt angesiedelt, vor dem, als ich vorbeifuhr, zwei Taxis auf Kundschaft warteten. Dass sich aber gleich zwei Taxifahrer von diesem Standplatz in einer abgelegenen, menschenleeren Ecke der Stadt samtagsmittags um 13.15 Uhr ein Geschäft versprechen, könnte ein Indiz dafür sein, dass dort auch eins zu machen ist.

Mit solchen Bildern kann man die Klickrate enorm erhöhen.

Tag 81: Montag, 25. Januar 2021

Gegen Berichte über Corona bin ich nach fast einem Jahr eigentlich weitgehend immun. Das meiste lese ich nicht mehr (richtig), und wann immer ich im TV auf eine der unverändert zahlreichen Gesprächsrunden zum Thema stoße, schalte ich eiligst weiter. In der Folge verfüge ich über ein herrliches, absolut alltagstaugliches Halbwissen, das sich allein aus Schlagzeilen speist, die zu groß sind, um übersehen zu werden, und aus den Radionachrichten morgens im Bad, die so kurz sind, dass sich ein Wegschalten nicht lohnt. Dass ich so schlecht informiert bin, ist sicher der Grund dafür, dass mich die heutigen Meldungen so verwirrt haben. Ich hörte gleich nach dem Aufstehen, dass heute die Vergabe der Impftermine für über 80-Jährige in Nordrhein-Westfalen gestartet sei. Nachdem aber erst vor fünf Tagen zur gleichen frühen Morgenstunde vermeldet wurde, dass das NRW-Gesundheitsministerium einen Impfstopp u. a. für Krankenhäuser und Altenheime verhängt habe, frage ich mich nun: Werden jetzt die Alten in den Heimen nicht mehr geimpft, damit die Alten zu Hause gerettet werden können? Doch wie soll das überhaupt möglich sein, wo doch der Grund für besagten Impfstopp ist, dass es nicht genug Impfstoff gibt? Ich gebe zu, ich komme da nicht so richtig mit. Vor ein gewisses Rätsel stellt mich nämlich auch die Frage, ob man überhaupt noch einen Stopp verhängen kann, wenn etwas schon von selbst aufgehört hat. Oder anders: Wäre das Impfen womöglich weitergegangen, wenn das Gesundheitsministerium keinen Stopp verhängt hätte? Egal, ob die Antwort auf diese Frage Ja oder Nein lautet, sie ist kein Kompliment für die (vermeintlich) Handelnden. Aber so ist das bei Corona: Wie man es macht, macht man es falsch, da ist Salami natürlich die beste Taktik. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass es bei der Vergabe der Impftermine für die Ü-80-Jährigen in NRW besser läuft als im benachbarten RLP, wo die Anmeldung zur Impfung, begleitet von ähnlichem Medientamtam, schon am ersten Werktag dieses neuen Jahres gestartet ist. Als ich am zweiten Tag für meine leider nicht mehr mit unbegrenzter Lebenserwartung gesegneten Eltern die Impfung klarmachen wollte, musste ich feststellen, dass man im eigens dafür eingerichteten Online-Portal gar keine Termine bekommt, sondern Vorgangsnummern sowie den Hinweis: „Sobald wie möglich werden wir Ihre Anfrage bearbeiten und Ihnen einen Termin für die Impfung mitteilen.“ Schon zehn Tage später kam ein weiterer Bescheid für meine beiden Angehörigen der priorisiertesten aller „privaten“ Gruppen der Impfberechtigten: „Leider sind derzeit keine Termine in Ihrem Impfzentrum verfügbar, da alle Kontingente aktuell belegt sind. […] Bis eine Terminvereinbarung möglich ist, kann es zu längeren Wartezeiten kommen.“ Mir scheint, auch in den virtuellen Impfzentren geht es zu wie in der analogen Facharztpraxis: Zuerst sitzt man sehr lange im Wartezimmer, dann wird man in ein leeres Behandlungszimmer umgesetzt, wo man ungefähr noch einmal genauso lange warten muss, bis endlich der Arzt kommt. Nichtsdestotrotz soll in NRW, wie ich heute Morgen ebenfalls im Bad erfuhr, die Impfung der über 80-Jährigen im April abgeschlossen sein. Ich kann rechnen: Wenn allein das bis April dauert, dann wird es mit dem insgeheim bereits geplanten Sommerurlaub für meine Alterskohorte auf jeden Fall nichts. Es sei denn, ich kaufe mir doch etwas von diesem Impfstoff, der derzeit in Spam-Mails so zahlreich und problemlos erhältlich ist.

Der gute Stoff aus dem Darknet reicht für die ganze Familie.

Tag 71: Freitag, 15. Januar 2021

Gestern Abend haben wir den Weihnachtsbaum auf die Straße gestellt. Damit wäre diese Saison nun auch beendet. Obwohl sie durchaus ein paar Wochen gedauert hat, ist nicht allzu viel passiert, seit ich im Dezember zum ersten Mal im Leben eine Nordmanntanne in meiner eigenen Stube platziert habe. Nur ein recht stilles Weihnachten und ein noch einsameres Silvester wurden gefeiert. Ansonsten ist ein Tag wie der andere vergangen, der einen Woche die nächste gefolgt, die Wochen haben sich zum Monat geformt, und inzwischen ist schon ein neues Jahr daraus geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht, und wie alle, die weitgehend gesund, weitgehend kinderlos, weitgehend unter achtzig und nicht im Gaststätten- oder stationären Einzelhandelsgewerbe tätig sind, bedrückt mich in diesen grauen Januartagen vor allem eines: eine unermessliche Langeweile. In dem riesigen Lockdown-Vakuum dehnt sich die Zeit, und um sie totzuschlagen, also wenigstens etwas zu tun, lese ich noch häufiger als sonst online jene Zeitung, die mit allerhand Übertreibungen, überraschenden Pointierungen und der größtmöglichen Pressefreiheit versucht, ein bisschen Spannung und Farbe in unseren trüben Alltag zu bringen. Schon vor Weihnachten hatte ich mir dabei ein paar schöne Schlagzeilen notiert, um sie bei Gelegenheit hier zum Besten zu geben. Meine Top Four waren diese:

  1. „Er galt als sehr engagiert: Dieser Oberarzt spritzte Corona-Patienten tot“ (24.11.)
  2. „Japans Premier empfiehlt: Essen mit Maske“ (4.12.)
  3. „Jörg Pilawa: Wegen Corona konnte er nicht auf seine Privatinsel“ (12.12.)
  4. „Corona-Isolation mit Sexpuppe: Kuscheln tun wir nicht“ (30.11.)

Bei der alltäglichen Zeitungslektüre begegnen einem dieser Tage aber auch immer noch und immer wieder Schlagzeilen oder Zeitgenossen, die in geradezu moraltheologischer bzw. mittelalterlicher Denkweise einen Zusammenhang zwischen Seuche, Sünde und Strafe herstellen und wie vormals in Pest, Cholera und AIDS auch in Corona eine Antwort Gottes oder der Natur auf das immerwährend frevelhafte Tun der Menschheit sehen. Nur so jedenfalls lassen sich meines Erachtens Headlines wie „Corona am schlimmsten in AFD-Hochburgen“ (7.12.) interpretieren. Das Ganze scheint aber auch umgekehrt zu funktionieren, nämlich in dem Sinne, dass auch ungerechtfertigterweise ausgebliebene Bestrafungen durchaus zur Kenntnis genommen werden. Oder wie anders soll man diese Meldung verstehen: „Länder im Vergleich: Warum kommt ausgerechnet Serbien so gut durch die Krise?“ (3.12.) Weniger verklausuliert äußerte sich dagegen unlängst ein ungekröntes königliches Haupt: „Prinz Harry sieht in Corona eine Strafe der Natur“ schlagzeilte „Bild online“ ebenfalls am 3. Dezember. Dem dazugehörigen Bericht war zu entnehmen, dass es dem exilierten Briten-Prinz vorkomme, „als hätte uns Mutter Natur in unseren Raum für schlechtes Benehmen geschickt, um mal wirklich einen Moment lang darüber nachzudenken, was wir getan haben“. Was immer das war, es scheint doch ein recht kindliches Gemüt zu sein, das sich hier seine gerechte Strafe imaginiert. Ich denke, wenn Mutter Natur es uns Menschen wirklich heimzahlen wollte, hielte sie statt eines stillen Raums eher die Todesstrafe für uns bereit. Apropos Todesstrafe: Donald Trump, der gerade in schönster Diktatorenmanier zum Abschied noch ein paar Leute hinrichten lässt, ist es zu verdanken, dass ich heute auch noch ein paar Funfacts zum Thema „Corona“ beitragen kann. Denn in der Deutschen liebstem Boulevard-Blatt las ich just am Morgen: „Hinrichtungen gelten als potenzielle Corona-`Superspreader´. Wie das Todesstrafen-Informationszentrum berichtete, wurden acht Mitglieder eines Hinrichtungsteams wenige Tage nach einer Exekution im Dezember positiv getestet.“ Ich halte dies übrigens nicht für eine wohlverdiente Strafe.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Tag 29: Montag, 30 November 2020

„Corona-Pandemie“ ist das Wort des Jahres. Diese Wahl hat wohl niemanden überrascht, anders als das letztjährige Wort „Respektrente“, das ich am Tag seiner Verkündung tatsächlich zum allerersten Mal hörte und das mir heute schon wieder völlig unbekannt vorkam. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob „Corona-Pandemie“ nicht eigentlich zwei Wörter sind und ob nicht allein „Corona“ die Corona gebührt. Aber ansonsten ist der erste Platz so wenig originell besetzt, dass es einer einfachen bösen alten Frau, die auf keinerlei Fachexpertise zurückgreifen kann, schon am 29. März dieses Jahres gelungen ist, diese Wort-Wahl vorherzusagen. Ich bin natürlich ein bisschen beleidigt, dass es mein damaliger Vorschlag nicht in die Top Ten geschafft hat. Dabei ist sonst wirklich alles vertreten, was coronamäßig Rang und Namen hat: „Lockdown“ etwa (Platz 2) oder „systemrelevant“ (Platz 6). Ganze acht von zehn Begriffen stammen aus dem Wirkungskreis der Seuche. Wenn man es ganz genau nimmt – und das sollte man auf dem Feld der Sprache ja –, habe ich einen davon allerdings auch noch nie gehört: „Verschwörungserzählung“. Wohl las ich häufig „Verschwörungstheorie“, und auch „Querdenker“ ist mir medial manches Mal begegnet, aber „Verschwörungserzählung“, nein, so poetisch ging es dort nicht zu, wo ich mich aufhielt. Aber deshalb ist es wohl auch die Gesellschaft für deutsche Sprache, die das Wort, des Jahres ermittelt und nicht der googlesche Algorithmus. Der liefert übrigens folgende Ergebnisse (und bestätigt das Urteil der germanistischen Expertengremiums ansonsten weitgehend, stützt aber auch meine Einwände gegen einzelne Entscheidungen):

Verschwörungserzählung: „Ungefähr 66.400 Ergebnisse“

Verschwörungstheorie: „Ungefähr 795.000 Ergebnisse“

Corona:  „Ungefähr 1.450.000.000 Ergebnisse“

Corona-Pandemie: „Ungefähr 146.000.000 Ergebnisse“

Vor lauter Corona vergessen werden dürfen jedoch keinesfalls die beiden Ausreißer-Begriffe: „Black lives matter“ (Platz 4) und „Gendersternchen“ (Platz 9). Gerade das letzte Wort ist meines Erachtens der Überraschungssieger des Jahres. Denn ich weiß nicht, ob es dieses schöne Wort in einem Jahr mit mehr Ereignissen ebenfalls in die Top Ten geschafft hätte. So aber rangiert der Gender-Star damit gleichzeitig auch ganz weit vorne im Gesamtklassement all jener, die in puncto unverdiente mediale Aufmerksamkeit von diesen wahnsinnigen Zeiten in besonderem Maße profitieren. Hier landet das kleine Sternchen sogar auf Platz zwei, gleich hinter Karl Lauterbach. Und auch angesichts dessen bleibt mir für heute nichts weiter mehr, als mit Platz zehn zu schließen: Bleiben wenigstens Sie gesund!

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Ein paar herren-, pardon, damenlose Gendersternchen heischen nach Aufmerksamkeit.

### Eilmeldung ### Breaking News aus Bonn ### Mittwoch, 25. November ###

Der Impfstoff steht hier in großen Dosen bereit und kann bis zum Christfest persönlich abgeholt werden.

Tag 21: Sonntag, 22. November 2020

Der heutige Totensonntag sieht mich zutiefst deprimiert. Anders als man vielleicht auf Anhieb vermuten mag, sind die Gründe dafür nicht auf dem Themenfeld des heutigen Gedenktags zu finden. Oder doch: Auch die Dinge, an die ich mich heute unter Tränen erinnere, sind für dieses Jahr gestorben: schöne, alkoholselige Abende am Glühweinstand, eine sonntägliche Runde mit dem Riesenrad, Prager Schinken mit der Medienberaterin, ein paar Maroni, Schokobananen oder Poffertjes mit dem Patenkind, weitere schöne alkoholselige Abende am Glühweinstand, ach, eigentlich praktisch meine gesamte Freizeitgestaltung für Dezember. An diesem Wochenende, genauer gesagt am Freitag schon, hätte der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet, und die schöne Zeit hätte begonnen. Nahezu jeden Abend wäre ich dort anzutreffen gewesen, mit den besten Freunden, mit anderen Freunden, mit guten Bekannten, Bekannten, entfernten Bekannten, mit der aktuellen Sportgruppe, der ehemaligen Sportgruppe etcetera perge, perge. Doch dieses Jahr bleibt weiter im Konjunktiv, und all die Menschen, die man kennt und mag, rücken ein weiteres Stück in die Ferne. Nicht nur das generelle Misstrauen, dass der Mitmensch mir die Luft verpestet, hat das zwischenmenschliche Klima ja schwer belastet in diesem Seuchenjahr, sondern auch die gnadenlosen Kontaktbeschränkungen. Viele liebe Menschen hat man so über die Zeit ein bisschen aus den Augen verloren, manchmal sogar solche, die eigentlich nur ein paar Straßen weiter wohnen. Ich jedenfalls habe die meisten Leute, die ich kenne, schon sehr lange nicht mehr getroffen. Bisweilen ist es auch in anderen Jahren so, und man schafft es vor lauter Arbeit, Urlaub, Freizeitstress (der eigene und der der anderen) einfach nicht, sich zu sehen. Aber dann kommt ja immer der Dezember und der Weihnachtsmarkt und macht alles wieder gut. Denn der Weihnachtsmarkt ist ja nicht nur ein Ort, sondern auch eine ganz eigene, besondere Zeit, quasi eine Session bedingungs- und grenzenloser Nächstenliebe. In den gut vier Wochen vor dem Fest trifft man sich dort jedenfalls schnell noch mal mit jedem Eintrag aus dem Adressbuch: mit dem lieben Hinz und dem guten Kunz, der netten Greti und dem schönen Peti. Jene besondere emotionale Bedürftigkeit, Sanftmut und Versöhnlichkeit, die die Vorweihnachtszeit selbst den bösesten alten Frauen in die Herzen zaubert, kennt keinen besseren Ort der Erfüllung als die Glühweinbude. Doch dieses Jahr wird es nichts mit diesem Glück an kühlen, dunklen Abenden, geborgen in einem Lichtermeer und wärmenden Menschenmassen. Denn nicht nur der Weihnachtsmarkt als solcher ist ja abgesagt, auch mit einer weiteren Verknappung auf dem Markt der Begegnungsmöglichkeiten ist für den Dezember zu rechnen. Doch auch wenn zum Troste schon mit dem Impfstoff gewunken wird, weiß ich nicht, ob ich auch diese Strecke noch ganz vorschriftsmäßig mitgehen werde. Ich lasse mir nicht alles nehmen. Zu lieb sind mir die Vorweihnachtszeit und ihr schönster Schauplatz. Schon seit Wochen zermartere ich mir daher das Hirn, wie ich mich gegen diese weitere emotionale Verarmung stemmen kann und unter welchen Bedingungen wenigstens ein bisschen vorweihnachtliche Promiskuität möglich wäre. Könnte ich hier selbst einen starken Grog brauen und gezielt kleinste Grüppchen zum Umtrunk in die Küche bitten? Ist der Glühwein-to-go-Ausschank, mit dem geschäftstüchtige Wirtsleute an der Rheinpromenade nachmittags die Spaziergänger erfreuen, auch am Abend geöffnet? Ließe sich im Hinterhof der Medienberaterin vielleicht ein Pop-up-Market realisieren? Der Möglichkeiten sind viele, und vorsichtiges, fragendes Herantasten an das Thema hat ergeben: Das Umfeld ist durchaus konspirativ. Noch ist nicht aller Weihnachtstage Abend.

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Dieses Jahr hat keine Bilder: Endlich kann man mal die alten Handy-Fotos recyclen.

Tag 15: Montag, 16. November 2020

Ich fühle mich von der Politik völlig im Stich gelassen. Wie soll ich denn hier in halbwegs tagebuchähnlichen Intervallen die Seiten füllen, wenn die Kanzlerin und die diversen Ministerpräsidenten sich weigern, wenigstens ein bisschen an der Schraube zu drehen? Solange sich die Damen und Herren Politiker derart kontraproduktiv verhalten und einfach keine Verschärfungen beschließen, steht, es tut mir leid, auch von diesem Blog nichts gravierend Neues zu erwarten. (Ach, welch herrliche Texte könnte ich zum Beispiel so einer klitzekleinen Ausgangssperre abtrotzen.) Stattdessen regiert die Ideenlosigkeit. Das lässt sich auch jenseits der Politik beobachten. Was ist zum Beispiel mit den vielen unbekannten Videokünstlern, die uns während des ersten Lockdowns via WhatsApp nahezu im Sekundentakt mit kleinen filmischen Satiren zum Thema überschwemmten? Die schweigen jetzt völlig. Zur zweiten Runde fällt offenbar niemand mehr was ein. Lediglich auf der Wetter-Seite, auf der ich mich wegen des Outdoor-Tennis regelmäßig über die aktuellen meteorologischen Entwicklungen informiere, ist mir eine kleine Neuerung ins Auge gefallen. Dort gibt es jetzt eine Messgröße, die mir die beliebten Regenwahrscheinlichkeitswerte an Nutzlosigkeit noch zu übertreffen scheint: die Corona-Zerfall-Dauer. Heute Abend, bei tatsächlich 10 und gefühlten 8 Grad, einer Windgeschwindigkeit von 10 km/h und null Regen, beträgt sie 5,5 Stunden. Dieser Wert verrät uns, wie lange es dauert, bis das „Coronavirus an der frischen Luft in Abhängigkeit von der Temperatur, der relativen Luftfeuchtigkeit und insbesondere […] der Sonneneinstrahlung“ zerfällt. Das ist ja gut und schön, aber wie soll ich diesen Wert für mein Verhalten im Alltag nutzbar machen? Nun sind 5,5 Stunden viel. Gestern Nachmittag, also bei Tageslicht, lag der Wert bei 3,5. Aber: Alles ab 3 Stunden ist, wenn ich die Legenden-Farbe Rot richtig interpretiere, kritisch. Das erschwert die Lage und die Einschätzung. Schon die Regenwahrscheinlichkeit ist eine Größe von zweifelhafter Güte und Aussagekraft, denn ob 20 Prozent oder 80 Prozent: Dass ich nicht nass werde, ist sicher doch nur bei 0 Prozent. (Tatsächlich bleibt es meiner Erfahrung nach trotzdem selbst bei 80 Prozent häufig trocken.) Nun also der Corona-Zerfall – und erneute Ratlosigkeit: Wie gehe ich mit diesen Informationen als Laie verantwortungsvoll um? Warte ich fünfeinhalb Stunden, bis ich das Haus verlasse? Oder gehe ich, wie im Falle des gestrigen Tennisdates, einfach dreieinhalb Stunden früher los, damit die Luft auf dem Platz dann endlich rein ist? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: Wenn die Kanzlerin diese Größe nur richtig ins Spiel bringt, kann sie die Bürger damit effektiver und lückenloser im Haus halten als mit allen weiteren Beschränkungen.

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Corona-Zerfall 5,5, Regenwahrscheinlichkeit 88 Prozent: Dieser neuartige Chronograph zeigt allen Senioren, wann sie das Haus gefahrlos verlassen können.

Tag 10: Mittwoch, 11. November 2020

Wir bringen gerade alle große Opfer. Heute zum Beispiel wären in der Nachbarstadt große Teile der Bevölkerung gerne schon vor dem Mittagsläuten stark angetrunken gewesen, um in einem schunkelnden Reigen auf dem Kölner Heumarkt mindestens zehntausendstimmig stundenlang Karnevalslieder zu singen und so die diesjährige Session zu eröffnen. Aber gerade ist einfach keine Superjeilezick, und selbst Dinge und Veranstaltungen, die eigentlich unausfallbar sind, finden dieses Jahr einfach nicht statt: Europameisterschaft, Oktoberfest, Wacken und nun auch noch der Karneval. Der Entbehrungen sind unermesslich viele. Eine davon verspüre heute auch ich. Denn auch ich hätte am Elften im Elften gerne gesungen, allerdings in einem etwas stilleren Rahmen und statt im heidnischen eher in einem christlichen Kontext. Schließlich feiert der brauchtumsbewusste Rheinländer am 11. November ja nicht nur Fastelovend, sondern auch St. Martin. Und was soll ich sagen: Ein richtiger Martinszug, mit Feuerwehrkapelle und einem Römer auf Pferd, schlägt nach meinem Dafürhalten jeden noch so kilometerlangen Rosenmontagszug. Weckmann beats Kamelle! Kurz, ich liebe St. Martin, und ich war gesegnet, denn ich hatte in den letzten knapp 15 Jahren immer ein Patenkind, das im besten Laternenumzugs-Alter war. Das ermöglichte es mir, auch in der zweiten Lebenshälfte noch in Kitas mit Pappmachee zu basteln und die zweifelhaften Ergebnisse dieser Bemühungen später, immer die drei selben Lieder singend, stolz durch die dunklen Straßen zu tragen. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit diesem 11. November, unter anderem jene, als der kaum fünfjährige Kölner Patensohn die vielen Feieranlässe des Tages nicht trennen konnte oder wollte und statt „Laterne, Laterne“ am Martinsfeuer immer wieder „Heidewitzka, Herr Kapitän“ anstimmte. Um solche Freuden bin ich in diesem Jahr gebracht, und das nehme ich Corona wirklich übel. Denn Karneval kann ich noch viele Jahre feiern, aber mein Kontingent an möglichen Lichterumzügen ist nicht mehr allzu groß. Schon in drei Jahren kommt das letzte Patenkind aufs Gymnasium, und dann wird es für mich deutlich schwerer bis unmöglich, ohne Argwohn zu erwecken noch mit einer Laterne in der Hand bei dieser Kinderveranstaltung mitzulaufen. Deshalb jetzt einmal hier, mit Wehmut und mit Zorn: Rabimmel, rabammel, rabumm. Bumm! Bumm!

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Karneval ist verboten, aber sich zu maskieren, ist definitiv erlaubt.

Tag 8: Montag, 9. November 2020

Falls Sie es nicht selbst gespürt haben sollten: Heute war „Der Tag der Hoffnung“. So jedenfalls titelte am Morgen „Bild Online“ anlässlich der Pressekonferenz, auf der führende Experten und Infektionsschützer schon einmal den Plan zur Verteilung dieses Impfstoffes, den es noch nicht gibt, vorgestellt haben. Doch auch jenseits des Top-Themas wurden Freunde des pandemischen Boulevard-Berichts heute Morgen überreich beschenkt: „China behauptet: Deutsche Schweinshaxe löst Corona aus“, und: „Heino fragt, Spahn antwortet: Wie wollen Sie Risikogruppen schützen?“, lauteten zeitgleich weitere Schlagzeilen auf der erwähnten Online-Präsenz. Herrlich! Aber an mich ist so viel Kreativität und journalistische Gestaltungskraft komplett verschenkt. Denn ich lese schon seit Monaten keine Corona-Berichterstattung mehr, auch nicht im „Spiegel“ oder im hiesigen Lokalanzeiger. An der televisionären Aufbereitung des Seuchenthemas bin ich selbstredend ebenfalls in keinster Weise interessiert. Nach dem „Tatort“ am Sonntag schalte ich um, ehe Anne Will (die es für meinen Geschmack mit dem Botoxen in der letzten Zeit ein bisschen übertreibt) auch nur „Karl Lauterbach“ sagen kann. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun. Es ist nur so, dass die große, gähnende Langeweile, die (zumindest für alle Gesunden) mit Corona einhergeht, auch auf Corona selbst zurückwirkt. Es ist einfach nicht mehr neu genug, und über Monate hinweg das Interesse an einem einzigen Thema aufrechtzuerhalten, schaffen – Heino hin, Schweinshaxe her – selbst die Besten nicht. Das Einzige, was mich im Zusammenhang mit Qualitätsjournalismus und Corona tatsächlich noch brennend interessieren würde, ist, warum „Bild Online“ für das Corporate Design seines alltäglichen Pandemie-Blocks ausgerechnet Gelb und Schwarz gewählt hat, also die Farben des BVB? Gibt es da gewisse unterschwellige Animositäten? Wenn hier endlich jemand mal die wahren Hintergründe aufdecken würde, bestünde vielleicht noch eine Chance, mich als Leserin zurückzugewinnen. Bis es so weit ist, stelle ich mich meinen eigenen bohrenden Fragen und Widersprüchen: Wenn ich selbst nichts mehr über Corona lesen mag, wieso denke ich dann eigentlich, dass es dem möglichen Leser hier anders geht?

Die Bilder hier werden auch immer schlechter.

Tag 7: Sonntag, 8. November 2020

In Krimis und Fernsehfilmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kann man erstaunlich häufig eine Unstimmigkeit beobachten, die eigentlich unverzeihlich ist, sich aber vermutlich aus irgendwelchen guten (?) Gründen doch nicht vermeiden lässt. Ich nenne sie die Sommer-Herbst-Kommutation, und sie lässt sich so beschreiben: Die filmische Handlung behauptet Sommer, die umgebende Natur jedoch zeigt Herbst. Das Ganze sieht dann zum Beispiel so aus: Der Hauptdarsteller steht an einem diesigen, grauen Novembertag im Freibad auf dem Sprungbrett, und an den Bäumen auf der Liegewiese hängen nur noch ein paar welke gelbe Blätter. Erst neulich sah ich wieder eine sommerliche Gartenparty, auf der sich Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts tummelten, die Bratwurst auf dem Grill brutzelte, die Bäume und Hecken aber völlig kahl waren. Ich frage mich dann immer, ob der Regisseur oder der Produzent (oder wer immer das verantwortet) denkt, der Zuschauer würde es nicht merken, solange von den Schauspielern niemand sichtbar zittert oder eine Frost-Fahne hat. Ich muss diese Illusion zerstören: Er merkt es, und schlimmer noch: Dem ganzen filmischen Produkt fehlt am Ende auch komplett das gewünschte Sommerfeeling. „Wie will sie denn von hier aus die Brücke zu Corona schlagen?“, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Nun, seit Montag fühle ich mich genauso wie der Protagonist in einer solchen Sommer-Herbst-Kommutation: Ich spiele Tennis in eiskalten Morgenstunden, mit Skiunterwäsche am Leib, finde in dem gelben Laub die gelben Bälle nicht, sah auf dem Nachbarplatz sogar schon Schläger in behandschuhtem Griff, und obwohl ich diesen Sport liebe, denke ich die ganze Zeit: „Das ist nicht richtig.“ Dabei haben wir hier in Nordrhein-Westfalen noch Glück, denn hier ist das Tennisspiel noch erlaubt, draußen zumindest und im Einzel. Die Hallen, in die die Anhänger des weißen Individualsports in der Regel aus gutem Grund so Anfang, Mitte Oktober einziehen, aber bleiben verschlossen, und ein Doppel ist auch tabu, selbst mit Personen aus demselben Haushalt. Statt nach New York oder Montevideo wünscht man sich in diesen reduzierten Zeiten daher manchmal schon an Orte, von denen man sich sonst eher gezielt entfernt: In Baden-Württemberg zum Beispiel darf man alles, auch Halle und Doppel. Aber ich will nicht meckern. In Hessen ist Tennis komplett untersagt. (Gut, dass ich das den Hessen nicht erklären muss.) Aber jedes Mal, wenn ich in meiner langen Unterhose wieder schwitzend in der kalten Luft stehe und die vielen anderen auf der Anlage betrachte, die Zeit haben, tagsüber zu spielen, frage ich mich, ob man in Hessen nicht doch über tieferes Wissen verfügt. Denn jenem Vergleich zufolge, der im Hinblick auf die Folgen des Infektionsgeschehens derzeit so oft und gerne angestellt wird, stellt ja die Grippe für uns Senioren auch eine recht ernst zu nehmende Gefahr dar.

Hier dreht das ZDF demnächst eine richtig schöne Sommerserie.

Tag 3: Mittwoch, 4. November 2020

Gibt es in diesem Land eigentlich irgendjemanden, der glaubt, dass der Lockdown am Ende des Monats wieder aufgehoben wird? Ich kenne niemanden. Die drei frisch gebadeten Orakel und Hestia-Priesterinnen in meiner Zwei-Hausstände-Blase jedenfalls waren sich bei der jüngsten Halloween-Trance erstaunlich einig: Das Ganze wird bis zum Jahresende verlängert, und für Weihnachten denken sie sich ein paar Lockerungen aus, damit das Volk nicht gänzlich rebellisch wird und nächstes Jahr rein aus Trotz Attila Hildmann oder einen anderen Aluhut zum Bundeskanzler macht. Neulich las ich in der „Bild-Zeitung“, die ja ihrerseits bei der Verbreitung von Räuberpistolen auch nicht besonders kleinlich ist, welch seltsame Glaubensinhalte in dieser Szene kursieren. Mir wurde angst und bange bei dem Gedanken, im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu leben mit Menschen, die sicher sind, dass die Bundeskanzlerin und ihre Spießgesellen nachts im Berliner Pergamon-Museum entführten Kleinkindern auf dem Thron des Satans das Lebenselixier Qanon abzapfen (oder so). Die ehemalige Schülerin eines Kant-Gymnasiums in mir denkt angesichts dessen (wie auch anderer radikalreligiöser Überzeugungen), dass eine zweite Aufklärung nottut, und möchte noch einmal unterstreichen, dass gerade in einer Zeit wie unserer die Unmündigkeit selbst verschuldet ist. Doch ansonsten lassen mich die Entwicklungen in diesem Bereich recht ratlos und durchaus besorgt zurück: Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich jemand glaubt. Andererseits haben ja unlängst wieder sehr viele Menschen Donald Trump gewählt. Doch stopp! Nicht weiter hier! Denn dies ist ja ein harmloser, entspannter Senioren-Blog und kein Ort, an dem derart Verstörendes Raum greifen soll. Und doch: Ist es nun ein Segen, dass Corona diese Dinge und Gestalten sichtbar macht, oder nur eine weitere Dimension seines bösen Wirkens? Scully, bitte übernehmen Sie!

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An diesen langen, einsamen Corona-Abenden kommen selbst Zeitgenössinnen, die prinzipiell bei Troste sind, auf seltsame Ideen.

Tag 1: Montag, 2. November 2020

Ich gebe es natürlich ungern zu, aber: Ich habe mich geirrt. Denn auch wenn strukturell nichts Neues mehr passiert, ist Corona noch nicht auserzählt. Ich weiß nicht, ob ich im Frühsommer wirklich an das Heranschwappen der zweiten Welle geglaubt habe, aber jetzt ist sie – um mal in dem schlechten Bild zu bleiben – ganz offensichtlich mit Macht auf den Strand des öffentlichen Lebens geschlagen – und hat uns von der Promenade vertrieben. Es ist wieder Lockdown, und da hole ich natürlich schnell das Tagebuch wieder heraus, denn es gilt ja, das Böse schreibend zu bannen. Weil jedoch wie gesagt nichts passiert, was wir nicht schon kennen, weiß ich nicht, ob ich die Seiten auch füllen kann. Aber was soll´s: Im deutschen Fernsehen schreckt ja auch niemand vor Wiederholungen zurück.

Einen gravierenden Unterschied habe ich allerdings doch entdeckt zwischen Ausnahmezustand 1 und Ausnahmezustand 2, und der betrifft die Art und Weise, wie die bevorstehende Zeit der Entbehrung der Bevölkerung jeweils angekündigt wurde: Hatte die Bundeskanzlerin im März noch die durchaus pathetische Form der großen Ansprache ans Volk gewählt, um selbiges – die deutsche Fahne neben und ein Bild des Reichs- bzw. Bundestags hinter sich – auf die Krise und die Notwendigkeit des Verzichts einzuschwören und an die Solidarität zu appellieren, so dekretierte sie die neuerlichen Einschränkungen letzten Mittwoch ohne unnötige Gefühlsduselei auf einer Pressekonferenz und diktierte den Multiplikatoren die Maßnahmen in Katalogform in die Mikrofone: „Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt. […] Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen werden geschlossen […].“ Einen sensiblen Menschen wie mich hat die freundliche Variante im März natürlich deutlich mehr angesprochen und erreicht.

Ansonsten ist das vorläufig Erschreckendste an diesem neuerlichen Lockdown das Maß, in dem er mich kaltlässt. Das zeigt natürlich vor allem, an wie viel Tristesse wir uns im letzten halben Jahr schon gewöhnt haben. Man kennt es inzwischen fast nicht mehr anders. Aber heute war ja erst Tag 1 von Notstand 2. Schauen wir also mal, was die schlechten Zeiten noch so bringen.

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Jetzt wieder jeden Abend bildungsbürgerliche Einöde: Nichts als ein gutes Glas Wein und Thomas Mann

Tag 118: Mittwoch, 3. März 2021

Das Warten auf bessere Zeiten geht weiter. Die Läden und alle anderen zentralen Orte menschlicher Vergnügungen bleiben noch rund weitere vier Wochen geschlossen, und auf den Karneval ist erst einmal die Fastenzeit gefolgt. Damit hat die Corona-Krise nun ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Für mich jedenfalls. Denn ich verzichte in diesen sechs Wochen bis Ostern traditionell auf Alkohol. Das bedeutet auch: Mit einem kleinen Hellen oder einem Schlückchen Portwein des Abends ein bisschen an der Stimmung zu schrauben, ist derzeit keine Option. Dabei scheint es einem gerade an diesen langen, einsamen Corona-Abenden nach diesen langen, einsamen Homeoffice-Arbeitstagen doch eigentlich oft so, dass man sich ein wenig Glück aus der Flasche verdient habe. Was man so liest, bin ich mit diesem Empfinden nicht alleine. Denn ob Flaschenbier oder Rotwein: Die Absatzzahlen sind trotz geschlossener Kneipen während und aufgrund der Corona-Krise deutlich gestiegen, und Studien belegen: Neben dem Homeschooling boomt auch das Homedrinking. Die ganze Tristesse ungefiltert auszuhalten, das schaffen nicht viele. Und natürlich ist ja auch so, dass es außer essen und trinken derzeit nicht mehr viel gibt, was man kaufen oder tun kann. („Malteserkreuz, Herr Strack?“ – „Man gönnt sich ja sonst nichts!“) Der Verzicht fällt also in diesem Jahr besonders schwer. Gleichzeitig ist er – eben wegen der beschriebenen unguten Tendenz zum einsamen Belohnungs- und Trostrinken – natürlich umso nötiger. Da könnte man es fast als eine willkommene Unterstützung empfinden, dass mit all den Geburtstagsfeiern und anderen Festen, die gerade nicht gefeiert werden, alle bösen Verlockungen wegfallen, die sonst manchmal selbst die entschlossensten Temperenzler auf ihrem Weg zur reinen Tugend straucheln lassen. (Auch auf Personen, deren Gesellschaft durch Alkohol deutlich erträglicher wird, trifft man derzeit praktisch gar nicht mehr.) Wohl auch deshalb habe ich die ersten 14 Tage Abstinenz erfolgreich hinter mich gebracht und sehe entsprechend auch vier weiteren Wochen Trockenheit und Lockdown recht gelassen entgegen. Ob das allerdings auch für diejenigen gilt, die derzeit wirklich einen Grund zum Saufen haben, ist eine Frage, über die ich nicht nachdenken will.

Der Corona-Schnelltest ergibt: null Komma null Promille.

Tag 100: Samstag, 13. Februar 2021

Das Rheinland trägt gerade Trauer statt Kostüm. Der Karneval fällt aus. Komplett. Der beste Teil jedenfalls, der Straßenkarneval. Am Wieverfastelovend vorgestern war es hier praktisch in der ganzen Stadt so wie in Hamburg und Berlin jedes Jahr um diese Zeit. Ich hätte es nicht gedacht, aber es war tatsächlich nirgendwo ein gravierend subversives Tun und Treiben zu bemerken (auch wenn viele Maskierte unterwegs waren). Das war vielleicht auch besser so, denn in der Zeitung sah ich schon Bilder von Polizisten, die hierzulande mit illegal Karneval Feiernden in derselben Art und Weise verfuhren wie die russische Polizei mit Demonstranten. Vielleicht ging es einigen anderen aber auch so wie mir: Angesichts der arktischen Temperaturen draußen war ich nicht allzu traurig, dass ich nicht fünf Stunden lang mit dem Kölschglas in der blau gefrorenen Hand auf der Straße stehen und Karnevalslieder singen musste.

Das karnevalistische Drohszenario: Bei Zwei- und Dreigestirnen, die Orden verteilen, Kappensitzungen, Bernd Stelter und Guido Cantz verlasse ich den Saal von selbst.

Mit mir und dem Fastelovend ist es ohnehin so eine Sache, denn wiewohl Rheinländerin, bin ich nicht unbedingt so eine rheinische Frohnatur, ich verkleide mich nicht gerne, selbst fürs Schunkeln reicht mein Rhythmusgefühl nicht, und unter Alkohol mit wildfremden Menschen knutschen, dafür bin ich inzwischen bedauerlicherweise zu alt. Meinen Festivitätsbedürfnissen hat Corona sicher schmerzlichere Verluste zugefügt als die Austreibung des Karnevals. Das darf man hier im Rheinland freilich nicht laut sagen. Und ganz so ist es natürlich auch nicht. Denn erst vor zwei Jahren fand ich nichts schöner als fünf Stunden mit dem Kölschglas etc. Ich war damals Päpstin und habe in diesem Kostüm die interessantesten Erfahrungen gemacht: Manche Leute suchten ernsthaft das Glaubensgespräch mit mir, andere haben mich stellvertretend beschimpft, wieder andere wollten sich unbedingt mit mir fotografieren lassen, und von zweimal wurde ich auch von mir gänzlich Unbekannten geküsst. (Aber Rot steht mir auch wirklich gut.)

Auch übers Kostüm hinaus sehe ich für mich eine deutliche Brücke zwischen Karneval und Kirche: Bei beiden gefällt mir die Musik am besten. Und bei beiden bin ich in dieser Hinsicht absolut Old School: Ich will Orgel und nicht Gitarre, ich bin Bläck Fööss und nicht Cat Ballou. Ich mag es einfach, wenn der Karneval auch nach Karneval klingt und nicht nach Popmusik in Mundart. Nichtsdestotrotz war ich sehr gespannt, welche tonkünstlerische Bearbeitung das Trauma durch die Brauchtums-Bands erfahren würde. Ich versprach mir durchaus einiges davon (die Rolling Ghosts haben da auf jeden Fall noch deutlich Luft nach oben gelassen). Doch auch kölschen Kehlen entlockt Corona keine fröhlichen Töne. Die Stimmungslage der meisten Songs lässt sich auf die langweilige Formel des letzten Frühjahrs bringen: Pathos, Balkonsingen, zesammestonn. Bei einer Recherche im Radio in den letzten Tagen fiel allein das folgende recht traditionelle Stück ein wenig aus dem Stimmungsrahmen:

Eine Aufnahme, wo der ganze Saal mitgrölt, gibt es leider noch nicht.

Immer wenn mir dieser Tage einfällt, dass ja Karneval ist, stimme ich jedoch nicht dieses Lied an, sondern „Kayjass Nummer null“. Dann gieße ich mir erst einen Kabänes ein und dann einen Schabau und habe kurz eine Ahnung davon wie schön und betrunken alles schon am helllichten Nachmittag sein könnte.

Für et Hätz.

PS: Im Rahmen der Feldforschung für diesen kleinen Blog bin ich auch einer Einladung zu einem Corona-Karnevalskonzert gefolgt, dem ich sonst vielleicht eher ferngeblieben wäre. So aber war ich diese Woche bei einem Autokonzert mit den „Höhnern“, die wie alle professionellen Karnevalskünstler in dieser Session um die meisten ihrer Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten gebracht sind. Der „CAR-neval“ (so die Ankündigung) war auch interessant, aber wenn man beim Autofahren einfach eine Karnevals-CD einlegen würde, wäre es genauso schön, aber wärmer.

Es gibt gute Gründe, warum ich keine Dokumentarfilmerin geworden bin.

Tag 95: Montag, 8. Februar 2021

Ich habe vorletzte Woche Post von der Bundesregierung bekommen, die mir fast pünktlich zum ersten Geburtstag ihrer größten Herausforderung als Überraschung ein kleines Geschenk zukommen ließ. Es waren zwei Gutscheine, die ich in einer Apotheke meiner Wahl gegen jeweils sechs FFP2-Masken eintauschen kann. Ich war ganz gerührt. Die letzten Gutscheine vom Staat habe ich in den Siebzigerjahren in den Händen gehalten. Damals gehörten diesem noch die Eisenbahn und die Post, und alle Bürger profitierten vielfältig von sozialen Segnungen. Für die einen Gutscheine erhielt man als Fahrschüler eine Monatskarte vom Heimat- zum Schulort, die anderen konnte man einlösen gegen Lehrmittel, also Bücher. Zu Beginn jedes Schuljahres bekam man immer einen ganzen Bogen davon, und sie waren, wenn ich mich richtig erinnere, lachsrot. Ach, wie lange habe ich nicht mehr an diese seligen Zeiten gedacht! Doch zurück ins Hier und Jetzt: Dies war also die erste Corona-Hilfe, die ich bekam, und das ebenfalls, ohne zuvor einen Antrag gestellt zu haben. Meine kindliche Freude über das unverhoffte Präsent wurde in der Apotheke ein bisschen getrübt. Dort erfuhr ich nämlich, dass ich chronisch krank bin. Das war mir neu. Doch nachdem die Apothekerin uncharmanterweise nur durch Nachfragen ausschließen konnte, dass ich noch nicht 60 bin, blieb allein dies als mögliche Erklärung für meine Maske-Marken. Wer sich aber fragt, woher Big Brother das weiß, dem sei geantwortet: Ich glaube, es ist völlig sinnlos, sich gegen die geplante elektronische Patientenakte zu stemmen. Doch zurück zu meinen Masken und den Gefühlen, die sie begleiten. Die haben sich nämlich im Laufe dieses einen Jahres ziemlich gewandelt, und das nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen, wie ich den wenigen Gesprächen entnehme, die ich noch führe. Erinnern Sie sich noch an den Enthusiasmus der Anfangstage? Als der Krieg begann, zogen alle mit Feuereifer in die Schlacht. Was wurden damals Masken genäht! Sogar meine über 80-jährige Mutter hat im letzten Frühjahr nach Jahren der Abstinenz noch einmal ihre Nähmaschine aufgeklappt und mit Arthrose in den Händen und einem Star im Auge alles gegeben fürs Vaterland und eine gerade Naht. Ich kann mich erinnern, dass wir in jenen langen zurückliegenden vier- und fünfköpfigen geselligen Runden zu später Stunde lustige Fotos gemacht haben mit Masken. Und als ich dereinst die erste verlorene oder weggeworfene Maske auf der Straße entdeckte, habe ich ebenfalls die Handykamera gezückt, weil es mir so symbolhaft erschien (und weil ich ja auch das erste Tagebuch hier mit etwas bebildern musste). Doch inzwischen gehören zertretene graue Masken im Rinnstein zum Straßenbild wie Meckes-Tüten und Zigarettenkippen, und die Zeiten der großen, pathetischen Gesten sind lange vorbei. Niemand klatscht, dankt und singt mehr vom Balkon. Alle sind zermürbt von der Schlacht und endgenervt. Und so hat Kapitalismus dem Enthusiasmus die Zügel wieder aus der Hand genommen, und seine Gesetze bestimmen das Krisengeschehen. Statt Masken zu nähen, womöglich sogar für andere, kauft man sie jetzt im Handel, und nacheinander haben die verschiedensten Anbieter dabei ihren Reibach gemacht. Gerade sind die FFP2-Produzenten dran – und die Apotheken. Denn für jede Maske, die der Staat verschenkt, bekommt die Apothekerin 6 Euro (der Apotheker natürlich auch). Das erfuhr ich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auch die Einkaufspreise für das „filtering face piece“ der Schutzklasse 2 kannte: 0,80 bis 1,40 Euro. Was der FFP2-Schutz pro Stück im unstudierten Einzelhandel kostet, weiß vermutlich jeder selbst: zwei bis drei Euro. Ich würde also sagen: In der Pillenbude stimmt die Marge. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Apothekerin gleich auch meinen zweiten Gutschein einbehalten hat, obwohl der erst ab 16. Februar gilt. Ach, wer wollte da klatschen?

Es wird noch lange dauern, bis Brillenträger wie ich beim Metzger die Wurst in der Auslage wieder erkennen können.

Tag 88: Montag, 1. Februar 2021

Haben Sie es heute Abend in der „Tagesschau“ auch gesehen? Auf dem Kopf der Kanzlerin wachsen Haare in mindestens zwei Farben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Seit mehr als sechs Wochen haben auch die Friseure nun schon wieder geschlossen. Die Sorge bzw. der Unmut ist deshalb auf beiden Seiten groß: an und unter der Schere. Die Friseure bzw. ihr sehr aktiver Berufsverband haben entsprechend in den letzten Wochen ordentlich Rabatz macht. Unter dem Motto „Licht an, bevor es ganz ausgeht“ brannte am Wochenende zum Beispiel in vielen Salons rund um die Uhr das Licht über verwaisten Waschbecken und Trinkgeldkästchen. Aber auch ein Brandbrief an den DFB wurde verfasst, nachdem die Schädel vieler Fußballprofis trotz Lockdown immer noch so verdächtig akkurat rasiert sind. Weil der Grad der mitmenschlichen Solidarität in diesen globalen Bad Hair Days auch an der Länge der Locken gemessen wird (und vielleicht auch aus Sorge, selbst noch medienwirksame Post von der Figaro-Innung zu bekommen), hat Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor Kurzem per Erlass auch das Haareschneiden in den Kasernen untersagt. (Damit ist natürlich in Kürze der korrekte Sitz der ABC-Schutzmaske in akuter Gefahr.) Wir sehen: Haareschneiden, dieses eigentlich ach so harmlose Tun, hat sich unter dem unseligen Einfluss der Seuche zu einer ziemlich heiklen Tätigkeit entwickelt, die bisweilen schon eine regelrechte Kriminalisierung erfährt. „Polizei hebt illegales Friseurstudio aus“: Das ist keine Szenerie, die ich mir gerade zwecks Übertreibung ausgedacht habe, sondern eine Schlagzeile aus meinem Lieblingsboulevardblatt. Der Sprecher der zuständigen Polizei Unna rapportierte zur Beweismittellage am Tatort ansonsten noch Folgendes: „Einige der angetroffenen Personen hatten frische, akkurate Haarschnitte, der Rest von ihnen stand scheinbar kurz davor. Denn auf dem Boden lagen abgeschnittene Haare, auf den Tischen befanden sich Scheren und anderer Friseurbedarf.“ Ich hoffe, dass wir schon bald über Dinge wie diese wieder laut lachen dürfen. Nichtsdestotrotz ahne auch ich, wie ernst die Lage ist, nicht nur für Friseure. Ich war schon einmal arbeitslos und habe eine gewisse Vorstellung davon gewonnen, was Existenzangst bedeutet. Daher habe ich auch Verständnis für jeden, der die Risikoabwägung derzeit lieber selbst übernimmt und das ein oder andere Alternativgeschäft dem widerstandslosen Untergang vorzieht. Und wenn man das einmal als mögliche Strategie akzeptiert hat, dann muss man sagen, dass Friseure im Vergleich zu vielen Einzelhändlern in der Krise doppelten Vorteil genießen. Denn ihr Angebot ist immer noch unersetzlich: Einen neuen Haarschnitt kann man nicht im Internet bestellen. Und es braucht auch kaum mehr als ein bisschen Heimlichkeit, um die berufsspezifische Dienstleistung auch in Lockdown-Zeiten an Mann und Frau zu bringen. Ich selbst lasse wie während der letztjährigen Sperrstunden zwar immer noch völlig legal das Fräulein Stefanie schneiden, eine äußerst talentierte Hobby-Coiffeurin aus dem engsten Familienkreis, aber ich könnte hier auch andere Geschichten erzählen. Doch das sind ja nicht meine. Was ich in puncto Schwarzarbeit aber noch berichten könnte, ist, dass ich am Samstag eine Einkaufsfahrt unternommen habe, die mich in ein weitgehend verlassen daliegendes Industriegebiet geführt hat. An dessen Rand ist auch der größte Puff der Stadt angesiedelt, vor dem, als ich vorbeifuhr, zwei Taxis auf Kundschaft warteten. Dass sich aber gleich zwei Taxifahrer von diesem Standplatz in einer abgelegenen, menschenleeren Ecke der Stadt samtagsmittags um 13.15 Uhr ein Geschäft versprechen, könnte ein Indiz dafür sein, dass dort auch eins zu machen ist.

Mit solchen Bildern kann man die Klickrate enorm erhöhen.

Tag 81: Montag, 25. Januar 2021

Gegen Berichte über Corona bin ich nach fast einem Jahr eigentlich weitgehend immun. Das meiste lese ich nicht mehr (richtig), und wann immer ich im TV auf eine der unverändert zahlreichen Gesprächsrunden zum Thema stoße, schalte ich eiligst weiter. In der Folge verfüge ich über ein herrliches, absolut alltagstaugliches Halbwissen, das sich allein aus Schlagzeilen speist, die zu groß sind, um übersehen zu werden, und aus den Radionachrichten morgens im Bad, die so kurz sind, dass sich ein Wegschalten nicht lohnt. Dass ich so schlecht informiert bin, ist sicher der Grund dafür, dass mich die heutigen Meldungen so verwirrt haben. Ich hörte gleich nach dem Aufstehen, dass heute die Vergabe der Impftermine für über 80-Jährige in Nordrhein-Westfalen gestartet sei. Nachdem aber erst vor fünf Tagen zur gleichen frühen Morgenstunde vermeldet wurde, dass das NRW-Gesundheitsministerium einen Impfstopp u. a. für Krankenhäuser und Altenheime verhängt habe, frage ich mich nun: Werden jetzt die Alten in den Heimen nicht mehr geimpft, damit die Alten zu Hause gerettet werden können? Doch wie soll das überhaupt möglich sein, wo doch der Grund für besagten Impfstopp ist, dass es nicht genug Impfstoff gibt? Ich gebe zu, ich komme da nicht so richtig mit. Vor ein gewisses Rätsel stellt mich nämlich auch die Frage, ob man überhaupt noch einen Stopp verhängen kann, wenn etwas schon von selbst aufgehört hat. Oder anders: Wäre das Impfen womöglich weitergegangen, wenn das Gesundheitsministerium keinen Stopp verhängt hätte? Egal, ob die Antwort auf diese Frage Ja oder Nein lautet, sie ist kein Kompliment für die (vermeintlich) Handelnden. Aber so ist das bei Corona: Wie man es macht, macht man es falsch, da ist Salami natürlich die beste Taktik. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass es bei der Vergabe der Impftermine für die Ü-80-Jährigen in NRW besser läuft als im benachbarten RLP, wo die Anmeldung zur Impfung, begleitet von ähnlichem Medientamtam, schon am ersten Werktag dieses neuen Jahres gestartet ist. Als ich am zweiten Tag für meine leider nicht mehr mit unbegrenzter Lebenserwartung gesegneten Eltern die Impfung klarmachen wollte, musste ich feststellen, dass man im eigens dafür eingerichteten Online-Portal gar keine Termine bekommt, sondern Vorgangsnummern sowie den Hinweis: „Sobald wie möglich werden wir Ihre Anfrage bearbeiten und Ihnen einen Termin für die Impfung mitteilen.“ Schon zehn Tage später kam ein weiterer Bescheid für meine beiden Angehörigen der priorisiertesten aller „privaten“ Gruppen der Impfberechtigten: „Leider sind derzeit keine Termine in Ihrem Impfzentrum verfügbar, da alle Kontingente aktuell belegt sind. […] Bis eine Terminvereinbarung möglich ist, kann es zu längeren Wartezeiten kommen.“ Mir scheint, auch in den virtuellen Impfzentren geht es zu wie in der analogen Facharztpraxis: Zuerst sitzt man sehr lange im Wartezimmer, dann wird man in ein leeres Behandlungszimmer umgesetzt, wo man ungefähr noch einmal genauso lange warten muss, bis endlich der Arzt kommt. Nichtsdestotrotz soll in NRW, wie ich heute Morgen ebenfalls im Bad erfuhr, die Impfung der über 80-Jährigen im April abgeschlossen sein. Ich kann rechnen: Wenn allein das bis April dauert, dann wird es mit dem insgeheim bereits geplanten Sommerurlaub für meine Alterskohorte auf jeden Fall nichts. Es sei denn, ich kaufe mir doch etwas von diesem Impfstoff, der derzeit in Spam-Mails so zahlreich und problemlos erhältlich ist.

Der gute Stoff aus dem Darknet reicht für die ganze Familie.

Tag 71: Freitag, 15. Januar 2021

Gestern Abend haben wir den Weihnachtsbaum auf die Straße gestellt. Damit wäre diese Saison nun auch beendet. Obwohl sie durchaus ein paar Wochen gedauert hat, ist nicht allzu viel passiert, seit ich im Dezember zum ersten Mal im Leben eine Nordmanntanne in meiner eigenen Stube platziert habe. Nur ein recht stilles Weihnachten und ein noch einsameres Silvester wurden gefeiert. Ansonsten ist ein Tag wie der andere vergangen, der einen Woche die nächste gefolgt, die Wochen haben sich zum Monat geformt, und inzwischen ist schon ein neues Jahr daraus geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht, und wie alle, die weitgehend gesund, weitgehend kinderlos, weitgehend unter achtzig und nicht im Gaststätten- oder stationären Einzelhandelsgewerbe tätig sind, bedrückt mich in diesen grauen Januartagen vor allem eines: eine unermessliche Langeweile. In dem riesigen Lockdown-Vakuum dehnt sich die Zeit, und um sie totzuschlagen, also wenigstens etwas zu tun, lese ich noch häufiger als sonst online jene Zeitung, die mit allerhand Übertreibungen, überraschenden Pointierungen und der größtmöglichen Pressefreiheit versucht, ein bisschen Spannung und Farbe in unseren trüben Alltag zu bringen. Schon vor Weihnachten hatte ich mir dabei ein paar schöne Schlagzeilen notiert, um sie bei Gelegenheit hier zum Besten zu geben. Meine Top Four waren diese:

  1. „Er galt als sehr engagiert: Dieser Oberarzt spritzte Corona-Patienten tot“ (24.11.)
  2. „Japans Premier empfiehlt: Essen mit Maske“ (4.12.)
  3. „Jörg Pilawa: Wegen Corona konnte er nicht auf seine Privatinsel“ (12.12.)
  4. „Corona-Isolation mit Sexpuppe: Kuscheln tun wir nicht“ (30.11.)

Bei der alltäglichen Zeitungslektüre begegnen einem dieser Tage aber auch immer noch und immer wieder Schlagzeilen oder Zeitgenossen, die in geradezu moraltheologischer bzw. mittelalterlicher Denkweise einen Zusammenhang zwischen Seuche, Sünde und Strafe herstellen und wie vormals in Pest, Cholera und AIDS auch in Corona eine Antwort Gottes oder der Natur auf das immerwährend frevelhafte Tun der Menschheit sehen. Nur so jedenfalls lassen sich meines Erachtens Headlines wie „Corona am schlimmsten in AFD-Hochburgen“ (7.12.) interpretieren. Das Ganze scheint aber auch umgekehrt zu funktionieren, nämlich in dem Sinne, dass auch ungerechtfertigterweise ausgebliebene Bestrafungen durchaus zur Kenntnis genommen werden. Oder wie anders soll man diese Meldung verstehen: „Länder im Vergleich: Warum kommt ausgerechnet Serbien so gut durch die Krise?“ (3.12.) Weniger verklausuliert äußerte sich dagegen unlängst ein ungekröntes königliches Haupt: „Prinz Harry sieht in Corona eine Strafe der Natur“ schlagzeilte „Bild online“ ebenfalls am 3. Dezember. Dem dazugehörigen Bericht war zu entnehmen, dass es dem exilierten Briten-Prinz vorkomme, „als hätte uns Mutter Natur in unseren Raum für schlechtes Benehmen geschickt, um mal wirklich einen Moment lang darüber nachzudenken, was wir getan haben“. Was immer das war, es scheint doch ein recht kindliches Gemüt zu sein, das sich hier seine gerechte Strafe imaginiert. Ich denke, wenn Mutter Natur es uns Menschen wirklich heimzahlen wollte, hielte sie statt eines stillen Raums eher die Todesstrafe für uns bereit. Apropos Todesstrafe: Donald Trump, der gerade in schönster Diktatorenmanier zum Abschied noch ein paar Leute hinrichten lässt, ist es zu verdanken, dass ich heute auch noch ein paar Funfacts zum Thema „Corona“ beitragen kann. Denn in der Deutschen liebstem Boulevard-Blatt las ich just am Morgen: „Hinrichtungen gelten als potenzielle Corona-`Superspreader´. Wie das Todesstrafen-Informationszentrum berichtete, wurden acht Mitglieder eines Hinrichtungsteams wenige Tage nach einer Exekution im Dezember positiv getestet.“ Ich halte dies übrigens nicht für eine wohlverdiente Strafe.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Tag 29: Montag, 30 November 2020

„Corona-Pandemie“ ist das Wort des Jahres. Diese Wahl hat wohl niemanden überrascht, anders als das letztjährige Wort „Respektrente“, das ich am Tag seiner Verkündung tatsächlich zum allerersten Mal hörte und das mir heute schon wieder völlig unbekannt vorkam. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob „Corona-Pandemie“ nicht eigentlich zwei Wörter sind und ob nicht allein „Corona“ die Corona gebührt. Aber ansonsten ist der erste Platz so wenig originell besetzt, dass es einer einfachen bösen alten Frau, die auf keinerlei Fachexpertise zurückgreifen kann, schon am 29. März dieses Jahres gelungen ist, diese Wort-Wahl vorherzusagen. Ich bin natürlich ein bisschen beleidigt, dass es mein damaliger Vorschlag nicht in die Top Ten geschafft hat. Dabei ist sonst wirklich alles vertreten, was coronamäßig Rang und Namen hat: „Lockdown“ etwa (Platz 2) oder „systemrelevant“ (Platz 6). Ganze acht von zehn Begriffen stammen aus dem Wirkungskreis der Seuche. Wenn man es ganz genau nimmt – und das sollte man auf dem Feld der Sprache ja –, habe ich einen davon allerdings auch noch nie gehört: „Verschwörungserzählung“. Wohl las ich häufig „Verschwörungstheorie“, und auch „Querdenker“ ist mir medial manches Mal begegnet, aber „Verschwörungserzählung“, nein, so poetisch ging es dort nicht zu, wo ich mich aufhielt. Aber deshalb ist es wohl auch die Gesellschaft für deutsche Sprache, die das Wort, des Jahres ermittelt und nicht der googlesche Algorithmus. Der liefert übrigens folgende Ergebnisse (und bestätigt das Urteil der germanistischen Expertengremiums ansonsten weitgehend, stützt aber auch meine Einwände gegen einzelne Entscheidungen):

Verschwörungserzählung: „Ungefähr 66.400 Ergebnisse“

Verschwörungstheorie: „Ungefähr 795.000 Ergebnisse“

Corona:  „Ungefähr 1.450.000.000 Ergebnisse“

Corona-Pandemie: „Ungefähr 146.000.000 Ergebnisse“

Vor lauter Corona vergessen werden dürfen jedoch keinesfalls die beiden Ausreißer-Begriffe: „Black lives matter“ (Platz 4) und „Gendersternchen“ (Platz 9). Gerade das letzte Wort ist meines Erachtens der Überraschungssieger des Jahres. Denn ich weiß nicht, ob es dieses schöne Wort in einem Jahr mit mehr Ereignissen ebenfalls in die Top Ten geschafft hätte. So aber rangiert der Gender-Star damit gleichzeitig auch ganz weit vorne im Gesamtklassement all jener, die in puncto unverdiente mediale Aufmerksamkeit von diesen wahnsinnigen Zeiten in besonderem Maße profitieren. Hier landet das kleine Sternchen sogar auf Platz zwei, gleich hinter Karl Lauterbach. Und auch angesichts dessen bleibt mir für heute nichts weiter mehr, als mit Platz zehn zu schließen: Bleiben wenigstens Sie gesund!

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Ein paar herren-, pardon, damenlose Gendersternchen heischen nach Aufmerksamkeit.

### Eilmeldung ### Breaking News aus Bonn ### Mittwoch, 25. November ###

Der Impfstoff steht hier in großen Dosen bereit und kann bis zum Christfest persönlich abgeholt werden.

Tag 21: Sonntag, 22. November 2020

Der heutige Totensonntag sieht mich zutiefst deprimiert. Anders als man vielleicht auf Anhieb vermuten mag, sind die Gründe dafür nicht auf dem Themenfeld des heutigen Gedenktags zu finden. Oder doch: Auch die Dinge, an die ich mich heute unter Tränen erinnere, sind für dieses Jahr gestorben: schöne, alkoholselige Abende am Glühweinstand, eine sonntägliche Runde mit dem Riesenrad, Prager Schinken mit der Medienberaterin, ein paar Maroni, Schokobananen oder Poffertjes mit dem Patenkind, weitere schöne alkoholselige Abende am Glühweinstand, ach, eigentlich praktisch meine gesamte Freizeitgestaltung für Dezember. An diesem Wochenende, genauer gesagt am Freitag schon, hätte der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet, und die schöne Zeit hätte begonnen. Nahezu jeden Abend wäre ich dort anzutreffen gewesen, mit den besten Freunden, mit anderen Freunden, mit guten Bekannten, Bekannten, entfernten Bekannten, mit der aktuellen Sportgruppe, der ehemaligen Sportgruppe etcetera perge, perge. Doch dieses Jahr bleibt weiter im Konjunktiv, und all die Menschen, die man kennt und mag, rücken ein weiteres Stück in die Ferne. Nicht nur das generelle Misstrauen, dass der Mitmensch mir die Luft verpestet, hat das zwischenmenschliche Klima ja schwer belastet in diesem Seuchenjahr, sondern auch die gnadenlosen Kontaktbeschränkungen. Viele liebe Menschen hat man so über die Zeit ein bisschen aus den Augen verloren, manchmal sogar solche, die eigentlich nur ein paar Straßen weiter wohnen. Ich jedenfalls habe die meisten Leute, die ich kenne, schon sehr lange nicht mehr getroffen. Bisweilen ist es auch in anderen Jahren so, und man schafft es vor lauter Arbeit, Urlaub, Freizeitstress (der eigene und der der anderen) einfach nicht, sich zu sehen. Aber dann kommt ja immer der Dezember und der Weihnachtsmarkt und macht alles wieder gut. Denn der Weihnachtsmarkt ist ja nicht nur ein Ort, sondern auch eine ganz eigene, besondere Zeit, quasi eine Session bedingungs- und grenzenloser Nächstenliebe. In den gut vier Wochen vor dem Fest trifft man sich dort jedenfalls schnell noch mal mit jedem Eintrag aus dem Adressbuch: mit dem lieben Hinz und dem guten Kunz, der netten Greti und dem schönen Peti. Jene besondere emotionale Bedürftigkeit, Sanftmut und Versöhnlichkeit, die die Vorweihnachtszeit selbst den bösesten alten Frauen in die Herzen zaubert, kennt keinen besseren Ort der Erfüllung als die Glühweinbude. Doch dieses Jahr wird es nichts mit diesem Glück an kühlen, dunklen Abenden, geborgen in einem Lichtermeer und wärmenden Menschenmassen. Denn nicht nur der Weihnachtsmarkt als solcher ist ja abgesagt, auch mit einer weiteren Verknappung auf dem Markt der Begegnungsmöglichkeiten ist für den Dezember zu rechnen. Doch auch wenn zum Troste schon mit dem Impfstoff gewunken wird, weiß ich nicht, ob ich auch diese Strecke noch ganz vorschriftsmäßig mitgehen werde. Ich lasse mir nicht alles nehmen. Zu lieb sind mir die Vorweihnachtszeit und ihr schönster Schauplatz. Schon seit Wochen zermartere ich mir daher das Hirn, wie ich mich gegen diese weitere emotionale Verarmung stemmen kann und unter welchen Bedingungen wenigstens ein bisschen vorweihnachtliche Promiskuität möglich wäre. Könnte ich hier selbst einen starken Grog brauen und gezielt kleinste Grüppchen zum Umtrunk in die Küche bitten? Ist der Glühwein-to-go-Ausschank, mit dem geschäftstüchtige Wirtsleute an der Rheinpromenade nachmittags die Spaziergänger erfreuen, auch am Abend geöffnet? Ließe sich im Hinterhof der Medienberaterin vielleicht ein Pop-up-Market realisieren? Der Möglichkeiten sind viele, und vorsichtiges, fragendes Herantasten an das Thema hat ergeben: Das Umfeld ist durchaus konspirativ. Noch ist nicht aller Weihnachtstage Abend.

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Dieses Jahr hat keine Bilder: Endlich kann man mal die alten Handy-Fotos recyclen.

Tag 15: Montag, 16. November 2020

Ich fühle mich von der Politik völlig im Stich gelassen. Wie soll ich denn hier in halbwegs tagebuchähnlichen Intervallen die Seiten füllen, wenn die Kanzlerin und die diversen Ministerpräsidenten sich weigern, wenigstens ein bisschen an der Schraube zu drehen? Solange sich die Damen und Herren Politiker derart kontraproduktiv verhalten und einfach keine Verschärfungen beschließen, steht, es tut mir leid, auch von diesem Blog nichts gravierend Neues zu erwarten. (Ach, welch herrliche Texte könnte ich zum Beispiel so einer klitzekleinen Ausgangssperre abtrotzen.) Stattdessen regiert die Ideenlosigkeit. Das lässt sich auch jenseits der Politik beobachten. Was ist zum Beispiel mit den vielen unbekannten Videokünstlern, die uns während des ersten Lockdowns via WhatsApp nahezu im Sekundentakt mit kleinen filmischen Satiren zum Thema überschwemmten? Die schweigen jetzt völlig. Zur zweiten Runde fällt offenbar niemand mehr was ein. Lediglich auf der Wetter-Seite, auf der ich mich wegen des Outdoor-Tennis regelmäßig über die aktuellen meteorologischen Entwicklungen informiere, ist mir eine kleine Neuerung ins Auge gefallen. Dort gibt es jetzt eine Messgröße, die mir die beliebten Regenwahrscheinlichkeitswerte an Nutzlosigkeit noch zu übertreffen scheint: die Corona-Zerfall-Dauer. Heute Abend, bei tatsächlich 10 und gefühlten 8 Grad, einer Windgeschwindigkeit von 10 km/h und null Regen, beträgt sie 5,5 Stunden. Dieser Wert verrät uns, wie lange es dauert, bis das „Coronavirus an der frischen Luft in Abhängigkeit von der Temperatur, der relativen Luftfeuchtigkeit und insbesondere […] der Sonneneinstrahlung“ zerfällt. Das ist ja gut und schön, aber wie soll ich diesen Wert für mein Verhalten im Alltag nutzbar machen? Nun sind 5,5 Stunden viel. Gestern Nachmittag, also bei Tageslicht, lag der Wert bei 3,5. Aber: Alles ab 3 Stunden ist, wenn ich die Legenden-Farbe Rot richtig interpretiere, kritisch. Das erschwert die Lage und die Einschätzung. Schon die Regenwahrscheinlichkeit ist eine Größe von zweifelhafter Güte und Aussagekraft, denn ob 20 Prozent oder 80 Prozent: Dass ich nicht nass werde, ist sicher doch nur bei 0 Prozent. (Tatsächlich bleibt es meiner Erfahrung nach trotzdem selbst bei 80 Prozent häufig trocken.) Nun also der Corona-Zerfall – und erneute Ratlosigkeit: Wie gehe ich mit diesen Informationen als Laie verantwortungsvoll um? Warte ich fünfeinhalb Stunden, bis ich das Haus verlasse? Oder gehe ich, wie im Falle des gestrigen Tennisdates, einfach dreieinhalb Stunden früher los, damit die Luft auf dem Platz dann endlich rein ist? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: Wenn die Kanzlerin diese Größe nur richtig ins Spiel bringt, kann sie die Bürger damit effektiver und lückenloser im Haus halten als mit allen weiteren Beschränkungen.

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Corona-Zerfall 5,5, Regenwahrscheinlichkeit 88 Prozent: Dieser neuartige Chronograph zeigt allen Senioren, wann sie das Haus gefahrlos verlassen können.

Tag 10: Mittwoch, 11. November 2020

Wir bringen gerade alle große Opfer. Heute zum Beispiel wären in der Nachbarstadt große Teile der Bevölkerung gerne schon vor dem Mittagsläuten stark angetrunken gewesen, um in einem schunkelnden Reigen auf dem Kölner Heumarkt mindestens zehntausendstimmig stundenlang Karnevalslieder zu singen und so die diesjährige Session zu eröffnen. Aber gerade ist einfach keine Superjeilezick, und selbst Dinge und Veranstaltungen, die eigentlich unausfallbar sind, finden dieses Jahr einfach nicht statt: Europameisterschaft, Oktoberfest, Wacken und nun auch noch der Karneval. Der Entbehrungen sind unermesslich viele. Eine davon verspüre heute auch ich. Denn auch ich hätte am Elften im Elften gerne gesungen, allerdings in einem etwas stilleren Rahmen und statt im heidnischen eher in einem christlichen Kontext. Schließlich feiert der brauchtumsbewusste Rheinländer am 11. November ja nicht nur Fastelovend, sondern auch St. Martin. Und was soll ich sagen: Ein richtiger Martinszug, mit Feuerwehrkapelle und einem Römer auf Pferd, schlägt nach meinem Dafürhalten jeden noch so kilometerlangen Rosenmontagszug. Weckmann beats Kamelle! Kurz, ich liebe St. Martin, und ich war gesegnet, denn ich hatte in den letzten knapp 15 Jahren immer ein Patenkind, das im besten Laternenumzugs-Alter war. Das ermöglichte es mir, auch in der zweiten Lebenshälfte noch in Kitas mit Pappmachee zu basteln und die zweifelhaften Ergebnisse dieser Bemühungen später, immer die drei selben Lieder singend, stolz durch die dunklen Straßen zu tragen. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit diesem 11. November, unter anderem jene, als der kaum fünfjährige Kölner Patensohn die vielen Feieranlässe des Tages nicht trennen konnte oder wollte und statt „Laterne, Laterne“ am Martinsfeuer immer wieder „Heidewitzka, Herr Kapitän“ anstimmte. Um solche Freuden bin ich in diesem Jahr gebracht, und das nehme ich Corona wirklich übel. Denn Karneval kann ich noch viele Jahre feiern, aber mein Kontingent an möglichen Lichterumzügen ist nicht mehr allzu groß. Schon in drei Jahren kommt das letzte Patenkind aufs Gymnasium, und dann wird es für mich deutlich schwerer bis unmöglich, ohne Argwohn zu erwecken noch mit einer Laterne in der Hand bei dieser Kinderveranstaltung mitzulaufen. Deshalb jetzt einmal hier, mit Wehmut und mit Zorn: Rabimmel, rabammel, rabumm. Bumm! Bumm!

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Karneval ist verboten, aber sich zu maskieren, ist definitiv erlaubt.

Tag 8: Montag, 9. November 2020

Falls Sie es nicht selbst gespürt haben sollten: Heute war „Der Tag der Hoffnung“. So jedenfalls titelte am Morgen „Bild Online“ anlässlich der Pressekonferenz, auf der führende Experten und Infektionsschützer schon einmal den Plan zur Verteilung dieses Impfstoffes, den es noch nicht gibt, vorgestellt haben. Doch auch jenseits des Top-Themas wurden Freunde des pandemischen Boulevard-Berichts heute Morgen überreich beschenkt: „China behauptet: Deutsche Schweinshaxe löst Corona aus“, und: „Heino fragt, Spahn antwortet: Wie wollen Sie Risikogruppen schützen?“, lauteten zeitgleich weitere Schlagzeilen auf der erwähnten Online-Präsenz. Herrlich! Aber an mich ist so viel Kreativität und journalistische Gestaltungskraft komplett verschenkt. Denn ich lese schon seit Monaten keine Corona-Berichterstattung mehr, auch nicht im „Spiegel“ oder im hiesigen Lokalanzeiger. An der televisionären Aufbereitung des Seuchenthemas bin ich selbstredend ebenfalls in keinster Weise interessiert. Nach dem „Tatort“ am Sonntag schalte ich um, ehe Anne Will (die es für meinen Geschmack mit dem Botoxen in der letzten Zeit ein bisschen übertreibt) auch nur „Karl Lauterbach“ sagen kann. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun. Es ist nur so, dass die große, gähnende Langeweile, die (zumindest für alle Gesunden) mit Corona einhergeht, auch auf Corona selbst zurückwirkt. Es ist einfach nicht mehr neu genug, und über Monate hinweg das Interesse an einem einzigen Thema aufrechtzuerhalten, schaffen – Heino hin, Schweinshaxe her – selbst die Besten nicht. Das Einzige, was mich im Zusammenhang mit Qualitätsjournalismus und Corona tatsächlich noch brennend interessieren würde, ist, warum „Bild Online“ für das Corporate Design seines alltäglichen Pandemie-Blocks ausgerechnet Gelb und Schwarz gewählt hat, also die Farben des BVB? Gibt es da gewisse unterschwellige Animositäten? Wenn hier endlich jemand mal die wahren Hintergründe aufdecken würde, bestünde vielleicht noch eine Chance, mich als Leserin zurückzugewinnen. Bis es so weit ist, stelle ich mich meinen eigenen bohrenden Fragen und Widersprüchen: Wenn ich selbst nichts mehr über Corona lesen mag, wieso denke ich dann eigentlich, dass es dem möglichen Leser hier anders geht?

Die Bilder hier werden auch immer schlechter.

Tag 7: Sonntag, 8. November 2020

In Krimis und Fernsehfilmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kann man erstaunlich häufig eine Unstimmigkeit beobachten, die eigentlich unverzeihlich ist, sich aber vermutlich aus irgendwelchen guten (?) Gründen doch nicht vermeiden lässt. Ich nenne sie die Sommer-Herbst-Kommutation, und sie lässt sich so beschreiben: Die filmische Handlung behauptet Sommer, die umgebende Natur jedoch zeigt Herbst. Das Ganze sieht dann zum Beispiel so aus: Der Hauptdarsteller steht an einem diesigen, grauen Novembertag im Freibad auf dem Sprungbrett, und an den Bäumen auf der Liegewiese hängen nur noch ein paar welke gelbe Blätter. Erst neulich sah ich wieder eine sommerliche Gartenparty, auf der sich Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts tummelten, die Bratwurst auf dem Grill brutzelte, die Bäume und Hecken aber völlig kahl waren. Ich frage mich dann immer, ob der Regisseur oder der Produzent (oder wer immer das verantwortet) denkt, der Zuschauer würde es nicht merken, solange von den Schauspielern niemand sichtbar zittert oder eine Frost-Fahne hat. Ich muss diese Illusion zerstören: Er merkt es, und schlimmer noch: Dem ganzen filmischen Produkt fehlt am Ende auch komplett das gewünschte Sommerfeeling. „Wie will sie denn von hier aus die Brücke zu Corona schlagen?“, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Nun, seit Montag fühle ich mich genauso wie der Protagonist in einer solchen Sommer-Herbst-Kommutation: Ich spiele Tennis in eiskalten Morgenstunden, mit Skiunterwäsche am Leib, finde in dem gelben Laub die gelben Bälle nicht, sah auf dem Nachbarplatz sogar schon Schläger in behandschuhtem Griff, und obwohl ich diesen Sport liebe, denke ich die ganze Zeit: „Das ist nicht richtig.“ Dabei haben wir hier in Nordrhein-Westfalen noch Glück, denn hier ist das Tennisspiel noch erlaubt, draußen zumindest und im Einzel. Die Hallen, in die die Anhänger des weißen Individualsports in der Regel aus gutem Grund so Anfang, Mitte Oktober einziehen, aber bleiben verschlossen, und ein Doppel ist auch tabu, selbst mit Personen aus demselben Haushalt. Statt nach New York oder Montevideo wünscht man sich in diesen reduzierten Zeiten daher manchmal schon an Orte, von denen man sich sonst eher gezielt entfernt: In Baden-Württemberg zum Beispiel darf man alles, auch Halle und Doppel. Aber ich will nicht meckern. In Hessen ist Tennis komplett untersagt. (Gut, dass ich das den Hessen nicht erklären muss.) Aber jedes Mal, wenn ich in meiner langen Unterhose wieder schwitzend in der kalten Luft stehe und die vielen anderen auf der Anlage betrachte, die Zeit haben, tagsüber zu spielen, frage ich mich, ob man in Hessen nicht doch über tieferes Wissen verfügt. Denn jenem Vergleich zufolge, der im Hinblick auf die Folgen des Infektionsgeschehens derzeit so oft und gerne angestellt wird, stellt ja die Grippe für uns Senioren auch eine recht ernst zu nehmende Gefahr dar.

Hier dreht das ZDF demnächst eine richtig schöne Sommerserie.

Tag 3: Mittwoch, 4. November 2020

Gibt es in diesem Land eigentlich irgendjemanden, der glaubt, dass der Lockdown am Ende des Monats wieder aufgehoben wird? Ich kenne niemanden. Die drei frisch gebadeten Orakel und Hestia-Priesterinnen in meiner Zwei-Hausstände-Blase jedenfalls waren sich bei der jüngsten Halloween-Trance erstaunlich einig: Das Ganze wird bis zum Jahresende verlängert, und für Weihnachten denken sie sich ein paar Lockerungen aus, damit das Volk nicht gänzlich rebellisch wird und nächstes Jahr rein aus Trotz Attila Hildmann oder einen anderen Aluhut zum Bundeskanzler macht. Neulich las ich in der „Bild-Zeitung“, die ja ihrerseits bei der Verbreitung von Räuberpistolen auch nicht besonders kleinlich ist, welch seltsame Glaubensinhalte in dieser Szene kursieren. Mir wurde angst und bange bei dem Gedanken, im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu leben mit Menschen, die sicher sind, dass die Bundeskanzlerin und ihre Spießgesellen nachts im Berliner Pergamon-Museum entführten Kleinkindern auf dem Thron des Satans das Lebenselixier Qanon abzapfen (oder so). Die ehemalige Schülerin eines Kant-Gymnasiums in mir denkt angesichts dessen (wie auch anderer radikalreligiöser Überzeugungen), dass eine zweite Aufklärung nottut, und möchte noch einmal unterstreichen, dass gerade in einer Zeit wie unserer die Unmündigkeit selbst verschuldet ist. Doch ansonsten lassen mich die Entwicklungen in diesem Bereich recht ratlos und durchaus besorgt zurück: Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich jemand glaubt. Andererseits haben ja unlängst wieder sehr viele Menschen Donald Trump gewählt. Doch stopp! Nicht weiter hier! Denn dies ist ja ein harmloser, entspannter Senioren-Blog und kein Ort, an dem derart Verstörendes Raum greifen soll. Und doch: Ist es nun ein Segen, dass Corona diese Dinge und Gestalten sichtbar macht, oder nur eine weitere Dimension seines bösen Wirkens? Scully, bitte übernehmen Sie!

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An diesen langen, einsamen Corona-Abenden kommen selbst Zeitgenössinnen, die prinzipiell bei Troste sind, auf seltsame Ideen.

Tag 1: Montag, 2. November 2020

Ich gebe es natürlich ungern zu, aber: Ich habe mich geirrt. Denn auch wenn strukturell nichts Neues mehr passiert, ist Corona noch nicht auserzählt. Ich weiß nicht, ob ich im Frühsommer wirklich an das Heranschwappen der zweiten Welle geglaubt habe, aber jetzt ist sie – um mal in dem schlechten Bild zu bleiben – ganz offensichtlich mit Macht auf den Strand des öffentlichen Lebens geschlagen – und hat uns von der Promenade vertrieben. Es ist wieder Lockdown, und da hole ich natürlich schnell das Tagebuch wieder heraus, denn es gilt ja, das Böse schreibend zu bannen. Weil jedoch wie gesagt nichts passiert, was wir nicht schon kennen, weiß ich nicht, ob ich die Seiten auch füllen kann. Aber was soll´s: Im deutschen Fernsehen schreckt ja auch niemand vor Wiederholungen zurück.

Einen gravierenden Unterschied habe ich allerdings doch entdeckt zwischen Ausnahmezustand 1 und Ausnahmezustand 2, und der betrifft die Art und Weise, wie die bevorstehende Zeit der Entbehrung der Bevölkerung jeweils angekündigt wurde: Hatte die Bundeskanzlerin im März noch die durchaus pathetische Form der großen Ansprache ans Volk gewählt, um selbiges – die deutsche Fahne neben und ein Bild des Reichs- bzw. Bundestags hinter sich – auf die Krise und die Notwendigkeit des Verzichts einzuschwören und an die Solidarität zu appellieren, so dekretierte sie die neuerlichen Einschränkungen letzten Mittwoch ohne unnötige Gefühlsduselei auf einer Pressekonferenz und diktierte den Multiplikatoren die Maßnahmen in Katalogform in die Mikrofone: „Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt. […] Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen werden geschlossen […].“ Einen sensiblen Menschen wie mich hat die freundliche Variante im März natürlich deutlich mehr angesprochen und erreicht.

Ansonsten ist das vorläufig Erschreckendste an diesem neuerlichen Lockdown das Maß, in dem er mich kaltlässt. Das zeigt natürlich vor allem, an wie viel Tristesse wir uns im letzten halben Jahr schon gewöhnt haben. Man kennt es inzwischen fast nicht mehr anders. Aber heute war ja erst Tag 1 von Notstand 2. Schauen wir also mal, was die schlechten Zeiten noch so bringen.

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Jetzt wieder jeden Abend bildungsbürgerliche Einöde: Nichts als ein gutes Glas Wein und Thomas Mann

Ein Kommentar zu „My little Corona Diary, Band 2

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