Big Brother, bei dir piept´s wohl! – Eine Kampfansage!

Nachdem in der Welt der Computer- und Unterhaltungselektronik Nachhaltigkeit kein Konzept von Interesse ist und die Lebenszyklen der Produkte seit Jahren immer kürzer werden, war ich vor einiger Zeit gezwungen, die heimische PC-Hardware zu erneuern und dabei auch auf ein neues Betriebssystem upzudaten. Seitdem bin ich unglücklich. Denn der Ton, der damit in meinen Dokumenten Einzug gehalten hat, gefällt mir nicht. Wann immer ich zum Beispiel in Texten einen Suchlauf nach bestimmten Schreibweisen, doppelten Leerzeichen oder Ähnlichem starte – und das tue ich berufsbedingt oft –, erhalte ich zum Abschluss die Meldung: „Wir sind mit der Überprüfung im Dokument fertig.“ Wir. Aha! Wo früher eine neutrale Passivformulierung wie „Die Überprüfung ist beendet“ als Erfolgsmeldung erschien, gibt sich nun ein aktiv Handelnder zu erkennen.

Aber: Wer ist dieses „Wir“, und was hat es in meinen Texten zu suchen? Hat sich die Maschine eines menschlichen Personalpronomens bemächtigt, um Gestalt anzunehmen? Spricht der Computer im Pluralis Majestatis zu mir? Oder ist es gar „das System“ (also die Firma Microsoft), das sich hier bemerkbar macht und ganz unverblümt seine Absichten offenbart? Mich würde das eine wie das andere nicht wundern. Klar jedenfalls ist: Ich bin in meinen Dateien nicht mehr alleine. Und die Machtverhältnisse in der Textverarbeitung sind auch klar geregelt. Die Rechtschreibprüfung, früher nur eine kleine Word-Funktion unter vielen, von mir wie nebenher bedient und eingesetzt, wurde zwischenzeitlich nämlich zum „Editor“ befördert, ist zum Mann geworden, mit Position auf Führungsebene, der, wenn ich seine Liste an Aufgaben und „Empfehlungen“ abgearbeitet habe, zufrieden konstatiert: „Sie haben die Überprüfung der Vorschläge von Editor fertiggestellt.“ „Wir“ und „Sie“: Das sind die Beteiligten. Wer hier der Chef ist und wer der Lakai, dürfte klar sein. (Der Editor vergibt übrigens auch „grüne Haken“ für die „Prägnanz“ und „Verständlichkeit“ meiner Sprache bzw. bemängelt diese mit roten.)

Auch auf anderen Einsatzgebieten moderner Computertechnik beobachte ich es mit Besorgnis: Big brother from Silicon Valley is not only watching me, er bevormundet mich auch mehr und mehr. Damit er das tun kann, braucht er natürlich eine Stimme. Mit Alexa und Cortana hat er da bereits zwei skrupellose Erfüllungsgehilfinnen gefunden. Wo immer diese beiden sprachgewandten Science-Fiction-Features noch nicht zur Verfügung stehen und der Code noch nicht so elaboriert ist, machen sich die Geräte mit anderen Mitteln bemerkbar: mit penetrantem Piepsen. Beep, Beep, Beep: Das ist die Babysprache der künstlichen Intelligenz. Aber wer schon einmal mit einem Pkw neueren Baujahrs rückwärts in eine sehr enge Parklücke wollte, weiß, wie massiv die Ansage trotzdem sein kann. Fest steht: Hier lenkt nicht der Fahrer.

Auch der High-End-Herd meiner Mutter piept, sobald ihn etwas stört. Wagt es die Köchin, irgendetwas anderes als einen Topf auf dem hochsensitiven Ceranfeld zu platzieren, einen Kochlöffel etwa oder ein Küchentuch oder andere Hilfsmittel, die man beim Kochen schon mal im Einsatz haben kann, schlägt das Gerät Alarm. Ja, es reichen sogar ein paar Spritzer Suppe oder Wasser, und der Bauknecht lässt sein herrisches Piepsen hören. Doch dieser Herd geht noch einen Schritt weiter: Wenn sein Gefiepe folgenlos verhallt, schaltet er sich einfach ab. Wenn dann niemand in der Nähe ist, um einzugreifen, ist das schöne Schmorgericht im Eimer. Ich weiß nicht, ob dies alles wirklich allein der Sicherheit dient. In jedem Fall aber war es meine erste Erfahrung mit einem Elektrogerät, das menschliches Handeln sabotiert bzw. es sanktioniert, wenn man seinem Willen nicht Folge leistet. Und hier, vor diesem Herd, habe ich es denn auch das erste Mal gespürt: Hass.

Doch ich denke, das ist die Zukunft. Was die freie Fahrt für freie Bürger angeht, sieht es vermutlich schon mittelfristig düster aus, so viel wie im Auto inzwischen gepiept und maschinenseitig an Regelkonformität eingefordert wird: nicht nur beim Parken, auch beim Anschnallen oder bei der Übertretung der offiziellen Richtgeschwindigkeit. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, bis auch der Tempomat selbstständig eingreift, um die Geschwindigkeit nach den Maßgaben dessen zu drosseln, der die Gesetze macht und/oder die Automaten programmiert. Überhaupt ist ja der Autofahrer der ärmste Sklave der Maschine. Denn ihn kommandiert zusätzlich auch noch das Navi, das immer so schön hysterisch wird, wenn man seinen Anweisungen zuwiderhandelt: „Biegen Sie rechts ab. BIEGEN SIE RECHTS AB! BIEGEN SIE JETZT RECHTS AB!!!“

Dass ich kein solches Gerät besitze, versteht sich von selbst. Denn erstens lege ich großen Wert darauf, mich selbstständig in Raum und Zeit zu orientieren, und zweitens bin ich recht freiheitsliebend und damit auch sehr sensibel, was Bevormundung und Unterjochung betrifft. Das geht so weit, dass es auch heute, wo ich schon über 50 bin, manchmal noch Momente gibt, in denen ich mich aktiv freue, der Einflusssphäre meiner Mutter entronnen zu sein. Ich will die Erziehungsberechtigung einfach nicht wieder abgeben. Auch nicht an die Sport-App auf dem Handy, die mich nicht nur piepsend an das terminierte Gruppentraining erinnert, sondern auch im Stundentakt mahnt und meckert: „Zu- und Absagen nicht vergessen! Du hast nur noch eine Stunde Zeit!“

Es ist nicht nur alterstypische Technikfeindlichkeit, die mich diesen Elektroterror mit Sorge und Abscheu beobachten lässt, sondern auch das abschreckende Beispiel anderer. Da gibt es zum Beispiel diese Freundin, die manchmal wie ferngesteuert aufsteht, wenn sie bei mir zu Besuch ist, und anfängt, unkontrolliert durchs Zimmer zu laufen. Sie empfängt nämlich Kommandos von ihrem Fitnessarmband, das ihr mitteilt, dass das heutige Schrittziel noch nicht erreicht ist. Ich weiß nicht, ob die Handschelle ihrer Besitzerin allabendlich schon Enttäuschung signalisiert oder Vorwürfe macht, wenn sie hinter den Erwartungen zurückbleibt, aber ich halte es auch ohne dies für möglich, dass einen konstante Leistungsmessung unter Druck setzt und ein Gerät bei einem Menschen ein schlechtes Gewissen auslösen kann.

Während sich die Machtverhältnisse dergestalt langsam umkehren, leiste ich selbstredend wacker Widerstand und verweigere die Rückkehr in die selbst verschuldete Unmündigkeit. Meine Gegner sind jedoch mächtig. Der Herd des Grauens zum Beispiel hat schon keinen Knopf mehr, mit dem man bei Bedarf den extrem übertrieben ausgelegten Sicherheitsmechanismus abschalten könnte. Er ist damit nicht mehr in Gänze durch mich steuerbar, in seinem Handeln meiner Kontrolle schon entzogen. Dem Editor allerdings habe ich bei einem Zielvereinbarungsgespräch die Allüren gründlich ausgetrieben. Ich habe ihm den Großteil der Aufgaben, die ihm das Wir zugeteilt hatte, wieder entzogen und seine Befugnisse auf die reine Rechtschreib- und Grammatikprüfung reduziert. Sollten Sie in diesem Text noch einen Fehler finden, bitte ich um eine Nachricht. Dann kürze ich ihm auch noch das Gehalt.

Wer hier die Macht hat, ist wohl klar.

4 Kommentare zu „Big Brother, bei dir piept´s wohl! – Eine Kampfansage!

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  1. ach, alte frau recht haste. technik is manchmal echt das letzte und manchmal nervt das gepiepse und der befehlston. ABER, und du kennst mich ja gut, technik ist meisten LEIDER GEIL! 😎 KUSJE UIT HOLLANDJES

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  2. Super! Super! Super!
    Wie oft habe ich mir schon meinen schönen Gasherd zurückgewünscht … Erst gestern habe ich Herrn Herd verflucht, weil er sich wegen eines kleinen Wasserspritzers auf dem Kochfeld ausstellte.

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    1. Ich hasse diesen Herd wirklich. Mit dem ganzen Gepiepse und Abgeschalte ist es praktisch unmöglich, irgendetwas Normales darauf zu kochen. Vermutlich ist er nur für Yuppie-Lofts gedacht, wo er nur schön und teuer aussehen und ab und zu ein bisschen Convenience-Food erhitzen soll.

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