My little Corona Diary, Band 2, Tag 100

Samstag, 13. Februar 2021

Das Rheinland trägt gerade Trauer statt Kostüm. Der Karneval fällt aus. Komplett. Der beste Teil jedenfalls, der Straßenkarneval. Am Wieverfastelovend vorgestern war es hier praktisch in der ganzen Stadt so wie in Hamburg und Berlin jedes Jahr um diese Zeit. Ich hätte es nicht gedacht, aber es war tatsächlich nirgendwo ein gravierend subversives Tun und Treiben zu bemerken (auch wenn viele Maskierte unterwegs waren). Das war vielleicht auch besser so, denn in der Zeitung sah ich schon Bilder von Polizisten, die hierzulande mit illegal Karneval Feiernden in derselben Art und Weise verfuhren wie die russische Polizei mit Demonstranten. Vielleicht ging es einigen anderen aber auch so wie mir: Angesichts der arktischen Temperaturen draußen war ich nicht allzu traurig, dass ich nicht fünf Stunden lang mit dem Kölschglas in der blau gefrorenen Hand auf der Straße stehen und Karnevalslieder singen musste.

Das karnevalistische Drohszenario: Bei Zwei- und Dreigestirnen, die Orden verteilen, Kappensitzungen, Bernd Stelter und Guido Cantz verlasse ich den Saal von selbst.

Mit mir und dem Fastelovend ist es ohnehin so eine Sache, denn wiewohl Rheinländerin, bin ich nicht unbedingt so eine rheinische Frohnatur, ich verkleide mich nicht gerne, selbst fürs Schunkeln reicht mein Rhythmusgefühl nicht, und unter Alkohol mit wildfremden Menschen knutschen, dafür bin ich inzwischen bedauerlicherweise zu alt. Meinen Festivitätsbedürfnissen hat Corona sicher schmerzlichere Verluste zugefügt als die Austreibung des Karnevals. Das darf man hier im Rheinland freilich nicht laut sagen. Und ganz so ist es natürlich auch nicht. Denn erst vor zwei Jahren fand ich nichts schöner als fünf Stunden mit dem Kölschglas etc. Ich war damals Päpstin und habe in diesem Kostüm die interessantesten Erfahrungen gemacht: Manche Leute suchten ernsthaft das Glaubensgespräch mit mir, andere haben mich stellvertretend beschimpft, wieder andere wollten sich unbedingt mit mir fotografieren lassen, und von zweimal wurde ich auch von mir gänzlich Unbekannten geküsst. (Aber Rot steht mir auch wirklich gut.)

Auch übers Kostüm hinaus sehe ich für mich eine deutliche Brücke zwischen Karneval und Kirche: Bei beiden gefällt mir die Musik am besten. Und bei beiden bin ich in dieser Hinsicht absolut Old School: Ich will Orgel und nicht Gitarre, ich bin Bläck Fööss und nicht Cat Ballou. Ich mag es einfach, wenn der Karneval auch nach Karneval klingt und nicht nach Popmusik in Mundart. Nichtsdestotrotz war ich sehr gespannt, welche tonkünstlerische Bearbeitung das Trauma durch die Brauchtums-Bands erfahren würde. Ich versprach mir durchaus einiges davon (die Rolling Ghosts haben da auf jeden Fall noch deutlich Luft nach oben gelassen). Doch auch kölschen Kehlen entlockt Corona keine fröhlichen Töne. Die Stimmungslage der meisten Songs lässt sich auf die langweilige Formel des letzten Frühjahrs bringen: Pathos, Balkonsingen, zesammestonn. Bei einer Recherche im Radio in den letzten Tagen fiel allein das folgende recht traditionelle Stück ein wenig aus dem Stimmungsrahmen:

Eine Aufnahme, wo der ganze Saal mitgrölt, gibt es leider noch nicht.

Immer wenn mir dieser Tage einfällt, dass ja Karneval ist, stimme ich jedoch nicht dieses Lied an, sondern „Kayjass Nummer null“. Dann gieße ich mir erst einen Kabänes ein und dann einen Schabau und habe kurz eine Ahnung davon wie schön und betrunken alles schon am helllichten Nachmittag sein könnte.

Für et Hätz.

PS: Im Rahmen der Feldforschung für diesen kleinen Blog bin ich auch einer Einladung zu einem Corona-Karnevalskonzert gefolgt, dem ich sonst vielleicht eher ferngeblieben wäre. So aber war ich diese Woche bei einem Autokonzert mit den „Höhnern“, die ähnlich wie die meisten Vertreter des professionellen Karnevals in dieser Session um die meisten ihrer Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten gebracht sind. Der „CAR-neval“ (so die Ankündigung) war auch interessant, aber wenn man beim Autofahren einfach eine Karnevals-CD einlegen würde, wäre es genauso schön, aber wärmer.

Es gibt gute Gründe, warum ich keine Dokumentarfilmerin geworden bin.

Ein Kommentar zu „My little Corona Diary, Band 2, Tag 100

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