Böses

Handbremsenfahrt auf dem falschen Dampfer

Krankenschwester, Astronautin, Lokführerin – das alles waren keine Träume, Pläne und Wünsche, die ich als Kind hegte. Eigentlich kann ich mich an keinerlei Berufswunsch erinnern. Was ich aber noch sehr gut weiß, ist, dass ich als Kind eines ganz klar vorhatte: Ich wollte rauchen, wenn ich groß bin. Und ich erinnere mich an eine mit diesem Herzenswunsch korrespondierende ernste Sorge: Ich hatte große Angst, dass es keine Zigaretten mehr geben würde, wenn ich endlich alt genug dazu wäre. Deshalb habe ich dann nicht so lange gewartet.

An meine erste Zigarette kann ich mich ebenfalls noch sehr gut erinnern. Es war ein in der ganzen Verwandtschaft wegen seiner Trunk- und Protzsucht verrufener Onkel, der beim sonntäglichen Besuchskaffee mit großen Reden, aber in reiner, lauterer Absicht eine prophylaktische Maßnahme in Angriff nahm: Das Kind sollte durch eine verfrühte Nikotingabe vor einem späteren Konsum bewahrt werden. Ich war damals neun Jahre alt. Und nachdem ich die erste Lord Extra unter den Augen meiner eigenen Mutter und einiger Tanten genüsslich verpafft und im Aschenbecher ausgedrückt hatte und mich alle erwartungsvoll anschauten, trat ich den Beweis an, dass es mir mit meinen Wünschen und Träumen ernst war: Ich erklärte, noch eine rauchen zu wollen.

Viele Dinge, die in meiner Kindheit gang und gäbe waren, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Wenn man Ähnliches mit heutigen Eltern und Kindern nachspielen wollte, würde man vermutlich allein auf den reinen Vorschlag hin für immer aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen (außer vielleicht in Kolumbien). Dabei könnte ich inzwischen gut für den Onkel durchgehen, und es gibt auch einen mit ähnlicher Freude an verbotenem Tun ausgestatteten kleinen Neffen. Doch ich würde dem Knaben diese Lehre allein deshalb schon nicht erteilen wollen, weil ich es an der Kaffeetafel, also in geschlossenen Räumen, heutzutage mit einer E-Zigarette tun müsste. Und das würde überhaupt keinen Spaß machen!

Denn die Elektrozigarette hat dem Rauchen ja alle Eleganz, Schönheit und Würde genommen und das, was einst Glamour und große, weite Welt bedeutete, auf die schiere, traurige Sucht reduziert. Das Nikotin wird dem Abhängigen nun in liquider Reinform verabreicht, und auch konsumiert wird mit ganz anderer Haltung. In einer Kneipe, in der ich in jüngeren Jahren so manche Schachtel leer geraucht habe, hatte die Wirtin zahlreichen berühmten Old-School-Rauchern ein Denkmal gesetzt: Die Zigarette zwischen zwei nonchalant abgespreizten Fingern oder cool im Mundwinkel, von Rauchschwaden mystisch umhüllt, sah man dort auf Postern an den Wänden unter anderem Legenden wie Humphrey Bogart, Marlene Dietrich, Romy Schneider und Curt Cobain. Dass sie alle, statt lässig an einer Chesterfield, Philipp Morris oder Attika zu ziehen, an einem unförmigen Elektrogerät gelutscht hätten, ist eine Vorstellung, die mit dem Hirn eines geistig völlig gesunden Menschen nicht zu erzeugen ist.

Nichtsdestotrotz tut heute eine ganze Menge Zeitgenossen nichts anderes und führt regelmäßig E-Zigaretten zum Munde, obwohl die meisten nicht einmal wissen, wie man dieses Utensil mit der Optik eines Autoersatzteils (Einspritzpumpe? Vergaser?) so halten könnte, dass es gut aussieht. Wie arme, verdruckste Süchtige stehen sie im Herbstregen an der Bushaltestelle und saugen mit gesenktem Kopf ungeschickt und nicht selten hinter der Hand verborgen an ihrem Gerät. Dabei blicken sie sich immer wieder verstohlen und unsicher um, ob sie in ihrem ästhetischen Elend auch niemand sähe und beobachte. Ganz ehrlich, mir ist noch niemand begegnet, der im Elektro-Smoking halbwegs selbstbewusst, attraktiv oder gar geheimnisvoll ausgesehen hätte. Oder andersherum: Maximal Opa mit Pfeife ist der Eindruck, den man mit E-Zigaretten erzeugen kann. Vielleicht ist also die E-Zigarette auch nur eine subversive Maßnahme, mit der man in diesen geradezu hysterisch gesundheitsorientierten Zeiten, das Rauchen weiter unattraktiv machen möchte.

Doch es ist nicht allein die Ästhetik, die mich das elektrische Rauchen so verdammen lässt. Es gibt auch ganz handfeste, rationale Gründe. Denn auch die Funktionalität der E-Zigarette ist der ihres Tabak-in-Papier-Vorläufers ja vollumfänglich unterlegen. Jenseits der bis zu den alten Indianern zurückreichenden rituellen Funktion des Tabakrauchens hatte die Zigarette im gesellschaftlichen Miteinander ja noch zahlreiche andere Aufgaben: Mit und ohne Filter ließ sich unter anderem die Zeit messen (und überbrücken), Kontakt aufnehmen und sogar Gutes tun.

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Ich könnte jederzeit wieder anfangen, ich habe alles Nötige noch im Haus.

„Hast du mal ´ne Zigarette?“ Als E-Raucher hat man praktische keine Möglichkeit mehr, in Situationen großer Not und Armut großherzig und bereitwillig den Geboten der christlichen Caritas Folge zu leisten (zumindest keine hygienische). Und auch die ernst gemeinte oder vorgeschobene Bitte um Feuer, die in den alten mechanischen Zeiten nicht nur viele schöne Stunden, sondern auch manche langjährige Ehe begründet hat, ist keine Option, die einem die postmoderne Form des Rauchens noch eröffnen würde. Denn die neuzeitliche Dampfmaschine entzündet sich ja ganz von selbst. Da sie sich noch dazu beliebig ein- und ausschalten lässt, ist mit ihr leider auch die in keinem Kalendersystem verzeichnete, aber dennoch jedermann geläufige und als Intervall auch einzigartige Maßeinheit der Zigarettenlänge hinfällig geworden.

Nein, das elektronische Rauchen ist ein herzloses, unerfreuliches, selbstbezogenes Business. Es ist noch dazu eines, dass dem allseits grassierenden Schaumschläger- und Windbeuteltum weiter Vorschub leistet. Denn während sich der ehrliche Kettenraucher von gestern noch fragt, ob man ohne Tabak (und bisweilen ja sogar ganz ohne Nikotin und mit Erdbeergeschmack) überhaupt noch von Rauchen sprechen kann, dreht der Highend-Schmöker und -Blender von heute schnell den Verdampfer auf Stufe 10 und vernebelt mit seinem Elektro-Smog einfach, dass bei ihm nichts als heiße Luft am Start ist, nur eine Handbremsenfahrt nach dem Motto: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“

Während diese schlimme Form des Aufschneidertums allseits gerne gesehen ist und staatlich auch in keinster Form reglementiert wird, werden alle aufrichtigen, geradlinigen, mutigen Tabakraucher weiter diskriminiert und gedemütigt. Für sie gilt an den meisten Orten dasselbe wie früher für Hunde: „Wir müssen leider draußen bleiben.“ Und wenn sich Humphrey Bogart oder Romy Schneider heute irgendwo mit einer Kippe ablichten lassen würden, würden sie nicht nur nie wieder eine Filmrolle bekommen, sondern nachträglich auch allen ihren bereits gedrehten Filmen herausretuschiert.

So bleibt uns echten Rauchern und Ex-Rauchern nur mehr das Traumland der Erinnerungen an vergangene nikotingoldene Zeiten, als nicht nur Helmut Schmidt, sondern jeder einfache Bürger rauchen durfte, wo er ging und stand: im Büro, im heimischen Wohnzimmer, in der Anwesenheit von Kindern, im Flugzeug, im Hörsaal, auf dem Schulhof, im Restaurant, in der Fernsehshow, ja sogar im Krankenhaus. Ich hatte (noch in diesem Jahrtausend) eine Hausärztin, die in einer schönen alten Villa wohnte und ordinierte und stets zu rauchen pflegte, während sie ihre Patienten empfing. Wo immer wir alten Menschen uns treffen, erzählen wir uns heute gerne solche Geschichten, und erst neulich berichtete mir eine Bekannte mit wehmütigem Blick von den Veränderungen in ihrem Berufsalltag: „Wo es heute beim Meeting zwischendurch fünf Minuten Raucherpause gibt, haben wir früher für die Nichtraucher zwischendurch mal fünf Minuten gelüftet.“ Wie gesagt, man kann es sich kaum mehr vorstellen.

Und natürlich kann man die Uhr auch nicht zurückdrehen. Aber jetzt, wo die besten Zeiten ganz offensichtlich vorbei sind, sollte man das Rauchen vielleicht auch einfach komplett sein und aussterben lassen, statt den schönen blauen Dunst einfach durch den langweiligen weißen Dampf zu ersetzen. Denn das ist ja auch ein bisschen so, wie einer Witwe einen Hund zu schenken. Ich selbst habe jedenfalls schon vor ein paar Jahren meine letzte Zigarette geraucht. Ein alter Kindheitstraum war bis dahin in jedem Fall hinreichend erfüllt.

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Coffee no go

Sich auf dem Sofa liegend ziellos durch die Kanäle zu zappen, ist an einem verregneten Sonntagnachmittag nicht der schlechteste Zeitvertreib – und unabhängig von der Wetterlage häufig ja auch sehr bereichernd. (Immer nur das zu sehen, was man sehen will, bringt ja niemanden weiter.) Auf einer solchen Expedition durch die Fernsehwelten kam ich neulich an einem Spielfilm vorbei, den ich als Kind schon einmal gesehen habe, zu dem ich aber eigentlich nichts Auffälliges erinnere: „Das indische Grabmal“. Dabei ist es unglaublich, was man zu sehen bekommt: Die Schauspieler, die in diesem deutschen Spielfilm von 1959 die Inder spielten, sind allesamt mit brauner Schuhwichse angemalt wie weiland beim Sternsingen den Melchior, und auch sonst wirken die Kulissen ähnlich echt wie bei „Bonanza“ oder „Raumschiff Enterprise“. Dabei handelt es sich beim „Indischen Grabmal“ keineswegs um irgendein billig produziertes B-Movie, sondern immerhin um einen Film von Fritz Lang, der in seiner Zeit durchaus ein Kassenschlager war.

Gott sei Dank ist die Simulation von Realität in Kino und Fernsehen im Laufe der Jahre immer besser geworden (was sich paradoxerweise am besten im Science-Fiction- und Fantasy-Genre zeigt). Umso unbegreiflicher erscheint es da, dass man auf Leinwand und Bildschirm bis heute nicht in der Lage ist, eine der banalsten Alltagshandlungen überzeugend darzustellen: das Kaffeetrinken. Warum das so ist, ist mir ein Rätsel, aber wo man hinschaut, wird mit dem Becher in der Hand gestikuliert und herumgefuchtelt, dass es die wahre Pracht ist, im echten Leben aber jeder in einem Radius von fünf Metern über und über mit brauner Brühe beschüttet wäre.

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Der Versuch einer bildlichen Illustration des Problems.

Selbst die reine Fortbewegung mit Kaffeetasse (ein klassischer Topos im Fernsehkrimi) gerät senderübergreifend in den seltensten Fällen glaubhaft. Denn wo vorsichtiges Balancieren angebracht wäre, wird forsch weitausgeschritten, als drohe nirgends das Risiko des Verschüttens oder einer verbrannten Hand. Eine gewisse Steigerung erfährt dieses eklatante Versagen der Schauspielkunst dort, wo statt der klassischen Henkeltasse das zeitgenössisch vorherrschende Kaffeebehältnis ins Spiel kommt: der Pappbecher. Was man da sieht, ist selbst für den Wohlmeinendsten kaum mehr zu ertragen. Denn egal, wie fragil, gut gefüllt und temperatursensibel so ein dünnhäutiges Coffee-to-go-Becherchen auch sein möchte, es wird von energischen Kommissaren bei Beratung oder Arbeit mit festem Griff gepackt und in den absurdesten Winkeln und Geschwindigkeiten herumgeschwenkt und zum Mund geführt, bevor dann so schnell und kurz und daran genippt wird, dass es in echt nicht zur Aufnahme eines halben Grammes Wasser reichte. Das Problem dabei ist eigentlich immer dasselbe: Obwohl es doch eigentlich nicht so schwer sein kann, wird nie mitgespielt, dass in Tasse oder Becher etwas drin ist und dass das eventuell auch noch heiß ist.

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Aus dieser Perspektive werden Kaffeetassen im TV aus gutem Grund selten gezeigt.

Ähnlich dilettiert wird meist auch da, wo verreist wird und Gepäckstücke dies illustrieren sollen. Hier werden dann regelmäßig einbauküchengroße Koffer mühelos angehoben und ohne jedwede weitere sichtbare Anstrengung einhändig zum Auto und in den Kofferraum geschlenkert, als handele es sich um ein Päckchen Watte. Vielleicht würde es schon helfen, mal ein paar Wackersteine hineinzutun. Vielleicht ist es aber auch höchste Zeit, bei Folkwangs und Ernst Buschs endlich mal einen verpflichtenden Method-Acting-Workshop zum Thema einzuführen: „Da schmeckt man das ganze Aroma – Kaffeetrinken für Anfänger“ (Leitung: Frau Sommer). Sollte das allein nicht semesterfüllend sein, könnte man den Kurs ggf. noch um eine Lektion in Sachen Telekommunikation erweitern. Denn auch beim realitätskonformen filmischen Telefonieren liegt international ja einiges im Argen (nicht nur weil dauernd ohne Tschüss und Abschiedsformel aufgelegt wird).

Wenn man die Fiktion also erfolgreich aufrechterhalten und nicht erfolgreich sichtbar machen möchte, gibt es auch heute noch einiges zu tun. Denn man will ja nicht dauernd so brutal aus der Handlung und Simulation von echter Unterhaltung herausgerissen werden, wie neulich bei diesem ZDF-Krimi: Beim Abtransport einer Leiche auf unwegsamen Gelände gerieten die Sargträger plötzlich ins Stolpern, und so schnell und leicht, wie dabei auch der Sarg in ihren Händen hüpfte, war dem kaffeebechergeübten Auge sofort klar: Da ist nix drin.

PS: Ist eigentlich schon mal jemand aufgefallen, dass man im HD-Fernsehen immer ganz schlimm deutlich sieht, wie stark die Schauspieler geschminkt sind? Das ist eigentlich wie beim „Indischen Grabmal“.

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Festnetztelefon: Ein Schwanengesang

Im Unterschied zu mir ist meine Freundin Tanja eine echte Trendsetterin, die Neues mit Freude und Neugier begrüßt und in puncto Elektrogeräte in der Regel immer ein bis zwei Technologien weiter ist als ich, die ich immer so starrköpfig und wider jede Vernunft am Alten hänge und festhalte und mich von lieb gewonnenen Dingen einfach nicht trennen will. Tanja streamt zum Beispiel schon seit Jahren, was das Zeug hält, wo ich neben einem CD- und DVD-Player auch immer noch einen Videorekorder und einen Plattenspieler mein eigen nenne und selbst die beiden Letzteren ab und zu noch im Gebrauch habe. Als meine Freundin Tanja nach ihrem letzten Umzug plötzlich keine Festnetznummer mehr hatte, wusste ich sofort: Das Schicksal des Telefons ist besiegelt ist, die ganze Festnetzsache ist auf dem Weg in den Orkus.

Inzwischen gibt es auch in meiner Alterskohorte schon eine ganze Menge Leute, die keine feste Nummer, kein festes Netz mehr haben, sondern nur noch ein Handy. Ohne Vorwahl, die noch ihren Wohnort verriete (quasi der Ortungsdienst der Vor-GPS-Zeit), ohne Kabel und Leitung, die im Sinne einer körperlich greifbaren Verbindung vom Hörer am Ohr des anderen in den fest installierten Apparat und von dort durch die Wand in die Erde und zu mir führt, schweben sie nunmehr gänzlich ungebunden im unfassbaren Nichts des universellen Elektrosmogs.

Ade nun also, du liebes Festnetztelefon! Denn erdgebundene Verwurzelung und Verkabelung, die ein Zuhause und ein Zuhausesein voraussetzt, ist nicht nur aus technischen Gründen nicht mehr zeitgemäß. Leute, die so was noch haben und sind, sind alt oder vom Land oder beides oder sonst wie von gestern. Alle anderen sind busy und wichtig und dauernd unterwegs und mobil und brauchen und wollen Vernetzung, aber kein Festnetz mehr. Und so kann das Handy, dieser Serienmörder unter den Elektrogeräten, eine weitere Kerbe in seine Hülle schnitzen.

Das Festnetztelefon ist damit aber auch der erste große, zentrale Gegenstand, der gerade aus dem Inventar des Lebens, wie ich es kenne, verschwindet. Sicher werden ihm andere bald folgen (der Fernseher ist vermutlich auch schon auf Abschiedstournee), und die Frage ist, ob die Welt noch dieselbe sein wird ohne diese Monolithen der Moderne, von denen noch vor zehn Jahren kaum jemand geglaubt hätte, dass es ohne sie gehen könnte. Doch nun ist es so weit, und damit ist es Zeit für einen Abgesang auf ein Massenkommunikationsmittel, dessen Aufstieg und Untergang beinahe komplett in meine Lebenszeit fiel. Und ich registriere mit einiger Trauer und Wehmut, dass ich also nun auch schon alt genug bin, um so große Entwicklungsstränge miterlebt zu haben.

Im Rahmen eines nostalgischen Exkurses ist es nun natürlich zunächst meine Aufgabe als alte Frau, davon zu berichten, dass in meiner Kindheit noch längst nicht alle Leute ein Telefon hatten und es in dem kleinen Dorf, das der Schauplatz dieses Teils meiner Geschichte war, bis heute noch drei- und vierstellige Telefonnummern gibt. Ich muss von gelben Telefonhäuschen erzählen, in denen aus Gründen der Rücksicht auf den Mitmensch die Parole „Fasse dich kurz!“ allgemein akzeptiertes Programm war, und von der Endlosschleife der Zeitansage unter der Nummer 119, nach der man nicht nur die Uhr stellen konnte, sondern die man als Kind auch manchmal zum Spaß anrief, um die relativ monoton klingende Stimme eine gewissen Elvira Bader sagen zu hören: „Beim nächsten Ton ist es acht Uhr, neun Minuten und zehn Sekunden. Piep.“ (Wir hatten ja sonst nichts, noch nicht einmal eine Playsi.)

Ich fessele die Generation Flatrate und versetze sie in sprachloses Erstaunen, indem ich von der Einheit namens „Einheit“ berichte, in der sich früher, im Jahre Schnee, die Kostbarkeit eines direkten Gesprächs mit einem abwesenden Menschen bemaß, und dies in direkter, völlig logischer Relation zu der Entfernung, in der er sich befand. Es fallen gemütliche und heimelige Wörter vor wie Ortsgespräch, Sprechmuschel, Wählscheibe und Postmonopol, und in launigem Ton erzähle ich meinen ungeborenen Kindern und Enkelkindern von verschwundenen Dingen wie dem Telefonbuch, das so etwas wie ein Personenbestandsverzeichnis ganzer Landstriche war, im Vergleich zum Internet aber doch nur beschränkte Möglichkeiten der Information und somit auch des Stalkings bot.

Die imaginierten Nachkommen lachen angesichts der relativen Unschuld, in der wir weiland als Teenager manchmal erst via Telefonbuch die Nummer der Person von Interesse ermittelten, bevor wir diese dann mit klopfendem Herzen anwählten, nur um schließlich für die zwei Sekunden, die es dauert, einen herkömmlichen deutschen Nachnamen zu sagen, ihre Stimme zu hören. Überrascht erfahren sie, dass dieses mutige Werk der Minne nicht immer von Erfolg gekrönt war. Denn in der guten alten armen Zeit gab es ja – man kann sich das heute kaum mehr vorstellen – nur einen einzigen Apparat für alle dreizehn Familienmitglieder! Wenn also Mutter, Vater, Bruder oder Schwester dran waren, dann sagte man einfach: „Verwählt“, und legte schnell und folgenlos auf, denn in der guten alten analogen Zeit, konnte ja niemand sehen oder sonst wie nachvollziehen, wer angerufen hatte.

Doch diese hellen, glücklichen Tage der Langeweile und Ahnungslosigkeit sind lange vorbei, und wenn ich überlege, wann das letzte Mal jemand „verwählt“ zu mir gesagt hat, fällt mir noch etwas viel Erschreckenderes auf, nämlich dass mein Telefon generell heute kaum noch klingelt. Außer meinen Eltern, meiner Schwägerin und zwei alten Freundinnen ruft mich niemand mehr auf meiner Festnetznummer an. Alle anderen melden sich auf dem Handy – wenn die Kontaktaufnahme denn überhaupt noch fernmündlich erfolgt. Denn die gravierendste Veränderung ist ja nicht, dass das Handy bzw. Smartphone das Festnetztelefon abgelöst hat. Die gravierendste Veränderung ist, dass das Telefonieren als Kommunikationsform, ja Kulturtechnik überhaupt zu verschwinden scheint. Zum Zwecke des zwischenmenschlichen Austauschs aus der Distanz wird inzwischen ja vor allem gesimst, geappt, gesnapchattet und getextet.

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Große, gut erkennbare Tasten und ein belastbarer Hörer zum Unterklemmen: So telefoniert die traditionsbewusste böse alte Frau von heute, und ihre Botschaft lautet natürlich: „RUF MICH AN! JETZT!“

Vom Fernsprecher zum Fernschreiber, vom Dialog zum Monolog, vom Gespräch zur Ansage: Das egomane, einkanalige Senden verändert freilich auch den Ton und den Charakter des Miteinanders. Dass Legionen von Teenagern vom Ende ihrer ersten großen Liebe heute per SMS erfahren und sich noch nicht mal darüber wundern, deutet an, wo die Verluste liegen. (Vielleicht ist es aber auch nur konsequent, denn viele von ihnen hatten sich ja vorher auf irgendeiner Internetplattform auch schriftlich verliebt.) Mit diesen im Dauermodus des Indirekten entstehenden Defiziten wird im Wörterbuch der globalen Trends unter dem Begriff der „socially awkwardness“ kokettiert.

Diese soziale Ungeschicktheit ist jedoch kein Privileg der Jugend. Denn auch Vertreter meiner Generation, die es eigentlich noch besser können sollte, schreiben sich heute die Finger wund und zeigen mit all den vielen Buchstaben bisweilen doch nichts anderes, als dass sie auch sie bereits an „social analphabetism“ leiden. So hörte ich neulich von einer Bekannten, die einer anderen zum Tode des Vaters tatsächlich per SMS kondoliert hat.

Freilich, indem man nur mehr schreibt, erspart man sich auch alle negativen Gefühle und Reaktionen des anderen, und vor allem diese vielen fadenscheinigen Gründe für Absagen und andere Lügengeschichten jedweder Art lassen sich so viel besser an den Mann bringen. Man kann heute quasi wegen jedem Scheiß absagen und muss sich noch nicht mal die Enttäuschung des Gegenübers anhören. Mit der schwindenden Direktheit der Verbindung schwindet so auch die Verbindlichkeit. Und ist nicht auch das Wegdrücken am Handy ungleich rücksichtloser als die Gesprächsvermeidungstechnik des Festnetztelefons, die rein darin besteht, einfach nicht dranzugehen (und dem anderen nichts als die neutrale Botschaft zu senden: „Ich bin nicht zu Hause.“).

Vielleicht wird es mir aus all diesen Gründen fehlen, das Festnetztelefon. Doch bei all meiner Treue zum Analogen kann ich gegen sein fortschreitendes Verschwinden natürlich wenig tun. Der Trend zur Gegenstandslosigkeit wird weitergehen und weitere Opfer fordern: Schallplatten, CDs, Bücher, Fotos, Adress- und Notizbücher, Landkarten, Kaufhäuser, Taschenlampen, Uhren, Fotos, Geld – aus Dingen werden Daten, und das Smartphone übernimmt Funktion um Funktion. Und bald, das weiß ich von meiner Freundin Tanja, wird es auch keine Türklingeln mehr geben. Denn wann immer sie mich hier zu Hause abholt und unten vor der Tür steht, klingelt sie nicht, sondern schickt eine Nachricht per WhatsApp: „Bin da.“

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Schlussverkauf im Bauchladen des Grauens

Die Hochzeit, so sagt man, sei der schönste Tag im Leben einer Frau. Dass ein damit in allerengstem Zusammenhang stehender Feieranlass den zweitschönsten Tag begründen würde, wäre somit logisch naheliegend, ist aber nicht unbedingt der Fall. Das weiß jeder, der schon einmal an jenem Event teilgenommen hat, das hierzulande in den letzten Jahren einen noch größeren Aufschwung erfahren hat als die AFD: der Junggesellenabschied. Eigentlich heiratet heute niemand mehr, ohne zuvor einen solchen zu veranstalten. Alt wie ich bin, kann ich allerdings kein bisschen verstehen, warum. Denn eine blödere oder sexistischere Veranstaltung als Junggesellen- oder Junggesellinnenabschiede kann man sich eigentlich kaum vorstellen, und außer niedrigen gibt es überhaupt keine plausiblen Beweggründe, so etwas auszurichten oder auch nur daran teilzunehmen.

Vor allem für die vielen jungen Frauen, die in den letzten Jahren mit zunehmender Begeisterung und abnehmenden Reflexionsvermögen jenem aus dem kulturellen Nichts kommenden bzw. aus dem angloamerikanischen Raum importierten (Miss-)Brauchtum frönen, fehlt mir jedes Verständnis. Ich meine, mit den Kumpels saufen zu gehen und Orte aufzusuchen, an denen fremde Frauen nur spärlich bekleidet sind, ist ja für manche Männer eine typische Vorstellung von Spaß, und um das zu tun, brauchen sie eigentlich meistens auch gar keinen Junggesellenabschied. Dass aber auch die üblichste und gleichzeitig übelste Ausprägung des weiblichen Abschieds vom Singletum und Fräulein-Sein daherkommt, als hätten sie sich Männer für Frauen ausgedacht, lässt eine alte Feministin wie mich vor Zorn aufstampfen wie Rumpelstilzchen.

Wann immer ich am späten Samstagnachmittag in der Innenstadt erschöpfte, glasäugige Mädchen mit Tütü und Bunny-Öhrchen oder Team-Braut-Fußballtrikots sehe, die – von keinem Zuhälter gezwungen – Kondome und Schnaps an jeden willigen männlichen Passanten verkaufen, denke ich: Man könnte stattdessen doch auch etwas Schönes machen. (Und im Grunde hätte jede dieser armen Bräute zu ihrem eigenen Bauchladen auch eine eigene #MeToo-Kampagne verdient.)

Kondome, die im Dunkeln leuchten, scharfer Hüpfer und Stringtangas im Abverkauf: Ich glaube, es ist vor allem dieses schlüpfrig Sexualisierte, Verklemmte der Veranstaltung, das mich ins Essen brechen lässt. Im prüden Amerika braucht man Ausbrüche dieser Art vielleicht. In Europa, so dachte ich, hätten wir diese Sorte Weltbild und Humor in den 70er-Jahren mit Filmen wie „In der Lederhose wird gejodelt“ hinreichend ausagiert und sodann hinter uns gelassen. Hier waren wir in Sachen sexuelle Befreiung doch schon einmal deutlich weiter, und auch unsere Männer- und Frauenbilder sowie unsere Vorstellung vom gemeinschaftlichen Miteinander der Geschlechter hatten sich inzwischen doch eigentlich weitestgehend von jenen der 50er-Jahre emanzipiert.

Wie hilfreich für das weitere kulturelle Fortkommen der Menschheit ist also nun eine Veranstaltung, die Männer und Frauen separiert wie derzeit sonst nur der IS, orthodoxe Juden oder andere religiöse Fundamentalisten und die ein Konzept von der Ehe als dem Ende der Freiheit propagiert? Wer braucht das? Und warum? Hier kann ich der Jugend nicht mehr folgen (und möchte es auch nicht). Geht es um Imitation einer als überlegen oder cooler betrachteten Kultur? Oder um schieres Herdentum, also darum, dass es alle anderen ja auch machen? (Diesem Motiv ist ja noch selten etwas Gutes entsprungen.) Oder ist es am Ende noch schlimmer, und es handelt sich um ein gigantisches Schneeballsystem der Rache, das einst mit der allerersten deutschen Auflage der amerikanischen Bachelorette Party in Gang gesetzt wurde und nun im Grunde nicht mehr zu stoppen ist, weil die bei dem Ereignis erlittenen Demütigungen und Traumata in jeder einzelnen Braut den rundum niederträchtigen, aber mehr als verständlichen Wunsch geweckt haben, allen 15 anderen ebenfalls das anzutun, was ihr zuvor von diesen widerfahren ist?

Sie sehen, reine Empathie, nicht miese Spielverderberei ist meine Motivation: Ich leide wirklich mit, und gerne würde ich helfen – so wie viele andere Internet-Akteure auch. Es gibt nämlich haufenweise Webseiten mit Ideen für den JGA. Dabei wäre die beste Idee doch, die Veranstaltung a. s. a. p. wieder abzuschaffen. Und genau hier setzt auch meine Lösung an: Ich schlage vor, die importierten, neuen, rückständigen Sitten, gegen einen guten alten, progressiven Brauch zu tauschen: den Polterabend. Der Vorteile und Segnungen wären viele.

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So viel Glück uns Schönheit sind der Lohn des Polterns.

Zum ersten bietet der Polterabend natürlich ebenfalls die gewünschte Gelegenheit für ein exzessives voreheliches Trinkgelage. Aber statt auf dem Weg zum maximalen Gute-Laune-Pegel im Minimum zwölf Stunden in albernen Kostümen durch die ganze Stadt zu hetzen, lassen sich Schnaps und Sekt und Sonstiges am Polterabend gemütlich und gut angezogen zu Hause im Stehen oder Sitzen konsumieren. Und weil Alkohol als Stimmungsmacher bekanntermaßen völlig ausreicht, kann dabei auf peinliche Spielchen gänzlich verzichtet werden. Eigentlich ist kaum mehr zu tun, als da zu sein und sich gut zu unterhalten. Auch im Zusammenhang mit Achtsamkeit wäre der Polterabend also noch einmal ganz neu zu betrachten.

Dass die Polterei trotz ihres archaischen Namens moderneren Konzepten von Gender folgt als die altbackenen amerikanischen Zöpfe, wurde bereits erwähnt und zeigt sich prinzipiell auf zweierlei Weise: Mann und Frau feiern hier nicht nur zusammen, es wird auch gemeinsam gekehrt. Der symbolische und emanzipatorische Gehalt dieser rituellen Handlung, muss dem aufgeklärten Leser nicht näher erläutert werden.

Der vielleicht größte Vorteil des Polterns ist jedoch seine große integrative Kraft. Denn wo der JGA mit seiner beschränkten Teilnehmerzahl separiert und exkludiert, sind beim PA die Türen weit geöffnet und prinzipiell alle willkommen. Auf der nicht existenten Gästeliste stehen hier nicht nur eine Handvoll Leute, die sowieso auch zur Hochzeit kommen, sondern auch entferntere Bekannte und Nachbarn, die man nicht alle zur offiziellen Feierlichkeit einladen kann, mit denen man die bevorstehende Vermählung aber vielleicht auch begießen möchte. So werden nicht nur ineffiziente personelle Redundanzen vermieden, sondern es werden dem Brautpaar stattdessen gleichzeitig auch größere Personengruppen gewogen gestimmt. Es erfolgt also eine zusätzliche Verankerung beider Brauleute im gesellschaftlichen Miteinander, ja mithin Integration.

Kurz, beim Polterabend sind alle gern zu Gast, niemand muss sich schämen oder fremdschämen, es wird einfach entspannt gefeiert, und ich habe schon von Paaren gehört, denen hat ihr Polterabend besser gefallen als ihre Hochzeit. Konservativere Kräfte, die trotzdem immer noch mit aller Macht an reaktionärem Brauchtum hängen, kann ich als alte Frau natürlich ebenfalls gut verstehen. Für sie böte aber der Karneval vielleicht eine noch bessere (und bedeutend traditionsreichere) Gelegenheit zum Feiern. Da ist man am helllichten Tag in der Innenstadt zumindest nicht der einzige alkoholbedingt Enthemmte im Kostüm.

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Wenn Donald Trump ein Auto wäre

Ich bin – typische Vertreterin meiner Generation – eine begeisterte Autofahrerin. Manchmal fahre ich einfach nur so durch die Gegend (um aus der Stadt rauszukommen, um den Frühling zu sehen, um ein bisschen Musik zu hören und ein Bier zu trinken). Der Anblick eines neuen Fiat Cinquecento erfreut mich, und ein gut gepflegtes Saab-900-Cabrio kann mich in schieres Entzücken versetzen. Kurz, ich bin des grundlosen Auto-Bashings und Öko-Terrorismus gänzlich unverdächtig.

Und doch ist auf deutschen Straßen seit ein paar Jahren etwas unterwegs, was auch mich plötzlich eine tiefe Sorge um unsere liebe Natur verspüren, vor allem aber ernsthaft um den gesellschaftlichen Zusammenhalt bangen lässt. Es nennt sich recht harmlos und ziemlich blöd „Sport Utility Vehicle“, aber es sieht aus wie eine Drohung, und wenn man erst mal hinter einem gefahren ist oder versucht hat, neben einem zu parken, dann weiß man ganz sicher, dass kein Platz mehr ist für einen auf der Welt.

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Nicht nur die Reifen sind inzwischen doppelt so groß: Die Evolution hat im Laufe der letzten 50 Jahre viele neue, schreckliche Arten hervorgebracht.

Der Volksmund nennt den neuen Fahrzeugtyp treffend, aber doch allzu liebevoll „Hausfrauenpanzer“. Der Begriff weist gleichwohl in die richtige Richtung, denn beim „Sport-Brauchbarkeits-Vehikel“ geht es mitnichten um Sport, sondern um den Vernichtungskrieg auf den Straßen, um das Recht des Stärkeren, quasi um den Häuserkampf um den Parkplatz. Denn Feindseligkeiten jedweder Art sind ja das einzige Gebiet, auf dem man in einem solchen plumpen Ding eventuell einen Vorteil hätte. (Feindseligkeit ist im Übrigen auch das einzige Gefühl, das diese Sorte Auto bei allen Guten und Gerechten auslöst.)

Was mich angesichts der steigenden Zahl der SUV-Neuzulassungen in Angst und Schrecken versetzt, ist allerdings nicht die Frage nach der Gesamt-CO2-Bilanz all der vielen neuen deutschen Kraft-Wagen, die die von Kuwait und China vermutlich noch deutlich übersteigt. Es ist auch nicht die Tatsache, dass der SUV-Fahrer bei einem Unfall in seinem Leopard 2 recht sicher sitzt, während der von ihm gewählte Fahrzeugtyp im Straßenverkehr nicht nur generell das Unfallrisiko erhöht, sondern auch beim Unfallgegner – andere, kleinere Autos, Motorradfahrer und Kinder – prinzipiell deutlich schlimmere Verletzungen hinterlässt als andere, kleinere Autos. Ich kann unter Umständen auch noch damit leben, dass mir der Vordermann auf der Straße dauernd seinen fetten Arsch entgegenstreckt und ich hinter einem SUV vom übrigen Verkehrsgeschehen nichts mehr sehen kann, während man vor mir – ungefähr auf Arschloch-Höhe – vermutlich den allerbesten Überblick genießt.

All dies ist sicher ärgerlich. Aber was mich wirklich beunruhigt ist, dass es in diesem Land eine ziemlich große Anzahl von Zeitgenossen gibt, deren ästhetisches Empfinden zutiefst gestört ist. Ich meine, Protzsucht,  Kraftmeierei und Allmachtphantasien, die sich in Autoform ausdrücken, sind per se ja nichts Neues, aber so hässlich kamen sie wirklich noch nie daher. Denn irgendwelche Schönheit oder gar Eleganz ist ja an diesen Bulldozern nicht zu entdecken, und man fragt sich unweigerlich, warum irgendjemand etwas so optisch Abstoßendes fahren oder gar besitzen möchte. Ein Porsche wäre mir deutlich leichter vermittelbar. (Aber der ist halt auch für viele viel zu teuer.)

Vielleicht ist es ein Ausdruck der neuen, abstoßenden Stimmung der Zeit. Der Trend zum automobilen Größenwahn stammt ja – wen wundert’s – aus den USA. Und nun überlegen Sie mal: Wenn Donald Trump ein Auto erfunden hätte (oder ein Auto wäre), würde es nicht genauso aussehen?

Aufkündigung des Klimaabkommens, Zäune gegen Mexikaner und Waffen für alle – da nimmt sich auch der verängstigte deutsche Egomane gerne ein Beispiel und überrollt uns im abgeschotteten Panzer (während er um das traute Eigenheim einen dieser hässlichen Drahtkäfige mit Steinen als Boll- und Mauerwerk gezogen hat). Jedoch, das vergiftet das Klima, und besonnene, friedliebende und versöhnungswillige Zeitgenossen wie ich drängen auf Abrüstung. Wie also werden wir diese neue, extreme Form automobilgewordener Rücksichtlosigkeit wieder los und bringen wieder ein bisschen mehr (Umwelt-)Freundlichkeit und deutlich mehr Schönheit in diese Welt? Nun, ich hätte da ein paar Vorschläge:

Liebe SUV-fahrende Familienväter und Durchschnittsverdiener: Wäre es ökonomisch nicht deutlich sinnvoller die vom Mund und Kindergeld abgesparten Leasing-Raten statt für den Angeber-Mithalte-Wettbewerb für einen schönen, gebrauchten Kombi auszugeben? Mit dem, was ihr an Spritkosten spart, könnt ihr dann vielleicht auch mal wieder mit der ganzen Familie am Goldstrand urlauben.

Ihr lieben namengebenden Hausfrauen und Gattinnen, wenn ich euch auf dem Supermarktparkplatz verzweifelt herumkurbeln und rangieren sehe, frage ich mich immer, ob ihr euch diesen SUV wirklich gewünscht habt oder ob das Geld nun einfach nicht mehr für einen Zweitwagen reicht. Im ersteren Fall: Habt wenigstens ihr den Mut, euch einzugestehen, dass die Sache eine Nummer zu groß für euch ist (und verlangt euren alten Golf zurück)! Eure Gatten würden das niemals tun, die vermeiden einfach das Einparken, entsorgen ihr vierrädriges Problem vor fremden Einfahrten oder blockieren beim Halten in der zweiten Reihe andere Verkehrsteilnehmer.

Ihr wohlhabenden, wichtigen, aber trotzdem klein gewachsenen Männer, die ihr euer Little-Man-Syndrom beim Autokauf kompensiert: Ein Aston Martin ist doch ein viel schönerer und stilvollerer Penis-Ersatz. (James Bond käme jedenfalls niemals im SUV daher!)  Alle anderen Großmannssüchtigen, die auch weiterhin gerne im schweren Gerät auffahren, dabei erhöht sitzen und auf andere herabschauen möchten, seien im Übrigen auf den Bus verwiesen.

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Generation Jammerlappen

Es gibt kein besseres Mittel der Abgrenzung zwischen Jung und Alt als die Musik. Das funktioniert zwar in beide Richtungen, besitzt allerdings nur in eine revolutionäres Potenzial. Ja, die Jugend kann, wenn sie gut ist, das Alte in Grund und Boden spielen. In der Vergangenheit ist das schon mehrfach gelungen. Was die deutsche Gegenwart angeht, habe ich da jedoch so meine Zweifel. Denn zwar haben wir hierzulande wieder so viele erfolgreiche deutschsprachige Popkünstler wie seit den Zeiten der Neuen Deutschen Welle nicht mehr, aber von Kraft, Knall und Krawall kann bei alldem nicht die Rede sein. Eigentlich ist es eher so: Ob Max Giesinger, Marc Foster, Wincent Weiss oder Andreas Boruani: Alle jammern und winseln im selben Lamento einher, und man weiß gar nicht, wer von diesen Schmerzensmännern der schlimmste ist.

Vielleicht Philipp Poisel, dessen Song „Wie soll ein Mensch das ertragen?“ zwar im Hinblick auf die deutsche Gegenwartsmusik die richtige Frage stellt, aber seinerseits leider auch gänzlich unerträglich ist. Gleichwohl, die Frage gilt, und zwar umso mehr, als sich diese erschreckende Resignation und Larmoyanz auf alle Bereiche erstreckt, die gemeinhin Gegenstand der Popmusik sind. Allen voran die Liebe: „Lieber Wolke 4 mit dir, als unten wieder ganz allein“, singt Philipp Dittberner mit trauriger Stimme, ein bisschen Beat und so einer kleinen Gitarre, die allem widerstrebt, was ich an Blechbläsern und Euphorie mit der Liebe, zumal in jungen Jahren, verbinde. Jetzt mal ganz ehrlich: Wem kann man denn ernsthaft diesen miesen Antrag machen? So dick kann gar kein Mädchen sein, dass es mit dem nöligen Philipp auf drittbeschissensten Wolke sitzen möchte. So kriegt man im Zweifelsfall noch nicht mal ein Tinder-Date.

„Ey, da müsste Musik sein“, findet ganz in diesem Sinne auch Wincent Weiss und wünscht sich im gleichnamigen Song zum Gefühl „Trompeten, Geigen und Chöre“. Allein, man weiß nicht, was er damit sagen will: Fehlen sie ihm jetzt, weil er sie fühlt, oder fehlen sie ihm am Gefühl? Die Molltöne, die neben einigem falschen Pathos auch hier vorherrschen, suggerieren Letzteres. (Falls das nicht stimmen sollte, hätte er in jedem Fall vergessen, dass es als Musiker seine Aufgabe wäre, die Geigen, Trompeten und Chöre zu liefern.) Ganz ähnlich ist es auch bei Max Giesingers „Einer von 80 Millionen“. Auch hier findet sich diese frappante Diskrepanz zwischen Tonlage und Text, die geradezu charakteristisch zu sein scheint für das zeitgenössische muttersprachliche Liedgut. „Wenn wir uns begegnen, dann leuchten wir auf wie Kometen“, behauptet der bärtige Barde, aber die Klänge, die er zur Illustration dieses interstellaren Großereignisses findet, wären auf einer herkömmlichen Beerdigung deutlich besser aufgehoben.

Ach, ich könnte ewig so weitermachen, denn wo man hinhört, wird gelitten, gejault und gejammert. Und man fragt sich unweigerlich, was diese armen Menschen denn alle so Schlimmes erlebt haben, dass sie derart im Herzen verzagt, mut-, saft- und kraftlos sind und allesamt singen wie Flasche leer. Der eine beweint so herzzerreißend wie vor ihm nur Heintje das Schicksal seiner Mutti (Max Giesinger „Und wenn sie tanzt“), andere feiern schon mit Mitte 30 wie alte Männer ein nostalgisch verklärtes Früher (Johannes Oerding „Hundert Leben“, Revolverheld „Das kann uns keiner nehmen“), und wieder andere anderen jammern sich in Richtung eines Aus- und Aufbruchs („Wincent Weiss „Ich brauch frische Luft“; Tim Bendzko „Ich bin doch keine Maschine“; Andreas Bourani: „Auf anderen Wegen), der allein schon deshalb nicht gelingen kann, weil man dazu auch mal was kaputthauen müsste.

Und ich? Ich kann das alles nicht nur kaum ertragen, ich kann es auch überhaupt nicht unterscheiden. Denn es klingt nicht nur das eine Lied von Mark Foster wie das andere, sondern Andreas Bourani klingt auch wie Mark Foster oder Clueso, der wiederum kaum von Max Giesinger zu unterscheiden ist, den ich seinerseits eigentlich immer mit Wincent Weiss verwechsle. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Nein, im Ernst, hören Sie mal „Kogong“ von Marc Foster und dann „Erinnerungen“ von Clueso. Das ist doch ein und dasselbe Lied!

Ein zentraler Grund für diese Ähnlichkeit und Austauschbarkeit ist dieses dräuende Trömmelchen, das in fast allen Songs geht und eine Eruption ankündigt, die dann doch nicht kommt. Es ist dieses trügerische Trömmelchen, das die Stücke, jedwedes Thema, alle Lagen und falschen Gefühle auf denselben langweiligen, getragenen Kurs bringt. Aber es ist auch diese pathetische Uniformität, die (zusammen mit den ganzen schlecht gereimten textlichen Pseudo-Tiefsinnigkeiten) diese Musik und Selbstinszenierung junger Männer für mich als alte Frau so unerträglich macht. In meinem Alter will man nicht mehr den ganzen Tag sich selbst und das eigene Leiden zelebrieren.

Statt Selbstmitleid und Selbstinszenierung braucht die aussterbende Spezies einfach mehr Selbstironie – und vor allem ein bisschen Allegro und Upbeat. Welcher jungen Stimme sollen wir alten Frauen und Musikfreunde also nun lauschen? Helene Fischer? Nun, deren Lieder sind auch nicht schön. Aber auf jeden Fall deutlich energetischer.

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Zu viel Verkehr auf dem „Information Highway“

In meinem nur wenige Tage zurückliegenden, wohlverdienten Urlaub habe ich in einem Zwei-Sterne-Hotel übernachtet und in einem Fünf-Sterne-Airbnb-Apartment. Daher kann ich nun von Schimmel erzählen und von fledermausgroßen Küchenschaben. Das ist schlimm. Aber noch viel schlimmer ist, dass es qualitätsmäßig eigentlich keinerlei Unterschiede zwischen den beiden Herbergen gab. Oder andersherum: Die kleinen schwarzen Freunde im Airbnb-Quartier haben mich doch recht kalt erwischt, während ich im Falle des Hotelzimmers vorher schon geahnt hatte, dass es nicht so schön werden würde.

Doch wie immer möchte ich nicht klagen, sondern dem Problem auf den Grund gehen, das da lautet: Wie konnte es zu so einem fatalen Fünf-Sterne-Irrtum kommen? Auf diesem langen und beschwerlichen Weg treffen wir natürlich gleich hinter der ersten Ecke auf den üblichsten Verdächtigen unserer Tage: das Internet respektive seine (a)sozialen Medien und Plattformen. Das hat zwar auch in diesem Fall kein Alibi, haben die vielen Homesharing-, Reise- und Buchungsportale doch kaltherzig nicht nur Legionen von Reisebüros den Garaus gemacht. Aber dank des weltweiten Zugriffs auf Informationen, Produkte und Dienstleistungen sowie der deutlich verbesserten Ausgangsbasis für privates Unternehmertum, die das Internet ja ebenfalls bietet, gibt es auch zahllose Mittäter.

So kann auf dem von vielen bürokratischen Fesseln und physikalischen Restriktionen befreiten Internetmarkt einerseits jeder Honk sein privates, handykameragefiltertes Silberfischchen-Aquarium für teuer Geld an ahnungslose Mitweltbürger vertickern. Andererseits führen die viel gepriesene Verknüpfung von Wissen und Information sowie die gesteigerten Möglichkeiten zu direkter Demokratie im Falle von Airbnb und anderen (Verkaufs-)Plattformen auch dazu, dass jeder Honk zu allem seinen Senf dazugeben kann (und dann natürlich auch will). Ja, oft soll und muss er es sogar. Denn elementarer Bestandteil solcher Portale ist ja das Bewertungssystem, das statt auf elitäre Expertise auf das Urteil und den Geschmack der breiten Masse setzt. Die ehrliche, interessenfreie Meinung von Otto und Jürgen Normalverbraucher ist es, die aufsummiert und auf den Durchschnitt gerechnet vermeintlich Transparenz und Objektivität ermöglicht. Die Messung von Qualität mt Hilfe von Quantität ist somit aber auch das Prinzip der Sterne-Wertung.

Dies ist umso erstaunlicher, als viele Lösungen, die das Internet und seine Akteure hervorgebracht haben, ja überraschend neu, clever, effizient und revolutionär waren. Da fragt man sich schon, ob es einen guten Grund hat, dass ihnen diesmal nichts Besseres eingefallen ist, als ein simples Großgruppenurteil mit Mittelwertrechnung, also herkömmliche Statistik, zu des Pudels Kern zu machen. Die Folgen jedenfalls sind fatal: Weil es die Masse (außer bei Steinigungen) eben nicht macht, sind all diese Bewertungssysteme im Grunde gänzlich untauglich und bieten dem suchenden Individuum keinerlei Orientierung. Ich meine, rechnen Sie bitte einmal selbst: Zehnmal fünf Sterne von Idioten – was macht das?

Nun liegt hinter all diesen verlockend funkelnden Sternen natürlich meist auch noch ein ganzes Universum an Text. Denn Otto und Jürgen schreiben sich im Kommentarfeld ja oft auch noch ihren ganzen Frust bzw. ihre ganze ungebremste Begeisterung über den letzten Urlaub und die dazugehörige Heimstatt von der Seele. Aber nicht nur bei Airbnb oder Tripadvisor gilt: Es ist eindeutig zu viel Verkehr auf dem Information-Highway. Mehr als fünf oder sechs Bewertungen lese ich jedenfalls nie. Und auch diese frohen Botschaften oder bösartigen Bekanntmachungen sind in der Regel wenig hilfreich, weil man einfach nicht weiß, wem man nun Glauben schenken soll: dem, der womöglich unter Zuhilfenahme zahlloser Komma- und Rechtschreibfehler das Produkt in den höchsten Tönen bejubelt, oder dem, der wortgewandt und wütend, aber eben doch ungerecht in seinem Zorn den Hersteller auf das Übelste beschimpft?

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Zum Kauf dieses Urlaubssouvenirs hat mir im Internet niemand geraten.

Big Data hin oder her: Man kauft doch immer nur die Katze im Sack. Weil einem nur Otto und Jürgen dazu raten. Und weil man Otto und Jürgen gar nicht kennt. Um aus dem nutzlosen Sternschnuppen-Scoring ein halbwegs aussagefähiges System zu machen, bräuchte man zumindest mal ein paar soziodemografische Daten und Hintergrundinformationen zu den beiden ominösen Herren, also eine Art Bewertung der Bewerter. Läse ich dann zum Beispiel „Otto, Lieblingssendung: ,Frauentausch‘“ oder „Jürgen, Leibspeise: Fischstäbchen“, wäre mir manches sofort klarer. Andererseits hat mir aber auch schon einmal meine beste Freundin ein Buch geschenkt, das ihr überaus gut, mir aber überhaupt nicht gefallen hat.

Ob man auf dem Weg der subjektiven, situativen, schnellen und leicht zu verändernden Urteile also überhaupt weiterkommt, ist fraglich. Erschwerend kommt hinzu, dass die all den Tiraden/Suaden zugrunde gelegten Bewertungsmaßstäbe nicht immer klar bzw. manchmal sogar schlichtweg falsch sind. Im erwähnten Urlaub zum Beispiel sollte eine Konsultation des unter dem Label „Tripadvisor“ gesammelten Schwarm-Wissens bei der Restaurantsuche helfen. Doch schon bald schien es, dass in diesem Guide Michelin der Mittellosen der Freundlichkeit der Kellner mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde als den Künsten des Kochs. Wir zogen es daher vor, das unbekannte Terrain fürderhin unberaten zu erkunden. (Für einen Jahresurlaub im Sinne eines Abenteuers oder einer echten Entdeckungsreise ist das ja auch eigentlich die bessere Wahl.)

Angesichts der Tatsache, dass nicht nur in südlicheren Gefilden inzwischen an jeder zweiten Restauranttür ein grünes Tripadvisor-Schild hängt, hege ich ohnehin den Verdacht, dass entweder jeder, der schon einmal Schnitzel gebraten hat, mit einem solchen Exzellenz-Zertifikat bedacht wird oder dass man diese Bescheinigungen sehr gut selber basteln, wenn nicht gar irgendwo kaufen kann. Womit wir bei Amazon wären, denn da weiß man ja auch nie so genau, ob das Kundengutachten nicht doch gefakt, beauftragt und bezahlt ist. Da hilft es auch nicht, dass ich dort am Ende zusätzlich bewerten kann, wie ich die Bewertung fand – und sich die Katze dann ja auch irgendwie in den Schwanz beißt.

Bei Airbnb wiederum wird die Verlässlichkeit und Objektivität des Urteils durch die perfide Personalisierung und Privatisierung der Beziehung zwischen Mieter und Vermieter erheblich eingeschränkt. Dabei ist die ursprüngliche Airbnb-Idee des Homesharings inzwischen ja weitgehend tot. Nur in den seltensten Fällen sind es noch echte Privatwohnungen, in denen man unterkommt (und selbst die sind schon lange nicht mehr zum Schnapper-Preis zu haben). Obwohl hier entsprechend langsam auch mal eine professionelle Evaluation angebracht wäre, traut sich nicht nur aufgrund des grundlosen gegenseitigen Duzens kaum jemand zu schreiben, wie dreckig, klein, laut, billig eingerichtet und schlecht gelegen das Urlaubsapartment in Wirklichkeit war. Schließlich wird man auch selbst bewertet und will sich keine Retourkutsche einhandeln. So werden Negativurteile von vornherein abgewehrt und ausgehebelt, und es regnet Sterne, die sich auch mit aller Medienkompetenz der Welt nicht deuten lassen.

Das Retourkutschenproblem gab es früher auch mal bei eBay. Dort ist es inzwischen gelöst: Man kann einfach keine Negativbewertung mehr abgeben. Nur „positiv und neutral“ stehen dem gemeinen Nutzer als Votum zur Verfügung. Indem aber Kritik solchermaßen offen unterdrückt wird, ist letztlich auch die ganze Demokratie des Bewertungssystems ad absurdum geführt. Das Volk darf nur mehr die dünnen Fähnchen der Begeisterung schwenken. Um die negativ auffällig Gewordenen kümmert sich die Stasi das System selbst.

Das Volk braucht offensichtlich Führung. Und es braucht sie dringender denn je. Es braucht professionelle Reise- und Restaurantführer, berufsmäßige Buchkritik, die Stiftung Warentest, professionellen Background, Erfahrung, Kompetenzen und nachweisbare Qualifikationen, kurz Personen vom Fach, die Billy-Regale nicht mit Designermöbeln verwechseln und es verhindern, dass abgewohnte Hinterhof-Buden, die es niemals in den TUI-Katalog geschafft hätten, mit Fünf-Sterne-Deluxe-Prahlerei den Verbraucher in die Irre führen.

Damit wäre der Fall nun gelöst. Zu guter Letzt aber trotzdem noch eine Frage: Auf einer Skala von eins bis fünf – waren diese Ausführungen hilfreich für Sie?                                 Das dachte ich mir.

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Influenza

Beim Arzt, wo der ältere Mensch sich ja häufiger aufhält, nutze ich die Zeit gerne und gezielt zur Lektüre bestimmter, außerhalb des Wartezimmers völlig nutzloser Zeitungen. Denn Klatsch und Tratsch erfreuen ja prinzipiell altersunabhängig. Ein wenig geschmälert wird dies Vergnügen in letzter Zeit leider immer häufiger dadurch, dass mir die Leute, über die dort in erfrischender Kürze zweifellos pikante, brisante, ja in jede Fall entscheidende Insider-Informationen zu erhalten wären, völlig unbekannt sind. Von Tessa Thompson und Victoria Svarowski zum Beispiel habe ich noch nie gehört. Ein Grund für die zunehmende Fremdheit zwischen mir und den internationalen Lektüregegenständen mag sein, dass die wenigsten der in Wort und vor allem Bild porträtierten Celebritys älter als 40 sind. Dies legt drei messerscharfe Schlüsse nahe: a) Die Zahl der Stars auf dieser Welt, die älter als 40 sind, ist verschwindend gering, b) älter als 40 und ein Star zu sein, schließt sich prinzipiell aus, c) die Zeitungen verzichten aufgrund mangelnden Publikumsinteresses schlicht auf eine adäquate, demografisch repräsentative Berichterstattung. Egal, ob a), b) oder c): Es sieht nicht gut aus.

Sei es drum. Heute mag ich nicht über die schlimme, allgegenwärtige Altersdiskriminierung schimpfen. Denn immer wieder mache ich beim Lesen von „Gala“ ja auch neue, aufregende Entdeckungen. Heute zum Beispiel las ich ein Interview mit Mathieu Carrière (dessen Namen ich dank eines langjährigen Bunte-Studiums im letzten Jahrhundert jederzeit fehlerfrei schreiben kann) und seiner Tochter Elena. Dies Mädchen hat einen interessanten Beruf, von dem anders als von dem Mädchen seit einiger Zeit überall zu hören ist: Elena Carrière ist Influencerin.

Damit hat sie schon mit 20 die gleiche Karriere eingeschlagen und gemacht wie zum Beispiel auch Shirin David (?) und Dagi Bee (??)  und Bibi Beauty (!). Auch diese drei jungen Damen sind waschechte Influencer. Ja, es scheint, dass Influencer neben Castingshow-Teilnehmer der neue Traumberuf ist für junge Leute, die konsequent auf eine Ausbildung und Sinnhaftigkeit ihres Tuns verzichten und trotzdem mehr verdienen möchten als ein einfacher Uni-Professor oder Herzchirurg.

Sich bei der Agentur für Arbeit nach dem dazugehörigen Berufsbild zu erkundigen, hat wenig Zweck, die sind da nicht so schnell und zeitgemäß. Setzen wir also auf saubere, gründliche Recherche, googeln wir mal und lernen wir bald: Wir sprechen von Teenies, die Stars im Internet sind, weil sie sich selbst mit dem Handy filmen. Macht sich der von Neugier und Wissensdurst geplagte, erwachsene Mensch sodann ein noch genaueres Bild vom Wirken von Bibi und Dagi, folgt statt Aufklärung nicht selten Erschütterung. Was soll ich sagen? Ein Blick auf das Lebenswerk der Bibi Beauty lässt viele ratlos zurück.

Das tut Bibis Quasi-Prominenz jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Außer für ihre zahlosen Follower bzw. wegen ihrer zahllosen Follower ist Bibi allem für die Werbung interessant, die sich der Jugend und ihrer neuen Verkaufskanäle gerne bedient. Sind Influencer also so etwas wie Klementine, Herr Kaiser und Frau Sommer früher, nur dass sie statt im Fernsehen im Internet agieren? Eher nicht. Denn Klementine und Co. waren Kunstfiguren und machten Werbung für ein Produkt. Influencer dagegen sind ganz und gar sie selbst und promoten auch nur sich selbst. Sie sind also Produkt und Marketing-Instrument in einem. Das aber wiederum ist: der schiere Selbstbezug. Generation Selfie?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn jenseits ihrer Verdienstmöglichkeiten, die ehrliche Arbeit noch mehr als Fußballergagen beschämen, sind die Influencer ja weniger Stars als Instrumente. Sie sind vor allem: perfekte Rädchen im Getriebe des Internets. Denn wo das Netz uns Fischchen am liebsten die ganze Zeit damit beschäftigt hielte, dass wir uns etwas anschauen oder dass wir etwas kaufen, arbeiten die Influencer gleich an beiden Zwecken unermüdlich mit: Sie produzieren in fehlgeleitetem jugendlichen Eifer ganz umsonst einen Großteil der für lückenlose Berieselung nötigen Filmchen und helfen gleichzeitig eifrig dabei, alle möglichen Produkte zu verkaufen. Diese unschlagbare Kombi ist vermutlich das Geheimnis ihres für denkende, fühlende Menschen, soziale Schwärmer und Antikapitalisten nur schwer zu ertragenden Erfolgs.

Gleichwohl muss auch der älteste und ungeneigteste Betrachter zugeben: Bibi ist ein gewisses Minimum an eigener Leistung nicht abzusprechen. Bibi hat sich diesen ganzen Unsinn immerhin erst einmal selbst ausdenken müssen. Aber wie es immer ist: Wo die Pest ist, will die Cholera hin. Wo etwas gut läuft, folgen Generika und Trittbrettfahrt auf dem Fuße. Und so strömt es auch aus anderen Berufszweigen derzeit nur so in das neue, boomende Business. Es wird reihenweise umgeschwenkt und umgeschult, sodass andere historisch gewachsene Berufe und ehedem völlig ehrbare Branchen auf einmal gänzlich zu verschwinden drohen. Die Fußballer-Gattin? Der Prominenten-Abkömmling? Haben die Nase voll davon, in der zweiten Reihe zu stehen! Sie drängen in die erste und reklamieren unter dem neuen Label plötzlich Eigenständigkeit! Cathy Hummels? Influencerin! Anne Kathrin Brömmelkamp? Eben!

Aber auch manche allzu früh mit dem Consilium abeundi bedachte GNTM-Absolventin sieht plötzlich ihre Chance und macht auf dem zweiten Bildungsweg noch schnell eine Influencerin aus sich. Und so entsteht dann völlige Verwirrung auf dem Arbeitsmarkt. Ja, wo immer man in den alten Medien heute nicht so recht weiß, was der junge Mensch auf dem Foto eigentlich macht, schreibt man einfach immer Influencer drauf. Die Bild-Zeitung veranstaltet in ihrer Verwirrung inzwischen schon ein eigenes Event zu Ehren der neuen, einflussreichen Branche. (Man will ja keinen Trend und Klick verpassen.) Noch kommt zu dieser Veranstaltung niemand, den man kennt, aber es könnte sein, dass sich der Berufsstand bald schon für neue Altersgruppen öffnet, und dann sind nächstes Jahr auch Natascha Ochsenknecht, Marc Terenzi und Claudia Effenberg mit dabei.

Ehrlich gesagt sehe auch ich hier meine Zukunft. Ich habe nichts Richtiges gelernt, ich habe jetzt einen Blog, und gegen unverdient verdienen habe ich auch nichts. Ich denke, der erste Schritt ist getan.

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Die Schönheit von Übergangsjacken

Der Mensch wird nackt geboren. Schon sehr bald darauf wird er aber – zumindest in unseren Breiten – von anderen wohlmeinenden Menschen maximal warm eingepackt. Das bleibt er dann ein paar Jahre, bis irgendwann endlich der Ausgang aus der textilen Unmündigkeit und Fremdbestimmung beginnt und es ein jeder nach seiner eigenen Façon versucht. Von Freiheit kann dabei natürlich keine Rede sein, denn es gibt ja die Mode, der alles unterliegt. Und so ist es nun ganz sicher ein Zeichen von Mode, dass die Jugend von heute so hartnäckig danach trachtet, sich im maximal möglichen Maße von Kleidung zu befreien und stets und überall nur im T-Shirt zu erscheinen.

Selbstverständlich ist dies eine Mode, für die ich keinerlei Verständnis aufbringe. Denn ich schätze die hiesige Vielfalt der Jahreszeiten; ich liebe neben dem Sommer auch den Frühling, am meisten den Herbst und sehr auch den Winter, also jene drei von vier Jahreszeiten, in denen meinem offensichtlich antiquierten Temperaturempfinden nach größtenteils kein T-Shirt-Wetter herrscht. Das schert den jungen Mensch und Revoluzzer wenig: Kaum weicht der Winter und der Frühling macht die Bäume wieder grün, entblättert sich die Jugend, entledigt sich der Jacke und ist die nächsten acht Monate mit oben nichts als einem T-Shirt auf der Straße zu sehen. Die Freiluft-Saison beginnt nach meiner Beobachtung ab ca. 13 Grad, und es ist inzwischen auch keine Seltenheit mehr, dass zum kurzen Shirt sofort auch kurze Hosen getragen werden. Ich sah dies erst letzte Woche mehrfach.

Im Winter ist es prinzipiell nicht anders. Man trägt zwar Jacke drüber, aber drunter immer T-Shirt. Neulich war ich – der Sport bringt die Generationen zusammen – auf einem 32. Geburtstag eingeladen. Draußen waren es minus fünf Grad, drinnen war ich trotzdem die einzige mit langen Armen. Es spricht zwar klar für die Leistungsfähigkeit der Heizungsanlagen in unseren Häusern, dass in geschlossenen Räumen niemand mehr Rollkragenpullover tragen muss, aber nicht nur aus ökologischen Gründen wäre es vielleicht bereichernd, die Raumtemperaturen ein wenig herunterzuregeln. Denn schließlich geht dieser transsaisonale T-Shirt-Trend nicht nur mit einer gewissen modischen Verarmung einher, sondern bedroht in letzter Konsequenz auch große Teile der einheimischen Bekleidungsindustrie.

Es reicht also nicht, sich einfach nur fremdzufrieren oder dem jungen Mensch angesichts von Shorts im März zuzurufen: „Was trägst du eigentlich im August?“ Um Abhilfe zu schaffen, Arbeitsplätze und schließlich auch den Generationenvertrag zu retten, wäre es viel wichtiger zu wissen, warum die jungen Leute so offensichtlich blind und unempfänglich sind für die Schönheit von Hemden, Strickpullovern, Übergangsjacken etc. Warum fühlen sie die Kälte nicht? Haben sie mehr Hitze als wir früher? Oder sind sie abgestumpfter?

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Arm oder Bein? Nur im T-Shirt kann man zeigen, was man hat.

Vielleicht liegt es, wie gesagt, einfach an der Mode. Denn zu der gehören ja auch all diese herrlichen Tätowierungen und Sachen, die weite Teile des Jahres ein Dasein in Dunkel und Unsichtbarkeit frönen müssten, trüge und behaupte man nicht ganzjährig Sommer. Nicht auszudenken, wenn all diese Kunstwerke, Statements und identitätsbildenden Maßnahmen nie jemand zu Gesicht bekäme!

 

Nun, Körperkult verliert mit den Jahren deutlich an Relevanz und Faszination, wie überhaupt ja Verlust das vorherrschende Lebensgefühl im Alter ist. Nichts anderes empfinde ich allerdings auch, wenn mir die Jugend im promethischen Eifer mit Hilfe von T-Shirts, Heizpilzen und der Erderwärmung all die schönen Jahreszeiten wegglobalisiert. Vielleicht stemme ich mich deshalb so gegen die klimatische Nivellierung und Langweilisierung.

Daneben, und das muss man den jungen Leuten zugute halten, spricht freilich auch einiges dafür, dass es neben den interindividuellen tatsächlich auch einige intergenerationale Unterschiede in der klimatischen Kognition gibt. Ich denke da zum Beispiel an klimakterische Frauen, zu deren traumatischsten Erfahrungen es ja gehört, dass ihr Temperaturempfinden plötzlich nicht mehr mit dem ihrer Umwelt übereinstimmt. Mir fallen aber auch meine über achtzigjährigen Eltern ein, die ich in ihrer Vier-Zimmer-Sauna meinerseits nur noch im T-Shirt besuche, während sie über ihrem dicken Pullover noch eine Strickjacke tragen. Dies weitergedacht geht der Mensch vermutlich keineswegs auch wieder völlig nackt aus dieser Welt.

Aus all dem lässt sich aber noch eine weit wichtigere Erkenntnis ableiten: nämlich dass hinsichtlich jenes populistischen Kniffs, im Wetterbericht neben dem absoluten Wert auch die gefühlte Temperatur zu nennen, dringend Handlungsbedarf besteht. Hier ist eindeutig weitere Differenzierung angezeigt: „Bonn, Regen, 13 ˚C, gefühlte Temperatur 20-Jährige: 25 ˚C, 50-jährige Frauen: 32 ˚C, 50-jährige Männer: 12 ˚C, 80-Jährige: minus 1 ˚C.“

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Umstürzende Reissäcke (ohne Video)

Ich bin ja, was sicher auch an meinem Alter liegt, eine leidenschaftliche Zeitungsleserin. Gleichwohl studiere selbst ich inzwischen nicht mehr alle Tageszeitungen und Magazine in Papierform am Frühstückstisch, sondern verschaffe mir recht häufig morgens im Büro auch online einen Überblick über die internationale Nachrichtenlage. Das Spektrum des rezipierten digitalen Schrifttums ist breit, die Zeit ist es jedoch oft nicht in gleichem Maße, und so reicht die morgendliche Neugier meist nur von Bild bis Spiegel online (nicht alles dient auch der Meinungsbildung).

Um noch mehr Zeit in Geld zu verwandeln, trage ich mich jedoch seit einiger Zeit mit dem Gedanken, die Lektüre in Zukunft auf eine der beiden Online-Publikationen zu reduzieren oder in täglicher Alternierung zwischen den beiden zu wechseln. Denn wo sich die gedruckten Blätter auf vielfältige Weise unterscheiden, ist das bei den Online-Versionen ja nicht mehr unbedingt der Fall.

Überraschend häufig kann man zum Beispiel auf beiden Internetseiten am gleichen Tag die gleichen DPA-Meldungen lesen, in identischem Wortlaut. Erschreckend nah beieinander sind die beiden Online-Auftritte vor allem aber auch da, wo es um ein Phänomen geht, das mich im besten Fall nur beim Lesen stört, in den schwärzesten Stunden jedoch den Rückfall des Abendlandes in Analphabetismus und Illiteralität vor meinem geistigen Auge rot-weiße Gestalt annehmen lässt. Die Rede ist von den zahllosen Videos, die in den Online-Ausgaben der großen deutschen Zeitungen und Magazine immer häufiger das geschriebene Wort ergänzen respektive ablösen. Ich persönlich spreche lieber von „Filmchen“, denn inhaltlich kommt das Dargebotene ja in den meisten Fällen über den Diminutiv  nicht hinaus.

„Mit Video“ – was unter diesem Label so lockend annonciert wird, ist thematisch breit gestreut. Von aufsehenerregenden Tier-Dokus („Krabbe liefert sich Schwertkampf mit Koch“, Bild.de) über spektakuläre Katastrophenfilme („Mann findet Maus in Getränkedose“, Bild.de) und Action-Streifen („Mad Mike schießt sich selbst 570 Meter in die Luft“, Spiegel online, SPON) bis hin zum Wetterbericht („Orangefarbener Schnee in Osteuropa“, SPON) reicht das Matinee-Programm. Für Einheit in dieser Vielfalt sorgt allein die Bildqualität: Meist handelt es sich um verschwommene, verwackelte Handyaufnahmen, die auf Schulkinder aus aller Welt als Urheber schließen lassen. Ganz ähnlich wie mit der optischen Gestalt verhält es sich auch mit der Relevanz des Gezeigten, die gemeinhin durch einen Sack Reis in China repräsentiert wird.

„Zug rammt Laster von Gleis“ (SPON), „Aggro-Gans attackiert Soldaten“ (Bild.de), „Truck wendet direkt am Abgrund“ (beide): Um nicht die Allgemeinheit mit diesem Unsinn zu behelligen, gab es für solcherart Filmchen früher im TV eine eigene Sendung mit dem Titel „Pleiten, Pech und Pannen“. So viel Rücksicht wird heutzutage nicht mehr genommen, und so finde ich mich manchmal – zumindest im Falle des Online-Spiegel – in ungläubigen Staunen wieder, dass mir diese Auswahl an Informationen wirklich auf einer der größten deutschen Zeitungs-Internetpräsenzen geboten wird.

Eben weil ich es kaum glauben kann, frage ich, treuherzig wie ich bin, natürlich sofort, was der gute Grund dafür sein kann, dass man hier seinen guten Ruf so leichtfertig aufs Spiel setzt. Will hier eine Informations-Avantgarde über die neuen Medien auch neue, ehedem eher bildungsferne Zielgruppen ansprechen und sie – quasi auf dem Weg der Subversion – für, hm, linkes Gedankengut gewinnen (und somit auch gleich der AFD abjagen)? Kommt SPON also direkt von Sponti? Oder geht es darum, das Zeitungssterben mit einer breiten Offensive zu kontern, die, alle Stärken des Internets nutzend, auf Multimedialität setzt, also quasi auf allen Kanälen feuert?

Das Zeitungssterben scheint mir in jedem Fall ein Schlüssel zu sein. Und natürlich habe ich in diesen zeitungsfeindlichen Zeiten auch ein wenig Verständnis für eine personell unterbesetzte Redaktion, die die lange, lange, lange leere Seite jeden Tag mit irgendwas füllen muss (außer mit den preiswerten Erzeugnissen aus Handy-Wood, auch gerne mit unerfreulich vielen Teasern für Artikel der Bezahlversion; aber das ist schon wieder ein anderes Thema). Für gänzlich ausgeschlossen hingegen halte ich es, dass es allein um die Werbung geht, die den Filmchen vorgeschaltet ist, die niemand abschalten und der so auch niemand entgehen kann.

Ich favorisiere ganz eindeutig die Avantgarde-Theorie und habe auch einige gute Argumente dafür. Denn nicht nur bei Spiegel Online geht man in puncto filmische Berichterstattung inzwischen völlig neue Wege und kauft nicht mehr nur im Amateur-Geschäft, sondern dreht oder gestaltet beherzt auch immer mehr selbst. Und wer das Ergebnis dieser erstaunlichen Experimente sieht, der hat nicht selten das Gefühl bei etwas völlig Neuem dabei zu sein. Denn es handelt sich zumeist um seltsame Zwitterformen, geboren und erfunden allein, um uns vor unergründliche Rätsel zu stellen.

Da sind zum einen die Videos der Kategorie „moderner Stummfilm“. Das sind Aufnahmen von den diversen Orten des nachrichtenrelevanten Weltgeschehens, die aber – ganz im Zeichen der verfremdenden Freiheit der Kunst – ihrer originalen Geräuschkulisse beraubt sind und auch keinen störenden Sprecher mehr kennen. Stattdessen sind sie mit sehr, sehr seltsamer Musik unterlegt, und Untertitel präsentieren die Nachricht, erklären also, was zu sehen ist. Hier wird der Film quasi über den Weg des Wortes der Zeitung einverleibt. (Ich weiß auch nicht, warum ich immer an den „Daily Prophet“ bei Harry Potter denken muss.)

Die zweite Form, das gänzlich eigenproduzierte Video, geht eher den umgekehrten Weg und macht aus der Zeitung selbst den Film. Da sieht man dann den Kulturredakteur plötzlich vor der Kamera, wie er – akademisch-seriös in grauem Hemd unter blauem V-Ausschnitt-Pullover (oder umgekehrt) – druckfrisch und ohne jedes Zeichen von Mündlichkeit (und auch sonst recht reglos) eine Filmkritik einspricht, wie sie wortwörtlich auch im Magazin erscheinen könnte. Doch nicht nur im Kulturressort ist die multimediale Revolution zu Hause. Auch in der tagesaktuellen Reportage aus dem Inland sind selbst gedrehte Bewegtbilder, die ganz auf den Journalist und seinen Text setzen, ein probates Mittel der Information.

Da steht dann ein bestenfalls durchschnittlich aussehender Jungreporter mit Bart auf der Straße vor der Essener Tafel, erzählt, was man in der Zeitung zum Thema längst gelesen hat, bleibt beharrlich an seinem Platz und verzichtet – ganz der strengen neuen Form verpflichtet – konsequent darauf, irgendjemand der vielen Leute um ihn herum zu interviewen oder gar einen der Verantwortlichen vor der Kamera zu Wort kommen zu lassen. Stattdessen übernimmt der Bärtige auch deren Part und referiert – indirekte Rede statt filmischer O-Ton -, was diese Leute gesagt haben, und eigentlich wird in den ganzen 1:21 Minuten auch kaum etwas anderes gezeigt als er und sein Bart.

Respekt, ihr lieben Freunde, das haben wir so noch nie gesehen! Zumindest nicht in der Zeitung. Wir alten Leute und Spielverderber aber erinnern uns sofort: ans Fernsehen, dieses öde Seniorenmedium. Da macht man ganz Ähnliches, und zwar bei Mittelrhein TV, Franken Fernsehen und anderen lokalen TV-Sendern. Keine Frage, denen ist der Video-Club von Spiegel Online schon ganz dicht auf den Fersen. Wenn die Mitglieder jetzt zum Beispiel ab und zu sonntags mal „Weltspiegel“ oder dienstags „Report“ gucken, dann kann irgendwann noch etwas ganz Großes daraus werden.

Doch schon heute ist natürlich angesichts all dessen vor allem die Frage: Warum will die Zeitung jetzt auch noch Fernsehen sein? Warum will man unbedingt mit dem TV konkurrieren, wo doch ganz offensichtlich das Geld und das Know-how dafür fehlen (und es „Spiegel TV“ ja auch schon gibt). Nun, vermutlich weil der deutsche Qualitätsjournalismus, ehrgeizig und investigativ, wie er nun einmal ist, uns nur so auf die Spur der ganz großen Fragen setzen kann.

Diese aber lauten: Wieso darf in den rot-weiß untertitelten Filmchen auf keinen Fall gesprochen werden? Ich meine, wenn die Leute das doch gucken, weil sie nicht lesen wollen/können? Und wer komponiert eigentlich diese noch nie gehörten, avantgardistischen Klänge, die in ihrer verstörenden Einfachheit kühn noch jene Grenzen überschreiten, die Fahrstuhl- und Kaufhausmusik einst bereits erschreckend weit verschoben haben? Ist hier eventuell schon ein neuer, allein auf die Filmchenmusikproduktion spezialisierter Berufszweig entstanden (und kann man da eventuell auch als völlig unmusikalischer Mensch außerkategorial viel verdienen)?

Und wie geht es weiter? Werden sich die deutschen Zeitungen irgendwann wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren? Oder werden sie mit Hilfe ihrer ins Internet verlängerten Arme der Eliminierung von Schriftlichkeit weiter Vorschub leisten und damit quasi auch an ihrer eigenen Ausrottung weiterhin unbeirrt mitarbeiten? Die Antwort steht in den Sternen. Die aufmerksame Beobachtung der sich stetig verändernden Medienlandschaft jedoch zeigt: Die multimediale Offensive geht ungebrochen weiter: Selbst bei Bild Online gibt es neben Videos seit Neuestem auch Podcasts („Hören Sie mal, wie YouTube einen dick machen kann“). Es sieht so aus, als müsste sich jetzt auch das Radio ganz, ganz warm anziehen.

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Wider die Fremdheitsgefühle im europäischen Haus!

Ich habe noch nie zu jemandem darüber gesprochen, aber nun muss es doch einmal offenbar werden: In meiner Kindheit war ich ein großer Abba-Fan. Dass ich aber am Samstag, 6. April 1974 frisch gebadet und Erdnüsschen naschend vor dem Fernseher saß, als die vier Schweden in Brighton den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gewannen, ist eine Erinnerung, auf deren Wahrheitsgehalt ich nicht unbedingt mein ganzes Erspartes verwetten würde. Nichtsdestotrotz gehöre ich ungefähr seit dieser Zeit zum treuen Publikum dieser Veranstaltung, die lange Jahre als Inbegriff des Spießerfernsehens galt, bevor sie schließlich irgendwann mit dem fragwürdigen Label „Kult“ versehen wurde.

Ich weiß auch nicht, warum ich dem Sängerwettstreit jedes Jahr auf Neue beiwohne (nur in den Neunziger habe ich ab und zu geschwänzt). Denn es gibt ja eine lange Liste an Dingen, die dagegen sprechen, nicht zuletzt die musikalische Qualität. Vielleicht hat es mit Kontinuität und lieben Gewohnheiten zu tun, die man mit fortschreitendem Alter doch immer mehr schätzt. In jedem Fall ist es nicht Festhalten an Altem und Überkommenem. Denn gerade in diesem Jahr scheint mir der ESC ein Ereignis, das an Aktualität und Wichtigkeit kaum zu übertreffen ist und das deshalb auch und gerade allen jungen Weltbürgern unbedingt als Pflichttermin ans Herz zu legen wäre.

Denn, ihr lieben Freunde, es geht hier ja – wie kaum noch irgendwo sonst – um den europäischen Gedanken, den man nicht ohne Not allein den Homosexuellen überlassen sollte. Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand: Wo sonst vieles schon verloren scheint, gibt es beim ESC noch gute Nachrichten. Hier ist England noch dabei. Russland und die Ukraine singen zumindest in diesem Jahr noch auf derselben Bühne. Und obwohl die Türkei schon seit 2013 den europäischen Chorgesang boykottiert und ganz sicher niemand die alljährlichen null Punkte vom Bosporus vermisst, denkt man in diesem Jahr vielleicht zum ersten Mal, wie schade das Fehlen dieser Stimme eigentlich ist.

Angesichts dieser und mancher weiterer schwelender Konflikte, problematischer Befindlichkeiten und grassierender Fremdheitsgefühle im europäischen Haus scheint daher erstaunlicherweise auch im Jahr 2018 kaum etwas überholt von dem Gedanken der Völkerverständigung, dem einst bereits die erste Veranstaltung im Jahr 1956 entsprang. Sieben Länder nur waren es, die damals, gut zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im neutralen schweizerischen Locarno antraten, um diesmal nur gegeneinander zu singen (und in Zukunft vielleicht sogar miteinander!). Das war – schon Jahre vor Helmut Kohl (und noch ganz ohne Geld) – die schöne Euro-Vision.

Es ist in diesen globalisierten Welt und Zeit kaum mehr vorstellbar, wie wechselseitig fremd und unbekannt man sich 1956 im alten Europa noch war. Aber wenn man einmal Schlager wie „Zwei kleine Italiener“ (1962), Zigeunerjunge (1967) oder „Griechischer Wein“ (1974) hört, gewinnt man einen Eindruck davon, was vielleicht erst alles weg- oder hinzusingen war, bevor dies (West-)Europa so werden konnte, wie wir es heute kennen. Heute haben alle in Italien, Frankreich und Spanien studiert, manche haben dort sogar Freunde und Häuser, und nicht nur Gyros, Pizza und Pommes frites kochen wir hier schon lange selbst.

Aber jetzt kommen wir mal zu Aserbaidschan.

Die Tatsache, dass Leute wie ich im Fall der durch die Osterweiterung neu hinzugekommenen Länder bei der Hauptstadtfrage häufig eher durch passive Kennnisse glänzen, bevor sie bei der Frage: „Kennst du eine zweite Stadt in diesem Land?“, dann schließlich gänzlich passen müssen, wirft ein kleines Schlaglicht auf das ganze Ausmaß des weiterhin bestehenden Handlungs- und Annäherungsbedarfs. Wenn ein Urlaub am Kaukasus eines Tages von der Ausnahme wirklich zur Regel werden soll, müsste man eigentlich tagtäglich miteinander singen und musizieren. Allerdings könnte es nicht schaden, die Form, in der dies geschieht, mal wieder ein bisschen zu renovieren. Denn früher war – es hilft einfach nicht – auch beim großen europäischen Gesangspreis manches schon ein bisschen besser respektive im Sinne der Völkerverständigung hilfreicher arrangiert.

Das bessere Früher beginnt bereits beim Titel: Vom „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zum „Eurovision Song Contest“, von der Mondänität des Chansons zur schlichten Einfachheit des Songs, vom „Großen Preis“ zum beliebigen Contest. Da ist mit den Jahren auch viel Anspruch aufgegeben worden. Dies gilt auch in Bezug auf die einstmals schöne Sitte und Bedingung, dass die Völker ihre Lieder in der jeweiligen Landessprache zu singen haben. Sicher, da waren manche von vornherein benachteiligt, aber wenigstens gab es zwischendurch mal was anderes zu hören als internationales Klippschulenglisch mit schlimmem gesamteuropäischem Akzent. Aber damals wollte man sich ja einander auch noch vorstellen und sich nicht gegenseitig von der Bühne fegen oder sich zumindest für Ereignisse in der Realpolitik mal ordentlich abstrafen.

Kurz, das Bedauernswerteste überhaupt ist, dass die Veränderungen am geltenden Regelwerk den Grand-Prix im Laufe der Zeit vom eleganten diplomatischen Parkett immer mehr zur bluttriefenden Arena des Volkszorns befördert haben. Dass man 1997 die Experten-Jury aufgegeben und dafür Volkes Stimme gegen Geld das Votum überlassen hat, mag das Facebook-System des gehobenen oder gesenkten Daumens schon vorweggenommen haben. Das gesamteuropäische Miteinander und gegenseitige Verständnis hat diese Maßnahme, die Qualität von Musik – und Menschen und Ländern – auf die simple Formel von telefonischen „Likes“ und „Dislikes“ zu bringen, sicher nicht befördert.

„Here are the results of the Turkish shitstorm.“ Was sollen wir denn auf dieser Basis anderes miteinander bauen als Giftgasraketen? Ach, vielleicht bräuchte man in diesen dräuenden Vorkriegszeiten manchmal wieder ein bisschen freundlichen, altmodischen Nachkriegsgeist? Versöhnlichkeit und nicht Profitstreben jedenfalls dürfte vorrangig gewaltet haben, als man 1950 eine europäische Rundfunkunion gründete, die unter anderem dem gegenseitigen Austausch von Fernsehprogrammen dienen sollte. Ein gemeinsames Programm für sieben Nationen: Man kann sich das in Zeiten, in denen internationale Streaming-Dienste den alten, öffentlich-rechtlich bestückten Fernseher zum piefigen Guckkasten verkommen lassen, kaum mehr vorstellen. Andererseits kann ich mir auch kaum vorstellen, dass „Netflix“ bereit wäre, sein Angebot mit „Amazon Prime“ zu teilen und zu tauschen. Das Maß, in dem einem dieser Gedanke heute völlig absurd erscheint, zeigt, wie viel wir von dem Guten schon verloren haben bzw. wie relativ Modernität ist.

Doch es hat keinen Zweck sich in nirgendwo hinführenden Gedanken an ein ideales Gestern zu verlieren. Das Einzige, was hilft, ist Einschalten und damit auch am 12. Mai 2018 gegen jeden Trend wieder dazu beizutragen, dass die inzwischen einzig verbliebene Eurovisions-Sendung im TV weiter bestehen bleibt – und eines Tages vielleicht auch wieder zu einer Bühne wird, auf der auf musikalischem Weg Konflikte beigelegt und nicht ausgetragen werden. Im Sinne einer solch versöhnlichen Botschaft erscheint es mir im Übrigen völlig legitim, gänzlich zu vergessen, zu verdrängen und zu verschweigen, dass beim ESC ansonsten das Meiste noch genauso schlecht und schlimm ist, wie es beim Grand Prix früher schon immer war.

PS: Schauen Sie sich bitte auf YouTube einmal die Gruppe „Teach-in“ und ihren Siegersong von 1975 „Ding-A-Dong“ an. Anschließend werden Sie jederzeit, ohne zu zögern, nicht nur Ihr eigenes Erspartes, sondern auch das von Vater und Mutter verwetten, dass Benny und Björn ein Jahr später schon wieder auf der Bühne gestanden und gewonnen haben.

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