Die Alten singen leise Hannes Wader

Zu den größten Herausforderungen des Älterwerdens gehört es, all die Veränderungen auszuhalten, die die anwachsende Zeit in ebenso anwachsenden Maße mit sich bringt. Die Fliehkräfte einer sich immer schneller drehenden Erde reißen praktisch an allen Ecken des Lebens, und jeden Tag verliert man irgendein kleines Stück von der Welt, die man kannte und in der man zu Hause war. Mal sind die Verluste größer, mal kleiner, aber immer summieren sie sich.

Auch heute sieht man mich deshalb in Tränen. Denn von der Masse der Mitbürger unbemerkt verkauft sich gerade in deutschen Supermärkten ein Produkt aus, das über Generationen hinweg einen festen, unverrückbaren Platz im Alltagsleben der deutschen Mittelschicht hatte: das Senfglas. Überall dort, wo der Geschirrschrank streng nach Alltags- und Feiertagsausrüstung differenzierte, wurden Apfelsaft, Sprudelwasser und Feierabendbier montags bis samstags aus Senfgläsern genossen, und noch heute gibt es Haushalte, wie den meiner Eltern, die ohne dieses Glas im Grunde nicht denkbar sind.

Die Transformation hat schon begonnen.

Jenseits des teuren Kristalls, mit dem außerhalb von Weihnachten und Ostern eigentlich nur Besuch bewirtet wird, haben diese beiden hochbetagten Kriegs- und Nachkriegskinder noch nie auch nur einen Pfennig oder Euro für die Anschaffung von Trinkgläsern ausgegeben. Denn gratis und mühelos kommt ja ein Thomy-Glas zum anderen, die Sammlung wächst, und Verluste sind in diesem sich ständig selbst ergänzenden System leicht zu verschmerzen, gleicht glücklicherweise doch ein Becher dem andern aufs Haar. (Allenfalls beim Fuß gab es in Laufe der Jahrzehnte kleine Experimente und Variationen.)

Nun habe ich selbst mich im Zuge der Loslösung vom Elternhaus auch vom Senfglas entfernt und sehe mich auch prinzipiell anderen Designvorstellungen verpflichtet. Doch den Senf habe ich all die Jahre weitergekauft (und jedes Mal ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich zusammen mit den vielen Flaschen wieder einmal ein tadelloses, unversehrtes Trinkglas zum Container getragen habe). Wohl auch deshalb habe ich gestern die Unwiederbringlichkeit wie einen Stich gespürt, als ich beim Einkauf zur Bratwurst auch den nötigen Mostert ins Körbchen legen wollte.

Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

Heute bin ich noch immer ratlos, versuche, den Verlust schreibend zu bearbeiten und frage mich und und alle, die mit mir empfinden, was wohl geschehen sein mag, dass dies passieren konnte. Hat auch bei Nestlé im Stillen Elon Musk übernommen, um quasi über Nacht eine große deutsche Tradition zugrunde zu richten? Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher: Dieses gewöhnliche Schraubverschlussgefäß und Altglas in spe, das uns da gerade so klammheimlich untergeschoben wird, ist das völlig falsche Zeichen in unserer nachhaltigen Zeit. So gesehen hätte das Ende des Senfglases geradezu das Zeug zu einer Marketingkatastrophe.

Die letzte Generation ist nicht erfreut: Von allen hier möglichen Adjektiven ist "bestehend" sicher das falscheste.

Doch das ist nicht mein Problem. Ich überlege vielmehr, wie mit dem Wandel umzugehen ist? Vielleicht mit einer guten Mischung aus Offenheit und Beharren? Zum Beispiel könnte ich im Supermarkt in Zukunft öfter mal auch zu anderem Mostrichmarken greifen. Das letzte Senfglas hat die Nostalgikerin in mir jedenfalls bereits gründlich gespült und wird es zu guter Letzt nun vermutlich doch noch mit einem Platz im Küchenschrank adeln. Ganz sicher aber werde ich nicht auf die windigen Offerten derjenigen hereinfallen, die nur allzu gerne in die Bresche springen würden: Bei Ferrero versuchen sie gerade, das Nutellaglas mittels besonderer Deckel zu Aufbewahrungs und Trinkgefäßen hochzupimpen.

2 Kommentare zu „Die Alten singen leise Hannes Wader

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