Adventskalender, 21. Dezember

Der teuerste Adventskalender der Welt, so las ich dieser Tage, ist mit Luxusuhren gefüllt, die zusammen einen Wert von 1,5 Millionen Euro haben. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: dass es so etwas gibt oder dass es jemand kauft. Nichtsdestotrotz kann es dieses Kalenderchen hier ja nun mühelos mit der kapitalistischen Konkurrenz aufnehmen. Denn rechnet man den Gesamtwert der in den letzten drei Wochen präsentierten Kunstwerke einmal zusammen, dann schrumpfen 1,5 Millionen förmlich zu einem Trinkgeld. Nachdem wir somit niemandem mehr etwas beweisen müssen, lehnen wir uns ganz entspannt zurück und widmen uns in den nächsten Tagen der Reste-Rampe. Denn es ist viel übrig und liegen geblieben, das sich zwar nicht zu einem eigenen Türchen formt, aber zum Wegwerfen auch zu schade ist. Wir beginnen in der modernen Abteilung, in der meine Freude über die Werke und ihre seltsame oder besondere Gestalt leider oft in keinem Verhältnis steht zu meinem Verständnis derselben. Diese schmerzvolle Erfahrung machte ich das erste Mal vor knapp 20 Jahren in Köln, wo im Museum Ludwig eine Ausstellung rund um Matthew Barneys Kunstfilm „The Cremaster Cycle“ gezeigt wurde. Es gab Skizzen, Fotografien, Plastiken und Filmausschnitte aus diesem Zyklus, und ich war ebenso überwältigt wie ratlos. Bis heute habe ich nicht verstanden, worum es da geht. Leider habe ich auch kein Foto von den rätselhaften Werken des amerikanischen Multimediakünstlers gemacht. Denn Fotografieren ist, zumal in den großen Ausstellungen, im Museum ja meist verboten. Daher fehlen mir eigentlich zu fast allen künstlerischen Meilenstein-Ereignissen meines bisherigen Lebens (Louise Bourgeois‘ „Zellen“ 2015 in München und die Marina-Abramović-Retrospektive 2018 hier in Bonn) die Illustrationen. Doch zurück zu Matthew Barney: Wer einen Eindruck bekommen möchte von seinem „Cremaster Cycle“, der klickt mal hier:

Seit Matthew Barney jedenfalls halte ich es mit der zeitgenössischen Kunst so, dass ich gar nicht mehr versuche, sie zu verstehen, sondern mich einfach von ungewohnten Perspektiven, Formen, Materialien erfreuen oder irritieren lasse. Schönheit und Verstörung, damit kommt man eigentlich immer weiter. Sollte sich sonst irgendwo noch ein Sinn ergeben – umso besser. In die Kategorie Schönheit fällt ganz klar eine Ausstellung mit botanischen Skulpturen und Installationen des japanischen Künstlers Makoto Azuma, die ich 2008 in Düsseldorf sah.

Die Personen gehören nicht zum Kunstwerk. Da sie vermutlich hier nicht zu sehen sein wollen, habe ich sie überbeept.

Sollte der Anordnung von Limetten und Kohlköpfen auch eine übergeordnete symbolische Aussage innewohnen, so erschließt sich diese vermutlich allein Japanern, die mit Bonsai und Ikebana ja über ganz andere Traditionslinien und Vorerfahrungen im Vereich der floralen Künste verfügen. Auf dem regionalen Weg kommt man vermutlich auch bei der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconselos weiter, die letztes Jahr im Max-Ernst-Museum in Brühl ausstellte. Sie arbeitete viel mit den textilen Traditionen ihrer Heimat und umhäkelte dabei zum Beispiel auch dieses Waschbecken:

Und abermals in Zusammenhang mit den künstlerischen und kunsthandwerklichen Traditionen seiner Heimat stehen sicher auch viele Werk des Tiroler Bildhauers Aron Demetz, von denen einige 2014 im Arp-Museum in Remagen zu sehen waren. Gerade eine Gruppe von Holzfiguren, von denen manche nicht fertig ausgearbeitet waren und diese rohen Stellen wie Verwundungen trugen, andere angezündet oder mit Harz übergossen worden waren, haben bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen (Schönheit und Verstörung eben). Denn man muss ja etwas nicht verstehen, um es schön zu finden. Das ist ein bisschen so wie in der Liebe: Das Rätselhafte ist oft das Attraktivste.

2 Kommentare zu „Adventskalender, 21. Dezember

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