Andernorts Summer Special: Am Ende des Weges

Wir alten Menschen wissen es nur zu gut: Früher war alles anders. Wenn früher der Sommerurlaub vorbei war, dann steckte man ein, zwei Döschen mit Fujii- oder Kodak-Color-Filmen in seine Handtasche aus Schlangenleder und brachte sie zum Seifenplatz. Eine Woche später betrat man den Drogeriemarkt erneut, um das entwickelte Material abzuholen. Solange die großen Umschläge mit den Abzügen noch nicht geöffnet waren, stand an der Seite der Vorfreude immer die Angst, dass entscheidende Bilder (z. B. das einzige, auf dem der Urlaubsflirt zu sehen war) nichts geworden sein könnten. Wenn das nicht passiert, sondern alles gut gegangen war, erfreute man sich an 24 oder – wenn´s hoch kam – 72 Bildern, mit denen man zwei Wochen Urlaub jahrzehntelang hinreichend dokumentiert glaubte. (Ich möchte bezweifeln, dass meine Großmutter von ihrem ganzen Leben insgesamt überhaupt mehr als 72 Fotos besaß.) Wie dem auch sei, heute macht der Handy-Fotograf in zwei Minuten 24 Bilder, und zwar von ein und demselben Motiv. Auch deshalb überkommt mich in der Regel große Angst, wenn jemand fröhlich ankündigt, mir beim nächsten Treffen seine Urlaubsbilder zeigen zu wollen. Nichtsdestotrotz habe auch ich im Überschwang der Urlaubsfreude und Entdeckung in den diesjährigen drei Urlaubswochen so viele Bilder erzeugt, dass man noch einmal drei Wochen braucht, um sie alle zu betrachten. Vielleicht sogar vier. Nun sitze ich hier und überlege, was ich mit den übrig gebliebenen Fotos und unerzählten Geschichten noch machen soll und kann, jetzt, wo der Urlaub und damit auch dieses Summer Special eigentlich schon seit zwei Wochen zu Ende ist. Vor allem aus Venedig ist noch einiges übrig, denn angesichts der Schönheit des Ortes bin auch ich den illusionären Verlockungen des Festhalten-Wollens erlegen und habe es mit dem Fotografieren etwas übertrieben. Daher könnte ich nun natürlich fragen: Wollen Sie mal meine Urlaubsfotos sehen? Aber ich mache es lieber wie beim italienischen Sommerschlussverkauf und rufe laut: „Fuori tutto!“ Alles muss raus!

Wenn ich für jedes Foto, das an einem Sommertag in Venedig gemacht wird, einen Cent bekäme, könnte ich bis an mein Lebensende im Grand Hotel des Iles Borromees residieren.
Ein seltener Anblick: zwei echte Venezianerinnen.
Zalando kommt in Venedig so.
Eine bauliche Spezialität der Lagunenstadt ist der Altan. In einem wunderbaren kleinen Buch aus einem Bonner Verlag („100 Wörter Venezianisch“) las ich, dass er in früheren Zeiten einen sehr schönen Zweck erfüllte. Dort droben saßen nämlich die schönsten der Kurtisanen und bleichten sich die Haare. Auf dem Kopf trugen sie zu diesem Zweck einen offenen Strohhut ohne Deckel, über dessen breiter Krempe sie ihr Haar ausbreiteten. Dann befeuchteten sie es wieder und wieder mit Wasser und ließen es von der Sonne trocknen.
Das Display des Pos: Teilt der venezianische Fahrkartenautomat den Touristen so vielleicht auch mit, wo sie ihn mal können?

Aus Italien kommt der Trend: Als ich vor drei Jahren im Frühjahr in Bologna war, trugen alle jungen Menschen dort reinweiße Turnschuhe. Seit zwei Jahren sieht man auch an deutschen Füßen nichts anderes mehr. Orakelt man auf Basis der Schuhmode, die dieses Jahr in Venedigs Geschäften im Abverkauf war, ist exakt dies die Form der Zukunft.
Ob diese Schaufensterpuppen eigens entworfen wurden, um Rucksack-Mode zu präsentieren?
Wer soll denn da drauf reinfallen?

Seltsame Farbphänomene am Lago Maggiore: So geht Tonal Dressing.
Mit Faszination betrachte ich im Urlaub in südlichen Ländern immer die Todesanzeigen, die an großen Wänden mitten in Stadt und Dorf angeschlagen werden, und frage mich, wie ich diese Praxis finde. Ich glaube, gut. Denn sie sind den hierzulande üblichen Anzeigen in der Tageszeitung ja in vielerlei Hinsicht überlegen. Nicht nur, dass das schiere Format der Schwere des Verlusts und der Bedeutung der Verstorbenen deutlich besser Rechnung trägt, diese Plakate erreichen aufgrund ihrer zeitlich nachhaltigeren Wirkung mutmaßlich auch viel mehr Menschen. Und sie halten die Verstorbenen auch noch ein bisschen länger da, wo sie eben noch waren: mitten unter den anderen.

Beweinen wollte ich in diesem Sommer Special eigentlich auch noch die schlimmen Folgen der Globalisierung, zu denen zuvörderst ja auch gehört, dass mir dieses Souvenir keine Freude mehr bereitet. Früher nahm ich immer ein paar Tüten Baiocchi aus dem Urlaub mit nach Hause. Seit Kurzem kann ich das italienische Gebäck auch beim Rewe um die Ecke kaufen.
Achtung, Werbung!

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