Adventskalender, Samstag, 3. Dezember

Zu den häufigsten und gleichzeitig störendsten Formen, in denen uns Schrift im öffentlichen Raum begegnet, gehört Werbung jedweder Art. Doch in stetiger darwinistischer Optimierung auch der Spezies Mensch schreitet die Evolution immer weiter voran, und die Besten von uns sind heute bereits in der Lage, speziell Printwerbung ohne jegliche bewusste Kognitionsleistung aus ihrem Blickfeld auszufiltern. Doch seit geraumer Zeit stehen wir vor neuen Herausforderungen. Denn praktisch an jeder Kreuzung und Ampel lauert einer dieser heimtückischen Info-Screens auf arglos wartende Fahrzeugführer, um ihnen seine grellen Botschaften in die Netzhaut zu brennen. Anders als herkömmliche Plakatwände, die die Straßen längsseitig säumen und tagelang lediglich eine einzige Botschaft verbreiten, ist das neue Marketing-Geschütz frontal zum Gegner ausgerichtet und beschießt ihn 24/7 im Schnellfeuer mit zig Anzeigen hintereinander. Es ist die modernste Waffentechnik, die die Propagandaabteilung des Kapitalismus da aufbietet. Sie nennt sich „Digital Out-of-Home“-Werbung (DOOH), was frei übersetzt „digitale Außenwerbung“ bedeutet, und ist in kürzester Zeit aus der Ferne programmierbar. Vereinfacht gesagt kann eigentlich jeder, der es bezahlen kann, den DOOH-Kanal per App mit selbst gestaltetem Material beschicken. Das allerdings scheint mir mehr Fluch als Segen zu sein. Denn wirklich augenfällig an der digitalen Außenwerbung ist bislang allenfalls der eklatante Widerspruch zwischen der Professionalität der Form und dem Dilettantismus der meist regionalen Inhalte. Erwärmen kann ich mich eigentlich nur für eine Sorte „Spots“ auf Info-Screen-TV, nämlich für die seltsamen statistischen Kurzmeldungen, die hier in Bonn regelmäßig zwischen der Werbung eingeblendet werden (ihrerseits aber vermutlich auch wieder Werbung für irgendwas sind). Just heute Morgen wurde ich in einer längeren Rot-Phase über die größten Käseproduzenten der Welt in Kenntnis gesetzt (die USA). Aber man erfährt auch die Anzahl der lokal agierenden „Unternehmen zur Herstellung von Möbeln“ (21) und andere wichtige Dinge, die man im Straßenverkehr wissen muss. Dass in den Werbepausen nichts zu der Parksituation in der Innenstadt oder zu den Staus im Umland vermeldet wird, liegt auf der Hand. Dafür gibt es ja schon wieder eigene blinkende Schilder.

Es kommt ein Schild geladen und flutet uns mit Sinn.

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