Artventskalender

Dienstag, 1. Dezember

Nachdem der Adventskalender im letzten Jahr so ein Erfolg war, soll es natürlich auch in diesem Jahr wieder einen geben. Denn so ein Kalender dient ja, das weiß man, nicht zuletzt dem Zweck, die Vorfreude auf das Christfest zu steigern. Seit heute läuft nun der Countdown, und Vorfreude, ja Freude überhaupt scheint in diesem Jahr dringender nötig als je zuvor. Daher will ich gerne versuchen, meinen Teil dazu beizutragen. Lange habe ich überlegt, womit das Kalendarium denn so gefüllt werden könnte, dass es thematisch auch für 24 Tage reicht. Dann war es mir schlagartig klar: Neben all den Begegnungen im zwischenmenschlichen Bereich haben mir in diesem Jahr vor allem all jene mit Kunst und Kultur gefehlt. Ich war dieses Jahr nicht im Kino, nicht in der Oper, nicht in einem Konzert und auch nicht auf einem Konzert. Allein zwei Ausstellungen habe ich besucht. Denn obwohl ich prinzipiell keine Ahnung von bildender Kunst habe, bin ich ihr doch sehr zugetan. Gerade sind die Museen allerdings wieder für sehr lange Zeit geschlossen, und so dachte ich, ich könnte hier in den nächsten drei Wochen eine kleine Ausstellung veranstalten. Keine Angst, es wird nicht allzu anspruchsvoll oder gar kunsthistorisch. Es sind nur ein paar Schnappschüsse, die ich in den letzten Jahren von kleinen Reisen zur Kunst mitgebracht habe. Bei vielen Bildern ist nicht einmal mehr klar, von wem sie stammen oder wann sie entstanden sind. Andererseits ermöglicht ja gerade das einen völlig unbefangenen Umgang mit dem Artefakt. Das erste, das ich heute zeige, schlägt irgendwie auch die Brücke zu dem popmusikalischen Adventskalender des letzten Jahres:

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Dieses Porträt von Phil Collins hat uns im Sommer in der Gemäldegalerie Berlin viel Freude bereitet.

Mittwoch, 2. Dezember

Ich weiß nicht, warum, aber ich habe ein großes Faible für Stillleben. Erhöbe nun jemand den Einwand, er fände diese langweilig und hausbacken, so würde ich nicht widersprechen. Trotzdem schaue ich sie mir gerne an, vor allem wenn Essen darauf zu sehen ist. Blumen-Stillleben mag ich weniger. Es gibt noch weitere Unterarten wie Raucherstilleben (mag ich auch) oder Jagdstillleben (geht so) und natürlich auch Mischformen. Für meine Begeisterung von entscheidender Bedeutung ist in jedem Fall die Frage, wie naturgetreu die Darstellung ausfällt. Daher mag ich auch tendenziell lieber die fast fotorealistischen Stillleben aus dem 17. und 18. Jahrhundert, als die wahre Könnerschaft noch daran gemessen wurde, wie gut es dem Meister gelang, Glas zu malen. Im 19. und 20 Jahrhundert wird es dann gröber, die Farben und die Formen beginnen zu fließen, und was soll ich sagen, Obst- oder Blumen-auf-Tisch-Darstellungen aus dieser Zeit finde ich langweilig und hausbacken. Allerdings sah ich vor ein paar Jahren eine äußerst gelungene Weiterführung des Stilllebens in Videoform: Auf einem Tisch arrangiert waren unter anderen eine Vase mit Blumen, ein Butterbrot und ein Apfel, und im Video sah man sie ganz langsam, fast unmerklich verwelken, vertrocknen und verschrumpeln. Toll! Was nun die Stillleben mit Essen angeht, so geben sie natürlich auch Aufschluss über die zu ihrer Zeit verbreiteten Lebensmittel und Essgewohnheiten. Und gerade vor diesem Hintergrund hat mich das folgende Stillleben aus der Gemäldegalerie Berlin doch einigermaßen erstaunt. Denn das da links, das ist doch ein Burger-Brötchen!

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Still life with burger bun

Donnerstag, 3. Dezember

Nicht nur Museen sind eine originäre Heimstatt der Kunst, auch Kirchen sind es, zumal die katholischen, in denen man von Schlichtheit meist nicht viel hält. Daher und weil ich auch eine große Liebhaberin des religiösen Holzreliefs bin, werfe ich auf der Reise zumindest einen kurzen Blick in jedes Gotteshaus, das am Wegesrand liegt. Aus diesem Grund verfüge ich auch über eine stattliche Fotosammlung zum Thema „Die scheußlichsten Heiligenfiguren der Nordhalbkugel“, denn der religiöse Kitsch gebiert die abscheulichsten Kinder. Manchmal entdeckt man hinter dicken Holztüren aber auch die allerschönsten Kleinodien. In der Pfarrkirche von Langenargen am Bodensee zum Beispiel findet sich in einer Seitenkapelle eine Serie von Holztafeln mit Szenen aus dem Leben Jesus. Es ist kein Kreuzweg, sondern eher eine Art mittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher Jesus-Comic. Das letzte Relief zeigt Christi Himmelfahrt, und es ist dasjenige, das mir am besten gefällt. Sie werden gleich sehen, warum.

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Genau so muss es gewesen sein.

Freitag, 4. Dezember

Vor ein paar Jahren las ich in der Lokalzeitung von einer Ausstellung in Schloss Moyland in Bedburg-Hau mit dem Titel „Lasst Blumen sprechen“. Nun gehören Bilder von Blumen ganz sicher zu jenen Darstellungen in der Kunst, an denen ich durch alle Epochen achtlos vorübergehe. Auch Bedburg-Hau allein hätte mein Interesse vermutlich nicht geweckt. Was mich die Reise an den Niederrhein antreten ließ, war die Aussicht auf ein Werk, für das ein Künstler seine DNA mit der einer Pflanze gekreuzt hatte. Ich war sehr gespannt, wie das angekündigte „Mischwesen aus Mensch und Pflanze“ wohl aussehen würde. Würde an ihm irgendetwas Menschliches zu entdecken sein? Nun, um es gleich vorwegzunehmen, die Petunie mit der eingepflanzten künstlerischen Erbgut-Sequenz war der totale Flop und unterschied sich in nichts von den Topfpflanzen auf der Fensterbank meiner Mutter. Diese Enttäuschung machten andere Exponate in der kleinen, aber feinen Ausstellung wieder wett. Ich sah dort zum Beispiel das hier bereits erwähnte Stillleben-Video sowie auch das folgende barocke Prachtbouquet, das sich bei näherem Hinsehen als ein Arrangement aus Hasenpfötchen, -schwänzchen und -öhrchen entpuppte. Das fand sogar ich ein bisschen verstörend. Daher kann ich nur hoffen, dass sich die Tierschützer unter uns mit dem Hinweis versöhnen lassen, dass sich die Ausstellung nicht nur mit Blumen als uraltem Symbol von Schönheit und Vergänglichkeit auseinandersetzte, sondern auch den Umgang des Menschen mit der Natur thematisierte.

Und so sah übrigens der florale Humanoid aus (ich weiß nicht, was sich die Landwirtschaftkammer von dieser Förderung versprochen hat):

Samstag, 5. Dezember

In jedem anständigen Adventskalender ist am 6. Dezember ein Nikolaus drin. Das bringt mich ganz schön in die Bredouille, denn es ist Nikolausabend, und ich stehe hier mit leeren Händen. Der Grund ist, dass mir Sankt Nikolaus im Museum bisher tatsächlich noch nicht begegnet ist, jedenfalls nicht, dass ich mich erinnern würde. Das ist umso erstaunlicher, als die bildende Kunst in Europa meiner Beobachtung nach bis ungefähr zum 15. Jahrhundert eigentlich gar keine anderen Motive zu kennen scheint als religiöse bzw. christliche. Schreitet man zum Beispiel durch die Gemäldegalerie Berlin (sozusagen die deutschen Uffizien), sieht man in den ersten Sälen eigentlich nichts anderes als biblische Bilder, darunter immer wieder Krippen und morgenländische Könige, Verkündigungsengel, Jesus im Tempel und am Kreuz und auch ungefähr 200 verschiedene Darstellungen der heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten. Auch andere Heilige sind zahlreich im Musentempel anzutreffen, aber ich kenne kein einziges weltberühmtes Gemälde, das den guten Mann aus Myra zeigen würde. Verkitschte Darstellungen im Coca-Cola-Stil gibt es natürlich die Menge. In der seriösen abendländischen Kunst aber ist der Nikolaus quasi so etwas wie eine Leerstelle. Diese kann natürlich auch ich nicht so einfach füllen, aber ich habe mich wenigstens um Ersatz bemüht. Meine Wahl ist dabei auf den heiligen Hieronymus gefallen. Das ist nicht nur mein Lieblingsheiliger in der Kunst, sondern den haben von Leonardo da Vinci über Dürer, Cranach und Caravaggio bis Rubens eigentlich auch alle gemalt. Dazu kommt: Auch ihn sieht man oft mit langem weißem Bart, und Rot ist durchaus seine Farbe. Wenn man ihn einmal kennt, trifft man ihn immer wieder. Es gibt vor allem zwei Darstellungsvarianten: „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ (da gefällt mir allein schon der Titel gut) und „Der heilige Hieronymus in der Wüste“. Wer sich für die genaueren Hintergründe interessiert, der muss sich woanders informieren. Hier nur so viel: Hieronymus war ein Kardinal und Kirchenvater, der einst auch als Eremit in der Wüste lebte. Weil er dort einem Löwen einen Dorn aus der Pranke gezogen und das wilde Tier so gezähmt hat, ist auf Hieronymus-Darstellungen irgendwo eigentlich immer auch ein Löwe zu sehen. Angesichts dieses Tierchens muss das globalisierte Auge des 21. Jahrhunderts allerdings oft schmunzeln. Denn einen Löwen hatten die meisten alten Meister vermutlich noch nie gesehen. Bei Cranach jedenfalls sieht die Raubkatze eher aus wie ein Affe. Und auch der folgende Künstler hat sich löwentechnisch nicht lumpen lassen: Hier hat das Tier, wie ich finde, fast ein menschliches Antlitz.

Ein würdiger Ersatz-Nikolaus: der heilige Hieronymus. Dieser ist – neben mindestens fünf weiteren Hieronymussen – in der Berliner Gemäldegalerie zu finden.

Sonntag, 6. Dezember

Der heutige zweite Adventssonntag wäre, so dachte ich, doch mal ein guter Anlass, etwas für die Ökumene zu tun und zu zeigen, dass das Köpfeabschlagen auch in der christlichen Religion durchaus ein Thema ist. In der abendländischen Kunst, in der durch die Jahrhunderte nichts zu grausam war, um nicht in einem farbenfrohen Bild festgehalten zu werden, jedenfalls ist eines der beliebtesten Motive das von Salome, die auf einem Silbertablett das Haupt Johannes´ des Täufers präsentiert. Michelangelo, Leonardo da Vinci, Tizian und Caravaggio, alle großen Italiener haben es gemalt. Aber auch von Cranach gibt es ein schönes Bild, das ich schon immer mal als Puzzle haben wollte (denn anders als viele andere Gemälde würde es sich perfekt für diesen Zweck eignen). Neben Salome gibt es natürlich auch noch Judith, die dem Holofernes den Kopf abschnitt. Auch hier ist die Liste derjenigen, die diese biblische Splatter-Story aufgegriffen haben, wieder ebenso lang und wie prominent besetzt. Die einzige mir bekannte „alte Meisterin“, Artemisia Gentileschi, hat Holofernes Enthauptung gleich dreimal gemalt, und zwar die Tat, nicht das Ergebnis. Sogar an die Decke der sixtinischen Kapelle haben es Judith und Holofernes geschafft. Diese Gemälde kannte ich, das ein oder andere sah ich sogar schon mit eigenen Augen. Was mir aber bis zu einem Besuch im Kölner Museum Schnütgen völlig unbekannt war, ist, dass das Enthauptungsthema auch eine bildhauerische Tradition gezeitigt hat: die Johannes-Schüssel nämlich. Was das ist, kann sich vermutlich jeder vorstellen, ich habe aber sicherheitshalber auch mal ein Foto gemacht. (Dass der Anblick einer solchen Schüssel im Mittelalter als Hilfe gegen Kopf- und Halskrankheiten galt, macht die Sache nicht besser.)

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Im bildhauerischen Bereich ist übrigens noch eine astrein christliche Form der Kopf-ab-Kunst zu Hause, die mir bis vor Kurzem ebenfalls gänzlich unbekannt war, die sogenannte Türken-Madonna. Das ist eine Darstellung von Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, das den Kopf eines türkischen Soldaten als Trophäe präsentiert. Hintergrund sind die osmanischen Kriege (Prinz Eugen und so), in denen die Gottesmutter der einen Seite als Schutzpatronin galt. Wer wissen möchte, wie das aussieht, googelt mal nach „Türkenmadonna“ und „Kirchsahr“. In der dortigen Pfarrkirche findet sich nämlich eine solche Figur. Dass ausgerechnet die heilige Maria, Sinnbild der Reinheit, und ein unschuldiges Baby sich mit einem abgeschlagenen Kopf brüsten und schmücken, finde ich dabei besonders erstaunlich bzw. pervers. Angesichts dessen erscheint mir das Bildverbot des Islam plötzlich in ganz neuem Licht.

Montag, 7. Dezember

Nach den schlimmen Bildern von gestern sollten wir unsere Augen heute etwas schonen. Ich verzichte daher auf die Abbildung eines Kunstwerks und widme mich stattdessen einem etwas wenig aufwühlenderen Thema: den Info-Schildern im Museum. Ich sage es gleich: Ich lese sie eigentlich nicht. Gerade die großen Tafeln, die am Eingang eines Saales oder zu Beginn eines neuen Abschnitts in langen Texten den großen kunsthistorischen Rahmen abstecken, ignoriere ich in der Regel komplett. Für die kleinen Schilder mit Titel, Name des Künstlers und Entstehungsjahr wiederum interessiere ich mich nur dann, wenn mir ein Bild wirklich gefällt. Das spart viel Zeit beim Museumsbesuch, die man dann auf das Wesentliche verwenden kann: das Schauen. In ganz wenigen Ausnahmefällen aber sind es gerade die Schilder, die Freude beim Betrachter hervorrufen. Dazu gehörte in meinem Fall zuletzt das folgende:

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Leider fehlte ein Info-Schild dazu, wer oder was der Meister der weiblichen Halbfiguren eigentlich ist. (Was er gemalt hat, dürfte klar sein.) Die Lücken, die die Museumspädagogik gelassen hat, kann ich mit der schnell gegoogelten Information füllen, dass wir es hier mit einem sogenannten „Notnamen“ zu tun haben, den die Kunsthistorik immer da vergibt, wo der Name des Künstlers unbekannt, sein Stil aber charakteristisch genug ist, um ihm eine Reihe von Werken zuzuordnen. Diese Praxis kennt man von den diversen Meistern der Altäre, wie dem Meister des Aachener Altars, dem Meister des Bamberger Altars, dem Meister des Krainburger Altars, dem Meister des Heisterbacher Altars, dem Meister des Kefermarkter Altars, dem Meister des Oberspayer Altars, dem Meister des Reistenhausener Altars, dem Meister des Johannisaltars, dem Meister des Bartholomäusaltars, dem Meister des Altars von Hohenfurth, dem Meister des Meisterburger Altars, dem Meister des … So, wenn heute jemand nicht schlafen kann, liegt es nicht an mir.

Dienstag, 8. Dezember

Bisher haben wir hier mit einer Ausnahme Kunstwerke aus dem 16. Jahrhundert betrachtet, und es könnte so der Anschein erweckt worden sein, dass mir an modernerer Kunst nichts liegt. Dem ist ganz und gar nicht so! Es gibt anschließend sicherlich Epochen und Jahrhunderte, deren Ausdrucksformen in keinster Weise mit meiner geistig-seelischen Verfasstheit, meinem Verständnis und/oder meinem ästhetischen Empfinden korrespondieren, also gar nicht zu mir sprechen. Barock, Impressionismus oder das Informel zum Beispiel interessieren mich nicht mehr, als das Allgemeinwissen verlangt. Aber es gibt wenig, was ich so aufregend finde wie zeitgenössische Kunst. Mit zeitgenössisch meine ich als Laie vor allem das 21. Jahrhundert. Denn im 20. Jahrhundert war mir noch zu viel Theorie, Geometrie und Abstraktion. Ich bin einfacher gestrickt: Ich mag es umso lieber, je mehr ich erkennen kann (auch wenn ich dann nicht immer verstehe, was ich sehe). Zu den ersten Ausstellungen, auf denen mir klar wurde, dass die Zeiten wieder amüsanter werden bzw. dass es mit mir und der modernen Kunst doch noch etwas werden könnte, gehörte 2007 im Essener Folkwang Museum die Ausstellung „Rockers Island“, in der die sogenannte „Olbricht Collection“ gezeigt wurde. Da sah ich zum ersten Mal Werke von Maurizio Catellan oder von Jake und Dinos Chapman und begriff, dass es in der Neuzeit eher die Plastik ist, die mich interessiert, und nicht das Gemälde. Ganz plastisch klar wurde mir da aber auch, wie immens reich manche Leute sind. Denn das, was in den vielen Sälen hing, gehörte alles einem einzigen Mann, diesem Thomas Olbricht, Kunstsammler und Mäzen, aber eben auch „Wella-Erbe“. Dass man mit Mini-Pli-Produkten und Haarspray so reich werden kann! Ich gebe zu, es war nicht nur Antikapitalismus, was sich damals in mir regte, sondern auch ein bisschen Neid. Mir hätte ein einziges Stück gereicht. Wenn ich hätte wählen können, wäre es dieses gewesen.

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Das „Schachspiel Gut gegen Böse“ von Maurizo Cattelan aus dem Jahr 2003. Inzwischen hat es den Besitzer gewechselt: Vor ein paar Jahren wurde es bei Sotheby´s für umgerechnet rund 190.000 Euro versteigert. Ich weiß nicht, wer es gekauft hat. Ich war es leider nicht

Mittwoch, 9. Dezember

Dass sich die Kunst gern mit dem Geld ins Bett legt, ist gestern hier schon angeklungen. Früher war es so, weil die Fürsten und Päpste die Maler bezahlten. Heute ist es so, weil die Bilder so teuer sind. Es ist also alles gleich geblieben: Kunst kauft nur, wer Geld hat. Allerdings können heute, wo der Markt die Preise bestimmt und nicht mehr der Mäzen, auch die Künstler reich werden. Analog ist das Kunstwerk heute häufig auch Geldanlage und Spekulationsobjekt, statt für immer unveräußerlich. (In der Folge dieser Veränderungen gibt es vermutlich heute auch immer weniger unentdeckte Talente, dafür aber mehr überbewertete.) Der Widerstand gegen diese kapitalgeprägten, elitären Verhältnisse in der Kunstwelt kommt wie immer aus der alternativen Szene. In meiner Stadt findet einmal im Jahr ein Event mit dem Titel „CheapArt Sensation“ statt. Hier kann praktisch jeder, der den Künstler in sich gespürt und freigelassen hat, seine bildnerischen Erzeugnisse einen Abend lang ausstellen und auf dem freien Markt feilbieten. Es gibt allerdings eine Preisgrenze: Was mehr als 100 Euro kostet, kann nicht dabei sein. Nicht alles ist schön, was es da zu sehen und zu kaufen gibt, aber es gibt gleichwohl immer auch was zu entdecken. Und weil die Hemmschwelle so niedrig ist, ist der Andrang riesig. Die Schnäppchenjäger stehen schon Stunden vor der Eröffnung Schlange rund um den Block, um als Erste den Weizen von der Spreu zu trennen und die Perlen von den Säuen. Den Letzten beißen dann die Hunde: Kommt man erst später am Abend, sind die Wände leer gekauft, und es ist kaum mehr noch zu bekommen als grellbunt dilettantisch Punkiges oder düstere Bleistift-Dystopien, die im therapeutischen Setting sicher adäquater untergebracht wären als in der Kunstwelt. Aber bei der „CheapArt“ ist es wie bei Hornbach: Alles muss raus, und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Ich war zwar bisher meinem Empfinden nach noch nie früh genug da, aber ich habe trotzdem schon zwei- oder dreimal zugeschlagen. Auf diesem Weg ist vor ein paar Jahren auch das folgende kleine Bild zu mir gekommen. Ich weiß nicht mehr, von wem es ist (ich weiß nicht, ob ich das überhaupt jemals wusste), aber ich mag es immer noch, und es ist natürlich absolut unverkäuflich.

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Donnerstag, 10. Dezember

Nachdem wir gestern den Zusammenhang zwischen Penunze und Kunstwerk ausführlich erörtert haben, widmen wir uns heute einem Thema aus der Nachbarschaft, dem Verhältnis von Kunst und Macht. Denn ganz so frei wie immer behauptet war die Kunst ja fast nie. Was sich Kaiser, Könige, Päpste und andere Potentaten und Mäzene jedenfalls für ihr Geld so bauen und malen ließen, sollte in der Regel auch sichtbarer Ausdruck ihrer Macht sein, ein Denkmal also für die Ewigkeit. Experten auf diesem Gebiet waren in der Renaissance vor allem die alten weißen Kirchenmänner. (Aber wenn heute irgendein Industriemagnat sein hässliches Konterfei als Drohung an die Nachgeborenen in Öl bannen lässt, ist das eigentlich auch nichts anderes.) Den demonstrativen Charakter von Werk und Auftraggeber zeigt sehr schön dieses Bild aus der Gemäldegalerie Berlin.

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Das Porträt stellt ausweislich des begleitenden Schildes „nur“ einen Bischof dar. Dass er sich als römischer Imperator verewigen ließ, wirkt daher umso vermessener (und heute geradezu lächerlich), kommt aber sicher nicht von ungefähr. Ganz anders ist es bei dem folgenden Bild, das einen Papst zeigt, und zwar in einer Pose, die wider alle Erwartung wenig pompös und pontifikal daherkommt.

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Wir sehen hier Papst Julius II, gemalt von Raffael. Mit bürgerlichem Namen heißt dieser Pontifex Maximus Giuliano della Rovere, und man könnte ihn aus der großartigen TV-Serie „Borgia“ kennen, dort ist er ein Antipode des Titelhelden-Papstes. In der wahren Geschichte schaffte er es später selbst auf den Stuhl Petri, war ein großer Mäzen und ließ den Petersdom bauen. Homosexuell soll er übrigens auch gewesen sein. Allerdings war er, wie man hört respektive liest, keineswegs so ein trauriger, nachdenklicher, gütiger Geselle und Opa, wie es hier den Anschein hat, sondern trug den Beinamen „papa terribile“ und war besonders furchteinflößend. Nun, diesen Brüdern ist ja nie zu trauen. Vielleicht war dieses Bild also nur eine andere Art der Image-Werbung. (Zu Hause ist es übrigens im Städel-Museum in Frankfurt.)

Zu guter Letzt fand ich, ebenfalls wieder unter der ersten Berliner Kunstadresse, noch dieses Gemälde.

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Dies Bild scheint mir auf Anhieb recht herrschaftsbefreit. Denn erstens würde sich so unvorteilhaft doch wohl niemand freiwillig malen lassen, zweitens sehe ich nirgends Klunker, und drittens lässt auch der Titel des Bildes diese Überlegung zu. Es heißt „Bildnis eines Prälaten“. Kein Name, kein konkretes Amt: kein Auftraggeber? Vielleicht war hier wirklich nur ein freier Künstler am Werk, der uns in einer freien Studie die relativ ungewöhnliche Profilansicht einer dicken roten Robbe geschenkt hat. So oder so, ich mag das Bild, wegen dieser gewissen Klarheit (und weil Rot meine Lieblingsfarbe ist). Ach, das könnte man sich glatt ins Wohnzimmer hängen.

Freitag, 11. Dezember

Vor ein paar Jahren gab es in Frankfurt eine große Doppelausstellung, die dem Werk Jeff Koons gewidmet war. In der Schirn Kunsthalle waren die Gemälde des amerikanischen Künstlers zu sehen, im Liebighaus seine Skulpturen. Von den Gemälden erinnere ich mich nur noch an eines, das nicht einfach nur den Hintern, sondern tatsächlich das A…loch von Ilona Staller aka La Cicciolina zeigte. Aber ich schrieb es ja bereits, moderne Malerei ist nichts, was mich interessiert. Besser erinnerlich ist mir der Gang durch das Liebighaus, das eine der bedeutendsten Skulpturensammlung dieses Kontinents beherbergt, nämlich Bildhauerisches von der Antike bis zum Klassizismus, also gerade nichts Modernes. Zwischen den mittelalterlichen Madonnen und Heiligenfiguren tummelten sich nun die bonbonbunten Edelstahl- und Porzellan-Skulpturen des amerikanischen Künstlers. Denn sie sollten, so war es die Absicht der Ausstellungsmacher, in einen Dialog treten mit den historischen Werken. Aber was soll ich sagen, Paulchen Panther und Popeye neben der Gottesmutter und antiken Statuen griechischer und römischer Götter: Es war kein Gespräch auf Augenhöhe. In einem eigens für ihn reservierten Museumssaal hätte mir eine Wanderung durch Koons poppigen Kosmos sicher Spaß gemacht. Aber in dieser Nachbarschaft fiel vor allem eins ins Auge, nämlich dass es all den so verlockend glänzenden Ballonfiguren, so groß sie auch waren, einfach an Größe fehlte. Ich hatte das alles sehr gerne sehen wollen, und fand es plötzlich auf einen Schlag banal. Doch das Liebighaus hielt Linderung für dieses schmerzliche Gefühl der Enttäuschung bereit. Denn ich entdeckte dort die folgende Figur eines schwäbischen Bildhauers aus dem 14. Jahrhunderts.

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Wir haben hier nichts weniger vor uns als die heilige Dreifaltigkeit, quasi das männliche Gegenstück zur Anna selbdritt. Ich hatte so eine Darstellung noch nie gesehen, und auch seither ist mir nirgends wieder etwas Ähnliches begegnet. Überhaupt sind zwei der drei Freunde sonst eher selten ins Bild gesetzt (und einer ist sonst immer eine Taube). Ich möchte Jeff Koons nicht dissen, aber wie soll man angesichts dessen so etwas finden:

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Ich weiß nicht, wie gut sich Michael Jackson (trotz Bubbles) heute noch verkaufen würde, aber eine andere Skulptur von Jeff Koons (es war ein Hase) wurde laut Wikipedia 2019 bei Christie’s für 91 Millionen US-Dollar versteigert und gilt damit vorerst als das teuerste Werk eines noch lebenden Künstlers. (91 Millionen Dollar? Ich finde, wer es gekauft hat, hat es auch verdient.)

Samstag , 12. Dezember

Mit Jeff Koons bin ich noch nicht fertig. Denn auch mit unserem heutigen Exponat ist er untrennbar verbunden: mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao. Dort setzt im Vorgarten nicht nur sein bunter Blumenhund Puppy eine markante Duftmarke, auch an anderer Stelle auf dem Gelände, unten am Ufer des Nervíon, ist eines seiner Werke zu finden.

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Als ich das erste Mal in Bilbao war, vor rund zehn Jahren, war ich gar nicht im Guggenheim. Die Wechselausstellung damals lockte mich nicht so, und gleichzeitig war es draußen schon spektakulär genug. Denn sonst mag die Kunst im Museum zu finden sein, in Bilbao ist der Museumsbau selbst das Kunstwerk, die Attraktion, das, was man unbedingt sehen will.

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Ich finde Frank Gehrys an ein Schiff erinnerndes Gebilde aus Titan, Sandstein und Glas immer noch atemberaubend schön und freue mich, dass damit auch das weite, interessante Feld herausragender Architektur in diesem Adventskalender zumindest ein bisschen gestreift wurde. Denn ganz ehrlich: Haben Sie schon jemals so etwas gesehen oder geglaubt, dass man so etwas bauen kann? All jenen, die die Systemrelevanz von Kunst und Kultur in Frage stellen, kann man übrigens auch nichts Besseres entgegenhalten als das Beispiel Bilbaos, dem das 1997 eröffnete Museum für moderne Kunst einen wirtschaftlichen Aufschwung sondergleichen beschert hat. Das Guggenheim hat, so formulierte es jemand Berufeneres, „aus einer sterbenden Industriestadt eine blühende Kultur-Metropole“ gemacht. Als ich vor drei Jahren wieder im Baskenland war, hatte ich im Übrigen auch mit der Wechselausstellung Glück: Es gab eine große Retrospektive des amerikanischen Video- und Installationskünstlers Bill Viola. Diesmal waren damit auch drinnen die alleraufregendsten Dinge zu sehen; nämlich Videos, von denen viele große Gemälde sind und zu denen ein Laie wie ich in seinem Erstaunen und Bewundern nichts Adäquates sagen kann. Einen kleinen Eindruck vermittelt vielleicht dieses Video, das nur ein Auszug ist aus einem Auszug aus einer insgesamt fünfteiligen Videoinstallation Bill Violas mit dem Titel „Going Forth by Day“:

Impressionen der gesamten Installation (die aber nur einen einzigen Raum in der großen Retrospektive beanspruchte) zeigt dieses Video. Es ist allerdings mit sehr schrecklicher Musik unterlegt, und man muss auf jeden Fall auf Bildschirmgröße umschalten:

Sonntag, 13. Dezember

Die Idee zu diesem Adventskalender ist bereits im Sommer entstanden, nach einem Besuch in der Berliner Gemäldegalerie. Denn dabei hatte ich eine ganze Reihe Gemälde fotografiert, die mir in irgendeiner Weise ungewöhnlich, kurios oder anderweitig bemerkenswert erschienen. Leider kam die Idee erst nach dem Besuch, sonst wäre ich vermutlich schlau genug gewesen, von diesem Kunstraubzug insgesamt mindestens 24 verschiedene Motive mitzubringen. Nichtsdestotrotz erklärt dies jenseits meiner Vorlieben den Überhang alter und älterer Bilder in diesem kleinen Kalender. Es war hier bereits zu lesen, dass es bestimmte Motive gibt, die in der Malerei früherer Jahrhunderte immer und immer wieder auftauchen und dass dies recht häufig biblische sind. Eines davon ist die heilige Familie, ein Motiv, das mir gar nicht schlecht in den Advent zu passen scheint. Man könnte sogar vermuten, es wäre ein gutes Bild für den 24. Dezember, doch für diesen Tag habe ich, wie ich finde, noch etwas Schöneres gefunden. Aber an einem Sonntag im Advent sind Josef, Maria und ihr Kind sicher auch nicht fehl am Platze. Nun gab es in dem Berliner Haus auch die heilige Familie wieder in vielerlei Darstellungen von den verschiedensten Künstlern, und irgendwann fiel uns auf, dass der heilige Josef dabei immer kurz am Greisenalter vorbeischrappte, während Maria jung und schön und lieblich dargestellt wurde.

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Der Josef erinnert mich an einen deutschen Schauspieler, dessen Name mir aber leider nicht einfallen will.

Der Grund dafür war uns unbekannt. Lag es an den Moralvorstellungen früherer Zeiten und der gängigen Vorstellung, dass niemand außer einem alten Mann eine ledige schwangere und somit befleckte Frau noch nehmen würde? Aber als befleckt darf man die Jungfrau Maria natürlich keinesfalls betrachten und darstellen. Wie also kommt der kirchentreue Künstler aus dieser logischen Zwickmühle wieder heraus? Die Lösung lautet: Es ist gar keine. Der Gedanke, der hinter dieser Darstellung steht, ist ein ganz anderer. Hier geht es nicht um den Ruch eines Makels, sondern im Gegenteil gerade um die Unterstreichung der Jungfräulichkeit und um die immerwährende Garantie derselben. Denn so einen alten Mann betrachtete man als jenseits von Gut und Böse, nur an seiner Seite kann Maria für immer Jungfrau bleiben. Diese keusche, enthaltsame Form der Verbindung hat übrigens über das heilige Paar hinaus Schule gemacht. In Form der sogenannten Josefsehe steht sie bis heute jedermann und -frau offen, so er und sie, er und er, sie und sie etc. denn das stillbare Verlangen danach haben. Ach, ist es nicht schön, dass heute jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann?

Montag, 14. Dezember

Ein Grund, warum ich mit vielen Gemälden vergangener Jahrhunderte nichts anfangen kann, ist, dass sie mir die Darstellungen oft zu schwülstig oder pathetisch, zu symbolisch oder allegorisch oder schlicht zu absurd sind. Ein schönes Beispiel dafür ist unser heutiges Bild, das ich wieder in der Berliner Gemäldegalerie fotografiert habe. Es stammt von Tizian, und wenn man es so wie ich ganz ohne kunsthistorische Kenntnisse betrachtet, dann fragt man sich sofort und zu Recht: „Was steht denn da mitten in der Landschaft eine Orgel herum?“

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Bei meinem Besuch erfreute mich der Gedanke an diese Absurdität deutlich mehr als das Bild selbst. Denn Darstellungen, auf denen die Damen nackt, die Herren aber bekleidet sind, lehne ich prinzipiell ab. Kommen dann noch Hündchen und /oder Engel hinzu, bin ich eigentlich zu keinerlei Auseinandersetzung mehr bereit. Allein die Aufbereitung des Sujets für diesen Adventskalender zwang mich doch zu einer gewissen weitergehenden Beschäftigung mit dem Werk. Dabei erfuhr ich manches, erkannte aber auch, wie ungebildet ich doch bin. Denn wäre ich dies nicht, so hätte ich doch gesehen, dass der Orgelspieler einerseits und die Dame andererseits, nicht als im selben Raum befindlich gedacht werden dürfen. Bei der Dame handelt es sich nämlich um Venus, und der junge Herr an der Orgel blickt hier quasi in den Raum der Götter. Dass er damit aber damit zum Voyeur wird, ebenso wie auch der Betrachter des Bildes, bestreitet auch die Kunsthistorik nicht. Denn einer 45-seitigen Abhandlung zu diesem um 1550 entstandenen Gemälde mit dem Titel „Venus und der Orgelspieler“ entnahm ich, dass wir mit der Venus hier durchaus ein „Pin-up für die Upperclass“ vor uns haben. Doch – und auch auf diese Idee wäre ich allein nie gekommen – das kleine Malteserhündchen bellt uns deshalb tadelnd an. Es gäbe noch viel Weiteres zu sagen zu diesem Bild, doch will ich niemanden damit ermüden, allen voran mich nicht. Denn mich interessiert so etwas eigentlich nicht. Und ich finde, schon das wenige Gesagte zeigt, dass einem zu viel Information manchmal den ganzen Spaß kaputt macht.

Dienstag, 15. Dezember

Eine der allerschlimmsten Storys in der Bibel ist, wie ich finde, die von Lot und seinen Töchtern. Trotzdem oder gerade deshalb hat diese alttestamentarische Erzählung vielfältigen Niederschlag in der Kunst gefunden. Es gibt zahlreiche Gemälde, die das zeigen, was auch in der Bibel steht, nämlich, dass der arme Lot von seinen Töchtern betrunken und besinnungslos gemacht und zum Zwecke des Arterhalts verführt wurde. Das sieht dann in etwa so aus:

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Nun ist der Blick auf diese üble Inzest-Geschichte im 21. Jahrhundert natürlich ein grundlegend anderer (obwohl Frauen vermutlich auch in früheren Zeiten die vorherrschende männliche Interpretation der Ereignisse kaum gekauft haben dürften), und wenn frau weiß, was sie vor sich hat, kommt schon mal der Wunsch nach einem Säurefläschen auf. Umso überraschter und erfreuter war ich da, als in der Gemäldegalerie Berlin die Causa Lot einmal aus ganz anderer Perspektive verhandelt wurde, und zwar sowohl von der Darstellung als auch von der Interpretation her.

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Nur ein Becher mit Wein und die Andeutung eines weiblichen Körpers, ansonsten liegt die ganze Geschichte in einem einzigen schielenden Blick. Das fand ich in seiner Verknappung geradezu modern, und auch einen gewissen Grad an Humor ließ das Bild erkennen, noch etwas, was in der Malerei vergangener Jahrhunderte ja praktisch nicht zu finden ist – oder in keiner so offenen Form, dass man sie ohne ein Studium der Kunstgeschichte heute noch verstünde. Umso besser gefiel mir dieses Bild. An dieser Stelle sollte die Geschichte, die ich erzählen wollte, eigentlich enden. Doch dann hat Googeln wieder einmal alles verdorben. Wo ich nämlich nur noch mal den Namen des Malers (Hans Baldung Grien) und das Entstehungsjahr (1537) in Erfahrung bringen wollte, erfuhr ich ungewollt auch, dass das Berliner Bild nur ein Ausschnitt ist aus einem größeren Gemälde. Setzt man dessen Fragmente zusammen, kommt wieder die nur alte Geschichte zum Vorschein. Aber trotzdem, dieser Blick ist nicht zu leugnen. Den kann niemand den Töchtern in die Schuhe schieben.

Mittwoch, 16. Dezember

In unserer kleinen vorweihnachtlichen Abendschule können wir einen Meilenstein der neueren Kunstgeschichte natürlich nicht ungestreift lassen: Joseph Beuys‘ „Fettecke“. Wer immer zum Ausdruck bringen will, dass er sich von moderner Kunst tendenziell verarscht fühlt oder rein gar nichts von ihr hält, der nimmt sie zum Beweis und reibt sie dem Verfechter modernerer Ausdrucksformen unter die Nase. Ob der berühmten Ecke damit Unrecht geschieht oder nicht, vermag ich als Laie nicht zu sagen. Ich erinnere mich aber tatsächlich daran, bei einem Schulausflug in meiner Gymnasialzeit in den späten Siebziger- oder früheren Achtzigerjahren in einer Ausstellung irgendeine Arbeit mit Filz und Fett des Düsseldorfer Meisters gesehen zu haben und mich wie eingangs erwähnt gefühlt zu haben. Damals fehlte mir jedes Verständnis. Aber ich bin älter geworden. Und vor etwa acht Jahren war ich dann reif genug, um zwei anderen Kunstwerken aus reinem Fett durchaus etwas abgewinnen zu können. Das Bonner Kunstmuseum zeigte damals eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Thomas Rentmeister, in der sozusagen eine ganze Wand mit Nutella bestrichen war und eine mit Penatencreme. Das glauben Sie nicht? Bitte sehen Sie selbst, hier ist die Nutella:

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Und hier die Penatencreme:

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Sollten Sie immer noch Zweifel haben, habe ich weitere Beweise gesammelt:

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Ich weiß, es ist schwer, die Freude an diesem Kunsterlebnis zu argumentieren. Denn natürlich fragt man sich: Warum macht jemand so was? Wofür soll es gut sein? Was will es mir sagen? Nun, dass Nutella oder andere Lipide zu mir sprechen, glaube ich generell nicht. Aber meinem Auge hat es Spaß gemacht, das zu sehen. Rein weil ich so was noch nie sah und auch weil es so eine schöne Struktur hatte. (Nach Frühstücksbrötchen oder Wickeltisch gerochen hat es übrigens nicht.) Wie ein Künstler auf solche Ideen kommt, weiß ich allerdings auch nicht, ich bin ja keiner. Es könnte sein, es war ein inneres Kind am Werk, dass endlich mal mit Essen spielen und es ausgiebig an die Wand schmieren wollte, um zu sehen, wie es aussieht. Es könnte auch ein anderer Antrieb gewirkt haben. In jedem Fall sehen wir hier auch: Kunst kommt von Können, denn als Künstler kann man das einfach so tun. Das ist doch toll!

Donnerstag, 17. Dezember

Hier war schon ein paarmal zu lesen, dass sich manche Motive in der Malerei durch alle Jahrhunderte ziehen und immer wieder auftauchen. Was man jedoch nie sieht, ist die Darstellung von Homosexualität (nicht Homoerotik). Angesichts des großen Tabus, die dieses Thema bis ins letzte Jahrhundert hinein darstellte (und es in manchen Ländern bis heute noch ist), ist das verständlich. Aber schade ist es natürlich auch. Daher müssen wir hier heute mal für Abhilfe sorgen und der Freiheit der Kunst die Freiheit der modernen Neuinterpretation zur Seite stellen. In der Gemäldegalerie Berlin, diesem unermesslichen Fundus an Meisterwerken, bin ich natürlich auch in dieser Hinsicht fündig geworden. Da hätten wir zum einen dieses Bildnis einer jungen Dragqueen:

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Zum andern bin ich dort auch auf diese bezaubernde Darstellung einer frühbarocken Regenbogenfamilie gestoßen:

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Eine Entdeckung, die das Herz der LGBT-Community aber ganz besonders erfreuen dürfte, habe ich Anfang des Jahres im belgischen Gent gemacht. Dort war im Museum der schönen Künste „die größte Jan-van-Eyck-Ausstellung aller Zeiten“ angekündigt. (Weil von dem flämischen Maler aber nur noch insgesamt rund 20 Werke erhalten sind und von denen nur gut die Hälfte in Gent zu sehen war, war die ganze Show allerdings auch mit zahlreichen Werken aus anderen Pinseln gepimpt.) Nichtsdestotrotz hat auch der alte Meister Jan Engel in Hülle und Fülle gemalt. Seine allerdings haben fast ausnahmslos Flügel in den Farben des Regenbogens und zeigen damit klar und deutlich, wo sie zu Hause sind. An die himmlischsten Sphären ist die queere Sache also angebunden, mehr Legitimation geht eigentlich nicht. Und weil ich das gerne so stehen lassen würde, verzichte ich heute auf weiterführendes Googeln.

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Freitag, 18. Dezember

In diesem virtuellen Ausstellungsraum zu sehen waren bisher ausnahmslos Werke der Kunst, die mir gefallen haben oder mir in der ein oder anderen Weise beeindruckend oder bemerkenswert erschienen. Doch es gibt ja auch viel anderes. Daher wollen wir uns heute einmal auch solchen künstlerischen Erzeugnissen bzw. Ausstellungen widmen, die auf mich den kompletten Fettecken-Effekt hatten, also Unglauben, Unverständnis, ja sogar Empörung auslösten. Denn wer voller Spannung und Vorfreude ins Museum geht, kommt ja nicht in allen Fällen auch wieder zufrieden und bereichert wieder heraus. In meinem Beispiel waren es in den letzten Jahren vor allem zwei Ausstellungen in der hiesigen Bundeskunsthalle, die mich schwer enttäuscht bzw. ordentlich schimpfend wieder aus ihrem Wirkungskreis entließen. In einem Fall würde ich sogar so weit gehen und sagen, das war das Langweiligste und Schlimmste, was mir im Profi-Bereich bisher begegnet ist. Es waren Werke der Hamburger Konzeptkünstlerin Hanne Darboven, die in autistischer Monotonie gerne auch lange Zahlenkolonnen auf Papier notierte, Blatt um Blatt mit Schrift füllte und sodann zum Werk der bildenden Kunst erhob. Auch überhaupt war die monotone Wiederholung das stilprägende Element. In der Folge war dann zum Beispiel ein ganzer Saal bis unter die Decke mit hundertmal demselben Motiv tapeziert. Zu sehen aber gab es eigentlich gar nichts. Wer mir nicht glaubt, der googelt einmal. Den Besuch bei Hanne Darboven habe ich daher verfrüht abgebrochen. Eigentlich wäre ich auch gerne zur Museumskasse gegangen und hätte mein Geld zurückverlangt (böse alte Frau eben). Weil es meiner Begleitung aber allzu peinlich gewesen wäre, habe ich es dann doch nicht getan. Die zweite Ausstellung, die noch Erwähnung finden soll, war nicht so ärgerlich, aber sehr langweilig fand ich sie doch auch. Die Rede ist von der Kippenberger-Retrospektive, die hier in Bonn noch kurz vor Corona zu sehen war. Auch da war ich vorher sehr gespannt, habe dann aber kein einziges Werk gesehen, bei dem ich Aufregung verspürt hätte. Anderen geht es natürlich anders, aber ich fand das Beste an Martin Kippenbergers Gemälden die Titel, weshalb ich auch nur diese fotografiert habe.

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Die langen Titel deuten gleichzeitig aber auch auf das Problem, das ich mit dem gezeigten Œuvre hatte: Mir war insgesamt zu viel Ironie. Ferner gelangte ich mittels der Titel noch zu folgender steiler These und Frage: Wenn Bilder so viel Text und Erklärung brauchen, könnte es dann sein, dass es es ihnen an eigenständiger Ausdruckskraft fehlt? Mehr möchte ich nicht sagen, denn es gibt ja ganz ähnlich nichts Langweiligeres, als über moderne Kunst zu schimpfen. Daher zeige ich jetzt schnell noch das eine Werk, das mir als ehemaliger Raucherin in der Kippenberger-Ausstellung gefallen hat, und schließe das heutige Kapitel dann flugs.

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Samstag, 19. Dezember

Manche Menschen lieben Horrorfilme, ich liebe Darstellungen des jüngsten Gerichts. Bereits im Vorschulalter betrachtete ich in dem kleinen Kinder-Gebetbuch, das ich für den Kirchgang besaß, von allen Bildern darin mit Schrecken und Faszination am liebsten die recht lebhafte Illustration des Fegefeuers. Das Motiv hat für mich bis heute seinen Reiz nicht verloren, und an eindrucksvollen Visionen von Hölle, Teufel und jüngstem Tag ist die Kunstgeschichte ja auch nicht eben arm. Das bekannteste Werk ist sicher Michelangelos „Jüngstes Gericht“ an der Stirnwand der sixtinischen Kapelle. Davon besitze ich ein schönes Puzzle, das ich gerade an langen, ruhigen Weihnachtstagen alle Jahre wieder gerne lege. Mir bislang gänzlich unbekannt war eine Bildtafel von Hieronymus Bosch, derer ich vor vier Jahren in der Heimatstadt des niederländischen Malers ansichtig wurde. Zu dessen 500 Todestags zeigte das eigentlich eher kleine Noordbrabants Museum in ‘s-Hertogenbosch eine Ausstellung, in der Bosch-Werke aus allen großen Häusern der Welt versammelt waren. Bei solchen Superstar-Ausstellungen ist es heute so ähnlich wie beim Popkonzert: Einfach mal hinfahren und an der Tageskasse ein Ticket kaufen, ist relativ aussichtslos. Denn Karten gibt es nur im Vorverkauf, und sie sind rasend schnell vergriffen. Wir jedenfalls hatten kein Glück, sind damals aber dennoch ins Auto gestiegen und über die Grenze gefahren. In der Nähe von ‘s-Hertogenbosch haben wir dann bei einem niederländischen Spargelbauern im Garten im Wohnwagen übernachtet, weil es in dem Städtchen kein freies Hotelzimmer mehr gab, und nach langem Schlangestehen in den allerfrühesten Morgenstunden doch noch ein Ticket aus dem kleinen Tageskontingent ergattert. So kam es, dass wir uns in vorcoronären Menschenmassen durch die abgedunkelten Räume schoben und mit eigenen Augen all die bekannten Superhits und Wimmelbilder sahen, die Jheronimus van Aken, wie der Meister gebürtig hieß, zu Lebzeiten für seine nicht selten klerikalen Auftraggeber geschaffen hat. Darunter war natürlich auch das Triptychon der „Garten der Lüste“, das sonst in Madrid im Prado hängt und dessen rechter Flügel die Hölle zeigt.

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Man fragt sich oft, welche Fantasie sich solche Szenen auszudenken vermag. Ich las aber einmal, dass der mittelalterliche Mensch mit eigenen Augen in dieser rauen Zeit viel schrecklichere Dinge zu sehen gewohnt war als unsereins, sodass ihm, dem ihm in der Kirche zudem recht eindringlich von der Hölle gepredigt wurde, auch solche Horrorvisionen viel leichter in den Sinn kamen als uns verzärtelten Vertretern der Moderne. Wie dem auch sei, noch schrecklicher als die obige, sehr bekannte Tafel fand ich eine andere, die Teil eines mehrflügeligen Werkes namens „Visionen des Jenseits“ ist. Sowohl für die Guten als auch für die Bösen wurden hier in vier Szenen postbiologische Zukunftsaussichten entworfen: Die Seligen steigen auf ins Paradies, die Verdammten aber erwartet der Abstieg in die Hölle. Und diese sieht (in der unteren Hälfte) so aus:

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Ich weiß nicht, warum (vielleicht weil die Farben fehlen), aber dieses Bild löst bei mir einen Grusel aus, wie kein anderes und wie es erst recht kein Horrorfilm vermag. Doch natürlich will ich mehr davon. Und auch deshalb gehe ich manchmal ins Museum.

PS: Wer auszieht, das Fürchten zu lernen, wird aber auch in Kirchen recht häufig fündig:

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Auf dieses Fresko stieß ich in der Basilika San Petronio in Bologna. Es ist riesengroß und füllt eine ganze Wand in einer Seitenkapelle. Giovanni di Modena malte es 1410. Damit ist es deutlich älter als die schrecklichen Visionen von Bosch, der erst um 1450 geboren wurde. Dennoch gibt es bei einzelnen Motiven eine auffallende Ähnlichkeit. Ob das Zufall ist?

Sonntag, 20 Dezember

An diesem letzten Adventssonntag wollen wir uns einmal der figürlichen Darstellung derjenigen Person widmen, der die diese ganze besondere Zeit, damit auch dieser Kalender und natürlich das Fest, das wir in vier Tagen feiern, ihre Existenz verdankt: Jesus Christus. Wenn ich es recht sehe, ist er in der bildenden Kunst allgemein, zumal aber in der bildhauerischen vor allem zu zwei Zeitpunkten seines Lebens festgehalten worden: zu Beginn seines Lebens und an dessen Ende. Krippe und Kreuz, darauf läuft es hinaus. Ich kannte bis vor ein paar Jahren eigentlich keine andere skulpturale Darstellung des erwachsenen Jesus‘ als die am Kreuz. Erst vor ein paar Jahren entdeckte ich in einem Portugal-Urlaub gleich zwei Figuren, die ihn in einem Fall stehend, im anderen sitzend zeigten. Das Kreuz fehlte, aber Qual und Leid taten es nicht.

Die eine Darstellungsform heißt, wie ich inzwischen gelernt habe, „Jesus an der Geißelsäule“, die andere „Christus in der Rast“. Beides sind Erscheinungsformen des sogenannten Ecce-homo-Motivs, das sich in der Kunstgeschichte zigfach findet. „Ecce homo“ („Sehet den Mensch“) soll Pontius Pilatus gesagt haben, als er Jesus nach der Geißelung dem Volk vorführte. Es gibt auch andere als christliche Ecce-homo-Darstellungen, die in der Regel geschundene, leidende Menschen zeigen und wie die Urszene letztlich auf das Mitleid des Menschen mit dem Mitmensch zielen. Dies mag die Darstellung von Leid am Ende rechtfertigen. Dennoch hat mir eine weitere mir bislang gänzlich unbekannte plastische Erscheinungsform des erwachsenen Jesus ungleich besser gefallen: Sie zeigt Jesus auf einem Esel reitend und führt uns von der Theologie zurück zur Volksfrömmigkeit.

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Diesen sogenannten Palmsesel habe ich vor ein paar Jahren im Kölner Museum Schnütgen fotografiert. Leider war es dort sehr dunkel, und ich kann generell auch besser hinschauen als fotografieren. Nichtsdestotrotz wurden Ross und Reiter auf Rollen in früheren Zeiten bei Prozessionen am Palmsonntag mitgeführt. Auch dieses zeigt: Es gibt Alternativen zum Kreuz. Was nun aber Darstellungen des Jesuskinds jenseits des Babystadiums anbelangt, so ist mir nichts weiter bekannt als eine scheußliche Gipsfigur, die, einst im Besitz meiner Großmutter befindlich, inzwischen bei mir Asyl gefunden hat.

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PS: Nachdem dieses Türchen des Adventskalenders geöffnet ward, machte mich meine Freundin Anke darauf aufmerksam, dass es ein Kunstwerk gibt, das beide Lebensstationen, Krippe und Kreuz, auf einem Bild vereint, Rogier van der Weydens Columba-Altar nämlich, der in München in der Pinakothek hängt. Er zeigt im Hauptteil die Bethlehemer Krippe, aber wer ganz genau hinschaut, der sieht hinten am Mittelpfosten des Stalls bereits ein Kreuz hängen. Fachwissenschaftlich interpretativ spricht man hier vermutlich von Vorausdeutung. Im Internet nennt man es aber schlicht Spoiler-Alarm.

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Auch hier ist der heilige Josef wieder recht alt.

Montag, 21. Dezember

Der teuerste Adventskalender der Welt, so las ich dieser Tage, ist mit Luxusuhren gefüllt, die zusammen einen Wert von 1,5 Millionen Euro haben. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: dass es so etwas gibt oder dass es jemand kauft. Nichtsdestotrotz kann es dieses Kalenderchen hier ja nun mühelos mit der kapitalistischen Konkurrenz aufnehmen. Denn rechnet man den Gesamtwert der in den letzten drei Wochen präsentierten Kunstwerke einmal zusammen, dann schrumpfen 1,5 Millionen förmlich zu einem Trinkgeld. Nachdem wir somit niemandem mehr etwas beweisen müssen, lehnen wir uns ganz entspannt zurück und widmen uns in den nächsten Tagen der Reste-Rampe. Denn es ist viel übrig und liegen geblieben, das sich zwar nicht zu einem eigenen Türchen formt, aber zum Wegwerfen auch zu schade ist. Wir beginnen in der modernen Abteilung, in der meine Freude über die Werke und ihre seltsame oder besondere Gestalt leider oft in keinem Verhältnis steht zu meinem Verständnis derselben. Diese schmerzvolle Erfahrung machte ich das erste Mal vor knapp 20 Jahren in Köln, wo im Museum Ludwig eine Ausstellung rund um Matthew Barneys Kunstfilm „The Cremaster Cycle“ gezeigt wurde. Es gab Skizzen, Fotografien, Plastiken und Filmausschnitte aus diesem Zyklus, und ich war ebenso überwältigt wie ratlos. Bis heute habe ich nicht verstanden, worum es da geht. Leider habe ich auch kein Foto von den rätselhaften Werken des amerikanischen Multimediakünstlers gemacht. Denn Fotografieren ist, zumal in den großen Ausstellungen, im Museum ja meist verboten. Daher fehlen mir eigentlich zu fast allen künstlerischen Meilenstein-Ereignissen meines bisherigen Lebens (Louise Bourgeois‘ „Zellen“ 2015 in München und die Marina-Abramović-Retrospektive 2018 hier in Bonn) die Illustrationen. Doch zurück zu Matthew Barney: Wer einen Eindruck bekommen möchte von seinem „Cremaster Cycle“, der klickt mal hier:

Seit Matthew Barney jedenfalls halte ich es mit der zeitgenössischen Kunst so, dass ich gar nicht mehr versuche, sie zu verstehen, sondern mich einfach von ungewohnten Perspektiven, Formen, Materialien erfreuen oder irritieren lasse. Schönheit und Verstörung, damit kommt man eigentlich immer weiter. Sollte sich sonst irgendwo noch ein Sinn ergeben – umso besser. In die Kategorie Schönheit fällt ganz klar eine Ausstellung mit botanischen Skulpturen und Installationen des japanischen Künstlers Makoto Azuma, die ich 2008 in Düsseldorf sah.

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Die Personen gehören nicht zum Kunstwerk. Da sie vermutlich hier nicht zu sehen sein wollen, habe ich sie überbeept.

Sollte der Anordnung von Limetten und Kohlköpfen auch eine übergeordnete symbolische Aussage innewohnen, so erschließt sich diese vermutlich allein Japanern, die mit Bonsai und Ikebana ja über ganz andere Traditionslinien und Vorerfahrungen im Vereich der floralen Künste verfügen. Auf dem regionalen Weg kommt man vermutlich auch bei der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconselos weiter, die letztes Jahr im Max-Ernst-Museum in Brühl ausstellte. Sie arbeitete viel mit den textilen Traditionen ihrer Heimat und umhäkelte dabei zum Beispiel auch dieses Waschbecken:

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Und abermals in Zusammenhang mit den künstlerischen und kunsthandwerklichen Traditionen seiner Heimat stehen sicher auch viele Werk des Tiroler Bildhauers Aron Demetz, von denen einige 2014 im Arp-Museum in Remagen zu sehen waren. Gerade eine Gruppe von Holzfiguren, von denen manche nicht fertig ausgearbeitet waren und diese rohen Stellen wie Verwundungen trugen, andere angezündet oder mit Harz übergossen worden waren, haben bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen (Schönheit und Verstörung eben). Denn man muss ja etwas nicht verstehen, um es schön zu finden. Das ist ein bisschen so wie in der Liebe: Das Rätselhafte ist oft das Attraktivste.

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Dienstag, 22. Dezember

In Berlin wurde 2018 ein spanischsprachiges Gedicht von der Wand einer Hochschule entfernt, weil junge Menschen es als sexistisch empfanden. Verfechter einer freieren Poetik ließen ebendieses Gedicht daraufhin ein Jahr später ein paar Häuserwände weiter wieder aufleuchten, diesmal sogar in Leuchtschrift und mit deutscher Übersetzung. Wer regelmäßig die Nachrichten verfolgt, erinnert sich daran, und eigentlich hat auch jeder eine Meinung dazu. Würde man nun in der bildenden Kunst mit einem ähnlichen Maß messen und alle sexistischen und rassistischen sowie zudem alle krassen Darstellungen von Gewalt abhängen, gäbe es in den meisten Museen jenseits von ein paar Landschaftsmalereien, Bibelszenen und Stillleben (bis auf jene mit toten Tieren drauf) nicht mehr viel zu sehen. Man ahnt es schon, ich bin generell kein Verfechter von Zensur in der Kunst. Aber selbst ich habe doch kurz geschluckt, als ich in der Berliner Gemäldegalerie folgendes Bild von Rembrandt bzw. dessen Titel erblickte:

Auf der Homepage des Vereins, in dessen Besitz sich dieses Bild befindet, las ich, dass Rembrandt mit diesem und ähnlichen Bildern „Studien semitischer Physiognomien für alttestamentarische Themen und Christusbilder“ anstellte. Heute wäre dies ein ganz klarer Fall von schlimmstem Rassismus, und tatsächlich wundere ich mich, dass dieses Gemälde dort noch einfach so hängen kann. Vielleicht weil es von Rembrandt ist? Doch wäre eventuell nicht schon geholfen, wenn man – wie bei Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominzas Vater – einfach den Titel änderte? Ich sehe eigentlich keinen Grund, warum es nicht genauso heißen könnte wie das folgende Bild.

Dieses trägt den Titel „Bildnis eines feisten Mannes“ und steht ebenfalls noch hier bei mir auf der Resterampe.

Nicht „dick“, nicht „kräftig“, sondern „feist“: Auch „Fat Blaming“ gibt es also in der Berliner Gemäldegalerie. Der Titel legt aber auch nahe, dass in früheren Zeiten Leibesfülle doch nicht allein mit Wohlstand assoziiert und somit vor allem positiv konnotiert war. Waren am Ende schon 1430 ähnliche Schönheitsideale wie heute am Wirken? Wir werden es heute nicht mehr erfahren. Daher können wir unsere Aufmerksamkeit schnell noch zwei weiteren Bildern zuwenden, die mir in dem Berliner Haus noch ins Auge gestochen sind und nun hier auf der Rampe der Bewunderung harren. Das erste stammt von einem holländischen Maler namens Cornelis Bisschop.

Dieses „Interieur mit Jacke auf einem Stuhl“ gefiel mir, weil überraschenderweise keine Menschen zu sehen sind, sondern quasi nur die Leerstelle, die sie hinterlassen haben. Jedenfalls scheint auf dem Bild eher etwas zu fehlen, als dass etwas dargestellt wird. Ein interessantes Detail ist ferner das Gemälde, das an der Wand des Zimmers zu sehen ist: Es hat eigentlich denselben Rahmen wie das Bisschops Werk selbst. Der Rahmen spielt schließlich auch bei unserem letzten Bild für heute eine Rolle:

Ich weiß leider nicht mehr, von wem dieses Gemälde stammt (es war ein Italiener), aber allein wie der bärtige Herr hier im Rahmen sitzt, ist mehr als ungewöhnlich. Und dass sein Gewand unten nach Art einer optischen Täuschung aus dem Rahmens hinausragt und einen Schatten in die Realität des Betrachters wirft, lässt das Ganze wirken, als ginge es um hier einmal um nichts als um den Spaß an dieser Darstellung. Dafür spricht auch, dass auf der ganzen großen leeren Fläche des Hintergrunds nicht anderes zu sehen ist. Ach, jetzt würde ich doch gerne mal eine Kunsthistorikerin fragen, was es damit auf sich hat.  

Mittwoch, 23. Dezember

Vorgestern war ich beim Zahnarzt, und während ich in dem Stuhl lag, den Blick zur Decke gerichtet, dachte ich darüber nach, ob eigentlich irgendein begabter junger Mensch in der Blüte und im Feuer seiner Jugend ein Studium an der Kunstakademie beginnt in der festen Absicht, später einmal Arztpraxen auszustatten. Andererseits: Hat man auf dem Markt einmal einen Fuß in der Tür, hat man vermutlich für immer ausgesorgt. Denn der Bedarf ist groß und die Kundschaft zahlungskräftig. (Und die meisten Menschen müssen im Laufe ihres Lebens Abstriche an ihren Träumen machen.) Allerdings habe ich in den Praxen, in die meine Gebrechen mich bisher geführt haben, noch nie ein Bild gesehen, das mir gefallen hätte. Dabei hängen beim Arzt meiner Beobachtung nach fast immer Originale, oft großformatige, abstrakte Studien in Flächen und Farben. Wer nicht zu krank dazu ist, fragt sich im Wartezimmer daher nicht selten, wer diese Bilder nach welchen Kriterien ausgesucht hat, wo man so etwas bekommt und wie viel die kühnen Werke wohl gekostet haben. Manchmal denke ich, dass es ein schöner Kunstdruck sicher auch tun würde und dass das Werk eines richtigen Meisters, wenn auch nur für kleines Geld vervielfältigt, den Augen der Patienten vielleicht sogar besser täte. Doch niemand will ohne Not einen Druck. Denn bei Kunst ist ein Wunsch eigentlich immer da: der nämlich, ein Original, ein Unikat, etwas Exklusives zu besitzen. Woher er kommt, weiß ich auch nicht, aber ich bin natürlich ebenfalls nicht frei davon. Und so habe auch ich im Laufe der Zeit ein paar schöne Originale angesammelt, deren Wert sicher eher ideeller Natur ist, die mir aber dennoch so gut gefallen, dass ich damit meine Wände schmücke. Nachdem wir uns in den letzten drei Wochen in den großen Häusern dieser Welt umgesehen haben, werfen wir daher nun einen Blick in die deutsche Durchschnittsstube, in der mit kleinerem Budget gehaushaltet wird. Von meiner Liebe zum Stillleben berichtete ich bereits, und so war ich natürlich entzückt, als ich beim Urlaub im letzten Jahr bei einem grimmigen kroatischen Künstler, der Touristen vermutlich ebenso sehr hasst, wie er sie zum Leben braucht, das folgende kleine Ölgemälde entdeckte und sofort erstand.

Nun habe ich mein eigenes „still life“ und schiele im Museum nicht mehr so neidisch nach denen der anderen. Wenn ich einen in meiner Küche vorhandenen Wandstrahler ein bisschen drehe, kann ich es sogar anstrahlen.

Alle übrigen Bilder dort kommen ohne eigene Beleuchtung aus, sie besitzen auch ohnedies genug Strahlkraft, wie diese kleine Studie in Kirschen, die von einem im minimalistischen Stil arbeitenden japanischen Künstler stammt.

Dies war nur ein Scherz, meiner kleiner Neffe hat mir dieses hübsche Bild gemalt, als er fünf Jahre alt war. Es ist also klar, warum ich es liebe. Tatsächlich von einem professionellen, mir aber dennoch unbekannten Künstler stammt das folgende Bild. Es kam zu mir bei einer Haushalts- und Atelierauflösung und wäre sonst unter Umständen entsorgt worden. Ich aber mochte es gleich und habe es sogar in seinem goldenen Rahmen gelassen, obwohl ich für goldene Rahmen sonst nicht so viel übrighabe.

Von dem leider schon recht jung verstorbenen, international bekannten Berliner Fotokünstler Sascha Weidner stammt das letzte Bild für heute, das als solches ein Beispiel ist für einen anderen Umgang mit dem Original und einen anderen, demokratischeren Zugang zur Kunst. Denn einmal durften sich die Besucher einer Ausstellung mit Fotografien von Sascha Weidner einfach ein Bild mitnehmen, wenn sie begründen konnten, warum sie es haben wollten. Ähnlich war es früher mit manchen seiner Fotografien, die in einer zweiten Version sozusagen open source waren und zum Download und zur Vervielfältigung für alle bereitstanden. So ist auch das folgende wunderbare Bild zu mir gekommen. Ob der Zugang zu seinen Werken heute immer noch so offen ist, weiß ich nicht. Ich wage es angesichts der kapitalorientierten Ausrichtung des internationalen Kunstmarkts aber zu bezweifeln, denn Geld verdienen kann man ja nur mit exklusiven, limitierten Originalen.

Ich habe sofort verstanden, warum es so heißt: „We don’t need anything II“

Heiligabend, 24. Dezember

Dieses Jahr ist alles ausgefallen: der Weihnachtsmarkt, das vorweihnachtliche Glühweintrinken mit Freunden, das Weihnachtsshopping und nun auch noch die Christmette. Da können wir hier nicht so tun, als sei nichts gewesen, und am Heiligen Abend einfach ein beschauliches Krippchen präsentieren. Nein, dieses Jahr kommt – zumindest hier – auch das Christ-Kind nicht, sondern ein anderer nackter Knabe, und das Jahr kriegt damit das Bild, das es verdient.

Denn dies ist das hässlichste Bildnis eines Kindes, das ich je gesehen habe. Ob es deshalb nur als B-Seite erschien, weiß ich nicht. Aber es ist tatsächlich nur die Rückseite einer Holztafel, auf deren Vorderseite passenderweise aber auch so etwas wie eine Krippenszene zu sehen ist, allerdings nicht in Bethlehem, sondern in Florenz. Genauer gesagt wird dort das „Wochenbett einer vornehmen Forentinerin“ dargestellt. (Was man früher nichts so alles gemalt hat.) Beide Bilder stammen aus dem Pinsel eines Malers der Frührenaissance mit Namen „Masaccio“:

„Masaccio“ ist, wie mir die Wikipedia verriet, „ein Spitzname und bedeutet in etwa ,der Koloss‘“, was sich, so der Experten liebste Wissensquelle weiter, sowohl auf die Statur des Malers als auch auf sein Temperament bezog. Vielleicht erklärt dies, warum der Bub so massig und so ungewöhnlich unproportional daherkommt: Vielleicht sehen wir ein „portrait of the artist as a young child“. Warum der Knabe aber ausgerechnet nackt mit einem Hund spielt, will ich mir gar nicht ausdenken, Wir haben schließlich Weihnachten. Weil das aber so ist, wird es nun auch Zeit, Abschied zu nehmen. Denn Weihnachten ist ja der Zeitpunkt, an dem der Adventskalender seine Türchen schließt. Vorher aber wünsche ich noch allen, die in den letzten drei Wochen diese kleine Reise zur Kunst mit mir unternommen haben, und auch allen anderen, die hier ab und zu mal vorbeischauen:

Frohe Weihnachten!