Adventskalender 2021

Montag, 13. Dezember

Nach fast zwei Wochen im Heiligen-Business habe ich eine gewisse Routine darin entwickelt, mit einigen wenigen Suchbegriffen in kürzester Zeit herauszufinden, wen ich da bei all den Urlaubsreisen in den letzten Jahren in den zahllosen Kirchen, Klöstern und Kapellen fotografiert habe. Bei den meisten unbekannten Blutzeugen und Nothelfern hätte ich nicht gedacht, dass es mir gelingen würde, sie anhand der Phantombilder tatsächlich zu identifizieren. Aber das Internet hat außer den lokalen Einzelhandel und den Brockhaus vermutlich auch so manche alteingesessene Detektei einen guten Teil der Kundschaft gekostet. Online jedenfalls waren die meisten schnell überführt. Nur bei dem einen hier und heute muss ich leider vollumfänglich passen, obwohl ich ein gestochen scharfes Tatortfoto besitze.

Ich weiß nicht, wer dieser Mann Gottes ist, aber er ist mir extrem unsympathisch. Es ist diese stierende, aggressive Anmutung, die mich abstößt. Ob ihn heiliger Zorn derart in Rage versetzt hat oder Alkohol, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sieht es aus, als würde er gleich jemanden mit dem Handrücken ins Gesicht schlagen oder aber in einer verächtlichen Geste irgendetwas real oder im übertragenen Sinne vom Tisch wischen. Das jedenfalls ist, was ich hier sehe und weshalb ich mich frage, warum ausgerechnet ein Heiliger so darstellt wird. Aber so wie Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, ist ja vielleicht auch alles andere Sehen stets subjektiv, und andere erkennen hier anderes, womöglich sogar Verehrungswürdiges. Nichtsdestotrotz macht mir so, ganz unbelastet von jeglichem Wissen, im freien Assoziieren die Heiligenschau eigentlich am meisten Spaß. Und selbst wenn der Instinkt auch einmal trügen mag: Ganz ungute Assoziationen habe ich auch bei dieser Szene, deren Zeuge ich in diesen Sommer im portugiesischen Braga wurde.

Sonntag, 12. Dezember

In der Lieblingssendung aller Senioren, also bei „Bares für Rares“, ließ der Kunstexperte Detlev Kümmel neulich einen Satz fallen, der mir sogleich die allergrößte Freude bereitete, mir in längerer Nachwirkung aber auch eine gewisse Inspiration bot für unser heutiges Türchen. Es sagte also Detlev Kümmel, während er mit Kennerblick eines der mitgebrachten Kunst-Stückchen in Augenschein nahm, zwischendurch und wie nebenher: „Zum Beispiel haben wir hier einen „Dreinageljesus“. Ein Dreinageljesus. Aha. Der Begriff war mir neu, aber ich finde, er zeigt sehr schön, wie es sich aus der Perspektive der Kunsthistorik plötzlich über Dinge reden lässt, die man in einem religiösen Kontext niemals so thematisieren könnte – und ja nun auch auf gar keinen Fall so benennen dürfte. Indem man also über die Art und Form der Darstellung spricht, kann man vom Inhalt abstrahieren und in diesem Fall also auch das dargestellte Leiden komplett ausblenden. Das ist ganz praktisch, und das haben wir hier im Kalender ja auch schon getan, beim heiligen Sebastian etwa und natürlich bei den Cephalophoren. Wir wollen es heute wieder tun und an einem Sonntag im Advent unter genau dieser Perspektive ein weiteres Fundstück aus meiner Sammlung betrachten, von dem ich tatsächlich kurz überlegt habe, ob man es hier überhaupt zeigen kann. Denn es handelt sich um eine recht krasse Darstellung von Leiden. Dass sie so krass ist, hat aber sicher nur zum Teil inhaltliche Ursachen, sondern dürfte auch in den Bedingungen der Rezeption des Gegenstandes begründet sein. Es handelte sich hier nämlich um ein riesiges Kreuz, das abgenommen worden war, zuvor aber wahrscheinlich weit oben und vom Auge des Betrachters entfernt in düsterer Höhe hing. Damit es aber von da oben noch anschaulich Eindruck machen kann, war es vermutlich nötig, bei den Effekten so zu übertreiben.

I

Kreuze fotografiere ich ansonsten eigentlich so gut wie nie. Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen sind ja Heiligenfiguren der Gegenstand meines Interesses, und anders als an diesen ist an Kruzifixen ja nun selten irgendetwas Schräges, Skurriles, Kitschiges oder ansonsten unfreiwillig Komisches auszumachen. Zum anderen sind sie in meiner katholischen Wahrnehmung natürlich vor allem immer auch ein (sakrosanktes) religiöses Symbol. Doch natürlich habe auch ich einen Dreinageljesus im Repertoire sowie als Zugabe heute noch ein Wegekreuz, das ich nicht weit von hier auf der anderen Rheinseite einmal fotografiert habe, und eine überraschende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Der „Bares für Rares“-Fan kann es sich kaum vorstellen, aber Detlev Kümmel ist auch Kampfsportlehrer und betreibt zwei Fitnessstudios.
Das Herz scheint mir hier etwas verrutscht zu sein.
Auch das kann man sich kaum vorstellen: Diese beiden federleichten Kreuze stammen tatsächlich von Joseph Beuys.

Samstag, 11. Dezember

Nachdem ich mein Schicksal selbst gewählt und beschlossen hatte, diesen Adventskalender mit Geschichten zu Schutzpatronen und Beispielen christlicher Ikonographie zu füllen, fand ich mich bald jeden Tag wieder, wie ich stundenlang das internet durchforstete und mich durch zahllose einschlägige Seiten scrollte, seriöse und ominöse. Und wie ich da so vom Hölzchen aufs Stöckchen kam, habe ich mich irgendwann natürlich auch gefragt, wie viel Heilige es eigentlich gibt. So etwas beantwortet einem die allwissende Wikipedia heute ja in zehn Sekunden. Ich teile mein Wissen gerne und zitiere: „2004 wurde von der römisch-katholischen Kirche das Martyrologium Romanum aktualisiert, in dem 6.650 Heilige und Selige verzeichnet sind sowie 7.400 Märtyrer.“ Und das sind nur die offiziellen. Dass es da natürlich auch Wiederholungen gibt, verwundert einen nicht. Das heißt: Es gibt nicht einfach nur den heiligen Sebastian oder den einen Nikolaus, es gibt jeweils zig davon. Um auch ein Beispiel dafür zu zeigen, präsentieren wir heute noch einmal den heiligen Antonius.

Ich fand ihn irgendwo, allein in San Vito.

Dies ist nicht der heilige Antonius von Padua, den wir hier vor zwei Tagen schon kennengelernt haben und der heute den Titel „der heilige Antonius“ für sich gepachtet hat, sondern „Antonius der Große“. Der war auch einmal „der heilige Antonius“, bevor ihm der Kollege aus Padua die Show gestohlen und den Rang abgelaufen hat. Antonius der Große ist deutlich älter als sein mittelalterlicher Namensvetter und ebenfalls sehr bedeutend. Denn der um 250 n. Chr. geborene christliche ägyptische Mönch, Asket und Einsiedler gilt als Begründer des christlichen Mönchtums. Man erkennt ihn an seinem Schweinchen, das natürlich auch meine Aufmerksamkeit erregte (neben der gewissen Ähnlichkeit mit Catweazle). Das Tierchen wurde ihm ikonographisch aber erst im Mittelalter zugesellt, weil der damals noch existierende Orden der Antoniter das Recht hatte, ein Schwein zur Mast im Dorf auf Kosten der Allgemeinheit frei herumlaufen zu lassen. Daher nannte man das Tier nicht nur „Antoniusschwein“, sondern umgekehrt den Heiligen regional auch „Schweinetoni“, „Swinetünnes“, „Ferkes Tünn“ oder ähnlich. Er ist, natürlich, Schutzpatron der Metzger, aber auch der Bauern und Nutztiere, und es gibt viel regionales Brauchtum rund um seinen Gedenktag. So las ich von einem Volksfest in Italien, an dem die Tiere frei hatten und nicht arbeiten mussten. Da blieb die Kutsche stehen, und die Herrschaften mussten zu Fuß gehen. Damit müsste Antonius der Große eigentlich doch auch allen Vegetariern und Veganern gefallen.

Antonius von Viterbo, Antonius von Rivoli, Antonius von Scala und Antonius, der Wunderbare: Insgesamt habe ich im Online-Heiligenlexikon über 70 heilige Antoniusse gezählt (und da waren die Antoninus und Antonios noch nicht dabei).

Freitag, 10. Dezember

Hat man einmal das Tor aufgestoßen in jene seltsame Welt der Heiligen, ihrer Verehrung und kunstgeschichtlichen Darstellung, dann weiß man schon bald nicht mehr, wohin man sich wenden soll. Denn es führen Wege in die kuriosesten Richtungen und überall tun sich neue Türen auf, hinter denen bizarre Dinge lauern. Mutig und unerschrocken öffne ich auch heute wieder eine davon – und sieh mal, da sind ja die Cephalophoren.

Als ich diesen hölzernen Herrn von ca. 1320 das erste Mal erblickte, dachte ich, hier sei im Laufe der Jahrhunderte einfach etwas zu Bruch gegangen.

Übersetzt bedeutet dies „Kopfträger“, womit die alle verbindende Darstellungsform dieser besonderen Untergruppe der christlichen Märtyrer recht treffend beschrieben ist. Es sind nicht allzu viele, aber alle wurden der Legende nach wegen ihres christlichen Glaubens enthauptet. Sie hauchten daraufhin jedoch nicht sogleich ihr Leben aus, sondern richteten sich wieder auf, um sich sodann sozusagen hoch erhobenen Hauptes selbst eine letzte Ruhestätte suchten. Es ist bei den Cephalophoren also ein bisschen so wie, nun ja, wie bei den Hühnern. Bei dem oben gezeigten handelt es sich um den heiligen Dionysius von Paris. Ich entdeckte ihn im Kölner Museum Schnütgen, einer der ersten Adressen für Personen, die für sakrale Kunst zu haben sind. Dass Saint Denis, wie er auf Französisch heißt, nicht seinen ganzen Kopf in den Händen hält, liegt übrigens daran, dass der Henker der Überlieferung zufolge bei ihm damals nicht sauber getroffen hatte. Der heiligen Dionysius ist im Übrigen nicht nur der bedeutendste unter den Kopfträgern, sondern gleichzeitig auch einer der 14 Nothelfer. Aber diese bilden schon wieder eine andere Unterkategorie, für die heute bedauernswerterweise keine Zeit mehr bleibt.

So ist es richtig: Auch die heilige Quiteria ist eine Vertreterin unserer heutigen Gattung. Ich traf sie, glaube ich, auf Mallorca.

Donnerstag, 9. Dezember

Die einzige Heilgenfigur, die ich selbst besitze, ist ausgerechnet die desjenigen Heiligen, den ich von allen, die ich bisher kenne, am unsympathischsten finde. Ich wusste beim Kauf gar nicht, um was es sich handelt, sondern fand es vor allem sehr hübsch. Eben deshalb hätte ich es ziemlich sicher auch gekauft, wenn ich gewusst hätte, dass dieses bunte, androgyne Wesen mit Kind den heiligen Antonius von Padua vorstellen soll.

Ein Souvenir aus Lagos, wo unserem heutigen Heiligen eine ganze Kirche geweiht ist.

Anders als bei mir war und ist der heilige Antonius beim (Kirchen-)Volk Europas ausgesprochen beliebt. Er ist zuständig für verlorene Dinge, und es gibt, so las ich im „Heiligenlexikon.de“, „kaum eine römisch-katholische Kirche auf der Welt, die nicht einen Altar, ein Gemälde, ein Fresko oder eine Statue besitzt, die ihm geweiht ist.“ Als Heiliger war der Franziskanermönch, der in Lissabon geboren und in Padua gestorben ist, sozusagen von Anfang an eine Erfolgsgeschichte, denn laut Wikipedia wurde er „auf stürmisches Verlangen des Volkes bereits elf Monate nach seinem Tod am 30. Mai 1232 von Papst Gregor IX. heiliggesprochen“, dies war „die bislang kürzeste Dauer eines Heiligsprechungsprozesses“. Mir ist der heilige Antonius in seiner Heimat Portugal das erste Mal wissentlich begegnet. Wegen des Jesuskinds auf dem Arm, dachte ich – damals noch ein völliges Greenhorn auf dem Gebiet der Ikonographie –, es sei der heilige Christophorus. Als ich einige Jahre später, ebenfalls in Portugal, das erste Mal ein paar der Legenden hörte, die man sich über Sankt Anton erzählt, gewann ich den Eindruck, dass er vor allem ein großer Trickser war. Natürlich sind Legenden von Haus aus schon hanebüchen, das ist sozusagen gattungsimmanent. Aber bei den Wundern des Heiligen Antonius war immer auch ein bisschen fauler Zauber, Spuk und Show dabei. Andere Heilige heilen mit lauterem, reinem Herzen Kranke. Der heilige Antonius fügte einen abgetrennten Fuß wieder an das Bein seines Besitzers, hatte zuvor aber selbst dafür gesorgt, dass sich der Mann den Fuß auch abhackt. In einer anderen Geschichte lässt in einer Art Wette einen ausgehungerten Maulesel zwischen Stroh und einer Hostie wählen, um die Anwesenheit Christi im Sakrament zu beweisen. Ich weiß nicht, aber so ganz seriös ist das nicht. Trotzdem oder deswegen soll Antonius zu Lebzeiten ein großer und erfolgreicher Prediger gewesen sein. 1946 wurde er sogar zum Kirchenlehrer erhoben. Ich hege dennoch den ketzerischen Verdacht, dass er auch ein Angeber, Blender und Schwätzer gewesen sein könnte. Dass man in der ihm geweihten Basilika in Padua seine Zunge als Reliquie aufbewahrt hat, nehme ich dafür gerne als Indiz.

Mein Anblick hat ihn sehr erschrocken.
Ich habe nicht ganz verstanden, wo der Unterschied in der späteren Verwendung ist.

Mittwoch, 8. Dezember

Der Blick in den Kalender zeigt, dass die katholischen Christen heute das Hochfest Mariä Empfängnis begehen. Daher wollte ich das heutige Türchen natürlich der heiligen Maria widmen. Bevor ich dies tue, wollte ich aber auch kurz noch ein wenig die Erbsen zählen und sicherstellen, dass wir alle, bevor wir spotten, auf demselben Kenntnisstand sind. Mit der unbefleckten Empfängnis, die heute gefeirt wird, ist nicht gemeint, dass Maria Jesus als Jungfrau empfangen und geboren hat, sondern das sie selbst von ihrer Mutter Anna unbefleckt empfangen und damit auch unbefleckt geboren wurde. „Unbefleckt“ heißt hier aber nicht ohne Geschlechtsverkehr, sondern ohne Erbsünde, also völlig rein. Es geht also um die Umstände von Marias eigener Geburt. (Das andere nennt man „Jungfrauengeburt“.) Es ist nicht ganz einfach, aber so viel Theologie muss sein. Denn bevor man es ablehnt, muss man ja erst mal wissen, was es ist. Natürlich halte auch ich beides für ziemlichen Quatsch, und alle spitzfindigen Diskussionen darüber in der heutigen Zeit sind es meines Erachtens auch. (Die Frage ist, ob überhaupt etwas Sinnvolles herauskommen kann, wenn man in der Welt des Glaubens mit Logik argumentiert.) Ungeachtet dessen habe ich auch nie verstanden, warum es so wichtig ist, ob irgendwer wirklich GV hatte oder nicht. Wie dem auch sei, ein Sohn wurde geboren, und seine Mutter ist die meistdargestellte Figur in der christlichen Kunst. Daher wollte ich ihr heute das Spotten überlassen. Zuvor sollen aber noch eine sogenannte „Anna selbdritt“ sowie einige Darstellungen gezeigt werden, die der Kunsthistoriker der Form nach als „Muttergottes“ oder „Gottesgebärerin“ bezeichnet. Sie gefielen mir nicht nur wegen der Mütter so gut, sondern auch wegen des Jesuskindes. Das ist hier in allen Fällen kein niedliches Baby nach Kindchenschema, sondern besticht teils schon mit recht markanten Zügen.

Die Dame mit dem Schleier ist nicht Maria, sondern deren Mutter Anna. Maria wird bei dieser Darstellungsform typischerweise so klein dargestellt, damit sie ihrerseits als Kind der Anna erkennbar wird.
Im Rheinland mag man´s rund und rotbackig
Im Ulmer Münster hat die Kirchen-Fotofalle wieder zugeschlagen
In Portugal ist keine Familienähnlichkeit festzustellen.

Für alle, die noch nicht genug haben, gibt es heute als Bonustrack ein Gedicht von Heinrich Heine, das wie gemacht scheint für unser heutiges Türchen. Geschrieben hat es der Dichter aber als scharfe Satire auf einen recht absolutistisch agierenden Herrscher, nämlich König Ludwig I. von Bayern, und auf den Katholizismus. Die Verse stammen aus dem Jahr 1843, waren damals ganz unerhört und sind es eigentlich auch heute noch ein bisschen, eben weil Heine den Spott der heiligen Maria in den Mund legt.

Zu München in der Schloßkapell 
Steht eine schöne Madonne;
Sie trägt in den Armen ihr Jesulein,
Der Welt und des Himmels Wonne.

Als Ludewig von Baierland
Das Heiligenbild erblicket,
Da kniete er nieder andachtsvoll
Und stotterte selig verzücket:

„Maria, Himmelskönigin,
Du Fürstin sonder Mängel!
Aus Heiligen besteht dein Hofgesind, 
Und deine Diener sind Engel. 
[…]

Maria, reiner Morgenstern,
Du Lilje sonder Makel, 
Du hast so manches Wunder getan,
So manches fromme Mirakel.

O, laß aus deiner Gnaden Born
Auch mir ein Tröpchen gleiten!
Gib mir ein Zeichen deiner Huld,
Der hochgebenedeiten!“

Die Muttergottes bewegt sich alsbald,
Sichtbar bewegt sich ihr Mündchen,
Sie schüttelt ungeduldig das Haupt 
Und spricht zu ihrem Kindchen:

„Es ist ein Glück, daß ich auf dem Arm
Dich trage und nicht mehr im bauche,
Ein Glück, daß ich vor dem Versehn
Mich nicht mehr zu fürchten brauche.

Hätt ich meiner Schwangerschaft
Erblickt den häßlichen Toren,
Ich hätte gewiss einen Wechselbalg
Statt eines Gottes geboren.“

Dienstag, 7. Dezember

Zu den größten Herausforderungen der semiprofessionellen Heiligenfotografie gehören Höhe und/oder Dunkelheit. Denn nicht selten residieren die versammelten Patrone und Nothelfer in ihrem natürlichen Habitat, dem Sakralbau, hoch oben auf einem Sockel oder auf einem Seitenaltar. In einer großen, durchschnittlich düsteren Kirche richtet man da mit einer Handykamera nicht viel aus, zumindest dann nicht, wenn man sich an die ungeschriebenen Gesetze wohlgefälligen Verhaltens im Gotteshaus hält. Ich jedenfalls bin an den widrigen Umständen oft gescheitert, so auch im heutigen Fall des heiligen Sebastian. Zeigen wollte ich ihn trotzdem, denn in einem Online-Heiligenlexikon fand ich zu diesem schönen Jüngling den knappen Hinweis: „modern bei Homosexuellen: gegen Aids“. Da dieser Adventskalender auch wieder ein Türchen für die LBTG-Community enthalten sollte, schien der römische Legionär und frühchristliche Märtyrer also mein Mann zu sein.

Der heilige Sebastian ist, so las, ich Einzige, der außer Jesus fast nackt bzw. nur mit Lendentuch dargestellt wird.

Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema, also beim Googeln, stellte sich dann aber heraus, dass Sankt Sebastian leider nicht für die ganze Regenbogenfamilie taugt. Denn er scheint zum einen weniger Schutzpatron zu sein als Lustobjekt, und das zum anderen auch allein in der schwulen Gemeinde. Dass er dies aber werden konnte, dafür hat die Kunstgeschichte gesorgt, in deren Verlauf aus einem ursprünglich betagten Soldaten in voller Rüstung ein fast nackter, oft strahlend schöner Jüngling wurde und damit auch eine (homo)erotische Phantasie. Bedenkt man nun, dass frühere Jahrhunderte noch nicht so reich an Bildern nackter (Männer-)Körper waren, wird diese Entwicklung sofort verständlicher. Wer sich weiters dafür interessiert, der informiert sich aber bitte selbstständig. Um nun auch den LBT-Teil des Akronyms zufriedenzustellen, für den sich in der Welt der Heiligen leider nichts Passendes findet, müssen wir hier ein wenig improvisieren und weitere Fundstücke heranziehen:

Ich würde hier doch eine gewisse Gender-Fluidität feststellen wollen.
Entschuldigung, aber was hat der denn an?
Unter dem Regenbogen-Jesus im frisch renovierten Bonner Münster ist meiner Vermutung nach Platz für alle.

Montag, 6. Dezember

Alle, die wie ich zur Prokrastination neigen und ihre Adventskalender nicht von langer Hand planen und vorbereiten, atmen alljährlich am 6. Dezember kurz auf. Denn an diesem Tag muss nicht erst lange nachgedacht und gegrübelt werden, sondern es liegt kloßbrühenklar auf der Hand, was hinter dem Türchen zu deponieren ist: ein/der Nikolaus. Et voilà:

Fotografiert habe ich diese Figur in Linz am Rhein, wo ich in grauer Vorzeit einmal drei besonders unschöne Jahre lang gearbeitet habe. Als ich nun, Dekaden später und endlich zur Aussöhnung mit der Vergangenheit bereit, dem Städtchen an einem öden Corona-Sonntag einen Besuch abstattete, fand ich, dass es dort doch auch einiges Schöne zu entdecken gab, darunter diesen ein wenig unproportionalen Nikolaus mit Sixpack unter der Kasel, also dem Messgewand. Er ist in der alten Pfarrkirche St. Martin zu besichtigen und stammt ausweislich des Begleitschildes aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Nun gäbe es zu diesem vermutlich berühmtesten aller Heiligen, der nach heutiger Geografie übrigens ein Türke wäre, viel Wissens- und Bedenkenswertes zu berichten. Wer sich dafür interessiert, findet im Internet reichlich Nahrung. Doch die Parole unserer hektischen Gegenwart heißt ja: Mehr wissen in weniger Zeit. Der Blinkest-Dienst dieses Blogs hat daher aus den zahllosen Facts zur Mild- und Wundertätigkeit des heiligen Mannes von Myra die zwei essenziellsten herausgefiltert. Zum einen ist da das sogenannte „Wannen- und Säuglingswunder“, das belegt, dass sich der kleine Klaus von Anfang an zur Kanonisierung empfahl. Die Wikipedia notiert nämlich: „Nikolaus soll bereits als Säugling so fromm gewesen sein, dass er an den Fastentagen der Woche, mittwochs und freitags, die Brust der Mutter nur einmal nahm. Als er das erste Mal gebadet werden sollte, stand er angeblich bereits aufrecht ohne fremde Hilfe in der Wanne.“ Toll!

Zum anderen ist da natürlich die Geschichte, die das Image des Nikolauses als Geber guter Gaben (und auch das Brauchtum mit den Schuhen) zu allererst begründete: die Geschichte der sogenannten „Mitgiftspende“. Die Legende weiß, dass Nikolaus drei junge Frauen aus seiner Nachbarschaft davor bewahrte, von ihrem Vater als Prostituierte verkauft zu werden. Dies wollte er tun, weil er verarmt war und die Töchter ohne Mitgift nicht verheiraten konnte. Für das nötige Heiratsgut sorgte dann der zukünftige Heilige, indem er nachts heimlich Goldklumpen durchs Fenster der drei Jungfrauen warf. Damit wäre der heilige Nikolaus eigentlich prädestiniert zum Schutzpatron der Prostituierten. Aber die sind, wenn ich es richtig sehe, in der langen, langen Liste seiner Zuständigkeiten (u. a. Jungfrauen und Frauen mit Kinderwunsch, aber auch Schiffer und Schnapsbrenner, Bauern und Bäcker, Parfümhersteller und Pfandleiher) nicht vorgesehen.

PS: Linz am Rhein punktet auch mit seinen Straßennamen.

Müsste es nicht „in“ heißen?
Einfahrt verboten. Noch.

Sonntag, 5. Dezember

Überall da, wo es nicht langweilig werden soll, braucht man Kontrast. Nachdem wir bis gestern hier ausschließlich herausragende Vertreter des Schaurig-Schönen betrachtet haben, widmen wir uns heute dem genauen Gegenteil. Denn die ganze Scheußlichkeit und Plumpheit der ersten fünf offenbart sich erst angesichts der kunstfertigen Gestaltung und Individualität, mit der die heutigen vier bestechen. Wenn ich also vorstellen darf: Ambrosius, Gregor, Hieronymus und Augustinus.

Das Antlitz dieser vier Kirchenväter so fotorealistisch aus Lindenholz herausgearbeitet hat Ende des 15. Jahrhunderts der Wormser Schnitzer Hans Bilger. Wer hier wer ist, kann man bei Bedarf an der Kopfbedeckung erkennen: ein Papst, ein Kardinal und zwei Bischöfe. Das alle verbindende Accessoire ist das Buch, die heilige Schrift, die sie studierten und auslegten. Bewundern kann man diese Heiligen heute im Frankfurter Liebighaus. Ihr ursprünglicher Platz aber war der Hauptaltar der Stiftskirche St. Peter und Alexander im nahen Aschaffenburg. 1830 kaufte das Städelsche Kunstinstitut die spätgotischen Büsten. Da die Stiftskirche noch steht, ist die Frage, wer die vier Freunde damals vertickerte und warum dies geschah. Das ist online leider nicht überliefert. Mir scheint es aber generell so zu sein, dass die wirklich kunst- und wertvollen Heiligenfiguren heute eher im Museum anzutreffen sind als an ihrer ursprünglichen Wirkungsstätte, dem Gotteshaus. Wenn es sich nicht gerade um große Basiliken, Kathedralen und Dome handelt, dominieren vor Ort eher die bunten Comic-Figuren mit dem tumben, konturlosen Einheitsgesicht und süßlich verzücktem Blick. Umso besser gefallen mir diese vier Charakterköpfe, deren Faszination vor allem in ihren ausdrucksvollen Gesichern und deren Lebensnähe besteht. Diese vier Herren könnte man heute genau so irgendwo auf der Straße erblicken. Zwei von den beiden habe ich tatsächlich schon einmal gesehen: Ich finde, der eine sieht ein bisschen aus wie Wolfgang Schäuble, und der andere hat große Ähnlichkeit mit dem 2013 verstorbenen Schauspieler Dieter Pfaff.

Samstag, 4. Dezember

Wen haben wir denn hier? Den heiligen Hodie? Als ich diesen jungen Herren fotografierte – ich glaube es war in Lissabon –, tat ich dies, weil er mir ein schönes Beispiel dafür schien, welchen Kitsch die Volksfrömmigkeit oft gebiert. Denn diese Figur ist ja, man muss es offen sagen, von besonderer Scheußlichkeit. Aber es ist natürlich immer ein Fehler, jemanden nur nach seinem Äußeren zu beurteilen. Für unsere Zwecke und unlauteren Absichten ist nämlich gerade dieser römische Legionär ein besonders lebhaft sprudelnder Born kurioser Geschichten. Als ich die Bestände meiner kleinen Sammlung sichtete, dachte ich, dass vermutlich nicht herauszufinden wäre, wen wir hier vor uns haben, denn wie so oft in der Kirche stand ja nirgends ein Name dran. Doch wie ich inzwischen weiß, kann man bei Heiligenfiguren zwecks Identifizierung so ähnlich vorgehen wie bei der Pilzsuche: Man schaut sich die äußeren Merkmale des gefundenen Exemplars an und sucht dann im Pilzbuch respektive Internet nach Treffern. (Bei Heiligen ist diese Methode nicht nur deutlich effektiver, sondern auch bedeutend fehlertoleranter.) So fand ich binnen kürzester Zeit heraus, dass es sich hier um den heiligen Expedit handelt, der sich lieber heute (lat. „hodie“) als morgen zum Christentum bekehren wollte. Er ist, es wird wohl niemand wundern, „Patron für alle Angelegenheiten, die schnelle Hilfe benötigen“. So kurios wie der Name des Mannes sind auch die Legenden, die zu dessen Ursprung kursieren: Nonnen auf der Insel Réunion hätten im 17. Jahrhundert aus Rom (so sagen die einen) bzw. im 18. Jahrhundert aus Paris (so schreiben die anderen) ein Paket mit Reliquien (so die einen) bzw. einer Statue (so die anderen) bekommen, auf dem nur noch das italienische Wort „espedito“ (= Aussendung) bzw. „expéditeur“ (= Absender) lesbar gewesen wäre. Die Ordensfrauen hielten dies für den Namen und verehrten den Inhalt des Päkchens fortan unter dieser Bezeichnung. Auf Réunion genießt der heilige Expedit bis heute nicht nur die größte Popularität, sondern er ist dort auch ein echter Held der Ökumene. Denn die vielen Expedit-Schreine auf der Insel, so las ich, werden von Christen, Hindus und Muslimen gleichermaßen verehrt. In der offiziellen römisch-katholischen Kirche scheint Sankt Expedit dagegen nicht so beliebt zu sein. Denn man hat ihn 1906 aus dem Heiligenkalender gestrichen, ihn also sozusagen hinausexpediert.

Hausaufgabe in der Sonntagsschule: Wer steht hier neben Sankt Expeditus? Wer den Ausführungen bis hierher aufmerksam gefolgt ist, weiß, wie er das herausfinden kann.

Freitag, 3. Dezember

Weder verstehe ich etwas von Heiligen, noch kann ich viel mit ihnen anfangen. Wie ich im Zuge der ersten Recherchen für diesen Kalender bereits lernen musste, habe ich von den meisten auch noch nie im Leben gehört, trotz aller katholischen Sozialisation. Das liegt daran, dass Heiligenverehrung in diesem Land schon vor langer, langer Zeit aus der Mode gekommen ist. Schon in meiner Kindheit spielte sie praktisch keine Rolle mehr. Daher konnte ich auf Anhieb kaum eine komplette Top Ten bestücken: Sankt Martin und der Nikolaus, klaro, die kennt jeder, der heilige Christophorus (ein Must-have für den christlichen Autofahrer), der heilige Sankt Florian (verschon mein Haus, zünd andre an) , der heilige Sebastian (ironischerweise für die Schützen), der heilige Antonius und dieser hier, für den Hape Kerkeling vor einigen Jahren recht viel getan hat.

Das ist der heilige Jakobus, der an seiner Muschel eigentlich immer schnell und klar zu erkennen ist. Er schien mir für den Anfang ein guter Einstieg in die Materie zu sein, in die man sich als wissenschaftsgläubiger Mensch aus Selbstschutzgründen allerdings nicht zu weit vorwagen sollte. Dass ganz Europa durchzogen ist von Wegen, die zum Grab des Jakobus in Santiago de Compostela führen, zeugt von der Bedeutung, die er in früheren Jahrhunderten hatte und dem Vernehmen nach in anderen, südlicheren Gefilden heute noch besitzt. Diesen hier traf ich in Porto, und er gefiel mir, weil er eher nach Zauberer aussah als nach Apostel. Er würde meines Erachtens so auch in Hogwarts eine gute Figur machen oder in der Gegend um Mittelerde. Der Tag des heiligen Jakobus ist übrigens der 25. Juli. Hätte man da in diesem Sommer gut aufgepasst, dann könnte man schon heute eine Prognose für das Weihnachtswetter treffen. Denn: „Ist Jakobi klar und rein, / wird das Christfest frostig sein.“ Nicht nur weil mir solche Orakel in Zeiten von Klimawandel und Erderwärmung nicht mehr ganz zuverlässig erscheinen, wird dies die einzige Bauernregel bleiben, die Eingang in diesen Kalender findet. Versprochen.

Donnerstag, 2. Dezember

In meiner Kindheit, als die Welt noch still war und arm, da kam jedes Jahr um diese Zeit zusammen mit einer abonnierten Zeitung ein Kalender für das neue Jahr ins Haus. Es war nur ein Blatt in DIN-A4-Größe, aber es befanden sich darauf alle 365 Tage des Jahres sowie die Namen der diesen Tagen jeweils zugeordneten Heiligen. Ich studierte dieses Verzeichnis alljährlich aufs Neue mit großem Vergnügen. Denn ich war auf der Suche nach Vornamen, die mir besonders absurd vorkamen, und stellte mir vor, wie es wäre, zum Beispiel „Scholastika“ zu heißen. Auch dass die Cousine eines Freundes auf den Namen „Rizza“ hörte, war etwas, womit man mir in jenen lange vergangenen Tagen durchaus eine Freude machen konnte. (Was das für das Kind in der Schule bedeutet haben dürfte, kann man sich wohl ausmalen.) Eigentlich ist es so geblieben, und es gibt immer noch zahlreiche Namen, die mich staunen lassen. Nur finde ich sie heute nicht mehr im Heiligenkalender, sondern in der Boulevardzeitung und hier speziell bei der Familie Ochsenknecht.

Der heilige Jimi Blue

Mittwoch, 1. Dezember

Alte Frauen, die bösen zumal, haben schlimme Schrullen und seltsame Hobbys. Ich zum Beispiel arbeite seit mehr als zehn Jahren an einer Fotosammlung zum Thema „Die schaurig-schönsten Heiligenfiguren der Nordhalbkugel“. Zu welchem Zweck ich das tue, wusste ich bisher nicht, aber gestern hat sich mir wundersamerweise die wahre Bestimmung all dieser Aufnahmen offenbart. Denn im Advent gibt es hier immer einen Kalender. Und da braucht man ja etwas, was gleich für 24 Türchen reicht. Das ganze Jahr über habe ich gegrübelt, was das dieses Jahr wohl sein könnte. Aber es wollte sich keine zündende Idee einstellen. Der Oktober verging, der November kam, der Druck stieg – und brachte den Knoten zum Platzen (oder die Verzweiflung zur Tat). Und so sind es dieses Jahr die Heiligen geworden, von denen ich hier nun bis zum Heiligen Abend eine kleine Auswahl zeigen will. Der Erste ist natürlich der Erste, also jener, mit dem seinerzeit in der Kathedrale von Mallorca alles begann, und dies vor allem, weil mir das Gesicht so ausdrucksvoll und diesseitig erschien. Es war fast, als könnte ich ihn kennen, obwohl ich bis heute keine Ahnung habe, wer er ist. Und damit sind eigentlich auch alle meine Sammlungskriterien schon hinreichend beschrieben. Im Grunde ist es ähnlich wie bei den Influencern auf Instagram: Wer gut aussieht oder originell, bekommt Aufmerksamkeit, wird also fotografiert. Doch auch das ist wie bei Insta: Alle sehen auch ein bisschen gleich aus, bzw. viele der folgenden werden kaum spektakulärer sein als dieser erste Freund hier. Ob mir jemand die ganze Strecke folgen mag, weiß ich nicht und auch nicht, wohin das führen wird (womöglich zu weit). Andererseits ist in einem herkömmlichen Adventskalender ja jeden Morgen auch immer nur ein Stück Schokolade drin.

Die Gitter gehören eigentlich nicht dazu, machen aber alles gleich noch trauriger und nachvollziehbarer.

4 Kommentare zu „Adventskalender 2021

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    1. Ich glaube es ist der heilige Johannes. Der sieht genauso aus wie J., wird aber meist mit Schäfchen abgebildet. Hätte dieser hier eine Kirche in Rom, dann hieße sie vermutlich San Giovanni in Sottovestre.

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