My little Corona Diary, Band 2, Tag 95

Montag, 8. Februar 2021

Ich habe vorletzte Woche Post von der Bundesregierung bekommen, die mir fast pünktlich zum ersten Geburtstag ihrer größten Herausforderung als Überraschung ein kleines Geschenk zukommen ließ. Es waren zwei Gutscheine, die ich in einer Apotheke meiner Wahl gegen jeweils sechs FFP2-Masken eintauschen kann. Ich war ganz gerührt. Die letzten Gutscheine vom Staat habe ich in den Siebzigerjahren in den Händen gehalten. Damals gehörten diesem noch die Eisenbahn und die Post, und alle Bürger profitierten vielfältig von sozialen Segnungen. Für die einen Gutscheine erhielt man als Fahrschüler eine Monatskarte vom Heimat- zum Schulort, die anderen konnte man einlösen gegen Lehrmittel, also Bücher. Zu Beginn jedes Schuljahres bekam man immer einen ganzen Bogen davon, und sie waren, wenn ich mich richtig erinnere, lachsrot. Ach, wie lange habe ich nicht mehr an diese seligen Zeiten gedacht! Doch zurück ins Hier und Jetzt: Dies war also die erste Corona-Hilfe, die ich bekam, und das ebenfalls, ohne zuvor einen Antrag gestellt zu haben. Meine kindliche Freude über das unverhoffte Präsent wurde in der Apotheke ein bisschen getrübt. Dort erfuhr ich nämlich, dass ich chronisch krank bin. Das war mir neu. Doch nachdem die Apothekerin uncharmanterweise nur durch Nachfragen ausschließen konnte, dass ich noch nicht 60 bin, blieb allein dies als mögliche Erklärung für meine Maske-Marken. Wer sich aber fragt, woher Big Brother das weiß, dem sei geantwortet: Ich glaube, es ist völlig sinnlos, sich gegen die geplante elektronische Patientenakte zu stemmen. Doch zurück zu meinen Masken und den Gefühlen, die sie begleiten. Die haben sich nämlich im Laufe dieses einen Jahres ziemlich gewandelt, und das nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen, wie ich den wenigen Gesprächen entnehme, die ich noch führe. Erinnern Sie sich noch an den Enthusiasmus der Anfangstage? Als der Krieg begann, zogen alle mit Feuereifer in die Schlacht. Was wurden damals Masken genäht! Sogar meine über 80-jährige Mutter hat im letzten Frühjahr nach Jahren der Abstinenz noch einmal ihre Nähmaschine aufgeklappt und mit Arthrose in den Händen und einem Star im Auge alles gegeben fürs Vaterland und eine gerade Naht. Ich kann mich erinnern, dass wir in jenen langen zurückliegenden vier- und fünfköpfigen geselligen Runden zu später Stunde lustige Fotos gemacht haben mit Masken. Und als ich dereinst die erste verlorene oder weggeworfene Maske auf der Straße entdeckte, habe ich ebenfalls die Handykamera gezückt, weil es mir so symbolhaft erschien (und weil ich ja auch das erste Tagebuch hier mit etwas bebildern musste). Doch inzwischen gehören zertretene graue Masken im Rinnstein zum Straßenbild wie Meckes-Tüten und Zigarettenkippen, und die Zeiten der großen, pathetischen Gesten sind lange vorbei. Niemand klatscht, dankt und singt mehr vom Balkon. Alle sind zermürbt von der Schlacht und endgenervt. Und so hat Kapitalismus dem Enthusiasmus die Zügel wieder aus der Hand genommen, und seine Gesetze bestimmen das Krisengeschehen. Statt Masken zu nähen, womöglich sogar für andere, kauft man sie jetzt im Handel, und nacheinander haben die verschiedensten Anbieter dabei ihren Reibach gemacht. Gerade sind die FFP2-Produzenten dran – und die Apotheken. Denn für jede Maske, die der Staat verschenkt, bekommt die Apothekerin 6 Euro (der Apotheker natürlich auch). Das erfuhr ich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auch die Einkaufspreise für das „filtering face piece“ der Schutzklasse 2 kannte: 0,80 bis 1,40 Euro. Was der FFP2-Schutz pro Stück im unstudierten Einzelhandel kostet, weiß vermutlich jeder selbst: zwei bis drei Euro. Ich würde also sagen: In der Pillenbude stimmt die Marge. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Apothekerin gleich auch meinen zweiten Gutschein einbehalten hat, obwohl der erst ab 16. Februar gilt. Ach, wer wollte da klatschen?

Es wird noch lange dauern, bis Brillenträger wie ich beim Metzger die Wurst in der Auslage wieder erkennen können.

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