Adventskalender, 23. Dezember

Vorgestern war ich beim Zahnarzt, und während ich in dem Stuhl lag, den Blick zur Decke gerichtet, dachte ich darüber nach, ob eigentlich irgendein begabter junger Mensch in der Blüte und im Feuer seiner Jugend ein Studium an der Kunstakademie beginnt in der festen Absicht, später einmal Arztpraxen auszustatten. Andererseits: Hat man auf dem Markt einmal einen Fuß in der Tür, hat man vermutlich für immer ausgesorgt. Denn der Bedarf ist groß und die Kundschaft zahlungskräftig. (Und die meisten Menschen müssen im Laufe ihres Lebens Abstriche an ihren Träumen machen.) Allerdings habe ich in den Praxen, in die meine Gebrechen mich bisher geführt haben, noch nie ein Bild gesehen, das mir gefallen hätte. Dabei hängen beim Arzt meiner Beobachtung nach fast immer Originale, oft großformatige, abstrakte Studien in Flächen und Farben. Wer nicht zu krank dazu ist, fragt sich im Wartezimmer daher nicht selten, wer diese Bilder nach welchen Kriterien ausgesucht hat, wo man so etwas bekommt und wie viel die kühnen Werke wohl gekostet haben. Manchmal denke ich, dass es ein schöner Kunstdruck sicher auch tun würde und dass das Werk eines richtigen Meisters, wenn auch nur für kleines Geld vervielfältigt, den Augen der Patienten vielleicht sogar besser täte. Doch niemand will ohne Not einen Druck. Denn bei Kunst ist ein Wunsch eigentlich immer da: der nämlich, ein Original, ein Unikat, etwas Exklusives zu besitzen. Woher er kommt, weiß ich auch nicht, aber ich bin natürlich ebenfalls nicht frei davon. Und so habe auch ich im Laufe der Zeit ein paar schöne Originale angesammelt, deren Wert sicher eher ideeller Natur ist, die mir aber dennoch so gut gefallen, dass ich damit meine Wände schmücke. Nachdem wir uns in den letzten drei Wochen in den großen Häusern dieser Welt umgesehen haben, werfen wir daher nun einen Blick in die deutsche Durchschnittsstube, in der mit kleinerem Budget gehaushaltet wird. Von meiner Liebe zum Stillleben berichtete ich bereits, und so war ich natürlich entzückt, als ich beim Urlaub im letzten Jahr bei einem grimmigen kroatischen Künstler, der Touristen vermutlich ebenso sehr hasst, wie er sie zum Leben braucht, das folgende kleine Ölgemälde entdeckte und sofort erstand.

Nun habe ich mein eigenes „still life“ und schiele im Museum nicht mehr so neidisch nach denen der anderen. Wenn ich einen in meiner Küche vorhandenen Wandstrahler ein bisschen drehe, kann ich es sogar anstrahlen.

Alle übrigen Bilder dort kommen ohne eigene Beleuchtung aus, sie besitzen auch ohnedies genug Strahlkraft, wie diese kleine Studie in Kirschen, die von einem im minimalistischen Stil arbeitenden japanischen Künstler stammt.

Dies war nur ein Scherz, meiner kleiner Neffe hat mir dieses hübsche Bild gemalt, als er fünf Jahre alt war. Es ist also klar, warum ich es liebe. Tatsächlich von einem professionellen, mir aber dennoch unbekannten Künstler stammt das folgende Bild. Es kam zu mir bei einer Haushalts- und Atelierauflösung und wäre sonst unter Umständen entsorgt worden. Ich aber mochte es gleich und habe es sogar in seinem goldenen Rahmen gelassen, obwohl ich für goldene Rahmen sonst nicht so viel übrighabe.

Von dem leider schon recht jung verstorbenen, international bekannten Berliner Fotokünstler Sascha Weidner stammt das letzte Bild für heute, das als solches ein Beispiel ist für einen anderen Umgang mit dem Original und einen anderen, demokratischeren Zugang zur Kunst. Denn einmal durften sich die Besucher einer Ausstellung mit Fotografien von Sascha Weidner einfach ein Bild mitnehmen, wenn sie begründen konnten, warum sie es haben wollten. Ähnlich war es früher mit manchen seiner Fotografien, die in einer zweiten Version sozusagen open source waren und zum Download und zur Vervielfältigung für alle bereitstanden. So ist auch das folgende wunderbare Bild zu mir gekommen. Ob der Zugang zu seinen Werken heute immer noch so offen ist, weiß ich nicht. Ich wage es angesichts der kapitalorientierten Ausrichtung des internationalen Kunstmarkts aber zu bezweifeln, denn Geld verdienen kann man ja nur mit exklusiven, limitierten Originalen.

Ich habe sofort verstanden, warum es so heißt: „We don’t need anything II“

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