Adventskalender, 22. Dezember

In Berlin wurde 2018 ein spanischsprachiges Gedicht von der Wand einer Hochschule entfernt, weil junge Menschen es als sexistisch empfanden. Verfechter einer freieren Poetik ließen ebendieses Gedicht daraufhin ein Jahr später ein paar Häuserwände weiter wieder aufleuchten, diesmal sogar in Leuchtschrift und mit deutscher Übersetzung. Wer regelmäßig die Nachrichten verfolgt, erinnert sich daran, und eigentlich hat auch jeder eine Meinung dazu. Würde man nun in der bildenden Kunst mit einem ähnlichen Maß messen und alle sexistischen und rassistischen sowie zudem alle krassen Darstellungen von Gewalt abhängen, gäbe es in den meisten Museen jenseits von ein paar Landschaftsmalereien, Bibelszenen und Stillleben (bis auf jene mit toten Tieren drauf) nicht mehr viel zu sehen. Man ahnt es schon, ich bin generell kein Verfechter von Zensur in der Kunst. Aber selbst ich habe doch kurz geschluckt, als ich in der Berliner Gemäldegalerie folgendes Bild von Rembrandt bzw. dessen Titel erblickte:

Auf der Homepage des Vereins, in dessen Besitz sich dieses Bild befindet, las ich, dass Rembrandt mit diesem und ähnlichen Bildern „Studien semitischer Physiognomien für alttestamentarische Themen und Christusbilder“ anstellte. Heute wäre dies ein ganz klarer Fall von schlimmstem Rassismus, und tatsächlich wundere ich mich, dass dieses Gemälde dort noch einfach so hängen kann. Vielleicht weil es von Rembrandt ist? Doch wäre eventuell nicht schon geholfen, wenn man – wie bei Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominzas Vater – einfach den Titel änderte? Ich sehe eigentlich keinen Grund, warum es nicht genauso heißen könnte wie das folgende Bild.

Dieses trägt den Titel „Bildnis eines feisten Mannes“ und steht ebenfalls noch hier bei mir auf der Resterampe.

Nicht „dick“, nicht „kräftig“, sondern „feist“: Auch „Fat Blaming“ gibt es also in der Berliner Gemäldegalerie. Der Titel legt aber auch nahe, dass in früheren Zeiten Leibesfülle doch nicht allein mit Wohlstand assoziiert und somit vor allem positiv konnotiert war. Waren am Ende schon 1430 ähnliche Schönheitsideale wie heute am Wirken? Wir werden es heute nicht mehr erfahren. Daher können wir unsere Aufmerksamkeit schnell noch zwei weiteren Bildern zuwenden, die mir in dem Berliner Haus noch ins Auge gestochen sind und nun hier auf der Rampe der Bewunderung harren. Das erste stammt von einem holländischen Maler namens Cornelis Bisschop.

Dieses „Interieur mit Jacke auf einem Stuhl“ gefiel mir, weil überraschenderweise keine Menschen zu sehen sind, sondern quasi nur die Leerstelle, die sie hinterlassen haben. Jedenfalls scheint auf dem Bild eher etwas zu fehlen, als dass etwas dargestellt wird. Ein interessantes Detail ist ferner das Gemälde, das an der Wand des Zimmers zu sehen ist: Es hat eigentlich denselben Rahmen wie das Bisschops Werk selbst. Der Rahmen spielt schließlich auch bei unserem letzten Bild für heute eine Rolle:

Ich weiß leider nicht mehr, von wem dieses Gemälde stammt (es war ein Italiener), aber allein wie der bärtige Herr hier im Rahmen sitzt, ist mehr als ungewöhnlich. Und dass sein Gewand unten nach Art einer optischen Täuschung aus dem Rahmens hinausragt und einen Schatten in die Realität des Betrachters wirft, lässt das Ganze wirken, als ginge es um hier einmal um nichts als um den Spaß an dieser Darstellung. Dafür spricht auch, dass auf der ganzen großen leeren Fläche des Hintergrunds nicht anderes zu sehen ist. Ach, jetzt würde ich doch gerne mal eine Kunsthistorikerin fragen, was es damit auf sich hat.  

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