My little Corona Diary, Band 2

Tag 10: Mittwoch, 11. November 2020

Wir bringen gerade alle große Opfer. Heute zum Beispiel wären in der Nachbarstadt große Teile der Bevölkerung gerne schon vor dem Mittagsläuten stark angetrunken gewesen, um in einem schunkelnden Reigen auf dem Kölner Heumarkt mindestens zehntausendstimmig stundenlang Karnevalslieder zu singen und so die diesjährige Session zu eröffnen. Aber gerade ist einfach keine Superjeilezick, und selbst Dinge und Veranstaltungen, die eigentlich unausfallbar sind, finden dieses Jahr einfach nicht statt: Europameisterschaft, Oktoberfest, Wacken und nun auch noch der Karneval. Der Entbehrungen sind unermesslich viele. Eine davon verspüre heute auch ich. Denn auch ich hätte am Elften im Elften gerne gesungen, allerdings in einem etwas stilleren Rahmen und statt im heidnischen eher in einem christlichen Kontext. Schließlich feiert der brauchtumsbewusste Rheinländer am 11. November ja nicht nur Fastelovend, sondern auch St. Martin. Und was soll ich sagen: Ein richtiger Martinszug, mit Feuerwehrkapelle und einem Römer auf Pferd, schlägt nach meinem Dafürhalten jeden noch so kilometerlangen Rosenmontagszug. Weckmann beats Kamelle! Kurz, ich liebe St. Martin, und ich war gesegnet, denn ich hatte in den letzten knapp 15 Jahren immer ein Patenkind, das im besten Laternenumzugs-Alter war. Das ermöglichte es mir, auch in der zweiten Lebenshälfte noch in Kitas mit Pappmachee zu basteln und die zweifelhaften Ergebnisse dieser Bemühungen später, immer die drei selben Lieder singend, stolz durch die dunklen Straßen zu tragen. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit diesem 11. November, unter anderem jene, als der kaum fünfjährige Kölner Patensohn die vielen Feieranlässe des Tages nicht trennen konnte oder wollte und statt „Laterne, Laterne“ am Martinsfeuer immer wieder „Heidewitzka, Herr Kapitän“ anstimmte. Um solche Freuden bin ich in diesem Jahr gebracht, und das nehme ich Corona wirklich übel. Denn Karneval kann ich noch viele Jahre feiern, aber mein Kontingent an möglichen Lichterumzügen ist nicht mehr allzu groß. Schon in drei Jahren kommt das letzte Patenkind aufs Gymnasium, und dann wird es für mich deutlich schwerer bis unmöglich, ohne Argwohn zu erwecken noch mit einer Laterne in der Hand bei dieser Kinderveranstaltung mitzulaufen. Deshalb jetzt einmal hier, mit Wehmut und mit Zorn: Rabimmel, rabammel, rabumm. Bumm! Bumm!

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Karneval ist verboten, aber sich zu maskieren, ist definitiv erlaubt.

Tag 8: Montag, 9. November 2020

Falls Sie es nicht selbst gespürt haben sollten: Heute war „Der Tag der Hoffnung“. So jedenfalls titelte am Morgen „Bild Online“ anlässlich der Pressekonferenz, auf der führende Experten und Infektionsschützer schon einmal den Plan zur Verteilung dieses Impfstoffes, den es noch nicht gibt, vorgestellt haben. Doch auch jenseits des Top-Themas wurden Freunde des pandemischen Boulevard-Berichts heute Morgen überreich beschenkt: „China behauptet: Deutsche Schweinshaxe löst Corona aus“, und: „Heino fragt, Spahn antwortet: Wie wollen Sie Risikogruppen schützen?“, lauteten zeitgleich weitere Schlagzeilen auf der erwähnten Online-Präsenz. Herrlich! Aber an mich ist so viel Kreativität und journalistische Gestaltungskraft komplett verschenkt. Denn ich lese schon seit Monaten keine Corona-Berichterstattung mehr, auch nicht im „Spiegel“ oder im hiesigen Lokalanzeiger. An der televisionären Aufbereitung des Seuchenthemas bin ich selbstredend ebenfalls in keinster Weise interessiert. Nach dem „Tatort“ am Sonntag schalte ich um, ehe Anne Will (die es für meinen Geschmack mit dem Botoxen in der letzten Zeit ein bisschen übertreibt) auch nur „Karl Lauterbach“ sagen kann. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun. Es ist nur so, dass die große, gähnende Langeweile, die (zumindest für alle Gesunden) mit Corona einhergeht, auch auf Corona selbst zurückwirkt. Es ist einfach nicht mehr neu genug, und über Monate hinweg das Interesse an einem einzigen Thema aufrechtzuerhalten, schaffen – Heino hin, Schweinshaxe her – selbst die Besten nicht. Das Einzige, was mich im Zusammenhang mit Qualitätsjournalismus und Corona tatsächlich noch brennend interessieren würde, ist, warum „Bild Online“ für das Corporate Design seines alltäglichen Pandemie-Blocks ausgerechnet Gelb und Schwarz gewählt hat, also die Farben des BVB? Gibt es da gewisse unterschwellige Animositäten? Wenn hier endlich jemand mal die wahren Hintergründe aufdecken würde, bestünde vielleicht noch eine Chance, mich als Leserin zurückzugewinnen. Bis es so weit ist, stelle ich mich meinen eigenen bohrenden Fragen und Widersprüchen: Wenn ich selbst nichts mehr über Corona lesen mag, wieso denke ich dann eigentlich, dass es dem möglichen Leser hier anders geht?

Die Bilder hier werden auch immer schlechter.

Tag 7: Sonntag, 8. November 2020

In Krimis und Fernsehfilmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kann man erstaunlich häufig eine Unstimmigkeit beobachten, die eigentlich unverzeihlich ist, sich aber vermutlich aus irgendwelchen guten (?) Gründen doch nicht vermeiden lässt. Ich nenne sie die Sommer-Herbst-Kommutation, und sie lässt sich so beschreiben: Die filmische Handlung behauptet Sommer, die umgebende Natur jedoch zeigt Herbst. Das Ganze sieht dann zum Beispiel so aus: Der Hauptdarsteller steht an einem diesigen, grauen Novembertag im Freibad auf dem Sprungbrett, und an den Bäumen auf der Liegewiese hängen nur noch ein paar welke gelbe Blätter. Erst neulich sah ich wieder eine sommerliche Gartenparty, auf der sich Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts tummelten, die Bratwurst auf dem Grill brutzelte, die Bäume und Hecken aber völlig kahl waren. Ich frage mich dann immer, ob der Regisseur oder der Produzent (oder wer immer das verantwortet) denkt, der Zuschauer würde es nicht merken, solange von den Schauspielern niemand sichtbar zittert oder eine Frost-Fahne hat. Ich muss diese Illusion zerstören: Er merkt es, und schlimmer noch: Dem ganzen filmischen Produkt fehlt am Ende auch komplett das gewünschte Sommerfeeling. „Wie will sie denn von hier aus die Brücke zu Corona schlagen?“, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Nun, seit Montag fühle ich mich genauso wie der Protagonist in einer solchen Sommer-Herbst-Kommutation: Ich spiele Tennis in eiskalten Morgenstunden, mit Skiunterwäsche am Leib, finde in dem gelben Laub die gelben Bälle nicht, sah auf dem Nachbarplatz sogar schon Schläger in behandschuhtem Griff, und obwohl ich diesen Sport liebe, denke ich die ganze Zeit: „Das ist nicht richtig.“ Dabei haben wir hier in Nordrhein-Westfalen noch Glück, denn hier ist das Tennisspiel noch erlaubt, draußen zumindest und im Einzel. Die Hallen, in die die Anhänger des weißen Individualsports in der Regel aus gutem Grund so Anfang, Mitte Oktober einziehen, aber bleiben verschlossen, und ein Doppel ist auch tabu, selbst mit Personen aus demselben Haushalt. Statt nach New York oder Montevideo wünscht man sich in diesen reduzierten Zeiten daher manchmal schon an Orte, von denen man sich sonst eher gezielt entfernt: In Baden-Württemberg zum Beispiel darf man alles, auch Halle und Doppel. Aber ich will nicht meckern. In Hessen ist Tennis komplett untersagt. (Gut, dass ich das den Hessen nicht erklären muss.) Aber jedes Mal, wenn ich in meiner langen Unterhose wieder schwitzend in der kalten Luft stehe und die vielen anderen auf der Anlage betrachte, die Zeit haben, tagsüber zu spielen, frage ich mich, ob man in Hessen nicht doch über tieferes Wissen verfügt. Denn jenem Vergleich zufolge, der im Hinblick auf die Folgen des Infektionsgeschehens derzeit so oft und gerne angestellt wird, stellt ja die Grippe für uns Senioren auch eine recht ernst zu nehmende Gefahr dar.

Hier dreht das ZDF demnächst eine richtig schöne Sommerserie.

Tag 3: Mittwoch, 4. November 2020

Gibt es in diesem Land eigentlich irgendjemanden, der glaubt, dass der Lockdown am Ende des Monats wieder aufgehoben wird? Ich kenne niemanden. Die drei frisch gebadeten Orakel und Hestia-Priesterinnen in meiner Zwei-Hausstände-Blase jedenfalls waren sich bei der jüngsten Halloween-Trance erstaunlich einig: Das Ganze wird bis zum Jahresende verlängert, und für Weihnachten denken sie sich ein paar Lockerungen aus, damit das Volk nicht gänzlich rebellisch wird und nächstes Jahr rein aus Trotz Attila Hildmann oder einen anderen Aluhut zum Bundeskanzler macht. Neulich las ich in der „Bild-Zeitung“, die ja ihrerseits bei der Verbreitung von Räuberpistolen auch nicht besonders kleinlich ist, welch seltsame Glaubensinhalte in dieser Szene kursieren. Mir wurde angst und bange bei dem Gedanken, im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu leben mit Menschen, die sicher sind, dass die Bundeskanzlerin und ihre Spießgesellen nachts im Berliner Pergamon-Museum entführten Kleinkindern auf dem Thron des Satans das Lebenselixier Qanon abzapfen (oder so). Die ehemalige Schülerin eines Kant-Gymnasiums in mir denkt angesichts dessen (wie auch anderer radikalreligiöser Überzeugungen), dass eine zweite Aufklärung nottut, und möchte noch einmal unterstreichen, dass gerade in einer Zeit wie unserer die Unmündigkeit selbst verschuldet ist. Doch ansonsten lassen mich die Entwicklungen in diesem Bereich recht ratlos und durchaus besorgt zurück: Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich jemand glaubt. Andererseits haben ja unlängst wieder sehr viele Menschen Donald Trump gewählt. Doch stopp! Nicht weiter hier! Denn dies ist ja ein harmloser, entspannter Senioren-Blog und kein Ort, an dem derart Verstörendes Raum greifen soll. Und doch: Ist es nun ein Segen, dass Corona diese Dinge und Gestalten sichtbar macht, oder nur eine weitere Dimension seines bösen Wirkens? Scully, bitte übernehmen Sie!

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An diesen langen, einsamen Corona-Abenden kommen selbst Zeitgenössinnen, die prinzipiell bei Troste sind, auf seltsame Ideen.

Tag 1: Montag, 2. November 2020

Ich gebe es natürlich ungern zu, aber: Ich habe mich geirrt. Denn auch wenn strukturell nichts Neues mehr passiert, ist Corona noch nicht auserzählt. Ich weiß nicht, ob ich im Frühsommer wirklich an das Heranschwappen der zweiten Welle geglaubt habe, aber jetzt ist sie – um mal in dem schlechten Bild zu bleiben – ganz offensichtlich mit Macht auf den Strand des öffentlichen Lebens geschlagen – und hat uns von der Promenade vertrieben. Es ist wieder Lockdown, und da hole ich natürlich schnell das Tagebuch wieder heraus, denn es gilt ja, das Böse schreibend zu bannen. Weil jedoch wie gesagt nichts passiert, was wir nicht schon kennen, weiß ich nicht, ob ich die Seiten auch füllen kann. Aber was soll´s: Im deutschen Fernsehen schreckt ja auch niemand vor Wiederholungen zurück.

Einen gravierenden Unterschied habe ich allerdings doch entdeckt zwischen Ausnahmezustand 1 und Ausnahmezustand 2, und der betrifft die Art und Weise, wie die bevorstehende Zeit der Entbehrung der Bevölkerung jeweils angekündigt wurde: Hatte die Bundeskanzlerin im März noch die durchaus pathetische Form der großen Ansprache ans Volk gewählt, um selbiges – die deutsche Fahne neben und ein Bild des Reichs- bzw. Bundestags hinter sich – auf die Krise und die Notwendigkeit des Verzichts einzuschwören und an die Solidarität zu appellieren, so dekretierte sie die neuerlichen Einschränkungen letzten Mittwoch ohne unnötige Gefühlsduselei auf einer Pressekonferenz und diktierte den Multiplikatoren die Maßnahmen in Katalogform in die Mikrofone: „Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt. […] Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen werden geschlossen […].“ Einen sensiblen Menschen wie mich hat die freundliche Variante im März natürlich deutlich mehr angesprochen und erreicht.

Ansonsten ist das vorläufig Erschreckendste an diesem neuerlichen Lockdown das Maß, in dem er mich kaltlässt. Das zeigt natürlich vor allem, an wie viel Tristesse wir uns im letzten halben Jahr schon gewöhnt haben. Man kennt es inzwischen fast nicht mehr anders. Aber heute war ja erst Tag 1 von Notstand 2. Schauen wir also mal, was die schlechten Zeiten noch so bringen.

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Jetzt wieder jeden Abend bildungsbürgerliche Einöde: Nichts als ein gutes Glas Wein und Thomas Mann

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