My little Corona Diary, Band 2, Tag 71

Freitag, 15. Januar 2021

Gestern Abend haben wir den Weihnachtsbaum auf die Straße gestellt. Damit wäre diese Saison nun auch beendet. Obwohl sie durchaus ein paar Wochen gedauert hat, ist nicht allzu viel passiert, seit ich im Dezember zum ersten Mal im Leben eine Nordmanntanne in meiner eigenen Stube platziert habe. Nur ein recht stilles Weihnachten und ein noch einsameres Silvester wurden gefeiert. Ansonsten ist ein Tag wie der andere vergangen, der einen Woche die nächste gefolgt, die Wochen haben sich zum Monat geformt, und inzwischen ist schon ein neues Jahr daraus geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht, und wie alle, die weitgehend gesund, weitgehend kinderlos, weitgehend unter achtzig und nicht im Gaststätten- oder stationären Einzelhandelsgewerbe tätig sind, bedrückt mich in diesen grauen Januartagen vor allem eines: eine unermessliche Langeweile. In dem riesigen Lockdown-Vakuum dehnt sich die Zeit, und um sie totzuschlagen, also wenigstens etwas zu tun, lese ich noch häufiger als sonst online jene Zeitung, die mit allerhand Übertreibungen, überraschenden Pointierungen und der größtmöglichen Pressefreiheit versucht, ein bisschen Spannung und Farbe in unseren trüben Alltag zu bringen. Schon vor Weihnachten hatte ich mir dabei ein paar schöne Schlagzeilen notiert, um sie bei Gelegenheit hier zum Besten zu geben. Meine Top Four waren diese:

  1. „Er galt als sehr engagiert: Dieser Oberarzt spritzte Corona-Patienten tot“ (24.11.)
  2. „Japans Premier empfiehlt: Essen mit Maske“ (4.12.)
  3. „Jörg Pilawa: Wegen Corona konnte er nicht auf seine Privatinsel“ (12.12.)
  4. „Corona-Isolation mit Sexpuppe: Kuscheln tun wir nicht“ (30.11.)

Bei der alltäglichen Zeitungslektüre begegnen einem dieser Tage aber auch immer noch und immer wieder Schlagzeilen oder Zeitgenossen, die in geradezu moraltheologischer bzw. mittelalterlicher Denkweise einen Zusammenhang zwischen Seuche, Sünde und Strafe herstellen und wie vormals in Pest, Cholera und AIDS auch in Corona eine Antwort Gottes oder der Natur auf das immerwährend frevelhafte Tun der Menschheit sehen. Nur so jedenfalls lassen sich meines Erachtens Headlines wie „Corona am schlimmsten in AFD-Hochburgen“ (7.12.) interpretieren. Das Ganze scheint aber auch umgekehrt zu funktionieren, nämlich in dem Sinne, dass auch ungerechtfertigterweise ausgebliebene Bestrafungen durchaus zur Kenntnis genommen werden. Oder wie anders soll man diese Meldung verstehen: „Länder im Vergleich: Warum kommt ausgerechnet Serbien so gut durch die Krise?“ (3.12.) Weniger verklausuliert äußerte sich dagegen unlängst ein ungekröntes königliches Haupt: „Prinz Harry sieht in Corona eine Strafe der Natur“ schlagzeilte „Bild online“ ebenfalls am 3. Dezember. Dem dazugehörigen Bericht war zu entnehmen, dass es dem exilierten Briten-Prinz vorkomme, „als hätte uns Mutter Natur in unseren Raum für schlechtes Benehmen geschickt, um mal wirklich einen Moment lang darüber nachzudenken, was wir getan haben“. Was immer das war, es scheint doch ein recht kindliches Gemüt zu sein, das sich hier seine gerechte Strafe imaginiert. Ich denke, wenn Mutter Natur es uns Menschen wirklich heimzahlen wollte, hielte sie statt eines stillen Raums eher die Todesstrafe für uns bereit. Apropos Todesstrafe: Donald Trump, der gerade in schönster Diktatorenmanier zum Abschied noch ein paar Leute hinrichten lässt, ist es zu verdanken, dass ich heute auch noch ein paar Funfacts zum Thema „Corona“ beitragen kann. Denn in der Deutschen liebstem Boulevard-Blatt las ich just am Morgen: „Hinrichtungen gelten als potenzielle Corona-`Superspreader´. Wie das Todesstrafen-Informationszentrum berichtete, wurden acht Mitglieder eines Hinrichtungsteams wenige Tage nach einer Exekution im Dezember positiv getestet.“ Ich halte dies übrigens nicht für eine wohlverdiente Strafe.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

2 Kommentare zu „My little Corona Diary, Band 2, Tag 71

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