My little Corona Diary, Band 2, Tag 88

Montag, 1. Februar 2021

Haben Sie es heute Abend in der „Tagesschau“ auch gesehen? Auf dem Kopf der Kanzlerin wachsen Haare in mindestens zwei Farben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Seit mehr als sechs Wochen haben auch die Friseure nun schon wieder geschlossen. Die Sorge bzw. der Unmut ist deshalb auf beiden Seiten groß: an und unter der Schere. Die Friseure bzw. ihr sehr aktiver Berufsverband haben entsprechend in den letzten Wochen ordentlich Rabatz macht. Unter dem Motto „Licht an, bevor es ganz ausgeht“ brannte am Wochenende zum Beispiel in vielen Salons rund um die Uhr das Licht über verwaisten Waschbecken und Trinkgeldkästchen. Aber auch ein Brandbrief an den DFB wurde verfasst, nachdem die Schädel vieler Fußballprofis trotz Lockdown immer noch so verdächtig akkurat rasiert sind. Weil der Grad der mitmenschlichen Solidarität in diesen globalen Bad Hair Days auch an der Länge der Locken gemessen wird (und vielleicht auch aus Sorge, selbst noch medienwirksame Post von der Figaro-Innung zu bekommen), hat Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor Kurzem per Erlass auch das Haareschneiden in den Kasernen untersagt. (Damit ist natürlich in Kürze der korrekte Sitz der ABC-Schutzmaske in akuter Gefahr.) Wir sehen: Haareschneiden, dieses eigentlich ach so harmlose Tun, hat sich unter dem unseligen Einfluss der Seuche zu einer ziemlich heiklen Tätigkeit entwickelt, die bisweilen schon eine regelrechte Kriminalisierung erfährt. „Polizei hebt illegales Friseurstudio aus“: Das ist keine Szenerie, die ich mir gerade zwecks Übertreibung ausgedacht habe, sondern eine Schlagzeile aus meinem Lieblingsboulevardblatt. Der Sprecher der zuständigen Polizei Unna rapportierte zur Beweismittellage am Tatort ansonsten noch Folgendes: „Einige der angetroffenen Personen hatten frische, akkurate Haarschnitte, der Rest von ihnen stand scheinbar kurz davor. Denn auf dem Boden lagen abgeschnittene Haare, auf den Tischen befanden sich Scheren und anderer Friseurbedarf.“ Ich hoffe, dass wir schon bald über Dinge wie diese wieder laut lachen dürfen. Nichtsdestotrotz ahne auch ich, wie ernst die Lage ist, nicht nur für Friseure. Ich war schon einmal arbeitslos und habe eine gewisse Vorstellung davon gewonnen, was Existenzangst bedeutet. Daher habe ich auch Verständnis für jeden, der die Risikoabwägung derzeit lieber selbst übernimmt und das ein oder andere Alternativgeschäft dem widerstandslosen Untergang vorzieht. Und wenn man das einmal als mögliche Strategie akzeptiert hat, dann muss man sagen, dass Friseure im Vergleich zu vielen Einzelhändlern in der Krise doppelten Vorteil genießen. Denn ihr Angebot ist immer noch unersetzlich: Einen neuen Haarschnitt kann man nicht im Internet bestellen. Und es braucht auch kaum mehr als ein bisschen Heimlichkeit, um die berufsspezifische Dienstleistung auch in Lockdown-Zeiten an Mann und Frau zu bringen. Ich selbst lasse wie während der letztjährigen Sperrstunden zwar immer noch völlig legal das Fräulein Stefanie schneiden, eine äußerst talentierte Hobby-Coiffeurin aus dem engsten Familienkreis, aber ich könnte hier auch andere Geschichten erzählen. Doch das sind ja nicht meine. Was ich in puncto Schwarzarbeit aber noch berichten könnte, ist, dass ich am Samstag eine Einkaufsfahrt unternommen habe, die mich in ein weitgehend verlassen daliegendes Industriegebiet geführt hat. An dessen Rand ist auch der größte Puff der Stadt angesiedelt, vor dem, als ich vorbeifuhr, zwei Taxis auf Kundschaft warteten. Dass sich aber gleich zwei Taxifahrer von diesem Standplatz in einer abgelegenen, menschenleeren Ecke der Stadt samtagsmittags um 13.15 Uhr ein Geschäft versprechen, könnte ein Indiz dafür sein, dass dort auch eins zu machen ist.

Mit solchen Bildern kann man die Klickrate enorm erhöhen.

Ein Kommentar zu „My little Corona Diary, Band 2, Tag 88

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s