My little Corona Diary, Band 2, Tag 21

Sonntag, 22. November 2020

Der heutige Totensonntag sieht mich zutiefst deprimiert. Anders als man vielleicht auf Anhieb vermuten mag, sind die Gründe dafür nicht auf dem Themenfeld des heutigen Gedenktags zu finden. Oder doch: Auch die Dinge, an die ich mich heute unter Tränen erinnere, sind für dieses Jahr gestorben: schöne, alkoholselige Abende am Glühweinstand, eine sonntägliche Runde mit dem Riesenrad, Prager Schinken mit der Medienberaterin, ein paar Maroni, Schokobananen oder Poffertjes mit dem Patenkind, weitere schöne alkoholselige Abende am Glühweinstand, ach, eigentlich praktisch meine gesamte Freizeitgestaltung für Dezember. An diesem Wochenende, genauer gesagt am Freitag schon, hätte der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet, und die schöne Zeit hätte begonnen. Nahezu jeden Abend wäre ich dort anzutreffen gewesen, mit den besten Freunden, mit anderen Freunden, mit guten Bekannten, Bekannten, entfernten Bekannten, mit der aktuellen Sportgruppe, der ehemaligen Sportgruppe etcetera perge, perge. Doch dieses Jahr bleibt weiter im Konjunktiv, und all die Menschen, die man kennt und mag, rücken ein weiteres Stück in die Ferne. Nicht nur das generelle Misstrauen, dass der Mitmensch mir die Luft verpestet, hat das zwischenmenschliche Klima ja schwer belastet in diesem Seuchenjahr, sondern auch die gnadenlosen Kontaktbeschränkungen. Viele liebe Menschen hat man so über die Zeit ein bisschen aus den Augen verloren, manchmal sogar solche, die eigentlich nur ein paar Straßen weiter wohnen. Ich jedenfalls habe die meisten Leute, die ich kenne, schon sehr lange nicht mehr getroffen. Bisweilen ist es auch in anderen Jahren so, und man schafft es vor lauter Arbeit, Urlaub, Freizeitstress (der eigene und der der anderen) einfach nicht, sich zu sehen. Aber dann kommt ja immer der Dezember und der Weihnachtsmarkt und macht alles wieder gut. Denn der Weihnachtsmarkt ist ja nicht nur ein Ort, sondern auch eine ganz eigene, besondere Zeit, quasi eine Session bedingungs- und grenzenloser Nächstenliebe. In den gut vier Wochen vor dem Fest trifft man sich dort jedenfalls schnell noch mal mit jedem Eintrag aus dem Adressbuch: mit dem lieben Hinz und dem guten Kunz, der netten Greti und dem schönen Peti. Jene besondere emotionale Bedürftigkeit, Sanftmut und Versöhnlichkeit, die die Vorweihnachtszeit selbst den bösesten alten Frauen in die Herzen zaubert, kennt keinen besseren Ort der Erfüllung als die Glühweinbude. Doch dieses Jahr wird es nichts mit diesem Glück an kühlen, dunklen Abenden, geborgen in einem Lichtermeer und wärmenden Menschenmassen. Denn nicht nur der Weihnachtsmarkt als solcher ist ja abgesagt, auch mit einer weiteren Verknappung auf dem Markt der Begegnungsmöglichkeiten ist für den Dezember zu rechnen. Doch auch wenn zum Troste schon mit dem Impfstoff gewunken wird, weiß ich nicht, ob ich auch diese Strecke noch ganz vorschriftsmäßig mitgehen werde. Ich lasse mir nicht alles nehmen. Zu lieb sind mir die Vorweihnachtszeit und ihr schönster Schauplatz. Schon seit Wochen zermartere ich mir daher das Hirn, wie ich mich gegen diese weitere emotionale Verarmung stemmen kann und unter welchen Bedingungen wenigstens ein bisschen vorweihnachtliche Promiskuität möglich wäre. Könnte ich hier selbst einen starken Grog brauen und gezielt kleinste Grüppchen zum Umtrunk in die Küche bitten? Ist der Glühwein-to-go-Ausschank, mit dem geschäftstüchtige Wirtsleute an der Rheinpromenade nachmittags die Spaziergänger erfreuen, auch am Abend geöffnet? Ließe sich im Hinterhof der Medienberaterin vielleicht ein Pop-up-Market realisieren? Der Möglichkeiten sind viele, und vorsichtiges, fragendes Herantasten an das Thema hat ergeben: Das Umfeld ist durchaus konspirativ. Noch ist nicht aller Weihnachtstage Abend.

Dieses Jahr hat keine Bilder: Endlich kann man mal die alten Handy-Fotos recyclen.

Ein Kommentar zu „My little Corona Diary, Band 2, Tag 21

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  1. gegen die emotionale Bedürftigkeit sende ich eine fette umarmung. das können wir beide gut. nicht jeder kann das. aber „senden“ is scheisse. ich brauch bald mal wieder ne ECHTE. is wie mit E-kippen. die machen nich froh…

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