Andernorts Summer Special: Im Land des Siegers

Schon seit 2006, seit uns Italien bei der WM im eigenen Land aus dem Halbfinale kickte, kenne ich einen herrlichen Schmähgesang, dessen zentrale Aussage man auf „kleine Genitalien“ reimt. Auch 2012 sang ich dies sehr laut, als da dieser halb nackte italienische Bulle auf dem Rasen von Warschau stand. (Dass ausgerechnet an diesem Abend auch noch mein Fahrrad geklaut wurde, verdunkelt die Erinnerung an die Ereignisse zusätzlich.) Am 11. Juli dieses Jahres war ich daher verständlicherweise ebenfalls nicht glücklich. Nun sind langjährige Fußballanimositäten eine Sache, Vitello Tonnato, Spaghetti allo Scoglio, die lieblichen Landschaften der Toskana oder des Piemont und die helle, warme Sonne der Adria aber eine andere. Wenn ich davon spreche, nenne ich es natürlich immer „das Land, wo die Zitronen blühn“ und meine damit auch diese ganze große deutsche Italiensehnsucht, die auch ich von Zeit zu Zeit verspüre und die im Sommerurlaub ausgelebt werden will. Auch in diesem Jahr führt die Fahrt in den Süden, wo sich der müde Mensch für ein halbes oder gar ein ganzes Jahr mühevoller Arbeit belohnen möchte, wo er sich im Grunde aber lediglich für ein weiteres halbes oder ganzes Jahr mühevoller Arbeit erholt. Nichtsdestotrotz geht mit der Muße bisweilen ja auch die Muse auf die Reise, und so entstand die Idee, in diesem Jahr ein kleines Reisetagebuch zu schreiben und mal zu schauen, was passiert. Wird uns auf dem Weg noch etwas anderes begegnen als unsere eigenen Klischees? Gibt es womöglich noch etwas zu entdecken? Wir werden sehen. In einer Hinsicht müssen jedoch schon an dieser Stelle die Erwartungen klar gebremst werden. Von mir stehen keinerlei schlaue Ratschläge betreffs Auslandsreisen oder gar Geheimtipps für Globetrotter zu erwarten. Ich bereise ausschließlich Orte, an denen vor mir schon viele, viele andere Menschen waren, und ich tue dies auf äußerst konventionellen Wegen. Dabei suche ich meist mehr das Alte als das Neue, und vor allzu viel unberührter Natur weiche ich erschrocken zurück. All dies erklärt schon recht gut die erste Station der diesjährigen Italienreise: den Lago Maggiore, an dessen Ufern Zeugnisse alten Glanzes überreich zu finden sind und den mancherorts kaum etwas mehr zu prägen scheint als die Spuren der vielen, vielen Menschen, die vor mir schon da waren.

Auch schöne stimmungsvolle Fotos wird es hier nicht geben.

26. Juli 2021

Andernorts: An den Ufern des Lago Maggiore

Nachdem ich nun schon zwei Tage am Lago Maggiore weile, weiß ich gar nicht mehr so richtig, was ich hier eigentlich soll. Denn wandern und auf Berge steigen sind Aktivitäten, die mich schon im Grundschulalter in tagelange Verstocktheit versetzen konnten. Als Badesee wiederum, das ergab der Selbstversuch, taugt das Gewässer leider auch nicht so richtig. Eigentlich war ich gekommen, um den alten Glanz zu sehen, die Spuren jener Zeiten, als das Reisen ein Privileg von Stand und Geld war und die Ufer des Langensees noch echte Gefilde des Mondänen waren. Doch nun gibt es für meinen Geschmack ringsum fast zu viel Patina. Denn am Lago Maggiore ist es ein bisschen so wie am Rhein: Es gibt auch eine „Schäl Sick“. Auf dieser ist nicht nur das Wetter schlechter, auf dieser Seite verrottet an der Uferstraße auch alte Villa um alte Villa. Und wenn man sieht, wie all die schöne, alte Bausubstanz in den Orkus geht, blutet einem das Herz. Dann hilft es eigentlich nur, auf die andere Seeseite zu fahren, wo das große Vorbei nicht so sehr zu spüren ist, obwohl Engel und Völkers dort vermutlich auch so manches im Portfolio haben. In Stresa zum Beispiel, da glänzt es noch tüchtig. Da fahren noch Porsche und Maybach. Und da steht auch das „Grand Hotel des Iles Borromees“, das älteste und schönste Haus am Platz (obwohl in Stresa eigentlich jedes zweite Hotel ein „Grand Hotel“ ist). Ich war ganz hingerissen, als ich es erblickte. Doch während ich da so stand und staunte, erfüllte mich plötzlich auch hässlicher Neid und die Erkenntnis, dass das Reisen zwar heute demokratisiert ist, dass das alles aber nichts nutzt: Um den Lago Maggiore so richtig genießen zu können, braucht man eigentlich ein Zimmer dort und eine Jacht.

Einst erholte sich Hemingway hier von einer Kriegsverletzung. Heute kostet die Hemingway-Suite (240 qm) 3.630 Euro pro Nacht.
Grand Hotel des Iles Borromees: „Where everything is perfect!“

28. Juli 2021

Der alte Glanz, von dem ich träume.

Andernorts Summer Special: In den Gärten des Grauens

Zu den Hauptattraktionen am Lago Maggiore gehören die Borromäischen Inseln, die ihren Namen dem alten italienischen Adelsgeschlecht verdanken, dem sie dereinst gehörten. Die Borromeo waren Mailänder Kaufleute und Banker, die dank ihres immensen Reichtums auch und gerade am Lago Maggiore ausgiebig Grundbesitz besaßen. Dazu gehörten auch fünf Inselchen im See, zuvor teils unbewohnte, unwirtliche Felsen, die von den diversen Borromeo dann mit herrscheradäquatem Gestaltungswillen bebaut und begrünt wurden. Auf der Hauptinsel, der Isola Bella, entstanden so ein gewaltiger barocker Sommerpalast und terrassenförmige Gartenanlagen über zwölf Stockwerke, die man – zumindest zu Teilen – durchaus als historische Vorläufer dessen betrachten kann, was der Instagram-Account „Gärten des Grauens“ uns heute tagtäglich an Abscheulichkeiten präsentiert. Zu diesem Urteil kann jedoch nur gelangen, wer sich die Sache ansieht, und natürlich wollte auch ich mir die Hauptattraktion nicht entgehen lassen. Nachdem im Palazzo zunächst nicht viel mehr zu finden war als eine endlose Folge von Räumen mit bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelten Gemälden unbekannter Provenienz und Qualität und eine böse alte Frau mit jedem Schritt mürrischer wurde, kam zuletzt noch ein Saal, der auf einen Schlag alles wieder gutmachte. Dort hingen riesige Wandteppiche mit Motiven, die stellenweise so bizarr waren, dass man sich fragt, wie und warum so etwas in die Welt kommt. Leider habe ich keine Antworten. Aber natürlich Fotos:

Auf den flämischen Tapisserien, die gut und gerne fünf mal drei Meter groß waren, entfaltete sich ein Bestiarium, dessen Zweck ich gerne verstehen würde. Ich weiß nicht, ob auf den Urwald-Szenarien jeweils echte exotische Tiere dargestellt werden sollten oder Fabelwesen, neige aber zu Ersterem. Denn zumindest bei dieser Kreatur ahnt man zumindest, was gemeint sein könnte:

Diesen hier aber habe ich bisher noch in keinem zoologischen Garten gesehen (ich mag ihn aber trotzdem):

Hier ist das eine ziemlich sicher ein Neunauge (das man in Coimbra bis heute in seinem eigenen Blut verspeist). Aber was ist das andere?

Auch in diesem Fall könnte man den einen kennen, der andere hat aber vier Hände!

Es waren ganz klar auch zwei Teppiche dabei, die rein der Welt der Fabel entstammten. Denn darauf waren Einhörner darauf zu sehen, die Lieblingtiere meiner sechsjährigen Nichte. Die Art der Darstellung aber war leider nichts für die Kleine (und könnte einem ganzen Industriezweig die regenbogenfarbenen Absatzwege kaputt machen). Denn das arme Einhorn wird hier in einem geradezu kanibalistischen Akt von anderen Tieren zerfleischt.

But the unicorn strikes back!

Nachdem so am Ende doch das Gute gesiegt hatte, spazierte ich mit neuem Mut hinaus in den Garten und ertrug das Folgende (s. o.) in heiterer Gelassenheit.

30. Juli 2021

Andernorts Summer Special: Auf der Seufzerbrücke

Das Piemont liegt hinter uns, Venedig heißt der neue Sehnsuchtsort, der aus der Fiktion in die Realität geholt werden soll. Das fällt ganz leicht, denn ich habe mich auf der ZDF-Akademie mit rund hundert Folgen „Commissario Brunetti“ bestens darauf vorbereitet. Ob Giudecca, Murano oder San Michele – auf allen Inseln bin ich mit Guido, Vionello und dem Vaporetto schon gewesen. Zu Hause habe ich manches Mal gelacht über die gewisse Absurdität, die darin liegt, dass in dieser Krimi-Reihe alle Italiener von Deutschen gespielt werden. Dass die Deutschen dabei teilweise Italienisch sprechen, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil, denn wenn die Dialoge korrekt „synchronisiert“ wären, müsste es dann nicht heißen: „Guten Tag, Frau Brunetti“, und nicht: „Buon giorno, signora Brunetti“? Das Ganze logisch zu Ende gedacht, flicht solche und ähnliche italienische Brocken in seine Sätze doch allenfalls ein Italiener ein, der in Deutschland ist und nicht weiß, wie der gesuchte Begriff auf Deutsch heißt. Alles also ein Riesenquatsch? Mitnichten, denn im Grunde bildet dieser ZDF-Krimi die Realität viel besser ab, als man glauben sollte. Es gibt nämlich gar keine Venezianer in Venedig, aber doch sehr viele Deutsche. Natürlich hatte ich vorher schon viel davon gelesen, dass die Bevölkerungszahl im eigentlichen Zentrum immer weiter sinkt und der Tourismus die Stadt kaputt macht. Doch als ich dann auf den (Wasser-)Straßen der Lagunenstadt tatsächlich niemand anderen sah als nur Touristen, da begriff ich, wie schrecklich das stimmt und dass auch ich meinen Teil dazu beitrage. Auch mein Rollköfferchen ratterte über das Pflaster wie das all der anderen, auf dem Weg zur Ferienwohnung im runtergerockten Palazzo im Centro Storico, und das schlechte Gewissen, das mich daraufhin ergriff, hat mich bislang nicht wieder verlassen. Wäre ich also am besten zu Hause geblieben? Die objektive Antwort lautet ja. Was nun?

Zum Abschied aus dem Piemont noch ein Tribut an Claudia Bertrami.
Das Problem von der Seufzerbrücke aus illustriert.

Auch in Venedig machen Engel und Völkers vermutlich einen guten Schnitt.
Wer in Venedig keine schönen Fotos macht, kann nicht fotografieren.

2. August 2021

Andernorts Summer Special: In den Höhlen des Löwen

Seit zwei Tagen beruhige ich mein schlechtes Gewissen damit, dass ich immerhin nicht nach Venedig geflogen bin, geschweige denn mit einem Kreuzfahrtriesen angelandet. Doch es kommt trotzdem keine rechte Freude auf. Denn man kann einfach nicht übersehen und ignorieren, wie die rein ertragsorientierten Mechanismen der Tourismusindustrie diese Stadt zwingen, für immer in ihrem eigenen Klischee zu erstarren. Alles ist danach aus- und eingerichtet, dass der Kurzreisende hier für ein paar Tage die alten Zeiten besichtigen und vor allen Dingen auch nachspielen kann. Er wohnt in den alten Adelspalästen, lässt sich wie das alte verderbte blaue Blut mit der Gondel über den Canale Grande schippern (für 80 Euro die halbe Stunde) und frönt in den unzähligen Edelboutiquen rund um San Marco demselben ekelerregenden Luxus und Pomp, den man ein paar Meter weiter auch im Dogenpalast besichtigen kann. Einen C&A, einen DM, einen Sanitärfachhandel oder ein anderes Geschäft, in denen der Normalbürger seinen Alltagsbedarf decken könnte, findet man in den vielen Gassen eigentlich nicht. Stattdessen beherrschen Trillionen Restaurationsbetriebe für die Massenabspeisung die Ladenlandschaft und natürlich unzählige Masken-Geschäfte mit Ausrüstung für den blöden Carnevale, den schon seit Ende des 18. Jahrhunderts kein echter Venezianer mehr feiert, weil damals nämlich nach einem Verbot die alte Tradition endete. An der Wiederbelebung des Maskenfestes Ende der 1970er Jahre waren denn neben Künstlern vor allem Tourismusbetriebe federführend beteiligt. Klaro, denn damit kann man auch in den mauen Wintermonaten noch einen Reibach machen.

Trotzdem ist es natürlich wunderschön in Venedig mit dem vielen alten Stein und den malerischen Kanälen. Und wo wir nun schon einmal da sind, schauen natürlich auch wir uns an, was sich alle anschauen: Rialtobrücke und Dogenpalast, Markusplatz und Markusdom, Seufzerbrücke und Guggenheim-Museum, noch ein paar Tizians in dieser Kirche, weitere Tintorettos in jener Scuola. Nicht, dass ich Letztere alle tatsächlich besichtigen wollte, aber bei schwülen 30 Grad sehnt man sich manchmal einfach nach gut gekühlten, geschlossenen Räumen. Es mag nichts Neues mehr zu entdecken sein in dieser alten Stadt, aber es ist auch sehr anstrengend all diese Venedig-Erlebnisse, die schon Millionen Menschen vor uns gemacht haben, ein weiteres Mal zu reproduzieren. Und so sitzen wir am Abend des letzten Tages mit einem Bier vom Büdchen erschöpft auf einem verlassen daliegenden Bootssteg am Canale Grande und denken: Oh Mann, wir brauchen dringend Urlaub!

PS: Ich hoffe, es ist jemandem aufgefallen, dass es mir gelungen ist, das Synonym „Serenissima“ komplett zu vermeiden.

Die tausend schönen Masken der Serenissima.
So sieht uns Gucci in der kommenden Saison. Schade, dass mir das Geld dafür fehlt. Denn tragen könnte ich es ja ganz sicher.

Dazu vielleicht diese Schuhe?
In der alten Republik Venedig gab es Anti-Luxus-Gesetze und einen Magistrato allo Pompe, der überwachte, dass es die Aristokratie mit dem Protzen nicht so übertrieb. Im Dogenpalast selbst hat er aber offensichtlich nicht gewaltet.
Harrys Bar und Caffé Florian: Auf dem Spuren der Bohème hat der Apperitif (k)einen Gegenwert von 38 Euro.
La Fenice: Das berühmte Opernhaus Venedigs.
Ein Tintoretto und eine Skulptur von Chiellini.
Solche Bilder haben schon meine Eltern in den Sechzigern in Venedig gemacht (nur weniger davon und in Schwarz-Weiß).

4. August 2021

Andernorts Summer Special: Auf den sanft abfallenden Hügeln des Glücks

Es gibt Dinge, Orte, Personen und Konzepte, von denen man mehr als 50 Jahre seines Lebens noch nie etwas gehört oder gelesen hat. Doch dann, nachdem man das erste Mal irgendwo darauf gestoßen ist, begegnen sie einem plötzlich immer wieder. Dieses Alltagsphänomen fasst die Psychologie unter dem Namen „Frequenz-Illusion“. Sollten Sie diesen Begriff gerade das erste Mal hören, wird er ihnen ab sofort vermutlich häufiger begegnen. Das letzte Mal, als mir das erinnerlicherweise passiert ist, war vor ca. zwei Jahren. Bis dahin hatte ich tatsächlich noch nie etwas von den Marken gehört, einer der 20 Regionen Italiens. Lombardei, Emilia-Romagna, Apulien, okay. Aber Marken? Nein, höre ich zum ersten Mal. Ich schäme mich nicht, dies zuzugeben. Denn wie ich weiß, geht es anderen genauso. Als ich nämlich mit dem neu erworbenen Wissen selbstverständlich sofort angab und hier und da mal wie nebenher den Begriff „die Marken“ fallen ließ, stieß ich nicht selten auf Unverständnis, und dies sogar bei über 70-jährigen Mitmenschen, die in ihrem Leben schon viel gelesen haben. Da sieht man mal wieder, wie relativ Wissen ist.

Wie dem auch sei, nun bin ich hier, in den Marken, mittendrin, und was soll ich sagen: Es ist herrlich! Wogende Sonnenblumenmeere, goldgelbe Stoppelfelder, Weinstöcke und Olivenbäume auf sanft gewellten Hügeln, soweit das Auge reicht. Am Horizont glänzt die Adria, es geht ein leichtes Lüftchen, und in den Bäumen zwitschern die Zikaden ohn´ Unterlass. Ich sitze im Liegestuhl, schließe die Augen und vergesse: Venedig, die Arbeit, Corona, die alten Eltern zu Hause. Urlaub ist ja quasi die einzige Form von Eskapismus, die dem modernen Menschen noch erlaubt ist bzw. nachgesehen wird. Zehn Tage lang keine Zeitung, kein Fernsehen, keine Informationen über den üblen Zustand der Welt und ihre dräuenden, drängenden Probleme.

Und siehe da, derart entglobalisiert kann man sich endlich wieder einmal mit Interesse der eigenen Umgebung zuwenden und ganz neue Möglichkeiten entdecken. Ich könnte zum Beispiel versuchen, die Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, welche dem Zikadengesang zugrunde liegen. Warum hören die Biester um 0.51 Uhr ganz plötzlich auf mit ihrem Radau, und zwar alle auf einen Schlag? Aber auch über die Herstellung von Sonnenblumenöl weiß ich wenig. Dabei scheint mindestens die Hälfte der Weltmarktproduktion aus dieser zauberhaften Region zu kommen, die an Schönheit der Toskana in nichts nachsteht.

Alternativ könnte ich mich im Zuge meiner Realitätsflucht aber auch der ferienhauseigenen Bibliothek zuwenden. Denn in dieser findet sich ja tatsächlich das Gesamtwerk von Amelie Fried! (Was ist aus der eigentlich geworden?) Aber auch andere Titel locken, allen voran Jenny Elvers Autobiografie: „Wackeljahre – Mein Leben zwischen Glamour und Absturz“. Dies Büchlein erscheint mir plötzlich deutlich interessanter als alles, was ich selbst an Lesestoff eingepackt habe. So ist es eigentlich immer im Urlaub: Die Bücher, die zu Hause noch unbedingt gelesen werden wollten, taugen in der sorglosen, sonnigen Ferien-Parallelwelt plötzlich nicht mehr so richtig. Aber ich will nicht schon wieder anfangen zu meckern, sondern einfach nur hier liegen, ab und zu ein wenig baden gehen und allenfalls darüber nachdenken, ob das Molise oder die Basilikata im nächsten Jahr wohl ähnlich lohnende Ziele sein könnten.

Immer ist gerade jetzt!
Die ganze fabelhafte Welt der Amelie.
Erste Risse in der Idylle: Am Strand wurden einige Stücke Gammelfleisch gefunden.

6. August 2021

Andernorts Summer Special: Im Bagno Libertà

Ich bin noch nie an der italienischen Adria gewesen, und als wir hierhin aufbrachen, hatte ich, das gebe ich zu, Angst. Denn in meinem Kopf waren all diese schrecklichen Bilder von Rimini, Ravenna und Riccione und ihren Stränden im Sommer, wo auf endlosen, mit dem Zollstock austarierten Reihen von Sonnenliegen Abertausende Menschen in einer Marinade aus Tiroler Nussöl malignen Melanomen entgegenbrutzeln. Doch in den Marken, Gott sei Dank, ist das Badeerlebnis überschaubarer und damit für ältere Menschen wie mich auch deutlich entspannter. Denn hier ragen hinter dem Strand keine Bettenburgen-Monster auf, sodass der glückliche Badende selbst beim Blick zurück aus dem Meer stets noch die spätsommergoldenen Hügel des märkischen Hinterlandes im Auge hat. Doch während man dementsprechend auch Riesenräder und viele andere Phänomene typischen Strand-Kirmes-Rummels an der Marina vergebens sucht, geht es auch an den hiesigen Gestaden des Mare Adriaticum nicht ohne jene eigenwillige Form des Freizeitparks, die es so nur an Italiens Ufern gibt: das Bagno, die Badeanstalt, der Strand mit Eintritt. Denn wo der Deutsche am Meer die Freiheit sucht, mag es der Italiener lieber eingefriedet und abgeschottet. Auch im nahegelegenen Senigallia reiht sich so, fortlaufend durchnummeriert von 1 bis weit über 70, Anstalt an Anstalt. In jedem dieser Bagni bekommt man für rund 18 Euro am Tag nicht nur Liege, Sonnenschirm, Umkleidekabinen und sanitäre Anlagen, sondern auch, Beachtennis-, Beachsoccer-, Beachvolley- und Beachbasketballplatz (meistens sogar jeweils mehrere davon), Tischkicker- und Tischtennis, Kanu- und/oder SUP-Verleih, Spaßparcours für Kinder, Restauration etc. In einem Strandbad habe ich sogar einen Bücherschrank entdeckt! Dies alles verbirgt sich hinter großen Zäunen und festungsartigen Anlagen, die asoziales Schwarzbaden verhindern sollen.

Auch in Haussnummer 32 gilt: Je größer die Konkurrenz, desto größer das Angebot. Diese Fülle erklärt vermutlich auch den Plural. den die meisten Baderäume inzwischen im Titel tragen.

Mir erschließt sich der Reiz dieser kostenpflichtigen Amüsierbetriebe nicht, aber er hängt nach meiner Beobachtung zentral damit zusammen, dass der Italiener am Meer eines auf keinen Fall will: schwimmen. Die Kinder wollen stattdessen unterhalten werden, die Erwachsenen wollen sich unterhalten respektive sprechen. Das ist in Italien neben Essen ja überhaupt das Wichtigste: Sprechen. Der Italiener spricht, wie die Zikaden zirpen: ohn´ Unterlass. Das weiß ich aus eigener Anschauung, und das bedeutet auch: Wenn niemand da ist zum Sprechen, ruft man einfach jemanden an. Wenn keiner drangeht, setzt man eine Sprachnachricht ab. Freilich, das ist ein Klischee. Aber die meisten Klischees haben ihre Ursache ja nicht im Nichts. (Ich sah in den letzten Tagen Menschen auf dem Pferd sitzend telefonieren und auf dem Motorrad, Letzteres übrigens bei 100 km auf der Schnellstraße!) Mir jedenfalls wäre es vor lauter Sprechen und Telefonieren manchmal lieber, es wäre hier ein bisschen so wie im Venedig von ZDF-Comissario Brunetti. Dann könnte man am Strand auch manchmal die Wellen rauschen hören. (Ach, meine Italiensehnsucht schließt die Italiener nicht immer mit ein.) In jedem Fall ziehe ich aus den beschriebenen Gründen die vereinzelten Streifen freien Strandes, die es zwischen den Badeanstalten auch immer wieder gibt, den Bade-Bienenstöcken vor. Denn an der „Spiaggia libera“ ist der Name Programm. Man kann weitgehend ungestört und mit viel Platz der Ruhe pflegen, ein gutes Buch lesen, die aktuellen Bademoden studieren und dabei auch ganz schnell herausfinden, wer die anderen Deutschen am Strand sind: der Herr dort mit der Chlorbrille, die Kinder da in den Ganzkörperanzügen und die anderen alten Frauen in den Einteilern.

In der freien Wildbahn ist der Deutsche stets an seiner Sicherheitsausrüstung zu erkennen.

10. August 2021

Andernorts Summer Special: Auf den Flügeln der Engel

In einem Bücherschrank in Venedig habe ich vor ein paar Tagen einen englischsprachigen Reiseführer mit dem Titel „Frommer´s 96 Italy“ gefunden, in dem ganz Italien (!) für Amerikaner auf Grand Tour kompakt aufbereitet wird. Ob die Restaurant- und Nightlife-Tipps in dem abgegriffenen Exemplar von 1996 heute noch die gewünschte Orientierung bieten, weiß ich nicht, aber die Listen unter dem Motto „What to See & Do in Rome/Florence/Venice/Milan …“ haben Bestand und lassen sich, das nötige Interesse vorausgesetzt, weiterhin mit Gewinn abarbeiten. Das Buch ist wie gesagt als Universalwerk angelegt und führt den Leser nicht nur durch die großen Städte, sondern auch an die Amalfi-Küste, den Gardasee oder ins Aosta-Tal. Die Marken allerdings werden in dem ganzen 700 Seiten starken Buch mit keinem Wort erwähnt. Das ist nicht richtig. Denn es ist nicht so, dass es dort nichts zu sehen gäbe. Urbino zum Beispiel, die alte, auf einem Hügel thronende Universitätsstadt, und ihre Renaissance-Bauten und -Kunstwerke, würden ohne Frage jederzeit einen Eintrag und einen Abstecher rechtfertigen. (Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gab es aus diesem Grund schon mal den Versuch einer Brunetti-Variante namens Urbino-Krimi.) Nun ist der Weg von unserer kleinen Berghütte zu diesem Gipfel recht weit und beschwerlich.

In halber Zeit und Strecke ist aber ein Ort zu erreichen, der, wenn man es nicht so genau nimmt, von unten fast genauso aussieht wie Urbino und ebenfalls ein Bauwerk von Weltrang zu bieten hat: Loreto nämlich, einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der katholischen Welt. Was soll ich sagen, dieses Städtchen spielt in einer Liga mit Lourdes, Fátima und Altötting. Denn in der dortigen Basilika ist die „Santa Casa“ zu finden. Wenn Sie trotzdem noch nie davon gehört haben, dann geht es Ihnen so wie mir, und wir legen hier zusammen nun mal den Grundstein für eine weitere schöne Frequenz-Illusion. Mit folgenden Informationen kann ich dazu dienen: Das „Heilige Haus“ ist nichts anderes als das Elternhaus der heiligen Mutter Maria, in dem selbige aufwuchs und dann ganz unbefleckt weiland den Engel des Herrn empfing. Einst stand dieser Bau aus (Ziegel-)Steinen in Nazareth. Als aber im 13. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuzzüge, die Muslime das heilige Land (zurück) eroberten, retteten Engel Marias Geburtshaus vor der Zerstörung und flogen es einfach nach Europa.

Das muss man sich ungefähr so vorstellen.

Ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich glauben soll, aber ansehen wollte ich mir die Hütte natürlich unbedingt. Also auf nach Loreto! (Man kann ja nicht Tag für Tag immer nur baden und unnütz herumschnorcheln.) Nun ist Corona und auch der heiße August keine Zeit für Pilgerreisen, und so herrschte fast eine gespenstische Ruhe rund um die stattliche „Basilika vom Heiligen Haus“, in der sich das dereinst von den Himmelsspediteuren angelieferte Bauernhäuschen aus Nazareth befindet. Die Infrastruktur ringsum und nicht zuletzt auch die Anzahl der vorgehaltenen Beichtstühle ließ jedoch vermuten, dass man in Loreto sonst mit ganz anderen Besucherzahlen umgeht.

Es liegt nahe, ist aber doch auch ein Fun Fact: Loreto ist der Wallfahrtsort der Piloten.

Ein paar Touristen waren allerdings schon da. Aber kulturbeflissene Reisende sind natürlich etwas ganz anderes als Pilger. Denn Erstere bestaunten den riesigen Marmorschrein von Bramante im Innern der Basilika spürbar mit mehr Ehrfurcht als die drei schlichten Steinwände aus Nazareth, die er beschirmt. So kam natürlich keine rechte Atmosphäre auf. Selbst im Innern der kapellenartigen Casa Santa habe ich keine besonderen Vibrations verspürt. Dabei hatte ich heimlich doch auf so einen kleinen Gottesbeweis gehofft. Andererseits weiß man ja seit dem Apostel Thomas, dass wahrer Glaube kein materielles Testat braucht – und damit ergo eigentlich auch keine Dinge wie heilige Häuschen etc. So hat sich mir an geweihter Stätte allenfalls ein gewisser Widerspruch offenbart. Die Frage, ob und wie dieser zu harmonisieren sei, überlasse ich nun aber größeren Geistern und widme mich am letzten Urlaubstag lieber wieder Dingen, die ich besser kann, zum Beispiel in lauwarmem Salzwasser unnütz herumschnorcheln.

Ein paar unbefleckte Madonnen zu Schleuderpreisen: Schöner noch als heilige Häuser oder silberne Dosen mit Splittern von Unterarmknochen exotischer Heiliger ist der ganze andere religiöse Kitsch, der an Wallfahrtsorten immer so vertickert wird.
Ich habe mich in der Basilika weitgehend anständig benommen. Daher gibt es hier nun aber auch kein Foto der Hauptattraktion.

13. August 2021

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