Adventskalender 2022

Mittwoch, 1. Dezember

Alte Frauen, die bösen zumal, haben schlimme Schrullen und seltsame Hobbys. Ich zum Beispiel arbeite seit mehr als zehn Jahren an einer Fotosammlung zum Thema „Die schaurig-schönsten Heiligenfiguren der Nordhalbkugel“. Zu welchem Zweck ich das tue, wusste ich bisher nicht, aber gestern hat sich mir wundersamerweise die wahre Bestimmung all dieser Aufnahmen offenbart. Denn im Advent gibt es hier immer einen Kalender. Und da braucht man ja etwas, was gleich für 24 Türchen reicht. Das ganze Jahr über habe ich gegrübelt, was das dieses Jahr wohl sein könnte. Aber es wollte sich keine zündende Idee einstellen. Der Oktober verging, der November kam, der Druck stieg – und brachte den Knoten zum Platzen (oder die Verzweiflung zur Tat). Und so sind es dieses Jahr die Heiligen geworden, von denen ich hier nun bis zum Heiligen Abend eine kleine Auswahl zeigen will. Der Erste ist natürlich der Erste, also jener, mit dem seinerzeit in der Kathedrale von Mallorca alles begann, und dies vor allem, weil mir das Gesicht so ausdrucksvoll und diesseitig erschien. Es war fast, als könnte ich ihn kennen, obwohl ich bis heute keine Ahnung habe, wer er ist. Und damit sind eigentlich auch alle meine Sammlungskriterien schon hinreichend beschrieben. Im Grunde ist es ähnlich wie bei den Influencern auf Instagram: Wer gut aussieht oder originell, bekommt Aufmerksamkeit, wird also fotografiert. Doch auch das ist wie bei Insta: Alle sehen auch ein bisschen gleich aus, bzw. viele der folgenden werden kaum spektakulärer sein als dieser erste Freund hier. Ob mir jemand die ganze Strecke folgen mag, weiß ich nicht und auch nicht, wohin das führen wird (womöglich zu weit). Andererseits ist ja auch in einem herkömmlichen Adventskalender jeden Morgen nur wieder ein Stück Schokolade drin.

Die Gitter gehören eigentlich nicht dazu, machen aber alles gleich noch trauriger und nachvollziehbarer.

Donnerstag, 2. Dezember

In meiner Kindheit, als die Welt noch still war und arm, da kam jedes Jahr um diese Zeit zusammen mit einer abonnierten Zeitung ein Kalender für das neue Jahr ins Haus. Es war nur ein Blatt in DIN-A4-Größe, aber es befanden sich darauf alle 365 Tage des Jahres sowie die Namen der diesen Tagen jeweils zugeordneten Heiligen. Ich studierte dieses Verzeichnis alljährlich aufs Neue mit großem Vergnügen. Denn ich war auf der Suche nach Vornamen, die mir besonders absurd vorkamen, und stellte mir vor, wie es wäre, zum Beispiel „Scholastika“ zu heißen. Auch dass die Cousine eines Freundes auf den Namen „Rizza“ hörte, war etwas, womit man mir in jenen lange vergangenen Tagen durchaus eine Freude machen konnte. (Was das für das Kind in der Schule bedeutet haben dürfte, kann man sich wohl ausmalen.) Eigentlich ist es so geblieben, und es gibt immer noch zahlreiche Namen, die mich staunen lassen. Nur finde ich sie heute nicht mehr im Heiligenkalender, sondern in der Boulevardzeitung und hier speziell bei der Familie Ochsenknecht.

Der heilige Jimi Blue

Freitag, 3. Dezember

Weder verstehe ich etwas von Heiligen, noch kann ich viel mit ihnen anfangen. Wie ich im Zuge der ersten Recherchen für diesen Kalender bereits lernen musste, habe ich von den meisten auch noch nie im Leben gehört, trotz aller katholischen Sozialisation. Das liegt daran, dass Heiligenverehrung in diesem Land schon vor langer, langer Zeit aus der Mode gekommen ist. Schon in meiner Kindheit spielte sie praktisch keine Rolle mehr. Daher könnte ich auf Anhieb kaum eine komplette Top Ten bestücken: Sankt Martin und der Nikolaus, klaro, die kennt jeder, der heilige Christophorus (ein Must-have für den christlichen Autofahrer), der heilige Sankt Florian (verschon mein Haus, zünd andre an) , der heilige Sebastian (ironischerweise für die Schützen), der heilige Antonius und dieser hier, für den Hape Kerkeling vor einigen Jahren recht viel getan hat.

Das ist der heilige Jakobus, der an seiner Muschel eigentlich immer schnell und klar zu erkennen ist. Er schien mir für den Anfang ein guter Einstieg in die Materie zu sein, in die man sich als wissenschaftsgläubiger Mensch aus Selbstschutzgründen allerdings nicht zu weit vorwagen sollte. Dass ganz Europa durchzogen ist von Wegen, die zum Grab des Jakobus in Santiago de Compostela führen, zeugt von der Bedeutung, die er in früheren Jahrhunderten hatte und dem Vernehmen nach in anderen, südlicheren Gefilden heute noch besitzt. Diesen hier traf ich in Porto, und er gefiel mir, weil er eher nach Zauberer aussah als nach Apostel. Er würde meines Erachtens so auch in Hogwarts eine gute Figur machen oder in der Gegend um Mittelerde. Der Tag des heiligen Jakobus ist übrigens der 25. Juli. Hätte man da in diesem Sommer gut aufgepasst, dann könnte man schon heute eine Prognose für das Weihnachtswetter treffen. Denn: „Ist Jakobi klar und rein, / wird das Christfest frostig sein.“ Nicht nur weil mir solche Orakel in Zeiten von Klimawandel und Erderwärmung nicht mehr ganz zuverlässig erscheinen, wird dies die einzige Bauernregel bleiben, die Eingang in diesen Kalender findet. Versprochen.

Samstag, 4. Dezember

Wen haben wir denn hier? Den heiligen Hodie? Als ich diesen jungen Herren fotografierte – ich glaube es war in Lissabon –, tat ich dies, weil er mir ein schönes Beispiel dafür schien, welchen Kitsch die Volksfrömmigkeit oft gebiert. Denn diese Figur ist ja, man muss es offen sagen, von besonderer Scheußlichkeit. Aber es ist natürlich immer ein Fehler, jemanden nur nach seinem Äußeren zu beurteilen. Für unsere Zwecke und unlauteren Absichten ist nämlich gerade dieser römische Legionär ein besonders lebhaft sprudelnder Born kurioser Geschichten. Als ich die Bestände meiner kleinen Sammlung sichtete, dachte ich, dass vermutlich nicht herauszufinden wäre, wen wir hier vor uns haben, denn wie so oft in der Kirche stand ja nirgends ein Name dran. Doch wie ich inzwischen weiß, kann man bei Heiligenfiguren zwecks Identifizierung so ähnlich vorgehen wie bei der Pilzsuche: Man schaut sich die äußeren Merkmale des gefundenen Exemplars an und sucht dann im Pilzbuch respektive Internet nach Treffern. (Bei Heiligen ist diese Methode nicht nur deutlich effektiver, sondern auch bedeutend fehlertoleranter.) So fand ich binnen kürzester Zeit heraus, dass es sich hier um den heiligen Expedit handelt, der sich lieber heute (lat. „hodie“) als morgen zum Christentum bekehren wollte. Er ist, es wird wohl niemand wundern, „Patron für alle Angelegenheiten, die schnelle Hilfe benötigen“. So kurios wie der Name des Mannes sind auch die Legenden, die zu dessen Ursprung kursieren: Nonnen auf der Insel Réunion hätten im 17. Jahrhundert aus Rom (so sagen die einen) bzw. im 18. Jahrhundert aus Paris (so schreiben die anderen) ein Paket mit Reliquien (so die einen) bzw. einer Statue (so die anderen) bekommen, auf dem nur noch das italienische Wort „espedito“ (= Aussendung) bzw. „expéditeur“ (= Absender) lesbar gewesen wäre. Die Ordensfrauen hielten dies für den Namen und verehrten den Inhalt des Päkchens fortan unter dieser Bezeichnung. Auf Réunion genießt der heilige Expedit bis heute nicht nur die größte Popularität, sondern er ist dort auch ein echter Held der Ökumene. Denn die vielen Expedit-Schreine auf der Insel, so las ich, werden von Christen, Hindus und Muslimen gleichermaßen verehrt. In der offiziellen römisch-katholischen Kirche scheint Sankt Expedit dagegen nicht so beliebt zu sein. Denn man hat ihn 1906 aus dem Heiligenkalender gestrichen, ihn also sozusagen hinausexpediert.

Hausaufgabe in der Sonntagsschule: Wer steht hier neben Sankt Expeditus? Wer den Ausführungen bis hierher aufmerksam gefolgt ist, weiß, wie er das herausfinden kann.

Sonntag, 5. Dezember

Überall da, wo es nicht langweilig werden soll, braucht man Kontrast. Nachdem wir bis gestern hier ausschließlich herausragende Vertreter des Schaurig-Schönen betrachtet haben, widmen wir uns heute dem genauen Gegenteil. Denn die ganze Scheußlichkeit und Plumpheit der ersten fünf offenbart sich erst angesichts der kunstfertigen Gestaltung und Individualität, mit der die heutigen vier bestechen. Wenn ich also vorstellen darf: Ambrosius, Gregor, Hieronymus und Augustinus.

Das Antlitz dieser vier Kirchenväter so fotorealistisch aus Lindenholz herausgearbeitet hat Ende des 15. Jahrhunderts der Wormser Schnitzer Hans Bilger. Wer hier wer ist, kann man bei Bedarf an der Kopfbedeckung erkennen: ein Papst, ein Kardinal und zwei Bischöfe. Das alle verbindende Accessoire ist das Buch, die heilige Schrift, die sie studierten und auslegten. Bewundern kann man diese Heiligen heute im Frankfurter Liebighaus. Ihr ursprünglicher Platz aber war der Hauptaltar der Stiftskirche St. Peter und Alexander im nahen Aschaffenburg. 1830 kaufte das Städelsche Kunstinstitut die spätgotischen Büsten. Da die Stiftskirche noch steht, ist die Frage, wer die vier Freunde damals vertickerte und warum dies geschah. Das ist online leider nicht überliefert. Mir scheint es aber generell so zu sein, dass die wirklich kunst- und wertvollen Heiligenfiguren heute eher im Museum anzutreffen sind als an ihrer ursprünglichen Wirkungsstätte, dem Gotteshaus. Wenn es sich nicht gerade um große Basiliken, Kathedralen und Dome handelt, dominieren vor Ort eher die bunten Comic-Figuren mit dem tumben, konturlosen Einheitsgesicht und süßlich verzücktem Blick. Umso besser gefallen mir diese vier Charakterköpfe, deren Faszination vor allem in ihren ausdrucksvollen Gesichern und deren Lebensnähe besteht. Diese vier Herren könnte man heute genau so irgendwo auf der Straße erblicken. Zwei von den beiden habe ich tatsächlich schon einmal gesehen: Ich finde, der eine sieht ein bisschen aus wie Wolfgang Schäuble, und der andere hat große Ähnlichkeit mit dem 2013 verstorbenen Schauspieler Dieter Pfaff.

Montag, 6. Dezember

Alle, die wie ich zur Prokrastination neigen und ihre Adventskalender nicht von langer Hand planen und vorbereiten, atmen alljährlich am 6. Dezember kurz auf. Denn an diesem Tag muss nicht erst lange nachgedacht und gegrübelt werden, sondern es liegt glasklar auf der Hand, was hinter dem Türchen zu deponieren ist: ein/der Nikolaus. Et voilà:

Fotografiert habe ich diese Figur in Linz am Rhein, wo ich in grauer Vorzeit einmal drei besonders unschöne Jahre lang gearbeitet habe. Als ich nun, Dekaden später und endlich zur Aussöhnung mit der Vergangenheit bereit, dem Städtchen an einem öden Corona-Sonntag einen Besuch abstattete, fand ich, dass es dort doch auch einiges Schöne zu entdecken gab, darunter diesen ein wenig unproportionalen Nikolaus mit Sixpack unter der Kasel, also dem Messgewand. Er ist in der alten Pfarrkirche St. Martin zu besichtigen und stammt ausweislich des Begleitschildes aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Nun gäbe es zu diesem vermutlich berühmtesten aller Heiligen, der nach heutiger Geografie übrigens ein Türke wäre, viel Wissens- und Bedenkenswertes zu berichten. Wer sich dafür interessiert, findet im Internet reichlich Nahrung. Doch die Parole unserer hektischen Gegenwart heißt ja: Mehr wissen in weniger Zeit. Der Blinkest-Dienst dieses Blogs hat daher aus den zahllosen Facts zur Mild- und Wundertätigkeit des heiligen Mannes von Myra die zwei essenziellsten herausgefiltert. Zum einen ist da das sogenannte „Wannen- und Säuglingswunder“, das belegt, dass sich der kleine Klaus von Anfang an zur Kanonisierung empfahl. Die Wikipedia notiert nämlich: „Nikolaus soll bereits als Säugling so fromm gewesen sein, dass er an den Fastentagen der Woche, mittwochs und freitags, die Brust der Mutter nur einmal nahm. Als er das erste Mal gebadet werden sollte, stand er angeblich bereits aufrecht ohne fremde Hilfe in der Wanne.“ Toll!

Zum anderen ist da natürlich die Geschichte, die das Image des Nikolauses als Geber guter Gaben (und auch das Brauchtum mit den Schuhen) zu allererst begründete: die Geschichte der sogenannten „Mitgiftspende“. Die Legende weiß, dass Nikolaus drei junge Frauen aus seiner Nachbarschaft davor bewahrte, von ihrem Vater als Prostituierte verkauft zu werden. Dies wollte er tun, weil er verarmt war und die Töchter ohne Mitgift nicht verheiraten konnte. Für das nötige Heiratsgut sorgte dann der zukünftige Heilige, indem er nachts heimlich Goldklumpen durchs Fenster der drei Jungfrauen warf. Damit wäre der heilige Nikolaus eigentlich prädestiniert zum Schutzpatron der Prostituierten. Aber die sind, wenn ich es richtig sehe, in der langen, langen Liste seiner Zuständigkeiten (u. a. Jungfrauen und Frauen mit Kinderwunsch, aber auch Schiffer und Schnapsbrenner, Bauern und Bäcker, Parfümhersteller und Pfandleiher) nicht vorgesehen.

PS: Linz am Rhein punktet auch mit seinen Straßennamen.

Müsste es nicht „in“ heißen?
Einfahrt verboten. Noch.

Dienstag, 7. Dezember

Zu den größten Herausforderungen der semiprofessionellen Heiligenfotografie gehören Höhe und/oder Dunkelheit. Denn nicht selten residieren die versammelten Patrone und Nothelfer in ihrem natürlichen Habitat, dem Sakralbau, hoch oben auf einem Sockel oder auf einem Seitenaltar. In einer großen, durchschnittlich düsteren Kirche richtet man da mit einer Handykamera nicht viel aus, zumindest dann nicht, wenn man sich an die ungeschriebenen Gesetze wohlgefälligen Verhaltens im Gotteshaus hält. Ich jedenfalls bin an den widrigen Umständen oft gescheitert, so auch im heutigen Fall des heiligen Sebastian. Zeigen wollte ich ihn trotzdem, denn in einem Online-Heiligenlexikon fand ich zu diesem schönen Jüngling den knappen Hinweis: „modern bei Homosexuellen: gegen Aids“. Da dieser Adventskalender auch wieder ein Türchen für die LBTG-Community enthalten sollte, schien der römische Legionär und frühchristliche Märtyrer also mein Mann zu sein.

Der heilige Sebastian ist, so las, ich Einzige, der außer Jesus fast nackt bzw. nur mit Lendentuch dargestellt wird.

Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema, also beim Googeln, stellte sich dann aber heraus, dass Sankt Sebastian leider nicht für die ganze Regenbogenfamilie taugt. Denn er scheint zum einen weniger Schutzpatron zu sein als Lustobjekt, und das zum anderen auch allein in der schwulen Gemeinde. Dass er dies aber werden konnte, dafür hat die Kunstgeschichte gesorgt, in deren Verlauf aus einem ursprünglich betagten Soldaten in voller Rüstung ein fast nackter, oft strahlend schöner Jüngling wurde und damit auch eine (homo)erotische Phantasie. Bedenkt man nun, dass frühere Jahrhunderte noch nicht so reich an Bildern nackter (Männer-)Körper waren, wird diese Entwicklung sofort verständlicher. Wer sich weiters dafür interessiert, der informiert sich aber bitte selbstständig. Um nun auch den LBT-Teil des Akronyms zufriedenzustellen, für den sich in der Welt der Heiligen leider nichts Passendes findet, müssen wir hier ein wenig improvisieren und weitere Fundstücke heranziehen:

Ich würde hier doch eine gewisse Gender-Fluidität feststellen wollen.
Entschuldigung, aber was hat der denn an?
Unter dem Regenbogen-Jesus im frisch renovierten Bonner Münster ist meiner Vermutung nach Platz für alle.

Mittwoch, 8. Dezember

Der Blick in den Kalender zeigt, dass die katholischen Christen heute das Hochfest Mariä Empfängnis begehen. Daher wollte ich das heutige Türchen natürlich der heiligen Maria widmen. Bevor ich dies tue, wollte ich aber auch kurz noch ein wenig die Erbsen zählen und sicherstellen, dass wir alle, bevor wir spotten, auf demselben Kenntnisstand sind. Mit der unbefleckten Empfängnis, die heute gefeirt wird, ist nicht gemeint, dass Maria Jesus als Jungfrau empfangen und geboren hat, sondern das sie selbst von ihrer Mutter Anna unbefleckt empfangen und damit auch unbefleckt geboren wurde. „Unbefleckt“ heißt hier aber nicht ohne Geschlechtsverkehr, sondern ohne Erbsünde, also völlig rein. Es geht also um die Umstände von Marias eigener Geburt. (Das andere nennt man „Jungfrauengeburt“.) Es ist nicht ganz einfach, aber so viel Theologie muss sein. Denn bevor man es ablehnt, muss man ja erst mal wissen, was es ist. Natürlich halte auch ich beides für ziemlichen Quatsch, und alle spitzfindigen Diskussionen darüber in der heutigen Zeit sind es meines Erachtens auch. (Die Frage ist, ob überhaupt etwas Sinnvolles herauskommen kann, wenn man in der Welt des Glaubens mit Logik argumentiert.) Ungeachtet dessen habe ich auch nie verstanden, warum es so wichtig ist, ob irgendwer wirklich GV hatte oder nicht. Wie dem auch sei, ein Sohn wurde geboren, und seine Mutter ist die meistdargestellte Figur in der christlichen Kunst. Daher wollte ich ihr heute das Spotten überlassen. Zuvor sollen aber noch eine sogenannte „Anna selbdritt“ sowie einige Darstellungen gezeigt werden, die der Kunsthistoriker der Form nach als „Muttergottes“ oder „Gottesgebärerin“ bezeichnet. Sie gefielen mir nicht nur wegen der Mütter so gut, sondern auch wegen des Jesuskindes. Das ist hier in allen Fällen kein niedliches Baby nach Kindchenschema, sondern besticht teils schon mit recht markanten Zügen.

Die Dame mit dem Schleier ist nicht Maria, sondern deren Mutter Anna. Maria wird bei dieser Darstellungsform typischerweise so klein dargestellt, damit sie ihrerseits als Kind der Anna erkennbar wird.
Im Rheinland mag man´s rund und rotbackig
Im Ulmer Münster auch, hier hat aber auch die Kirchen-Fotofalle wieder zugeschlagen
In Portugal ist keine Familienähnlichkeit festzustellen.

Für alle, die noch nicht genug haben, gibt es heute als Bonustrack ein Gedicht von Heinrich Heine, das wie gemacht scheint für unser heutiges Türchen. Geschrieben hat es der Dichter aber als scharfe Satire auf einen recht absolutistisch agierenden Herrscher, nämlich König Ludwig I. von Bayern, und auf den Katholizismus. Die Verse stammen aus dem Jahr 1843, waren damals ganz unerhört und sind es eigentlich auch heute noch ein bisschen, eben weil Heine den Spott der heiligen Maria in den Mund legt.

Zu München in der Schloßkapell 
Steht eine schöne Madonne;
Sie trägt in den Armen ihr Jesulein,
Der Welt und des Himmels Wonne.

Als Ludewig von Baierland
Das Heiligenbild erblicket,
Da kniete er nieder andachtsvoll
Und stotterte selig verzücket:

„Maria, Himmelskönigin,
Du Fürstin sonder Mängel!
Aus Heiligen besteht dein Hofgesind, 
Und deine Diener sind Engel. 
[…]

Maria, reiner Morgenstern,
Du Lilje sonder Makel, 
Du hast so manches Wunder getan,
So manches fromme Mirakel.

O, laß aus deiner Gnaden Born
Auch mir ein Tröpchen gleiten!
Gib mir ein Zeichen deiner Huld,
Der hochgebenedeiten!“

Die Muttergottes bewegt sich alsbald,
Sichtbar bewegt sich ihr Mündchen,
Sie schüttelt ungeduldig das Haupt 
Und spricht zu ihrem Kindchen:

„Es ist ein Glück, daß ich auf dem Arm
Dich trage und nicht mehr im bauche,
Ein Glück, daß ich vor dem Versehn
Mich nicht mehr zu fürchten brauche.

Hätt ich meiner Schwangerschaft
Erblickt den häßlichen Toren,
Ich hätte gewiss einen Wechselbalg
Statt eines Gottes geboren.“

Donnerstag, 9. Dezember

Die einzige Heilgenfigur, die ich selbst besitze, ist ausgerechnet die desjenigen Heiligen, den ich von allen, die ich bisher kenne, am unsympathischsten finde. Ich wusste beim Kauf gar nicht, um was es sich handelt, sondern fand es vor allem sehr hübsch. Eben deshalb hätte ich es ziemlich sicher auch gekauft, wenn ich gewusst hätte, dass dieses bunte, androgyne Wesen mit Kind den heiligen Antonius von Padua vorstellen soll.

Ein Souvenir aus Lagos, wo unserem heutigen Heiligen eine ganze Kirche geweiht ist.

Anders als bei mir war und ist der heilige Antonius beim (Kirchen-)Volk Europas ausgesprochen beliebt. Er ist zuständig für verlorene Dinge, und es gibt, so las ich im „Heiligenlexikon.de“, „kaum eine römisch-katholische Kirche auf der Welt, die nicht einen Altar, ein Gemälde, ein Fresko oder eine Statue besitzt, die ihm geweiht ist.“ Als Heiliger war der Franziskanermönch, der in Lissabon geboren und in Padua gestorben ist, sozusagen von Anfang an eine Erfolgsgeschichte, denn laut Wikipedia wurde er „auf stürmisches Verlangen des Volkes bereits elf Monate nach seinem Tod am 30. Mai 1232 von Papst Gregor IX. heiliggesprochen“, dies war „die bislang kürzeste Dauer eines Heiligsprechungsprozesses“. Mir ist der heilige Antonius in seiner Heimat Portugal das erste Mal wissentlich begegnet. Wegen des Jesuskinds auf dem Arm, dachte ich – damals noch ein völliges Greenhorn auf dem Gebiet der Ikonographie –, es sei der heilige Christophorus. Als ich einige Jahre später, ebenfalls in Portugal, das erste Mal ein paar der Legenden hörte, die man sich über Sankt Anton erzählt, gewann ich den Eindruck, dass er vor allem ein großer Trickser war. Natürlich sind Legenden von Haus aus schon hanebüchen, das ist sozusagen gattungsimmanent. Aber bei den Wundern des Heiligen Antonius war immer auch ein bisschen fauler Zauber, Spuk und Show dabei. Andere Heilige heilen mit lauterem, reinem Herzen Kranke. Der heilige Antonius fügte einen abgetrennten Fuß wieder an das Bein seines Besitzers, hatte zuvor aber selbst dafür gesorgt, dass sich der Mann den Fuß auch abhackt. In einer anderen Geschichte lässt in einer Art Wette einen ausgehungerten Maulesel zwischen Stroh und einer Hostie wählen, um die Anwesenheit Christi im Sakrament zu beweisen. Ich weiß nicht, aber so ganz seriös ist das nicht. Trotzdem oder deswegen soll Antonius zu Lebzeiten ein großer und erfolgreicher Prediger gewesen sein. 1946 wurde er sogar zum Kirchenlehrer erhoben. Ich hege dennoch den ketzerischen Verdacht, dass er auch ein Angeber, Blender und Schwätzer gewesen sein könnte. Dass man in der ihm geweihten Basilika in Padua seine Zunge als Reliquie aufbewahrt hat, nehme ich dafür gerne als Indiz.

Mein Anblick hat ihn sehr erschrocken.
Ich habe nicht ganz verstanden, wo der Unterschied in der späteren Verwendung ist.

Freitag, 10. Dezember

Hat man einmal das Tor aufgestoßen in jene seltsame Welt der Heiligen, ihrer Verehrung und kunstgeschichtlichen Darstellung, dann weiß man schon bald nicht mehr, wohin man sich wenden soll. Denn es führen Wege in die kuriosesten Richtungen und überall tun sich neue Türen auf, hinter denen bizarre Dinge lauern. Mutig und unerschrocken öffne ich auch heute wieder eine davon – und sieh mal, da sind ja die Cephalophoren.

Als ich diesen hölzernen Herrn von ca. 1320 das erste Mal erblickte, dachte ich, hier sei im Laufe der Jahrhunderte einfach etwas zu Bruch gegangen.

Übersetzt bedeutet dies „Kopfträger“, womit die alle verbindende Darstellungsform dieser besonderen Untergruppe der christlichen Märtyrer recht treffend beschrieben ist. Es sind nicht allzu viele, aber alle wurden der Legende nach wegen ihres christlichen Glaubens enthauptet. Sie hauchten daraufhin jedoch nicht sogleich ihr Leben aus, sondern richteten sich wieder auf, um sich sodann sozusagen hoch erhobenen Hauptes selbst eine letzte Ruhestätte suchten. Es ist bei den Cephalophoren also ein bisschen so wie, nun ja, wie bei den Hühnern. Bei dem oben gezeigten handelt es sich um den heiligen Dionysius von Paris. Ich entdeckte ihn im Kölner Museum Schnütgen, einer der ersten Adressen für Personen, die ein Herz für sakrale Kunst haben. Dass Saint Denis, wie er auf Französisch heißt, nicht seinen ganzen Kopf in den Händen hält, liegt übrigens daran, dass der Henker der Überlieferung zufolge bei ihm damals nicht sauber getroffen hatte. Der heiligen Dionysius ist im Übrigen nicht nur der bedeutendste unter den Kopfträgern, sondern gleichzeitig auch einer der 14 Nothelfer. Aber diese bilden schon wieder eine andere Unterkategorie, für die heute bedauernswerterweise keine Zeit mehr bleibt.

So ist es richtig: Auch die heilige Quiteria ist eine Vertreterin unserer heutigen Gattung. Ich traf sie, glaube ich, auf Mallorca.

Samstag, 11. Dezember

Nachdem ich mein Schicksal selbst gewählt und beschlossen hatte, diesen Adventskalender mit Geschichten zu Schutzpatronen und Beispielen christlicher Ikonographie zu füllen, fand ich mich bald jeden Tag wieder, wie ich stundenlang das internet durchforstete und mich durch zahllose einschlägige Seiten scrollte, seriöse und ominöse. Und wie ich da so vom Hölzchen aufs Stöckchen kam, habe ich mich irgendwann natürlich auch gefragt, wie viel Heilige es eigentlich gibt. So etwas beantwortet einem die allwissende Wikipedia heute ja in zehn Sekunden. Ich teile mein Wissen gerne und zitiere: „2004 wurde von der römisch-katholischen Kirche das Martyrologium Romanum aktualisiert, in dem 6.650 Heilige und Selige verzeichnet sind sowie 7.400 Märtyrer.“ Und das sind nur die offiziellen. Dass es da natürlich auch Wiederholungen gibt, verwundert einen nicht. Das heißt: Es gibt nicht einfach nur den heiligen Sebastian oder den einen Nikolaus, es gibt jeweils zig davon. Um auch ein Beispiel dafür zu zeigen, präsentieren wir heute noch einmal den heiligen Antonius.

Ich fand ihn irgendwo, allein in San Vito.

Dies ist nicht der heilige Antonius von Padua, den wir hier vor zwei Tagen schon kennengelernt haben und der heute den Titel „der heilige Antonius“ für sich gepachtet hat, sondern „Antonius der Große“. Der war auch einmal „der heilige Antonius“, bevor ihm der Kollege aus Padua die Show gestohlen und den Rang abgelaufen hat. Antonius der Große ist deutlich älter als sein mittelalterlicher Namensvetter und ebenfalls sehr bedeutend. Denn der um 250 n. Chr. geborene christliche ägyptische Mönch, Asket und Einsiedler gilt als Begründer des christlichen Mönchtums. Man erkennt ihn an seinem Schweinchen, das natürlich auch meine Aufmerksamkeit erregte (neben der gewissen Ähnlichkeit mit Catweazle). Das Tierchen wurde ihm ikonographisch aber erst im Mittelalter zugesellt, weil der damals noch existierende Orden der Antoniter das Recht hatte, ein Schwein zur Mast im Dorf auf Kosten der Allgemeinheit frei herumlaufen zu lassen. Daher nannte man das Tier nicht nur „Antoniusschwein“, sondern umgekehrt den Heiligen regional auch „Schweinetoni“, „Swinetünnes“, „Ferkes Tünn“ oder ähnlich. Er ist, natürlich, Schutzpatron der Metzger, aber auch der Bauern und Nutztiere, und es gibt viel regionales Brauchtum rund um seinen Gedenktag. So las ich von einem Volksfest in Italien, an dem die Tiere frei hatten und nicht arbeiten mussten. Da blieb die Kutsche stehen, und die Herrschaften mussten zu Fuß gehen. Damit müsste Antonius der Große eigentlich doch auch allen Vegetariern und Veganern gefallen.

Antonius von Viterbo, Antonius von Rivoli, Antonius von Scala und Antonius, der Wunderbare: Insgesamt habe ich im Online-Heiligenlexikon über 70 heilige Antoniusse gezählt (und da waren die Antoninus und Antonios noch nicht dabei).

Sonntag, 12. Dezember

In der Lieblingssendung aller Senioren, also bei „Bares für Rares“, ließ der Kunstexperte Detlev Kümmel neulich einen Satz fallen, der mir sogleich die allergrößte Freude bereitete, mir in längerer Nachwirkung aber auch eine gewisse Inspiration bot für unser heutiges Türchen. Es sagte also Detlev Kümmel, während er mit Kennerblick eines der mitgebrachten Kunst-Stückchen in Augenschein nahm, zwischendurch und wie nebenher: „Zum Beispiel haben wir hier einen „Dreinageljesus“. Ein Dreinageljesus. Aha. Der Begriff war mir neu, aber ich finde, er zeigt sehr schön, wie es sich aus der Perspektive der Kunsthistorik plötzlich über Dinge reden lässt, die man in einem religiösen Kontext niemals so thematisieren könnte – und ja nun auch auf gar keinen Fall so benennen dürfte. Indem man also über die Art und Form der Darstellung spricht, kann man vom Inhalt abstrahieren und in diesem Fall also auch das dargestellte Leiden komplett ausblenden. Das ist ganz praktisch, und das haben wir hier im Kalender ja auch schon getan, beim heiligen Sebastian etwa und natürlich bei den Cephalophoren. Wir wollen es heute wieder tun und an einem Sonntag im Advent unter genau dieser Perspektive ein weiteres Fundstück aus meiner Sammlung betrachten, von dem ich tatsächlich kurz überlegt habe, ob man es hier überhaupt zeigen kann. Denn es handelt sich um eine recht krasse Darstellung von Leiden. Dass sie so krass ist, hat aber sicher nur zum Teil inhaltliche Ursachen, sondern dürfte auch in den Bedingungen der Rezeption des Gegenstandes begründet sein. Es handelte sich hier nämlich um ein riesiges Kreuz, das abgenommen worden war, zuvor aber wahrscheinlich weit oben und vom Auge des Betrachters entfernt in düsterer Höhe hing. Damit es aber von da oben noch anschaulich Eindruck machen kann, war es vermutlich nötig, bei den Effekten so zu übertreiben.

I

Kreuze fotografiere ich ansonsten eigentlich so gut wie nie. Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen sind ja Heiligenfiguren der Gegenstand meines Interesses, und anders als an diesen ist an Kruzifixen ja nun selten irgendetwas Schräges, Skurriles, Kitschiges oder ansonsten unfreiwillig Komisches auszumachen. Zum anderen sind sie in meiner katholischen Wahrnehmung natürlich vor allem immer auch ein (sakrosanktes) religiöses Symbol. Doch natürlich habe auch ich einen Dreinageljesus im Repertoire sowie als Zugabe heute noch ein Wegekreuz, das ich nicht weit von hier auf der anderen Rheinseite einmal fotografiert habe, und eine überraschende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Der „Bares für Rares“-Fan kann es sich kaum vorstellen, aber Detlev Kümmel ist auch Kampfsportlehrer und betreibt zwei Fitnessstudios.
Das Herz scheint mir hier etwas verrutscht zu sein.
Auch das kann man sich kaum vorstellen: Diese beiden federleichten Kreuze stammen tatsächlich von Joseph Beuys.

Montag, 13. Dezember

Nach fast zwei Wochen im Heiligen-Business habe ich eine gewisse Routine darin entwickelt, mit einigen wenigen Suchbegriffen in kürzester Zeit herauszufinden, wen ich da bei all den Urlaubsreisen in den letzten Jahren in den zahllosen Kirchen, Klöstern und Kapellen fotografiert habe. Bei den meisten unbekannten Blutzeugen und Nothelfern hätte ich nicht gedacht, dass es mir gelingen würde, sie anhand der Phantombilder tatsächlich zu identifizieren. Aber das Internet hat außer den lokalen Einzelhandel und den Brockhaus vermutlich auch so manche alteingesessene Detektei einen guten Teil der Kundschaft gekostet. Online jedenfalls waren die meisten schnell überführt. Nur bei dem einen hier und heute muss ich leider vollumfänglich passen, obwohl ich ein gestochen scharfes Tatortfoto besitze.

Ich weiß nicht, wer dieser Mann Gottes ist, aber er ist mir extrem unsympathisch. Es ist diese stierende, aggressive Anmutung, die mich abstößt. Ob ihn heiliger Zorn derart in Rage versetzt hat oder Alkohol, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sieht es aus, als würde er gleich jemanden mit dem Handrücken ins Gesicht schlagen oder aber in einer verächtlichen Geste irgendetwas real oder im übertragenen Sinne vom Tisch wischen. Das jedenfalls ist, was ich hier sehe und weshalb ich mich frage, warum ausgerechnet ein Heiliger so darstellt wird. Aber so wie Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, ist ja vielleicht auch alles andere Sehen stets subjektiv, und andere erkennen hier anderes, womöglich sogar Verehrungswürdiges. Nichtsdestotrotz macht mir so, ganz unbelastet von jeglichem Wissen, im freien Assoziieren die Heiligenschau eigentlich am meisten Spaß. Und selbst wenn der Instinkt auch einmal trügen mag: Ganz ungute Assoziationen habe ich auch bei dieser Szene, deren Zeuge ich in diesen Sommer im portugiesischen Braga wurde.

Dienstag, 14. Dezember

Auf der Suche nach fremden Welten im Alltag muss man manchmal nicht allzu weit reisen. Obwohl sie im selben Land leben wie ich, habe ich doch kaum je eines ihrer Gotteshäuser betreten. Ich spreche von evangelischen Christen und davon, dass ich noch nicht sehr oft in einer evangelischen Kirche gewesen bin. Es könnte sein, dass ich insgesamt noch nicht einmal zehn von innen gesehen habe. (Das hat vielleicht auch mit der bevorzugten Wahl des Urlaubslandes zu tun.) Nun aber führten mich unlängst die verschlungenen Wege des Lebens nach Weimar und Wittenberg. Und in Luthers ureigener Kirche konnte ich mit eigenen Augen schauen, was ich doch schon wusste: dass in evangelischen Kirchen keine Heiligen zu finden sind. Denn zu jenen grundlegenden Dingen, die die Katholen von den Evangelen unterscheiden, gehört neben Papst, Zölibat und Frauenordination auch die Heiligenverehrung, die man ähnlich wie andere römisch-katholische Altlasten in der evangelischen Kirche nicht kennt und mag. Heiligenaltäre, Reliquienschreine, Wallfahrtsorte, aber auch die exzessive Marienverehrung, würden, so las ich im Internet, „von Protestanten meist mit Befremden und Skepsis beäugt“. Und wer wollte es ihnen verdenken? In der Folge sind ihre Kirchen im Inneren sehr viel schlichter als katholische. Dass dieses Weniger auch mehr sein kann, wollte ich zumindest für die Stadtkirchen von Weimar und Wittenberg festhalten. Denn anders als viele Heiligenfiguren, die wir in diesem Kalender schon gesehen haben, war die dort dargebotene Kunst von allererster Güte: In beiden Gotteshäusern können sich die Kirchgänger des Sonntags und an anderen Tagen an einem echten Cranach-Altar erfreuen. Wer allerdings genau hinschaut, der kann zumindest in Weimar auch drei recht ausdrucksstarke steinerne Figuren entdecken. Es handelt sich hierbei aber um ein Grabmal.

Ich weiß nicht, warum, aber ich musste hier an Ingmar Bergmanns Film „Fanny und Alexander“ denken und – im Fall der Figur ganz links – an den Schauspieler Devid Striesow.

Mittwoch, 15. Dezember

An diesem Mittwoch öffne ich das Türchen mit billiger Effekthascherei und rufe laut: Achtung, heute geht es auf die Geisterbahn! Menschen mit schwachen Nerven klicken bitte weiter, zarte Gemüter schauen weg, und Schöngeister wenden sich mit Grausen. Für Gruftis und andere Freunde des Morbiden aber gilt: Hereinspaziert, hereinspaziert! Heute gibt es hier Totenköpfe und Leichenteile und anderes Schauriges mehr. Denn heute beschäftigen wir uns mit Reliquien, also mit Dingen, die untrennbar mit Heiligen verbunden sind bzw. in vielen Fällen ja eigentlich eher von ihnen (ab)getrennt wurden. Schließlich werden die wenigsten Heiligen unversehrt an einem Ort bzw. Stück verehrt. Die Gebeine des heilige Jakobus zum Beispiel, sollen zwar nach Stationen unter anderem in Verona, Toulouse und Padrón im spanischen Santiago des Compostela ihrer allerletzte Ruhe gefunden haben, aber der Kopf war auch mal alleine in einem Kloster in Frankreich, und noch heute gibt es einen Arm des ehemaligen Apostels und Märtyrers in Halberstadt und ein Schienbein in Rom. In Köln haben sie die heiligen drei Könige, in Prüm in der Eifel die Sandalen Jesus und im Rheingau irgendwo Herz und Zunge der heiligen Hildegard von Bingen, unverwest, versteht sich. So könnte man ewig weitermachen, doch es ist vermutlich auch jetzt schon klar: Ich kann mit Reliquien noch weniger anfangen als mit Heiligen. Die allgemein menschlichen Bedürfnisse, die sie befriedigen, sind mir offensichtlich völlig fremd. Aber ich erinnere mich noch gut, wie fasziniert ich war, als ich zum ersten Mal sah, in welcher Form viele Reliquien aufbewahrt und ausgestellt werden. Nach dem Foto davon habe ich lange gesucht – und dabei auch noch ein paar andere gefunden. Sie alle zeigen, auf welche seltsamen Dinge man stößt, wenn man bereit ist, nach der Besichtigung der Kirche auch noch zwei, drei Euro auszugeben, um einen Blick in die Sakristei oder auf den Kirchenschatz werfen zu dürfen.

In diesem Fall ist die Heiligenfigur gleichzeitig ein Reliqiuar.
Entblößt wird hier das Fenster zur Reliquie.

Zwei Arten, um einen Unterarmknochen zu präsentieren. Welche mir besser gefällt, dürfte klar sein.

In der Kathedrale von Mallorca kam ich das erste Mal in Berührung mit dieser Sorte sakraler Gerätschaft.
In der Kathedrale von Valencia gibt es gleich einen ganzen Arm zu sehen.
Bitte mal zoomen: An diesem hier ist rundum alles gruselig.
So, ganz ohne Knöchelchen und Knochen, sind mir Reliquiare eigentlich am liebsten.

Donnerstag, 16. Dezember

Beim Öffnen des heutigen Türchens rieselt Asche auf mein Haupt. Denn zwar gehört auch meine böse alte Stimme zu jenen, die die Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche und die Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern fordern, ich selbst kann aber leider die entsprechenden Posten hier in diesem Kalender auch nicht paritätisch besetzen. Ehrlich gesagt: Die Frauenquote hier ist ganz erbärmlich. Nicht eine einzige Barbara, Katharina, Elisabeth, Hildegard oder Theresa findet sich in meiner Sammlung. Was ist der Grund dafür? Waren sie nicht da, oder habe ich sie nicht beachtet? Im Nachhinein ist das schwer zu explorieren. In jedem Fall liegt es nicht daran, dass es keine weiblichen Heiligen gäbe. Wie viele es im Verhältnis zu den männlichen insgesamt sind, war bedauerlicherweise nicht zu ermitteln. Ich kann aber exemplarisch mit einer Untersuchung zu den Heiligenfiguren im Wiener Stephansdom aufwarten, die ergeben hat, dass etwa ein Viertel davon weiblich ist. Eine ähnliche Quote findet sich unter den 14 Nothelfern: Drei davon sind Frauen. Hier sieht es also schon einmal deutlich besser aus als im Priesterseminar. Auszusetzen habe ich an der Heiligenpolitik des Vatikans natürlich trotzdem etwas. Denn schaut man sich einmal genauer an, welche Frauen in den himmlischen Adelsstand erhoben wurden, dann spielt da allüberall die Jungfräulichkeit der Kandidatinnen schon wieder eine entscheidende Rolle. Sie scheint sozusagen zentrale Einstellungsvoraussetzung zu sein. Während über die Häufigkeit des vollzogenen Geschlechtsverkehrs bei männlichen Heiligen in der Regel die Legende nicht berichtet, wird in den Geschichten der weiblichen Aspiranten deren Keuschheit fast immer als wichtiges Merkmal, ja geradezu bereits als Beweis ihrer Heiligkeit hervorgehoben. Entsprechend hoch ist natürlich der Anteil (keuscher) Nonnen und Ordensgründerinnen unter den heilig gesprochenen Frauen. Außer ihnen haben sonst vor allem Märtyrerinnen gute Chancen. Bei manchen von diesen aber wird ihre Jungfräulichkeit bzw. der Wunsch, sie zu verteidigen, erst zum Anlass ihres schlimmen Geschicks. Man denke etwa an die heilige Ursula und ihre 11.000 (!) Jungfrauen. Eine erfrischende Ausnahme in diesem ganzen Jungfrauen-Kult bildet Maria Magdalena („your a creature oft the night“). Daher gibt es heute ein Bild, auf dem neben anderen Frauen auch sie zu sehen ist. Was mir hier zusätzlich gefallen hat, ist, dass zwei der Frauen deutlich sichtbare Brüste haben. In den typischen wallenden Gewändern der meisten anderen Darstellungen sind diese ja in der Regel nicht einmal mehr zu erahnen.

Was wir hier sehen, ist eine Beweinungsszene, zu deren typischem Personal neben der Jesus‘ Mutter auch die heilige Maria Magdalena gehört. Ich weiß nicht, welche der Damen es sein soll, tippe aber auf die ganz links.

Freitag, 17. Dezember

Die meisten Heiligen, die bisher einen Auftritt in diesem Kalender hatten, stammten aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung oder aus anderen grauen Vorzeiten. Da hat man angesichts der ganzen schrägen Geschichten und Legenden, die rund um die vielen gewirkten Wunder kursieren, gut lachen. Und das scheint mir auch durchaus erlaubt zu sein. Denn ich las einmal, dass diese Geschichten auch eine Unterhaltungsfunktion hatten in Zeiten, in denen das Volk medial praktisch noch völlig unterversorgt war. Die Legendensammlung als Netflix-Pendant sozusagen. Doch auch in unserer Gegenwart kommen jährlich neue Heilige hinzu. Papst Johannes Paul II. zum Beispiel hat in seiner Amtszeit allein knapp 500 Menschen heilig gesprochen. Einen davon sehen wir heute: Padre Pio. Der 1968 verstorbene und 2002 kanonisierte Kapuzinermönch ist der populärste Heilige Italiens und hat durchaus auch in Deutschland seine Anhänger. Auch um ihn ranken sich kuriose Geschichten, denn wer heilig werden will, der braucht ja auch ein Wunder oder zwei. Die aber klingen für den inzwischen aufgeklärten Menschen doch auch sehr nach Hokuspokus, und ich kann gut verstehen, dass es solche Geschichten sind, die manchem die katholische Kirche suspekt machen. Dass man den armen Mann 40 Jahre nach seinem Tod, also 2008, wieder ausgegraben hat und seitdem in einem gläsernen Schrein als Reliquie an dem ihm geweihten Wallfahrtsort ausstellt, macht die Sache nicht besser. Als dieses Foto entstand, hatte ich von all dem noch nichts gehört. Ich habe den Mönch vor allem fotografiert, weil er mich an Sean Connery in „Der Name der Rose“ erinnerte (oder wahlweise auch an den deutschen Schauspieler Walter Kreye). Was man hier aber auch sieht: Bei der Darstellung der Heiligen der Generation 2.0 leidet die Freiheit der Kunst. Wo es Fotos gibt, kann man seine Figur nicht einfach mehr mit den jeweils typischen Attributen ausstatten und ihr ansonsten ein Phantasie-Antlitz verleihen.

Die Blumen im Vordergrund waren gehäkelt!

Samstag, 18. Dezember

Es war im letztjährigen Adventskalender schon zu lesen: Mein Lieblingsheiliger in der Kunst ist der heilige Hieronymus. Den kenne ich schon länger, denn man trifft ihn eigentlich in fast jedem Museum, das Gemälde alter Meister vorrätig hat. Leonardo da Vinci und Dürer, Cranach und Caravaggio, Rubens und van Eyck: Alle Großen haben den frühchristlichen Kirchenvater auf Leinwand festgehalten. Und wollte mir jemand zu Weihnachten eine Freude machen, so schenkte er mir ein 1000-Teile-Puzzle mit Dürers „Hieronymus im Gehäus“. Natürlich darf Sankt Hieronymus deshalb auch in diesem Kalender nicht fehlen, das aber auch noch aus zwei mir bis dato völlig neuen Gründen. Zum einen passt er allerbestens in den Advent, denn wo Jesus geboren wurde, da ist, wie ich just vor einer halben Stunde erfuhr, Hieronymus 420 Jahre später gestorben: in Bethlehem. Sein Grab befindet sich daher auch in der Krypta der Geburtskirche in Bethlehem. Seine Gebeine jedoch ruhen in Santa Maria Maggiore in Rom – wo zugleich auch Bretter der Krippe Jesu aus Betlehem als Reliquien verehrt werden. Schöne Koinzidenz oder Absicht? Ich weiß es nicht. Und was ich bislang auch nicht wusste, was mich aufgrund der bereits vorhandenen Grundsympathie aber umso mehr freut, ist, dass ausgerechnet Hieronymus auch der Heilige ist, der für mich bzw. meine Berufsgruppe zuständig ist. Nun, ich hätte es wahrlich schlechter treffen können. Denn Hieronymus war nicht nur ein äußerst gelehrsamer Mann und derjenige, der die erste Bibelübersetzung ins Lateinische vornahm, dem wir also – Kreuzworträtselwissen ahoi – die „Vulgata“ verdanken. Es gibt im Zusammenhang mit seiner Person auch keinerlei Räuberpistolen und implausible Wundergeschichten. Das erleichtert unsere neue Beziehung natürlich ungemein. Auch ist Hieronymus‘ Zuständigkeitsgebiet nicht so völlig der Willkür erwachsen, wie es bei anderen Heiligen oft der Fall ist. Denn die Zuordnung von Schutzpatron zu Sachgebiet ist doch manchmal etwas plump und vordergründig. Die heilige Klara zum Beispiel hatte Visionen und konnte weit entfernte Dinge sehen, weshalb sie von Papst Pius XII. 1958 auch zur Patronin des Fernsehens ernannt wurde. Oder der heilige Sebastian: „Sein Aussehen nach der Marter mit so vielen Pfeilen machte“ ihn „zum Patron der Bürstenmacher.“ Freunde, wirklich? Hieronymus hingegen ist lediglich und völlig passenderweise der Schutzheilige der Schüler, Studenten, Lehrer, Gelehrten, wissenschaftlichen Vereinigungen, Bibelgesellschaften, Theologen, Übersetzer und Korrektoren.

Das Hündchen ist ein Löwe, denn der war sozusagen das Haustier des heiligen Hieronymus. Es lohnt sich immer mal zu schauen, wie sich die alten Meister dieses exotische Geschöpf so vorgestellt haben.

Sonntag, 19. Dezember

Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, so tut es Scheußlichkeit ganz sicher auch. Aber gibt es Dinge, die so unbestreitbar scheußlich sind, dass sich niemand, wirklich gar niemand mehr findet, dem sie noch gefallen? Wie gerne würde ich sagen: Ja, gibt es, und hier sind die zwei Beweise dafür. Doch ich fürchte ähnlich wie bei den anderen Schrecklichkeiten der vergangenen Tage, wird auch die heutigen irgendjemand auf dieser Welt mit anderen Augen sehen als ich. Denn irgendjemand hat sie ja in Auftrag gegeben, angefertigt, aufgestellt –  und bis heute nicht wieder von ihrem Platz in der Mitte der Gemeinde entfernt. Nichtsdestotrotz sind dies heute die scheußlichsten Figuren, die ich in meiner Sammlung finden konnte.

Wenn sich der erste Schreck gelegt hat, muss man natürlich auch einmal kurz nach den Bedingungen von Scheußlichkeit fragen. Wie kommen diese Dinge in die Welt und zu welchem Zweck? Das weiß ich natürlich auch nicht genau, aber ich würde vermuten, dass es sich mit dem religiösen Kitsch ganz ähnlich verhält wie mit Kitsch allgemein, der ja erst im 19. Jahrhundert aufkam und dessen Entstehung auch mit den veränderten Produktionsbedingungen und den Möglichkeiten der industriellen Massenanfertigung zu tun hatte. Wo mittelalterliche, von Meisterhand geschnitzte Holzfiguren eben noch von dieser Meisterschaft zeugen und mit ihrer ästhetischen Schönheit auch inhaltlich Schönes und Größeres adäquat zum Ausdruck bringen können, nähert sich mit den ganzen späteren Gipsfiguren das Heilige dann immer mehr dem Profanen. Damit taugt es aber auch inhaltlich nurmehr zum Vehikel für emotionalen Kitsch, für Wirklichkeitsflucht, falsche Geborgenheit und billigen Trost, die ja auch immer um die Ecke lauern, wenn es um die religiöse Ansprache des Volkes mit einfachen Mitteln geht. Wenn dann die Gesichter noch aussehen wie von zeitgenössischen Puppen, bin ich auch nicht mehr bereit, nicht über Geschmack zu streiten.

PS: Drei ganz schlimme Beispiele dafür, was passiert wenn man religiösen Inhalten ein zeitgenössisches Gesicht verleihen möchte, sah ich im Sommer in Italien, und dies nicht im Hauptquartier irgendeiner neochristlichen Fantasy-Sekte, sondern in der Seitenkapelle einer großen italienischen Wallfahrtskirche.

Hier fehlt meines Erachtens die letzte Konsequenz, oder warum hat man das Outfit nicht upgedatet?

Ich weiß nicht, ob dieser Weg die heilige Mutter Kirche wirklich in die Zukunft führt.

Montag, 20. Dezember

Nach nun fast drei Wochen, in denen ich Tag für Tag tiefer in die okkulten Sphären des Religiösen vorgedrungen bin und immer neue Absonderlichkeiten zutage gefördert habe, ist dieser Adventskalender beinahe zu einem umgekehrten Damaskuserlebnis für mich geworden. Denn ich frage mich inzwischen ernsthaft, was das eigentlich für ein seltsamer Verein ist, dem ich da angehöre und wie all die schrägen Dinge, die neben der frohen Botschaft noch so propagiert werden, mit meiner Mitgliedschaft in Einklang zu bringen sein könnten. Dies tue ich umso mehr, als wir hier ja noch längst nicht alle Geheimnisse des Kultes geschaut haben. Zu einem weiteren führt uns die Heilige des heutigen Tages, die heilige Jacinta.

Es kennt sie vermutlich niemand, und doch könnte man von ihr gehört haben, denn sie ist eines der drei Hirtenkinder, denen 1917 im portugiesischen Fátima die heilige Mutter Maria erschienen ist. Die Offenbarungen von Fátima sind ein weiteres großes Mysterium des Katholizismus, und mit Gänsehaut vernimmt der wundergläubige Mensch das Geraune, dass der Papst nie wieder gelacht habe, nachdem ihm das dritte Geheimnis von Fatima anvertraut worden sei. Solche Stories wecken natürlich mein Interesse, und auf dem Weg von Coimbra an die Algarve habe ich vor ein paar Jahren interessehalber mal einen Zwischenstopp in Fátima eingelegt. Ich möchte nicht spotten über die Gläubigen, die diesen Wallfahrtsort besuchen, und in der Erscheinungskapelle selbst war tatsächlich eine ganz besondere Stimmung oder Aura zu spüren. Aber drumherum war doch auch manches Brauchtum im Schwange, das mich an eine Art positiven Voodoo denken ließ. Denn in Hoffnung auf Heilung von Krankheiten jedweder Art wird der Jungfrau Maria auch geopfert. Genauer gesagt werden ihr in großen Mengen Körperteile aus Wachs dargebracht, die man im Pilger-Shop als Schüttgut erwerben kann. Nach dem Kauf werden sie auf den Schrein gelegt, der über dem Ort der Erscheinung erbaut wurde. Wenn dortselbst das Sims dann voll ist, kommt ein Bediensteter räumt die wächsernen Arme und Beine und Lungen und Mägen ab und übergibt sie dem Feuer. (Vermutlich werden sie geschmolzen und sofort wieder zu neuen Lungen und Mägen und Armen und Beine und Köpfen gegossen, die dann wieder im Shop verkauft werden und so weiter und so fort.) Ich hoffe sehr, dass diese Opfergaben jemandem helfen, sehe aber vor allem die Kassen klingeln. Und weil ich mir vorstellen kann, dass ich mit dieser Geschichte meinerseits auf Unglauben stoße, habe ich natürlich auch von diesem Ausflug wieder ein Beweisfoto mitgebracht.

Es gab auch Ohren, Nasen, Mägen, Köpfe, Arme, Beine, Füße und anderes mehr.

Dienstag, 21. Dezember

Eigentlich wollte ich hier heute wieder ein paar schöne abgeschlagene Köpfe präsentieren. Doch die Realität hat meine Pläne durchkreuzt. Die Idee war, nach den ganzen ikonographischen Ausflügen nach Portugal, Italien und Spanien einmal zu schauen, was vor der eigenen Haustür an sakralen Stilblüten eigentlich so wächst. Denn hier in Bonn haben wir als Stadtheilige ja zwei lupenreine Märtyrer aus dem dritten Jahrhundert, Cassius und Florentius geheißen. Nach diesen beiden wollte ich heute einmal schauen. Die beiden riesigen behelmten Köpfe aus grauem Granit, die deshalb vor dem Bonner Münster herumliegen, sollten zugleich ein wenig Abwechslung in das ewige Einerlei bunter, kitschiger Statuen bringen. Allein: Am Morgen fand ich die beiden Legionäre bzw. ihre Häupter in großen hölzernen Schreinen den Blicken entzogen vor. Bauarbeiten! Wer die pointierte Auseinandersetzung, die der deutsch-türkische Künstler Iskender Yediler mit dem Thema Märtyrertum geführt hat, sehen möchte, muss nun leider googeln. Ich habe nur dies:

Das Bonner Münster, so las ich heute, diente Anfang des 20. Jahrhundert als Vorbild für die Berliner Gedächtniskirche. Anfang des 21. Jahrhunderts ging der Transfer dann leider in die andere Richtung.

Aber wo ich schon einmal da war, habe ich auch unserer Hauptkirche einen kurzen Besuch abgestattet, und siehe da: Ich wurde überreich beschenkt. Denn zum einen stieß ich auf dort auf eine Heilige, an der ich in Unkenntnis der Person schon viele Male achtlos vorübergegangen war, die sich heute aber als meine Zweitnamenspatronin entpuppte: die heilige Helena:

Mir war sie bisher zu monochrom, zu schwer, zu schleppend: Die heilige Helena soll der Legende zufolge um 325 n. Chr. nach Palästina gereist, dort archäologische Grabungen veranlasst und so das Kreuz Christi entdeckt haben. (Ihr Kopf ist als Reliquie im Dom von Trier zu finden.)

Größer, schöner und bedeutender aber war eine andere Entdeckung, die ich am heutigen Tag im Bonner Münster gemacht habe. Denn ich habe dort nicht weniger gesehen als eine taugliche Zukunft für die ganze Kunstform „Heiligenfigur“.

So könnte es doch wirklich gehen.
Noch so ein Säulenheiliger: Anlässlich der Wiedereröffnung des Bonner Münsters nach der Renovierung sind dort derzeit unter anderem Kunstwerke des britschen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.

Mittwoch, 22. Dezember

Der Adventskalender ist inzwischen ziemlich geplündert. Die meisten Türchen stehen offen, und wir haben viele seltsame Heilige gesehen. Eine zentrale Frage ist allerdings noch immer ungeklärt, nämlich wie aus einem Normalsterblichen eigentlich ein Heiliger wird. Dass das noch nicht erörtert wurde, hat auch damit zu tun, dass ich als Laienschwester vor der Schwere des Gegenstands und der vermuteten komplexen theologischen Implikationen doch ein wenig zurückgeschreckt bin. Nun habe ich aber ein bisschen gegoogelt, und was soll ich sagen: So schwer isses eigentlich gar nicht! Die Wikipedia braucht gerade mal zwei Sätze, um die Sache zu erklären: „Voraussetzung [für die Heiligsprechung] sind entweder das Erleiden des Martyriums oder der Nachweis eines heroischen Tugendgrads des Betreffenden. Bei Kandidaten, die keine Märtyrer waren, wird zudem der Nachweis eines Wunders gefordert.“ Drei Wege also führen auf die Seitenaltäre: Martyrium, Tugendgrad (= bei Frauen meist diese Jungfrauen-Sache) oder Wunder. Nun, Wunder gibt es immer wieder. Aber wenn man so wie ich nicht so richtig weiß, wofür Heilige überhaupt gut sein sollen (denn das ist ja nicht selbsterklärend), zweifelt man natürlich auch daran, ob man die beiden anderen Wege wirklich propagieren sollte. Ich jedenfalls würde jedem dringend davon abraten, sich wegen seiner Religion oder Konfession von Andersgläubigen oder sonst wie motivierten Mordlustigen umbringen zu lassen. Wenn ich es richtig sehe, war selbst Petrus nicht bereit dazu und hörte lieber den Hahn dreimal krähen. Und? Wird der nicht heute trotzdem als Heiliger verehrt? Neben Martyrium, Tugendgrad und Wunder ist zudem auch einiger bürokratischer Aufwand erforderlich, um aus einem Verstorbenen, für den gebetet wird, jemanden zu machen, zu dem gebetet wird. Und wo Bürokratie ist, sind Gebühren meist nicht weit. Auch deshalb würde ich von entsprechenden Anträgen dringend abraten. Die allwissende, konfessionslose (?) Wikipedia jedenfalls notiert: „ Die Kosten für das Verfahren müssen von den Antragstellern […] aufgebracht werden. Schätzungen zufolge muss hierfür ein Betrag von mindestens 50.000 Euro angesetzt werden, der sich aus Gebühren und Taxen bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Honoraren für (z. B. medizinische) Gutachter […], Kostenersatz für Zeugen, Erstellung der Dokumentation, Übersetzungsarbeiten, Druckkosten, Dekoration während der Feierlichkeiten etc. ergibt.“ Und: „Im Jahr 1997 wurden etwa 1500 Selig- und Heiligsprechungsverfahren bearbeitet, wobei pro Verfahren etwa 250.000 Euro an Kosten anfielen.“ Ob sich diese Ausgaben lohnen, solange nicht eindeutig geklärt ist, wem der Return on Investment zugutekommt bzw. worin er eigentlich besteht, ist eine Frage, die klären zu können ich mir nicht anmaße. Von Wirtschaftswissenschaften verstehe ich schließlich ebenso wenig wie von Theologie. Vielleicht schauen wir uns deshalb hier besser einfach noch einen weiteren bunten Gesellen an, der das ganze Verfahren schon hinter sich hat.

Vielleicht ist es der heilige Benedikt, vielleicht der heilige Onuphrius, Münchens erster Stadtpatron, auf dessen Namen heute vermutlich keine Kinder mehr getauft werden.

Donnerstag, 23. Dezember

Auf den heutigen Tag freue ich mich schon seit Wochen. Denn das einzige der 24. Türchen, das von Anfang an geplant war, ist das heutige. Sein Titel ist: Die Resterampe. Es war natürlich nicht möglich, alle gesammelten Heiligen zu zeigen, und nicht alle Unterkategorien konnten ordnungsgemäß abgearbeitet werden. Vieles wurde gar nicht behandelt. Und so ist es hier wie bei einem guten Feuerwerk: Am Ende gibt’s noch ein paar richtige Kracher. Wir machen heute also nicht viele Worte, sondern hauen jetzt einfach mal die Reste raus. Los geht es ganz harmlos, mit einer Rubrik, die leider gänzlich unberücksichtigt blieb. Ich nenne sie das religiöse Holzrelief, und die kleine Auswahl heute zeigt, warum ich sie hier nicht so richtig unterbringen konnte: Wo es um das Schaurig-Schöne geht, ist für Schönheit einfach kein Platz.

Wir sehen hier die Jünger Jesu, die den Tod der ewigen Jungfrau Maria betrauern. Ganz oben indes sieht man ihre Seele in den Himmel aufsteigen. Das gefällt mir besonders gut, denn jetzt weiß man auch mal, wie man sich das vorstellen muss.
Ganz ähnlich ist es hier: Christi Himmelfahrt.

Auch aus der Kategorie Film, Funk und Fernsehen sind noch ein paar Vertreter übrig:

Dsching, Dsching, Dschingis Khan.
Dieser Prinz könnte jederzeit bei „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mitspielen.
Hier ist der restliche Cast.
Ein bisschen Karlsson vom Dach, oder?

Auch bei der Geisterbahn gab es noch Reste:

Diese blutunterlaufenen Augen, herrlich!
Unbekannter Reliquiar mit Bartschatten und Schlafzimmerblick.
Der Bartschatten gefiel mir auch hier, aber aus irgendeinem Grund würde ich ihn vor allem der LBTG-Untergruppe zuordnen.

Ach, ich könnte noch ewig weitermachen. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag. Daher enden wir hier heute mit einem Hinweis, den man wirklich beherzigen sollte.

In der Kirche bitte nicht rauchen!

Freitag, 24. Dezember

Vier Wochen lang waren wir auf dem Weg. Nun sind wir am Ziel angekommen: an der Krippe. Damit ist quasi der Höhepunkt erreicht, auch in Bezug auf unser Thema: Denn im Stall von Bethlehem finden wir gleich fünf Heilige (und einen Gott). Das Problem ist nur: Krippen habe ich eigentlich keine in meiner Sammlung, obwohl bzw. vermutlich weil ich Krippen liebe. Zum einen gehören die Krippen in den verschiedenen Kirchen und Häusern meiner Kindheit zu den Erinnerungen an Weihnachtsfeste, wie es mir heute nicht mehr gelingt sie zu feiern oder zu fühlen. Darüber hinaus mochte ich Krippen aber auch immer schon, weil es so viel zu sehen gab. Oft waren es ja beachtliche Tableaus, die sich da unter den Weihnachtsbäumen der Verwandtschaft entfalteten. Diese pastoralen Szenerien aber waren noch gar nichts gegen die riesige neapolitanische Krippe, die ich vor ein paar Jahren in einer Ausstellung in Köln gesehen habe. Doch es geht, wie ich heute Mittag las, noch größer, schöner, bunter, mehr. Im Krippenmuseum in Brixen gibt es etwa eine sogenannte „Jahreskrippe“ mit 5.000 Figuren und über 50 Szenen, die nicht nur die Weihnachtsgeschichte ins Bild setzen, sondern die halbe Bibel bzw. das ganze Kirchenjahr. Dazu gehören auch Szenen, die Opfer und Feste des Judentums darstellen, wie zum Beispiel das Sabbat-Gebet in der Synagoge oder das Schlachten der Passah-Lämmer. Aber auch eine sogenannte „Fastenkrippe“ ist dort zu sehen. Diese erzählt statt von Weihnachten von Ostern. Wenn man Spaß an solchen Sachen hat, lohnt es sich, sich im Internet mal die Bilder dazu anzuschauen. (Wenn es das nächste Mal gen Italien geht, weiß ich jedenfalls, wo der Zwischenstopp gemacht wird.) Überhaupt ist Südtirol die allererste Adresse, wenn es um Krippen geht. Denn in Südtirol hat das Schnitzerhandwerk eine große Tradition, und die schönsten Krippenfiguren kommen von dort. Auch die Figuren, die es im Haus meiner Eltern gibt, sind aus Südtirol. Ich habe die Belegschaft für diesen Kalender einmal in etwas anderem Ambiente posieren lassen:

Auch beim Krippenpersonal ist es meiner Beobachtung nach also so, wie wir es bei den Heiligen hier schon öfter gesehen haben: Das Schöne ist geschnitzt, das Kitschige aus Gips gegossen. Ein Beispiel für Letzteres habe im Sommer im italienischen Loreto im Bild festgehalten. Dort gab es tatsächlich gleich mehrere Krippengeschäfte, und eines hatte dieses Angebot im Schaufenster:

Krippen waren in ihren mittelalterlichen Anfangszeiten, wie ich las, eine Art Lehrmittel, um dem Volk, das noch nicht lesen und schreiben konnte, gewisse Zusammenhänge anschaulich zu machen. Diesen Zweck zumindest erfüllt auch diese Krippe noch.
1.200 Euro für diesen Josef? Also ich weiß nicht.

Damit haben wir nun doch irgendwie noch die Kurve gekriegt zum Schaurig-Schönen, um das es in diesem Kalender ja gehen sollte. Ich weiß nicht, wie viele den Weg bis hierhin mitgegangen sind, aber Ihnen allen wünsche ich:

Frohe Weihnachten!

4 Kommentare zu „Adventskalender 2022

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    1. Ich glaube es ist der heilige Johannes. Der sieht genauso aus wie J., wird aber meist mit Schäfchen abgebildet. Hätte dieser hier eine Kirche in Rom, dann hieße sie vermutlich San Giovanni in Sottovestre.

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