My little Corona Diary, Band 2, Tag 15

Montag, 16. November 2020

Ich fühle mich von der Politik völlig im Stich gelassen. Wie soll ich denn hier in halbwegs tagebuchähnlichen Intervallen die Seiten füllen, wenn die Kanzlerin und die diversen Ministerpräsidenten sich weigern, wenigstens ein bisschen an der Schraube zu drehen? Solange sich die Damen und Herren Politiker derart kontraproduktiv verhalten und einfach keine Verschärfungen beschließen, steht, es tut mir leid, auch von diesem Blog nichts gravierend Neues zu erwarten. (Ach, welch herrliche Texte könnte ich zum Beispiel so einer klitzekleinen Ausgangssperre abtrotzen.) Stattdessen regiert die Ideenlosigkeit. Das lässt sich auch jenseits der Politik beobachten. Was ist zum Beispiel mit den vielen unbekannten Videokünstlern, die uns während des ersten Lockdowns via WhatsApp nahezu im Sekundentakt mit kleinen filmischen Satiren zum Thema überschwemmten? Die schweigen jetzt völlig. Zur zweiten Runde fällt offenbar niemand mehr was ein. Lediglich auf der Wetter-Seite, auf der ich mich wegen des Outdoor-Tennis regelmäßig über die aktuellen meteorologischen Entwicklungen informiere, ist mir eine kleine Neuerung ins Auge gefallen. Dort gibt es jetzt eine Messgröße, die mir die beliebten Regenwahrscheinlichkeitswerte an Nutzlosigkeit noch zu übertreffen scheint: die Corona-Zerfall-Dauer. Heute Abend, bei tatsächlich 10 und gefühlten 8 Grad, einer Windgeschwindigkeit von 10 km/h und null Regen, beträgt sie 5,5 Stunden. Dieser Wert verrät uns, wie lange es dauert, bis das „Coronavirus an der frischen Luft in Abhängigkeit von der Temperatur, der relativen Luftfeuchtigkeit und insbesondere […] der Sonneneinstrahlung“ zerfällt. Das ist ja gut und schön, aber wie soll ich diesen Wert für mein Verhalten im Alltag nutzbar machen? Nun sind 5,5 Stunden viel. Gestern Nachmittag, also bei Tageslicht, lag der Wert bei 3,5. Aber: Alles ab 3 Stunden ist, wenn ich die Legenden-Farbe Rot richtig interpretiere, kritisch. Das erschwert die Lage und die Einschätzung. Schon die Regenwahrscheinlichkeit ist eine Größe von zweifelhafter Güte und Aussagekraft, denn ob 20 Prozent oder 80 Prozent: Dass ich nicht nass werde, ist sicher doch nur bei 0 Prozent. (Tatsächlich bleibt es meiner Erfahrung nach trotzdem selbst bei 80 Prozent häufig trocken.) Nun also der Corona-Zerfall – und erneute Ratlosigkeit: Wie gehe ich mit diesen Informationen als Laie verantwortungsvoll um? Warte ich fünfeinhalb Stunden, bis ich das Haus verlasse? Oder gehe ich, wie im Falle des gestrigen Tennisdates, einfach dreieinhalb Stunden früher los, damit die Luft auf dem Platz dann endlich rein ist? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: Wenn die Kanzlerin diese Größe nur richtig ins Spiel bringt, kann sie die Bürger damit effektiver und lückenloser im Haus halten als mit allen weiteren Beschränkungen.

Corona-Zerfall 5,5, Regenwahrscheinlichkeit 88 Prozent: Dieser neuartige Chronograph zeigt allen Senioren, wann sie das Haus gefahrlos verlassen können.

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