Adventskalender, 20. Dezember

Nach nun fast drei Wochen, in denen ich Tag für Tag tiefer in die okkulten Sphären des Religiösen vorgedrungen bin und immer neue Absonderlichkeiten zutage gefördert habe, ist dieser Adventskalender beinahe zu einem umgekehrten Damaskuserlebnis für mich geworden. Denn ich frage mich inzwischen ernsthaft, was das eigentlich für ein seltsamer Verein ist, dem ich da angehöre und wie all die schrägen Dinge, die neben der frohen Botschaft noch so propagiert werden, mit meiner Mitgliedschaft in Einklang zu bringen sein könnten. Dies tue ich umso mehr, als wir hier ja noch längst nicht alle Geheimnisse des Kultes geschaut haben. Zu einem weiteren führt uns die Heilige des heutigen Tages, die heilige Jacinta.

Es kennt sie vermutlich niemand, und doch könnte man von ihr gehört haben, denn sie ist eines der drei Hirtenkinder, denen 1917 im portugiesischen Fátima die heilige Mutter Maria erschienen ist. Die Offenbarungen von Fátima sind ein weiteres großes Mysterium des Katholizismus, und mit Gänsehaut vernimmt der wundergläubige Mensch das Geraune, dass der Papst nie wieder gelacht habe, nachdem ihm das dritte Geheimnis von Fatima anvertraut worden sei. Solche Stories wecken natürlich mein Interesse, und auf dem Weg von Coimbra an die Algarve habe ich vor ein paar Jahren interessehalber mal einen Zwischenstopp in Fátima eingelegt. Ich möchte nicht spotten über die Gläubigen, die diesen Wallfahrtsort besuchen, und in der Erscheinungskapelle selbst war tatsächlich eine ganz besondere Stimmung oder Aura zu spüren. Aber drumherum war doch auch manches Brauchtum im Schwange, das mich an eine Art positiven Voodoo denken ließ. Denn in Hoffnung auf Heilung von Krankheiten jedweder Art wird der Jungfrau Maria auch geopfert. Genauer gesagt werden ihr in großen Mengen Körperteile aus Wachs dargebracht, die man im Pilger-Shop als Schüttgut erwerben kann. Nach dem Kauf werden sie auf den Schrein gelegt, der über dem Ort der Erscheinung erbaut wurde. Wenn dortselbst das Sims dann voll ist, kommt ein Bediensteter räumt die wächsernen Arme und Beine und Lungen und Mägen ab und übergibt sie dem Feuer. (Vermutlich werden sie geschmolzen und sofort wieder zu neuen Lungen und Mägen und Armen und Beine und Köpfen gegossen, die dann wieder im Shop verkauft werden und so weiter und so fort.) Ich hoffe sehr, dass diese Opfergaben jemandem helfen, sehe aber vor allem die Kassen klingeln. Und weil ich mir vorstellen kann, dass ich mit dieser Geschichte meinerseits auf Unglauben stoße, habe ich natürlich auch von diesem Ausflug wieder ein Beweisfoto mitgebracht.

Es gab auch Ohren, Nasen, Mägen, Köpfe, Arme, Beine, Füße und anderes mehr.

2 Kommentare zu „Adventskalender, 20. Dezember

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  1. Ich danke Ihnen sehr für diese Heiligenserie! Auch für mich als Agnostiker ist sie interessant und unterhaltsam, wobei die wächsernen Körperteile schon einen gewissen Höhepunkt kennzeichen. Sebastian als Schutzheiliger der Bürstenmacher war aber auch nicht schlecht.

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    1. Das nenne ich mal ein Kompliment! Vielen Dank dafür. (Ich bin froh, dass sich doch nicht alle so schwertun mit dem Thema, wie ich befürchtet hatte.)

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