Schlussverkauf im Bauchladen des Grauens

Die Hochzeit, so sagt man, sei der schönste Tag im Leben einer Frau. Dass ein damit in allerengstem Zusammenhang stehender Feieranlass den zweitschönsten Tag begründen würde, wäre somit logisch naheliegend, ist aber nicht unbedingt der Fall. Das weiß jeder, der schon einmal an jenem Event teilgenommen hat, das hierzulande in den letzten Jahren einen noch größeren Aufschwung erfahren hat als die AFD: der Junggesellenabschied. Eigentlich heiratet heute niemand mehr, ohne zuvor einen solchen zu veranstalten. Alt wie ich bin, kann ich allerdings kein bisschen verstehen, warum. Denn eine blödere oder sexistischere Veranstaltung als Junggesellen- oder Junggesellinnenabschiede kann man sich eigentlich kaum vorstellen, und außer niedrigen gibt es überhaupt keine plausiblen Beweggründe, so etwas auszurichten oder auch nur daran teilzunehmen.

Vor allem für die vielen jungen Frauen, die in den letzten Jahren mit zunehmender Begeisterung und abnehmenden Reflexionsvermögen jenem aus dem kulturellen Nichts kommenden bzw. aus dem angloamerikanischen Raum importierten (Miss-)Brauchtum frönen, fehlt mir jedes Verständnis. Ich meine, mit den Kumpels saufen zu gehen und Orte aufzusuchen, an denen fremde Frauen nur spärlich bekleidet sind, ist ja für manche Männer eine typische Vorstellung von Spaß, und um das zu tun, brauchen sie eigentlich meistens auch gar keinen Junggesellenabschied. Dass aber auch die üblichste und gleichzeitig übelste Ausprägung des weiblichen Abschieds vom Singletum und Fräulein-Sein daherkommt, als hätten sie sich Männer für Frauen ausgedacht, lässt eine alte Feministin wie mich vor Zorn aufstampfen wie Rumpelstilzchen.

Wann immer ich am späten Samstagnachmittag in der Innenstadt erschöpfte, glasäugige Mädchen mit Tütü und Bunny-Öhrchen oder Team-Braut-Fußballtrikots sehe, die – von keinem Zuhälter gezwungen – Kondome und Schnaps an jeden willigen männlichen Passanten verkaufen, denke ich: Man könnte stattdessen doch auch etwas Schönes machen. (Und im Grunde hätte jede dieser armen Bräute zu ihrem eigenen Bauchladen auch eine eigene #MeToo-Kampagne verdient.)

Kondome, die im Dunkeln leuchten, scharfer Hüpfer und Stringtangas im Abverkauf: Ich glaube, es ist vor allem dieses schlüpfrig Sexualisierte, Verklemmte der Veranstaltung, das mich ins Essen brechen lässt. Im prüden Amerika braucht man Ausbrüche dieser Art vielleicht. In Europa, so dachte ich, hätten wir diese Sorte Weltbild und Humor in den 70er-Jahren mit Filmen wie „In der Lederhose wird gejodelt“ hinreichend ausagiert und sodann hinter uns gelassen. Hier waren wir in Sachen sexuelle Befreiung doch schon einmal deutlich weiter, und auch unsere Männer- und Frauenbilder sowie unsere Vorstellung vom gemeinschaftlichen Miteinander der Geschlechter hatten sich inzwischen doch eigentlich weitestgehend von jenen der 50er-Jahre emanzipiert.

Wie hilfreich für das weitere kulturelle Fortkommen der Menschheit ist also nun eine Veranstaltung, die Männer und Frauen separiert wie derzeit sonst nur der IS, orthodoxe Juden oder andere religiöse Fundamentalisten und die ein Konzept von der Ehe als dem Ende der Freiheit propagiert? Wer braucht das? Und warum? Hier kann ich der Jugend nicht mehr folgen (und möchte es auch nicht). Geht es um Imitation einer als überlegen oder cooler betrachteten Kultur? Oder um schieres Herdentum, also darum, dass es alle anderen ja auch machen? (Diesem Motiv ist ja noch selten etwas Gutes entsprungen.) Oder ist es am Ende noch schlimmer, und es handelt sich um ein gigantisches Schneeballsystem der Rache, das einst mit der allerersten deutschen Auflage der amerikanischen Bachelorette Party in Gang gesetzt wurde und nun im Grunde nicht mehr zu stoppen ist, weil die bei dem Ereignis erlittenen Demütigungen und Traumata in jeder einzelnen Braut den rundum niederträchtigen, aber mehr als verständlichen Wunsch geweckt haben, allen 15 anderen ebenfalls das anzutun, was ihr zuvor von diesen widerfahren ist?

Sie sehen, reine Empathie, nicht miese Spielverderberei ist meine Motivation: Ich leide wirklich mit, und gerne würde ich helfen – so wie viele andere Internet-Akteure auch. Es gibt nämlich haufenweise Webseiten mit Ideen für den JGA. Dabei wäre die beste Idee doch, die Veranstaltung a. s. a. p. wieder abzuschaffen. Und genau hier setzt auch meine Lösung an: Ich schlage vor, die importierten, neuen, rückständigen Sitten, gegen einen guten alten, progressiven Brauch zu tauschen: den Polterabend. Der Vorteile und Segnungen wären viele.

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So viel Glück und Schönheit sind der Lohn des Polterns.

Zum ersten bietet der Polterabend natürlich ebenfalls die gewünschte Gelegenheit für ein exzessives voreheliches Trinkgelage. Aber statt auf dem Weg zum maximalen Gute-Laune-Pegel im Minimum zwölf Stunden in albernen Kostümen durch die ganze Stadt zu hetzen, lassen sich Schnaps und Sekt und Sonstiges am Polterabend gemütlich und gut angezogen zu Hause im Stehen oder Sitzen konsumieren. Und weil Alkohol als Stimmungsmacher bekanntermaßen völlig ausreicht, kann dabei auf peinliche Spielchen gänzlich verzichtet werden. Eigentlich ist kaum mehr zu tun, als da zu sein und sich gut zu unterhalten. Auch im Zusammenhang mit Achtsamkeit wäre der Polterabend also noch einmal ganz neu zu betrachten.

Dass die Polterei trotz ihres archaischen Namens moderneren Konzepten von Gender folgt als die altbackenen amerikanischen Zöpfe, wurde bereits erwähnt und zeigt sich prinzipiell auf zweierlei Weise: Mann und Frau feiern hier nicht nur zusammen, es wird auch gemeinsam gekehrt. Der symbolische und emanzipatorische Gehalt dieser rituellen Handlung, muss dem aufgeklärten Leser nicht näher erläutert werden.

Der vielleicht größte Vorteil des Polterns ist jedoch seine große integrative Kraft. Denn wo der JGA mit seiner beschränkten Teilnehmerzahl separiert und exkludiert, sind beim PA die Türen weit geöffnet und prinzipiell alle willkommen. Auf der nicht existenten Gästeliste stehen hier nicht nur eine Handvoll Leute, die sowieso auch zur Hochzeit kommen, sondern auch entferntere Bekannte und Nachbarn, die man nicht alle zur offiziellen Feierlichkeit einladen kann, mit denen man die bevorstehende Vermählung aber vielleicht auch begießen möchte. So werden nicht nur ineffiziente personelle Redundanzen vermieden, sondern es werden dem Brautpaar stattdessen gleichzeitig auch größere Personengruppen gewogen gestimmt. Es erfolgt also eine zusätzliche Verankerung beider Brauleute im gesellschaftlichen Miteinander, ja mithin Integration.

Kurz, beim Polterabend sind alle gern zu Gast, niemand muss sich schämen oder fremdschämen, es wird einfach entspannt gefeiert, und ich habe schon von Paaren gehört, denen hat ihr Polterabend besser gefallen als ihre Hochzeit. Konservativere Kräfte, die trotzdem immer noch mit aller Macht an reaktionärem Brauchtum hängen, kann ich als alte Frau natürlich ebenfalls gut verstehen. Für sie böte aber der Karneval vielleicht eine noch bessere (und bedeutend traditionsreichere) Gelegenheit zum Feiern. Da ist man am helllichten Tag in der Innenstadt zumindest nicht der einzige alkoholbedingt Enthemmte im Kostüm.

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